{"id":929,"date":"2020-07-05T22:40:55","date_gmt":"2020-07-05T19:40:55","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/usa-und-donald-trump-das-stille-sterben-der-amerikanischen-mittelschicht\/"},"modified":"2020-07-05T22:40:55","modified_gmt":"2020-07-05T19:40:55","slug":"usa-und-donald-trump-das-stille-sterben-der-amerikanischen-mittelschicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/usa-und-donald-trump-das-stille-sterben-der-amerikanischen-mittelschicht\/","title":{"rendered":"USA und Donald Trump: Das stille Sterben der amerikanischen Mittelschicht"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/0ab9d1dd-9c59-4c2a-a572-888d68348690_w948_r1.77_fpx33.34_fpy50.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption> SPENCER PLATT\/ AFP <\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"caps\">Im November w\u00e4hlen die Amerikaner den n\u00e4chsten Pr\u00e4sidenten. Verl\u00f6re Amtsinhaber Donald Trump die Wahl, w\u00e4re er dann Geschichte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gesellschaftlichen Kr\u00e4fte, die ihn 2016 ins Amt getragen haben, gilt das nicht. Dennoch ist die politische Auseinandersetzung seit vier Jahren auf die Person Trump fokussiert. Die tiefer liegenden Gr\u00fcnde f\u00fcr die Militanz seiner Anh\u00e4ngerschaft werden hingegen wenig thematisiert. &quot;Trump ist eine Folge, aber nicht selbst die Ursache&quot;, sagt der in Princeton lebende \u00d6konom Angus Deaton, der 2015 mit dem Alfred-Nobel-Ged\u00e4chtnispreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde.<\/p>\n<p>Deaton und die \u00d6konomin Anne Case haben \u00fcber Jahre Feldforschung betrieben, im US-Bundesstaat Montana etwa, in dem Trump Hillary Clinton um L\u00e4ngen schlug. Nun hat das Paar ein Buch geschrieben \u00fcber die Krankheit, deren Symptom Trumps Pr\u00e4sidentschaft ist und die auch im Falle seiner Abwahl noch lange nicht kuriert sein wird.<\/p>\n<p>&quot;Deaths of Despair&quot; lautet der Titel. Das gro\u00dfe Verdienst des Buches ist es, eine Katastrophe zu dokumentieren, die durch das Raster vieler Nachrichtenmedien f\u00e4llt, weil sie sich langsam entfaltet, schleichend. &quot;Tode der Verzweiflung&quot; ist dabei nicht als bildlicher Ausdruck gemeint f\u00fcr den \u00f6konomischen Abstieg weiter Teile der US-Bev\u00f6lkerung, sondern im Wortsinn: Es geht um Hunderttausende Todesopfer.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung &#8211; eigentlich in allen Industriestaaten seit einem Jahrhundert ein stabiler Trend &#8211; in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren praktisch zum Stillstand gekommen ist. Die USA fallen weit hinter L\u00e4nder wie Kanada oder Schweden zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Diese allgemeine Lebenserwartung ist ein Durchschnittswert \u00fcber alle Bev\u00f6lkerungsgruppen. Case und Deaton haben Sterblichkeitsdaten der Gesundheitsbeh\u00f6rden durchforstet und sind auf den Herd dieser stillen Krise gesto\u00dfen. Die h\u00f6here Mortalit\u00e4t l\u00e4sst sich fast vollst\u00e4ndig zur\u00fcckf\u00fchren auf drei Ursachen:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>die stark wachsende Zahl der <strong>Suizide<\/strong>,<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Alkoholismus <\/strong>und seine Folgeerkrankungen<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>sowie <strong>Drogen<\/strong>-\u00dcberdosen.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Am st\u00e4rksten davon betroffen ist eine Bev\u00f6lkerungsgruppe, Case und Deaton nennen sie <em>white working class<\/em>: wei\u00dfe Besch\u00e4ftigte ohne akademischen Abschluss.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Sterblichkeit in dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe im Alter zwischen 45 und 54 Jahren in praktisch allen anderen Industriel\u00e4ndern r\u00fcckl\u00e4ufig ist, steigt sie in den USA seit Ende der Neunzigerjahre sogar noch an. Verglichen mit Schweden liegt f\u00fcr wei\u00dfe Amerikaner mittleren Alters die Wahrscheinlichkeit zu sterben mehr als doppelt so hoch. Seit 1999 summieren sich diese zus\u00e4tzlichen und vermeidbaren Todesopfer auf insgesamt 600.000 Amerikaner, die meisten mittleren Alters.<\/p>\n<p>Der Anstieg der Todesraten f\u00e4llt zwar zusammen mit dem Ausbruch der Opioidkrise in den USA, l\u00e4sst sich laut den Autoren aber nicht allein damit erkl\u00e4ren. &quot;Ohne die Aush\u00f6hlung der wei\u00dfen Mittelklasse w\u00e4re die Drogenkrise nicht so gro\u00df&quot;, argumentiert Deaton. &quot;In der Gesellschaft schwelt die Verzweiflung. Das erst hat die Absatzchancen f\u00fcr eine Pharmaindustrie er\u00f6ffnet, die nicht angemessen reguliert ist.&quot;<\/p>\n<p>Der Ursprung dieses Elends sind laut Deaton und Case die tektonischen Verschiebungen am US-Arbeitsmarkt. Besch\u00e4ftigte, die fr\u00fcher auch ohne Hochschulabschluss ein ausk\u00f6mmliches Leben f\u00fchren k\u00f6nnten, geraten dort immer st\u00e4rker in Schwierigkeiten. Korrigiert um die Inflation seien die L\u00f6hne der \u00e4rmeren H\u00e4lfte der US-Bev\u00f6lkerung ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr gestiegen &#8211; wei\u00dfe M\u00e4nner ohne Hochschulabschluss h\u00e4tten zwischen 1979 und 2017 sogar 13 Prozent ihrer Kaufkraft verloren.<\/p>\n<p>Das hat nicht nur materielle Folgen: Case und Deaton zeichnen nach, wie sich der Gesundheitszustand der 45 bis 54-j\u00e4hrigen Nichtakademiker zusehends verschlechtert. Inzwischen berichtet in dieser Altersgruppe ein h\u00f6herer Anteil von chronischen Schmerzen, als das bei US-Rentnern der Fall ist. Dabei geht es um viel mehr, als nur die Erfassung von Zimperlein: Auf Ebene der Counties, der Landkreise, korreliert Donald Trumps Stimmenanteil 2016 stark mit dem Anteil der Personen, denen Schmerzen das Leben erschweren.<\/p>\n<p>Unter dem \u00f6konomischen Druck geraten auch viele traditionelle Lebensentw\u00fcrfe ins Rutschen: Der Anteil der Eheschlie\u00dfungen ist bei Amerikanern ohne Hochschulabschluss viel st\u00e4rker gesunken, als unter Akademikern. Sie sind auch viel seltener Teil einer Kirchengemeinde. &quot;Community destruction&quot; nennen das die Autoren, Zerst\u00f6rung von Gemeinschaften, die Halt geben im Leben.<\/p>\n<p>Und die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Entwicklung? Niedriger qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte geraten durch Roboter und Globalisierung unter Druck. Anders als in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die keinen Anstieg der &quot;Deaths of Despair&quot; sehen, fehlen in den USA sozialstaatliche Systeme, die solche Entwicklungen abfedern oder sogar verhindern.<\/p>\n<p>Besonders hart gehen Case und Deaton mit dem amerikanischen Gesundheitssystem ins Gericht. Etwa 17 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung w\u00fcrden daf\u00fcr aufgewendet (zum Vergleich: in Deutschland sind es etwa 11 Prozent). Jedes Jahr die Mittel f\u00fcr dieses \u00fcberdimensionierte System aufzubringen sei f\u00fcr die Amerikaner &quot;wie ein Tribut, den sie an eine ausl\u00e4ndische Macht zu zahlen haben&quot;.<\/p>\n<p>Darunter leiden vor allem kleinere Einkommen. Viele Firmen stellten nur noch Hochqualifizierte ein, weil bei einem Jahresgehalt von 100.000 Dollar die Kosten f\u00fcr eine Familienkrankenversicherung (etwa 20.000 Dollar) viel weniger ins Gewicht fallen, als bei geringer Qualifizierten mit 30.000 Dollar Sal\u00e4r.<\/p>\n<p>Die Tragik besteht darin, dass weder die Betroffenen eine Ahnung von den wahren Ursachen ihrer Misere haben, noch Trump eine L\u00f6sung f\u00fcr die Probleme seiner W\u00e4hler. Ihn zum Pr\u00e4sidenten zu machen war in den Worten von Case und Deaton eine ziellose &quot;Geste der Frustration und Wut, die alles schlimmer macht, nicht besser&quot;.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern SPENCER PLATT\/ AFP Im November w\u00e4hlen die Amerikaner den n\u00e4chsten Pr\u00e4sidenten. Verl\u00f6re Amtsinhaber Donald Trump die Wahl, w\u00e4re er dann Geschichte. 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