{"id":920,"date":"2020-07-05T13:01:36","date_gmt":"2020-07-05T10:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/brasilien-jair-bolsonaro-und-das-buch-orvil-bolsonaros-bibel\/"},"modified":"2020-07-05T13:01:36","modified_gmt":"2020-07-05T10:01:36","slug":"brasilien-jair-bolsonaro-und-das-buch-orvil-bolsonaros-bibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/brasilien-jair-bolsonaro-und-das-buch-orvil-bolsonaros-bibel\/","title":{"rendered":"Brasilien &#8211; Jair Bolsonaro und das Buch &#8220;Orvil&#8221;: Bolsonaros Bibel"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/ab54e579-53c9-4feb-b526-20204a81372b_w948_r1.77_fpx72.44_fpy54.96.jpg\" title=\"Milit\u00e4rfan Bolsonaro (bei der Einweihung einer Milit\u00e4rschule in Rio de Janeiro 2019): Wenn man den Feind nicht vernichten kann, muss man seine Institutionen zerst\u00f6ren\" alt=\"Milit\u00e4rfan Bolsonaro (bei der Einweihung einer Milit\u00e4rschule in Rio de Janeiro 2019): Wenn man den Feind nicht vernichten kann, muss man seine Institutionen zerst\u00f6ren\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Milit\u00e4rfan Bolsonaro (bei der Einweihung einer Milit\u00e4rschule in Rio de Janeiro 2019): Wenn man den Feind nicht vernichten kann, muss man seine Institutionen zerst\u00f6ren<\/p>\n<p>Ricardo Moraes\/ REUTERS<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Buch ist fast tausend Seiten dick. Es zitiert von Marx \u00fcber Marcuse bis zu Carlos Marighella, dem brasilianischen Erfinder des Konzepts der Stadtguerilla, zahlreiche Theoretiker der kommunistischen Revolution. Die Aktionen brasilianischer Linker, die unter der Milit\u00e4rdiktatur in den Untergrund gegangen waren, werden ausf\u00fchrlich dokumentiert und mit Fotos illustriert.<\/p>\n<p>&quot;Orvil&quot; hei\u00dft das Werk, das unter Brasiliens Rechten jahrelang wie ein verbotener Schatz gehandelt wurde. Der Titel stammt von &quot;livro&quot;, dem portugiesischen Wort f\u00fcr &quot;Buch&quot;, r\u00fcckw\u00e4rts gelesen. In Auftrag gegeben wurde es 1986 von General Le\u00f4nidas Pires Gon\u00e7alves, Heeresminister unter Pr\u00e4sident Jos\u00e9 Sarney, dem ersten zivilen Staatsoberhaupt nach dem Ende der Milit\u00e4rdiktatur 1985. Doch politische Bedeutung erlangte es erst unter dem rechtsradikalen Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro.<\/p>\n<p>&quot;Orvil&quot; gilt unter Experten als die Bibel des Bolsonarismus. &quot;Bolsonaro und seine Anh\u00e4nger beziehen ihre Weltanschauung aus &#039;Orvil&#039;&quot;, sagt der Literaturwissenschaftler und Historiker Jo\u00e3o Cezar de Castro Rocha, der das Werk erforscht hat und ein Buch \u00fcber das Thema schreibt. &quot;Wer den Bolsonarismus verstehen will, muss &#039;Orvil&#039; lesen.&quot;<\/p>\n<h3>Eine Faksimile-Version kursiert im Netz<\/h3>\n<p>Eine Gruppe von Offizieren, die Zugang zu den Archiven des milit\u00e4rischen Geheimdiensts hatte, verfasste das Werk zwischen 1986 und 1989. Doch Pr\u00e4sident Sarney verhinderte seine Ver\u00f6ffentlichung &#8211; es h\u00e4tte aus seiner Sicht die Auss\u00f6hnung der Brasilianer gef\u00e4hrdet. Jahrelang zirkulierten geheime Fotokopien in Milit\u00e4rkreisen. Erst 2013 ver\u00f6ffentlichte ein kleiner Verlag das Werk. Heute bieten rechtsradikale Websites das Buch in einer Faksimile-Version zum Herunterladen an.<\/p>\n<p>&quot;Orvil&quot; war die Antwort der Milit\u00e4rs auf den 1985 erschienenen Report &quot;Brasil: Nunca Mais&quot; (auf Deutsch: &quot;Brasilien \u2013 Nie wieder&quot;), der die Gr\u00e4uel der Milit\u00e4rdiktatur schildert. Dieses Buch war w\u00e4hrend der Diktatur im Untergrund entstanden und wurde von Dom Evaristo Arns betreut, dem Erzbischof von S\u00e3o Paulo.<\/p>\n<p>&quot;&#039;Nunca Mais&#039; dokumentierte anhand von Unterlagen der Milit\u00e4rgerichte, wie Regimegegner gefoltert und ermordet wurden&quot;, sagt Castro Rocha. &quot;F\u00fcr die Milit\u00e4rs war es ein Schlag in die Magengrube&quot;.<\/p>\n<p>Die Informationen konnten zwar nicht zur strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen herangezogen werden, schlie\u00dflich hatten sich die Milit\u00e4rs als Voraussetzung f\u00fcr die demokratische \u00d6ffnung eine Amnestie f\u00fcr alle w\u00e4hrend ihrer Herrschaft begangenen politischen Verbrechen ausbedungen. &quot;Aber es stellte eine moralische Verurteilung dar&quot;, so Castro Rocha.<\/p>\n<p>Als Reaktion gaben die Milit\u00e4rs &quot;Orvil&quot; in Auftrag. Das Buch tr\u00e4gt den Untertitel &quot;Versuch einer Machtergreifung&quot; und schildert, wie Brasiliens Linke seit der Gr\u00fcndung der Kommunistischen Partei im Jahr 1922 dreimal vergeblich versucht hat, mithilfe des bewaffneten Kampfs an die Macht zu gelangen &#8211; die letzten beiden Versuche, so die These, vereitelten die Streitkr\u00e4fte, die sich 1964 an die Macht geputscht hatten.<\/p>\n<p>Nachdem der bewaffnete Kampf gescheitert war, so &quot;Orvil&quot;, \u00e4nderten die Kommunisten ab 1974 ihre Strategie: Seither versuchten sie, alle Institutionen zu unterwandern, bis ihnen der Staat wie eine reife Frucht in die H\u00e4nde f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Experte Castro Rocha sagt: &quot;Aus Sicht der Autoren von &#039;Orvil&#039; ist seit 1922 kein einziger Tag vergangen, an dem die Kommunistische Partei mit ihren Agenten nicht versucht hat, in Brasilien ein linkes Regime zu errichten, eine Art tropisches China&quot;.<\/p>\n<p>Die Furcht vor einer kommunistischen Macht\u00fcbernahme ist auch die Triebfeder f\u00fcr den &quot;Kulturkrieg&quot;, wie Bolsonaro und seine Anh\u00e4nger ihren Kreuzzug gegen alle Menschen und Institutionen nennen, die sie als Maulw\u00fcrfe des Kommunismus verd\u00e4chtigen.<\/p>\n<h3>Bolsonaros ideologischer Guru lebt in den USA<\/h3>\n<p>Ihr oberster Prophet ist der selbsternannte &quot;Philosoph&quot; Olavo de Carvalho, der in den USA lebt und von Bolsonaro als ideologischer Guru verehrt wird. &quot;Carvalho hat das Erz\u00e4hlmuster von &#039;Orvil&#039; verfeinert&quot;, sagt Castro Rocha. &quot;Er hat dem Bolsonarismus eine Vision und Sprache verliehen&quot;.<\/p>\n<p>Die zentrale These, die sich durch &quot;Orvil&quot; zieht und die auch Carvalho propagiert, stammt aus dem Kalten Krieg der Sechziger- und Siebzigerjahre &#8211; es ist die ber\u00fcchtigte &quot;Doktrin der Nationalen Sicherheit&quot;, die damals das Denken und Handeln vieler Milit\u00e4rdiktaturen in Lateinamerika bestimmte.<\/p>\n<p>Diese Doktrin ging davon aus, dass der \u00e4u\u00dfere Feind der Nation &#8211; die Kommunistische Internationale in Gestalt von Kuba, der Sowjetunion oder China &#8211; sich interner Helfershelfer bedient, die die Stabilit\u00e4t des Staates bedrohen. Diese m\u00fcssten deshalb ausgel\u00f6scht werden.<\/p>\n<p>&quot;Mit dieser Doktrin versuchten die Streitkr\u00e4fte, eine legale Basis f\u00fcr die Vernichtung der Linken zu konstruieren&quot;, sagt Castro Rocha. Unter Bolsonaro h\u00e4tten sich die &quot;digitalen Milizen&quot; der Bolsonaro-Anh\u00e4nger auf WhatsApp, Facebook und Twitter diese Doktrin zu eigen gemacht: &quot;Sie wollen jeden ausl\u00f6schen, der nicht f\u00fcr Bolsonaro ist.&quot;<\/p>\n<p>Dieses Freund-Feind-Denken erkl\u00e4rt, warum ein fanatischer Bolsonaro-Anh\u00e4nger vor zwei Wochen triumphierend ausrief: &quot;Die Linke hat verloren!&quot;, nachdem er eine Reihe von Kreuzen umgesto\u00dfen hatte, die eine NGO zum Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie am Strand von Copacabana aufgestellt hatte.<\/p>\n<p>&quot;Der Bolsonarismus ist die erste politische Bewegung in Brasilien, die von Hass angetrieben wird&quot;, sagt Castro Rocha. &quot;Sie muss daher st\u00e4ndig neue Feinde erfinden&quot;. Das k\u00f6nnen im Weltbild der Bolsonaro-J\u00fcnger auch Krankenschwestern oder \u00c4rzte sein, die bei der Corona-Bek\u00e4mpfung von der Regierungslinie abweichen.<\/p>\n<h3>Die Justiz hat den Pr\u00e4sidenten und seine S\u00f6hne im Visier<\/h3>\n<p>Weil die physische Vernichtung des Feindes aber in der Demokratie nicht m\u00f6glich sei, habe sich der Bolsonarismus die Zerst\u00f6rung der Institutionen zum Ziel gesetzt, so Castro Rocha: &quot;Diese Bewegung hat keinen Regierungsplan, sie will nur zerst\u00f6ren.&quot;<\/p>\n<p>Ihre Feinde verortet sie vor allem in der Regierungsb\u00fcrokratie und der Justiz. Bolsonaro hat deshalb Schl\u00fcsselposten im Bildungs-, Familien- und Au\u00dfenministerium mit Gefolgsleuten von Olavo de Carvalho besetzt.<\/p>\n<p>Einer seiner wichtigsten Ideologen ist ihm allerdings j\u00fcngst abhandengekommen: Bildungsminister Abraham Weintraub wurde vergangene Woche von Bolsonaro in Rekordzeit auf einen Posten bei der Weltbank in Washington weggelobt, weil die brasilianische Justiz ihm auf den Fersen war &#8211; er hatte in einer Kabinettssitzung schwadroniert, wie man die Obersten Bundesrichter hinter Gittern bringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Justiz hat auch den Pr\u00e4sidenten und seine S\u00f6hne im Visier. Deshalb verzichtet Bolsonaro seit einigen Tagen auf \u00f6ffentliche Attacken gegen die Demokratie und ihre Institutionen, so hofft er seine Gegner zu beschwichtigen.<\/p>\n<p>Doch Castro Rocha glaubt, dass der Schmusekurs nur kurze Zeit anhalten wird. &quot;Bolsonaro sitzt in der Falle&quot;, sagt er. &quot;Wenn er den Kulturkrieg aufgibt, verliert er seine Anh\u00e4nger. Macht er aber weiter, wird seine Regierung scheitern.&quot; Aus diesem Dilemma gebe es keinen friedlichen Ausweg: &quot;Es besteht die reale Gefahr eines Putschversuchs.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Milit\u00e4rfan Bolsonaro (bei der Einweihung einer Milit\u00e4rschule in Rio de Janeiro 2019): Wenn man den Feind nicht vernichten kann, muss man seine Institutionen zerst\u00f6ren Ricardo Moraes\/ REUTERS Das<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-920","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/920","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=920"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/920\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=920"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}