{"id":887,"date":"2020-07-03T23:29:11","date_gmt":"2020-07-03T20:29:11","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/italien-hat-der-islamische-staat-14-tonnen-captagon-tabletten-geschmuggelt\/"},"modified":"2020-07-03T23:29:11","modified_gmt":"2020-07-03T20:29:11","slug":"italien-hat-der-islamische-staat-14-tonnen-captagon-tabletten-geschmuggelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/italien-hat-der-islamische-staat-14-tonnen-captagon-tabletten-geschmuggelt\/","title":{"rendered":"Italien: Hat der Islamische Staat 14 Tonnen Captagon-Tabletten geschmuggelt?"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/fcfc54cb-ee71-463e-ac3a-76d6a9fe3c8c_w948_r1.77_fpx68.66_fpy54.99.jpg\" title=\"Fang ihres Lebens: Drogenfahnder mit den Pillen aus dem Nahen Osten\" alt=\"Fang ihres Lebens: Drogenfahnder mit den Pillen aus dem Nahen Osten\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Fang ihres Lebens: Drogenfahnder mit den Pillen aus dem Nahen Osten<\/p>\n<p> CIRO FUSCO\/EPA-EFE\/Shutterstock <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Szenen aus dem dreieinhalbmin\u00fctigen Video der neapolitanischen Guardia di Finanza sehen so perfekt aus, als stammten sie aus einem Narco-Thriller: M\u00e4nner flexen mannsgro\u00dfe st\u00e4hlerne Zahnr\u00e4der, meterbreite Papierrollen auf, und die Drogenpillen rieseln, rauschen, str\u00f6men heraus. Und str\u00f6men und str\u00f6men. Die Kamerafahrt der Endausbeute geht \u00fcber Dutzende Container voller Captagon-Tabletten, dem Label einer der beliebtesten synthetischen Drogen.<\/p>\n<p>14 Tonnen, 84 Millionen Pillen, werden es am Ende sein, der weltgr\u00f6\u00dfte je gemachte Captagon-Fund. Stra\u00dfenverkaufswert: eine Milliarde Euro. Ein gigantischer Erfolg. Und eine so gewaltige Menge, dass sie ganz Europa versorgen k\u00f6nnte: &quot;F\u00fcr Italien allein kann die jedenfalls nicht bestimmt gewesen sein&quot;, sagte am Mittwoch stolz Oberst Domenico Napolitano, Chef der Finanzpolizei und Herr der Operation.<\/p>\n<p>In drei Containern aus Syrien waren die riesigen Papierrollen und Zahnr\u00e4der nach Salerno gekommen, die Drogen darin so gut verborgen, dass sie selbst beim R\u00f6ntgen nicht auftauchten. Aber das mussten sie auch gar nicht, denn die Ladung war bereits erwartet worden: Abgeh\u00f6rte Telefonate der Camorra, Neapels Variante der Mafia, und eine weit kleinere Drogensendung zwei Wochen zuvor auf \u00e4hnlichem Weg und an denselben offiziellen Empf\u00e4nger, eine Firma im schweizerischen Lugano, h\u00e4tten Hinweise geliefert. Die immerhin 2,8 Tonnen Haschisch und eine Million Captagon-Pillen, 190 Kilo, seien vermutlich ein Testlauf gewesen, ob der Weg sicher sei. Offenbar gelang es, die Absender lange genug in Sicherheit zu wiegen.<\/p>\n<p>Um durch die Stahlh\u00fcllen und zentimeterdicken Papierlagen an die hochaufwendig versteckten Drogenladungen zu kommen, waren die drei beschlagnahmten Container auf Antrag der Antimafia-Staatsanwaltschaft in Neapel in eine Polizeiwerkstatt mit schwerem Ger\u00e4t gebracht worden. Die ersten zwei der 40 Rollen waren leer, aber bald rauschte der Schatzfund.<\/p>\n<h3>Italiens Politik lobt die Fahnder<\/h3>\n<p>Selbst Premierminister Giuseppe Conte gratulierte den Fahndern: &quot;Ein schwerer Schlag gegen den Terrorismus und eine Demonstration, dass Italien immer auf der Hut ist&quot;, sagte er.<\/p>\n<p>Innenministerin Luciana Lamorgese wurde pr\u00e4ziser: &quot;Die in den letzten Stunden durchgef\u00fchrte Antidrogen-Operation hat das maximale Engagement bei der Bek\u00e4mpfung krimineller Netzwerke gezeigt, die sich dem Handel und Verkauf von Bet\u00e4ubungsmitteln widmen.&quot;<\/p>\n<p>Was die potenziellen Empf\u00e4nger anging, eine zweifellos korrekte Annahme.<\/p>\n<p>Nur was die vermutlich auch nicht g\u00e4nzlich unbekannten Absender der immerhin weltgr\u00f6\u00dften je beschlagnahmten Menge der Aufputschmittel betraf, wurde es seltsam: &quot;Hergestellt in Syrien von ISIS zur Terrorfinanzierung&quot; titelten die Fahnder in ihrer Pressemitteilung, die weltweit viral ging. Der legend\u00e4re, im M\u00e4rz vergangenen Jahres in seiner letzten Hochburg besiegte &quot;Islamische Staat&quot; (IS) stecke dahinter! Die beschlagnahmten Captagon-Pillen tr\u00fcgen dasselbe Logo aus zwei Halbmonden, wie es auch bei Tabletten im Besitz von IS-K\u00e4mpfern aufgetaucht sei. Captagon sei bekannt als die &quot;Dschihadisten-Droge&quot;.<\/p>\n<p>CNN und Medien in aller Welt ver\u00f6ffentlichten die offizielle Variante von den Drogen-Islamisten, Italiens gro\u00dfe Tageszeitungen wie &quot;La Stampa&quot; illustrierten ihre Berichte mit Bildern grimmiger Gottesk\u00e4mpfer. In Italien fragte nur der Nahost-Reporter Daniele Raineri der kleinen Tageszeitung &quot;Il Foglio&quot; im Editorial: &quot;Was haben sich die italienischen Beh\u00f6rden dabei gedacht?&quot;, den IS als Drogenkartell zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Denn tats\u00e4chlich ist der IS f\u00fcr so ziemlich jede Untat zu haben. Die Herstellung synthetischer Drogen im industriellen Ma\u00dfstab geh\u00f6rt allerdings nicht dazu. Die letzten versprengten IS-K\u00e4mpfer sitzen in der syrisch-irakischen W\u00fcste, im Untergrund, fernab der St\u00e4dte und erst recht jedes Seehafens.<\/p>\n<p>Im Bereich der Belege, woher gigantische Mengen von Captagon kommen, sieht es hingegen sehr viel klarer aus: Die jetzt beschlagnahmten 14 Tonnen waren zwar die gr\u00f6\u00dfte, aber mitnichten die einzige Lieferung, die aus dem syrischen Hafen von Latakia kam und in den letzten zw\u00f6lf Monaten beschlagnahmt wurde:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Vergangenen Juli konfiszierten griechische Fahnder 5,25 Tonnen Captagon, bis dahin die weltgr\u00f6\u00dfte Menge.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>In Dubai gab es zwei Zugriffe, den letzten im Februar mit 5,6 Tonnen Captagon.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Im April stie\u00dfen \u00e4gyptische Z\u00f6llner auf vier Tonnen Haschisch, ebenfalls aus Latakia, verpackt in Milch-Tetrapaks einer Firma des Cousins von Syriens Diktator Baschar al-Assad, Rami Machluf.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im selben Monat schlie\u00dflich fanden saudi-arabische Beamte in zwei Ladungen insgesamt 44,7 Millionen Captagon-Pillen, knapp die H\u00e4lfte davon verpackt als Mate-Tee. Der Tee aus den Bl\u00e4ttern des s\u00fcdamerikanischen Mate-Strauchs ist beliebt bei Syriens Alawiten, einer religi\u00f6sen Minderheit, zu der auch der Assad-Clan geh\u00f6rt. Auch hier beklagte die nominelle Herstellerfirma Yabour, eng verbunden mit Pr\u00e4sidentenbruder und Milit\u00e4rkommandeur Maher al-Assad, den Missbrauch ihrer Verpackungen.<\/p>\n<p>Immer dasselbe Captagon, immer dasselbe Muster mit aufwendigen Verstecken und gro\u00dfen Mengen, stets verschifft aus Latakia.<\/p>\n<h3>Assads eintr\u00e4glichstes Familienunternehmen<\/h3>\n<p>Auch diesmal war nach Recherchen des SPIEGEL das weitl\u00e4ufige Verwandtennetz des herrschenden Assad-Clans Produzent und Absender der Drogen:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Im Dorf al-Basa s\u00fcdlich von Latakia betreibt Samer Kamal Assad, ein Onkel des Diktators, eine von mehreren Captagon-Fabriken im Besitz der Familie, getarnt als Hersteller von Verpackungsmaterialien.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Den Transport wiederum hat er abgewickelt \u00fcber den Gesch\u00e4ftsmann Abdellatif Hamide, der vor wenigen Wochen in Aleppo ein Werk f\u00fcr Rollpapier er\u00f6ffnet hat &#8211; eine &quot;saubere&quot; Adresse, noch nicht verzeichnet auf den Sanktionslisten der EU oder USA.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Exakt solche Rollen, wie sie zum Verstecken der Captagon-Pillen benutzt wurden, werden auch dort hergestellt.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Transport wurden drei Container angemietet von der italienischen Reederei Tarros, die mehrere Mittelmeerh\u00e4fen im regelm\u00e4\u00dfigen Pendelverkehr bedient.<\/p>\n<p>Der Hafen von Latakia wiederum steht bis heute unter Kontrolle der Assad-Familien, deren Heimatdorf in der N\u00e4he liegt. Vergangenen Herbst wurde der Hafen an Iran verpachtet, dessen verb\u00fcndete libanesische Hisbollah-Miliz in den Anf\u00e4ngen der syrischen Drogen-Gro\u00dfproduktion mit Know-how und Chemikalienlieferungen behilflich war.<\/p>\n<p>Zumindest die Existenz des syrischen Drogenkartells im Besitz der Assad-Familie kann auch den italienischen Beh\u00f6rden nicht verborgen geblieben sein.<\/p>\n<p>Doch warum dann den IS pr\u00e4sentieren? Der Verdacht dr\u00e4ngt sich auf, dass Italiens Regierung, die bis heute noch Phosphat aus Syrien importiert und deren Vorg\u00e4ngerkabinett im M\u00e4rz 2018 den syrischen Geheimdienstchef Ali Mamluk diskret im Privatjet zu einem Regierungstreffen einfliegen lie\u00df, das Verh\u00e4ltnis nach Damaskus nicht tr\u00fcben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die Guardia di Finanza antwortete zu Fragen nach der Beweislage, es sei alles gesagt. Der Rest sei Gegenstand laufender Ermittlungen, so Oberst Giuseppe Furciniti. Die Reederei Tarros antwortete gar nicht auf eine SPIEGEL-Anfrage. Im Hintergrundgespr\u00e4ch r\u00e4umte der zust\u00e4ndige Guardia-Chef Napolitano ein, sie h\u00e4tten \u00fcber die Hinweise zum Captagon-Konsum des IS keine weiteren Belege.<\/p>\n<p>Der Journalist Raineri, Experte des Nahen Ostens wie der italienischen Verh\u00e4ltnisse, vermutet eine andere Erkl\u00e4rung: Die Idee, zum weltgr\u00f6\u00dften Drogenfund noch die furchtbarsten Dschihadisten der Welt beizuf\u00fcgen, sei der klassisches &quot;Sensationalismo&quot;, es einfach noch gr\u00f6\u00dfer, sch\u00f6ner machen zu wollen: &quot;Die Kirsche auf dem Eisbecher, sozusagen.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Fang ihres Lebens: Drogenfahnder mit den Pillen aus dem Nahen Osten CIRO FUSCO\/EPA-EFE\/Shutterstock Die Szenen aus dem dreieinhalbmin\u00fctigen Video der neapolitanischen Guardia di Finanza sehen so perfekt aus,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-887","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=887"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/887\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=887"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}