{"id":861,"date":"2020-07-02T17:09:33","date_gmt":"2020-07-02T14:09:33","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/sigmar-gabriel-beratertatigkeit-bei-clemens-tonnies-entsetzt-spd\/"},"modified":"2020-07-02T17:09:33","modified_gmt":"2020-07-02T14:09:33","slug":"sigmar-gabriel-beratertatigkeit-bei-clemens-tonnies-entsetzt-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/sigmar-gabriel-beratertatigkeit-bei-clemens-tonnies-entsetzt-spd\/","title":{"rendered":"Sigmar Gabriel: Beratert\u00e4tigkeit bei Clemens T\u00f6nnies entsetzt SPD"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/68d37f8a-6fb2-4f3e-820a-546e7c0c93c1_w948_r1.77_fpx47.34_fpy48.95.jpg\" title=\"Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel: &quot;In der Branche ist das kein besonders hoher Betrag&quot;\" alt=\"Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel: &quot;In der Branche ist das kein besonders hoher Betrag&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel: &quot;In der Branche ist das kein besonders hoher Betrag&quot;<\/p>\n<p> Britta Pedersen\/ DPA <\/figcaption><\/figure>\n<p>Eigentlich sollte dieser Donnerstag f\u00fcr die Genossen ein sch\u00f6ner Tag werden. Das lange umk\u00e4mpfte Herzensthema der SPD, die Grundrente, wird vom Bundestag beschlossen, zudem der Nachtragshaushalt von Finanzminister Olaf Scholz, mit dem der Staat sich gegen die Folgen der Coronakrise stemmt.<\/p>\n<p>Das Signal sollte sein: Gut, dass die SPD regiert.<\/p>\n<p>Doch ein ehemaliger Parteivorsitzender verdirbt den Sozialdemokraten den vorletzten Tag vor der parlamentarischen Sommerpause. Sigmar Gabriel, von 2009 bis 2017 SPD-Chef, war bis vor kurzem als Berater in der Fleischindustrie t\u00e4tig, wie zuerst das ARD-Magazin &quot;Panorama&quot; berichtete. Nicht f\u00fcr irgendein Unternehmen engagierte sich der Ex-Wirtschafts- und -Au\u00dfenminister, sondern ausgerechnet f\u00fcr den Fleischkonzern T\u00f6nnies, der nach einer Corona-Infektion bei weit \u00fcber 1000 Mitarbeitern heftig in die Kritik geraten ist. Gabriel war nach eigenen Angaben von M\u00e4rz bis Ende Mai 2020 f\u00fcr das Unternehmen t\u00e4tig. Der ARD sagte er, &quot;aufgrund einer schwierigen Erkrankung und einer dadurch f\u00fcr mich notwendig gewordenen komplizierten Operation&quot; habe er seine Arbeit bei T\u00f6nnies beenden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In der SPD st\u00f6\u00dft Gabriels T\u00e4tigkeit jetzt auf Entsetzen.<\/p>\n<p>Zwar seien ehemalige Vorsitzende der SPD keine Rechenschaft schuldig, wenn sie nach ihrer aktiven Zeit T\u00e4tigkeiten f\u00fcr andere aufnehmen, sagten die Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Aber, so kritisieren sie: &quot;F\u00fcr jeden aufrechten Sozialdemokraten ergibt sich dabei aus unseren Grundwerten, an wessen Seite man sich begibt und wo man besser Abstand h\u00e4lt.\u201d<\/p>\n<p>Niedersachsens SPD-Ministerpr\u00e4sident Stephan Weil bezeichnete Gabriels Beratert\u00e4tigkeit als &quot;befremdlich und peinlich&quot;. Die SPD k\u00f6nne auf Gabriels Verhalten als Privatmann keinen Einfluss nehmen, so Weil. &quot;Der politische Schaden f\u00fcr die SPD ist jedoch unbestreitbar.&quot;<\/p>\n<p>Auch aus Nordrhein-Westfalen kommt scharfe Kritik an Gabriel.<\/p>\n<p>&quot;Ich h\u00e4tte mir von Sigmar Gabriel mehr Zur\u00fcckhaltung gew\u00fcnscht&quot;, sagt Thorsten Klute, SPD-Kreisvorsitzender in G\u00fctersloh. &quot;F\u00fcr uns ist das eine richtig bl\u00f6de Sache, wir k\u00e4mpfen hier vor Ort seit Jahren gegen diesen Sumpf rund um die Werkvertr\u00e4ge in der Fleischindustrie.&quot; Dass Gabriel die Firma T\u00f6nnies beraten hat, zeige, so der Genosse aus G\u00fctersloh, warum das ausbeuterische System so lange so gut funktionieren konnte: &quot;Das Unternehmen hat beste Kontakte in unterschiedliche Parteien gesucht und auch gefunden.&quot;<\/p>\n<p>Gabriel selbst verteidigt sich.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>&quot;Ich kann an dem Beratungsverh\u00e4ltnis mit einem gro\u00dfen Arbeitgeber nichts Problematisches erkennen&quot;, sagte er dem SPIEGEL: &quot;T\u00f6nnies macht nichts Verbotenes. Wozu machen wir eine Cooling Down Phase, in der man als Ex-Politiker nichts machen darf, wenn man danach noch so behandelt wird, als sei man im Amt?&quot;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Gabriel verteidigte auch das von T\u00f6nnies gezahlte Gehalt in H\u00f6he von angeblich 10.000 Euro monatlich. &quot;F\u00fcr normale Menschen sind 10.000 Euro viel Geld. Aber in der Branche ist das kein besonders hoher Betrag. Ich bin kein Politiker mehr.&quot; Er habe die T\u00e4tigkeit &quot;nicht als Lobbyarbeit begriffen&quot; und tue es auch heute noch nicht: &quot;Die Firma T\u00f6nnies f\u00fcrchtete, wegen der afrikanischen Schweinepest bestimmte Produkte nicht mehr nach Asien exportieren zu k\u00f6nnen, und ich habe mich bem\u00fcht zu kl\u00e4ren, welche Handelsrestriktionen geplant sind und was man tun muss, um die Exportgenehmigungen weiterhin zu bekommen.&quot;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Als Wirtschaftsminister habe er mit der Firma T\u00f6nnies &quot;eher Konflikte&quot; gehabt als ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis. &quot;Wenn es etwas gibt, wor\u00fcber ich mich \u00e4rgere, ist es, dass die, die damals nichts gemacht haben, heute so tun, als w\u00fcrden sie zum ersten Mal merken, dass da ein Problem ist&quot;, so Gabriel. Er habe als Wirtschaftsminister damals unter anderem einen Branchenmindestlohn durchgedr\u00fcckt und habe das getan, was zu dieser Zeit m\u00f6glich gewesen sei, betonte Gabriel. &quot;Ich h\u00e4tte mir damals Unterst\u00fctzung gew\u00fcnscht von denen, die heute neunmalkluge Kritik \u00fcben.&quot;<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Seit dem Ende seiner politischen Karriere hat Gabriel immer wieder durch neue Jobs f\u00fcr Schlagzeilen gesorgt. F\u00fcr ehemalige Mitglieder der Bundesregierung &#8211; Gabriel war bis M\u00e4rz 2018 Au\u00dfenminister \u2013 gilt die sogenannte Karenzzeit-Regelung. Hei\u00dft: Wenn sie innerhalb von 18 Monaten nach Ausscheiden aus dem Amt einen Job au\u00dferhalb des \u00f6ffentlichen Dienstes anstreben, m\u00fcssen sie dies melden. Gabriels Engagement bei T\u00f6nnies betrifft dies also nicht mehr.<\/p>\n<p>Zuletzt sorgte Gabriels <strong>Einstieg bei der Deutschen Bank<\/strong> Aufsehen, am 20. Mai wurde er zum Aufsichtsrat gew\u00e4hlt. Als das skandalumwobene Geldhaus die Personalie Ende Januar \u00f6ffentlich machte, zog ein Sturm der Entr\u00fcstung in Politik und \u00d6ffentlichkeit auf. Ein Sozi auf Seiten des Gro\u00dfkapitals? Manch einer meinte, dass Gabriel wom\u00f6glich eine seiner eigenen Reden als SPD-Vorsitzender missverstanden habe, in der er gefordert hatte, die Partei m\u00fcsse wieder dahin gehen, &quot;wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt&quot;.<\/p>\n<p>Nun geriet das Finanzinstitut in den vergangenen Jahren gewisserma\u00dfen von einer Jauchegrube in die n\u00e4chste. Als Mitglied des Integrit\u00e4tsausschusses im Aufsichtsrat soll nun Gabriel helfen, auszumisten. Daf\u00fcr wird er ordentlich bezahlt: Die Grundverg\u00fctung f\u00fcr Aufsichtsr\u00e4te bei der Deutschen Bank liegt laut Gesch\u00e4ftsbericht bei 100.000 Euro pro Jahr, hinzu kommen weitere 100.000 Euro f\u00fcr die Mitgliedschaft im Ausschuss. Ein Viertel des Gesamtgehalts wird in Aktien ausbezahlt.<\/p>\n<p>Ganz wie im Falle T\u00f6nnies ficht Gabriel die H\u00f6he dieser Verg\u00fctung nicht an, ganz im Gegenteil. &quot;Ob die Bezahlung als Aufsichtsrat der Deutschen Bank &#039;gut&#039; ist, dar\u00fcber kann man unterschiedlicher Meinung sein&quot;, sagte er im Februar im SPIEGEL-Gespr\u00e4ch. Er habe ja auch das Angebot gehabt, Pr\u00e4sident des Verbandes der Automobilindustrie zu werden, dass er abgelehnt habe, weil er nicht Lobbyist habe werden wollen. &quot;Dort w\u00e4re das Gehalt um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer.&quot;<\/p>\n<p>Auch bei der Deutschen Bank wird Gabriel freilich seine alten Beziehungen zu Politik und Gewerkschaften spielen lassen &#8211; warum h\u00e4tte die Bank sonst jemanden holen sollen, der \u00fcber nur sehr rudiment\u00e4re Kenntnisse im Finanzgesch\u00e4ft verf\u00fcgt? Klar ist jedenfalls, dass der fr\u00fchere Au\u00dfenminister auch in seinem neuen Job gute Verbindungen ins Ausland pflegt. Ohne den Segen der Gro\u00dfaktion\u00e4re aus der K\u00f6nigsfamilie von Katar h\u00e4tte Gabriel den Platz im Aufsichtsrat jedenfalls nicht bekommen.<\/p>\n<h3>Business und Ehrenamt<\/h3>\n<p>Bereits im Sommer 2018 stieg Gabriel als exklusiver Autor bei den <strong>Zeitungen der Holtzbrinck-Gruppe<\/strong> ein, zu der unter anderen &quot;Zeit&quot;, &quot;Handelsblatt&quot; und &quot;Tagesspiegel&quot; geh\u00f6ren. Damaligen eigenen Angaben zufolge bekam Gabriel daf\u00fcr zwischen 15.000 und 30.000 Euro im Monat. Gabriel ging in seinen Beitr\u00e4gen mitunter nicht gerade freundlich mit seiner Partei um. Im Fr\u00fchjahr 2020 endete dieses Engagement, Gabriel soll aber weiter Mitglied eines &quot;Handelsblatt&quot;-Expertenforums bleiben und Beitr\u00e4ge f\u00fcr den &quot;Tagesspiegel&quot; verfassen.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2019 meldete der SPIEGEL Gabriels Ansinnen, in den Beirat des <strong>Wirtschaftspr\u00fcfungsunternehmen Deloitte<\/strong> einzutreten. Ein entsprechendes Begehr wurde im M\u00e4rz 2019 vom Bundeskabinett abgesegnet, weil der Vorgang noch in seine Abk\u00fchlphase als Minister fiel. Unterm Vorsitz des fr\u00fcheren bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten Edmund Stoiber (CSU) beraten unter anderen ehemalige Spitzenpolitiker den Riesenkonzern &quot;durch innovative Denkans\u00e4tze bei der Weiterentwicklung des Gesch\u00e4ftsmodells und der Optimierung des Marktauftritts&quot;, wie es auf der Website hei\u00dft. Die Honorierung ist unbekannt, normalerweise erstatten gro\u00dfe Konzerne ihren Beir\u00e4ten nur eine Aufwandsentsch\u00e4digung und die Reisekosten.<\/p>\n<p>Im November 2019 freute sich die <strong>US-Politikberatungsfirma &quot;Eurasia Group&quot;<\/strong> \u00fcber ihren prominenten Neuzugang Sigmar Gabriel. &quot;Ich habe im Laufe der Jahre viel von Sigmar gelernt. Das Wissen und die Perspektive, die er mitbringt, werden f\u00fcr die Kunden der Eurasia Group unerl\u00e4sslich sein&quot;, verk\u00fcndete Unternehmenschef Ian Bremmer.<\/p>\n<p>Kurz nach seinem Engagement bei der Deutschen Bank wurde im Mai bekannt, dass Gabriel auch in den k\u00fcnftigen Aufsichtsrat der in Zukunft eigenst\u00e4ndigen Energiesparte der Siemens AG einziehen soll. Im <strong>Aufsichtsrat von &quot;Siemens Energy&quot;<\/strong> wird er auf Hildegard M\u00fcller treffen, die Pr\u00e4sidentin des Automobilverbands VDA und ehemalige CDU-Politikern. Jenes Verbands also, als dessen Pr\u00e4sident Gabriel selbst im Gespr\u00e4ch war, siehe oben.<\/p>\n<p>Hinzu kommen weitere ehrenamtliche Jobs, die Gabriel in den vergangenen Monaten \u00fcbernommen hat. Etwa als <strong>Kuratoriumsmitglied bei der &quot;International Crisis Group&quot;<\/strong>, einer Br\u00fcsseler Denkfabrik f\u00fcr Krisenbew\u00e4ltigung oder als Vorsitzender und Nachfolger des CDU-Vorsitzkandidaten Friedrich Merz bei der<strong> &quot;Atlantik-Br\u00fccke&quot;<\/strong>, einem einflussreichen Verein zur Pflege der deutsch-amerikanischen Freundschaft.<\/p>\n<p>\u00dcber den Fleischfabrikanten T\u00f6nnies \u00fcbrigens hat Sigmar Gabriel kaum je ein schlechtes Wort verloren. Nach einem Besuch der T\u00f6nnies-Fabrik in Rheda-Wiedenbr\u00fcck im Februar 2015 schrieb der damalige Wirtschaftsminister auf Facebook: &quot;Es ist gut, dass T\u00f6nnies in einer Branche, die immer auch mit schwarzen Schafen zu k\u00e4mpfen hat, im positiven Sinne Standards setzt.&quot;<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt seiner Gespr\u00e4che h\u00e4tten die Arbeitsbedingungen gestanden: &quot;Als ich Ende letzten Jahres Berichte \u00fcber die Ausbeutung von vor allem bulgarischen und rum\u00e4nischen Werkvertragsarbeitnehmern gelesen habe (die sich nicht auf T\u00f6nnies bezogen!), habe ich mich gesch\u00e4mt. Es ist schlimm, das so etwas in Deutschland m\u00f6glich ist.&quot;<\/p>\n<p>Die &quot;Neue Westf\u00e4lische&quot; berichtete \u00fcber den Besuch: &quot;Sie sa\u00dfen eintr\u00e4chtig nebeneinander wie ziemlich beste Freunde. Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) und Unternehmer Clemens T\u00f6nnies sparten denn auch nicht mit Lob f\u00fcr den jeweils anderen Gespr\u00e4chspartner.&quot;<\/p>\n<p>In der aktuellen Debatte um sein Engagement bei T\u00f6nnies indes schont Gabriel seine Nach-Nachfolger an der SPD-Spitze nicht. Zur Kritik von Esken und Walter-Borjans an seiner T\u00e4tigkeit sagte Gabriel dem SPIEGEL: &quot;Mich wundert das nicht. So sind sie halt. Beide geh\u00f6ren auch zu denen, die heute laute Kritik \u00fcben, sich damals aber keinen Deut um die Fleischindustrie gek\u00fcmmert haben. Ich kann das nicht wirklich ernst nehmen.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel: &quot;In der Branche ist das kein besonders hoher Betrag&quot; Britta Pedersen\/ DPA Eigentlich sollte dieser Donnerstag f\u00fcr die Genossen ein sch\u00f6ner Tag werden. 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