{"id":836,"date":"2020-07-01T03:37:29","date_gmt":"2020-07-01T00:37:29","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/fall-walter-lubcke-prozess-todlicher-denkzettel\/"},"modified":"2020-07-01T03:37:29","modified_gmt":"2020-07-01T00:37:29","slug":"fall-walter-lubcke-prozess-todlicher-denkzettel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/fall-walter-lubcke-prozess-todlicher-denkzettel\/","title":{"rendered":"Fall Walter L\u00fcbcke &#8211; Prozess: T\u00f6dlicher Denkzettel"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/e1abb85d-4f20-4cce-923b-a7e8353dd3a0_w948_r1.77_fpx31.8_fpy44.98.jpg\" title=\"Angeklagter Stephan Ernst zwischen seinen Anw\u00e4lten Mustafa Kaplan (r.) und Frank Hannig: &quot;Ich war schon au\u00dfer mir&quot;\" alt=\"Angeklagter Stephan Ernst zwischen seinen Anw\u00e4lten Mustafa Kaplan (r.) und Frank Hannig: &quot;Ich war schon au\u00dfer mir&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Angeklagter Stephan Ernst zwischen seinen Anw\u00e4lten Mustafa Kaplan (r.) und Frank Hannig: &quot;Ich war schon au\u00dfer mir&quot;<\/p>\n<p> Boris Roessler\/ DPA <\/figcaption><\/figure>\n<p>Stephan Ernst hat sich gefangen. Der mutma\u00dfliche M\u00f6rder von Walter L\u00fcbcke sitzt durch Plexiglasscheiben getrennt zwischen seinen beiden Verteidigern in Saal 165, er wirkt unaufgeregt. Doch an den beiden vergangenen Verhandlungstagen war er verunsichert. Dazu musste man kein Hellseher sein.<\/p>\n<p>Das war an seiner Gestik, seiner Mimik zu erkennen und daran, wie sich sein Anwalt Frank Hannig ihm zuwandte. Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel hatte Ernst ins Gewissen geredet, ihn motiviert, die Wahrheit zu sagen. Man konnte Ernst f\u00f6rmlich ansehen, wie er strauchelte: Auf wen sollte er h\u00f6ren &#8211; auf seine Anw\u00e4lte? Auf das Gericht? Nur Ernst selbst wei\u00df, welche Rolle er beim Mord an dem Kasseler Regierungspr\u00e4sidenten gespielt hat. Alle anderen im Saal k\u00f6nnen sich nur anhand von Indizien und Beweisen ein Bild machen.<\/p>\n<p>Am 25. Juni vergangenen Jahres \u2013 24 Tage nach dem t\u00f6dlichen Schuss auf Walter L\u00fcbcke \u2013 legte Stephan Ernst ein Gest\u00e4ndnis ab, unter Tr\u00e4nen und ohne Anwalt. Er gab an, den CDU-Politiker auf der Terrasse seines Hauses im hessischen Wolfhagen-Istha erschossen zu haben. Und er gab Wissen preis, das nur der T\u00e4ter haben kann. Als das Video von der Vernehmung im Gerichtssaal abgespielt wurde, weinte Ernst erneut, wieder war er verunsichert.<\/p>\n<p>Ganz anders als der gemeinsam mit Ernst Angeklagte Markus H., der stets unbeeindruckt wirkt von dem gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Interesse an diesem Prozess, fast entspannt, als ginge ihn das alles hier in Saal 165 nichts an. Und: Als habe er nichts zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<h3>&quot;Dann ging alles sehr schnell&quot;<\/h3>\n<p>An diesem dritten Verhandlungstag r\u00fcckt Markus H. allerdings in den Mittelpunkt des Verfahrens: Stephan Ernst hat am 8. Januar 2020 bei einer richterlichen Vernehmung sein erstes Gest\u00e4ndnis widerrufen. Die Aufzeichnung davon wird nun an eine Leinwand im Saal projiziert. Man sieht Stephan Ernst, wie er neben seinem Anwalt Hannig in einem Raum des Polizeipr\u00e4sidiums Kassel sitzt. Er tr\u00e4gt einen schwarzen Trainingsanzug, darunter ein T-Shirt, Fu\u00dffesseln.<\/p>\n<p>Er pr\u00e4sentiert eine neue Version, wie es gewesen sein soll, an jenem 1. Juni 2019. Nicht er, Stephan Ernst, habe demnach auf Walter L\u00fcbcke geschossen \u2013 sondern Markus H. Aus Versehen. Seit September dr\u00e4nge sein Mandant darauf, diese Version, die Wahrheit, loszuwerden, sagt Anwalt Hannig.<\/p>\n<p>Vier Stunden lang dauert die Vernehmung. Ernst wirkt in dem Video gefasster als bei seiner ersten Einlassung. Er beschreibt, wie er dreimal mit Markus H. zu L\u00fcbckes Anwesen gefahren sei, um die Umgebung auszuspionieren und den Plan zu konkretisieren, L\u00fcbcke einen &quot;Denkzettel zu verpassen&quot;. Im Fr\u00fchjahr 2019 h\u00e4tten sie gemeinsam festgelegt, dass das Kirmes-Wochenende daf\u00fcr ein guter Zeitpunkt sei. Markus H. habe vorgeschlagen, den Regierungspr\u00e4sidenten mit einer Waffe zu bedrohen, um ihn einzusch\u00fcchtern, w\u00e4hrend Ernst auf ihn einschlagen oder eintreten sollte.<\/p>\n<p>Am 1. Juni 2019 h\u00e4tten sie sich getroffen, an Ernsts Auto falsche Kennzeichen montiert, und sich in der Dunkelheit auf einer Pferdekoppel auf die Lauer gelegt, keine hundert Meter von L\u00fcbckes Grundst\u00fcck entfernt. &quot;Dann ging alles sehr schnell&quot;, sagt Ernst. Sie h\u00e4tten von unterschiedlichen Seiten auf die Terrasse, auf der L\u00fcbcke sa\u00df, eine Zigarette rauchte und auf sein Smartphone sah, betreten. H. habe gerufen: &quot;So, Herr L\u00fcbcke, Zeit zum Auswandern!&quot; Ernst will gerufen haben: &quot;F\u00fcr so einen wie dich gehe ich jeden Tag arbeiten.&quot; Walter L\u00fcbcke habe versucht, sich aufzurichten, Ernst habe ihn mit der linken Hand an dessen rechter Schulter runtergedr\u00fcckt: &quot;Beweg dich nicht!&quot;<\/p>\n<p>Ernst habe ihn treten wollen, sei ein St\u00fcck zur\u00fcck, da habe Walter L\u00fcbcke erneut versucht, sich auszurichten und gerufen: &quot;Verschwinden Sie!&quot; H. sei &quot;hastig&quot; zur\u00fcckgetreten, dabei habe sich ein Schuss aus der Waffe gel\u00f6st. Walter L\u00fcbcke sei zusammengesackt.<\/p>\n<h3>Wie kann sich einfach so ein Schuss l\u00f6sen?<\/h3>\n<p>Ernst sitzt in Saal 165, er tr\u00e4gt jetzt einen schwarzen Anzug mit wei\u00dfem Hemd, die H\u00e4nde hat er im Scho\u00df gefaltet. Er beobachtet sich selbst, wie er auf der Leinwand demonstriert, wie H. vor Walter L\u00fcbcke gestanden und geschossen habe.<\/p>\n<p>In Panik seien sie zur\u00fcck zum Auto. &quot;Wir sind am Arsch&quot;, habe H. gesagt. &quot;Warum hast du geschossen?&quot;, will Ernst gefragt haben. \u2013 &quot;Wollte ich nicht. Wir m\u00fcssen jetzt pokern bis zum Schluss.&quot;<\/p>\n<p>Der vernehmende Richter am Bundesgerichtshof hat Zweifel. Warum sollte sich ausgerechnet bei H, einem Mann mit gro\u00dfer Affinit\u00e4t zu Waffen, der zudem ein ge\u00fcbter und leidenschaftlicher Sch\u00fctze sei, ein Schuss l\u00f6sen? Warum l\u00e4sst sich Ernst mit einer kurzen Antwort von H. abspeisen, warum bleibt er so teilnahmslos?<\/p>\n<p>&quot;Ich war schon au\u00dfer mir&quot;, sagt Ernst. Aber er klingt nicht glaubw\u00fcrdig. Frank Hannig, sein Anwalt, sp\u00fcrt das. Mehrmals weist er seinen Mandanten darauf hin, er solle sich nichts ausdenken, nichts sagen, um zu gefallen, sondern auspacken, wie es wirklich war. Schlie\u00dflich r\u00e4umt Ernst ein, zu H. gesagt zu haben: &quot;Verdammter Schei\u00df! Was soll das? Wie konnte das passieren? Das gibt Riesen\u00e4rger. Die Polizei wird in so einem Fall ganz anders ermitteln.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Mich \u00fcberzeugen Sie nicht&quot;<\/h3>\n<p>Nach diesem zweiten Gest\u00e4ndnis bleiben viele Fragen offen. Wollte Stephan Ernst etwa als Held dastehen, als M\u00e4rtyrer der rechten Szene, der &quot;Widerstand&quot; leistet in Deutschland? Gab es doch weitere Mitwisser? Wie kam es \u00fcberhaupt zu seinem ersten Gest\u00e4ndnis? Und warum hat er nicht schon damals die f\u00fcr ihn &quot;viel bessere Wahrheit&quot;, wie es der Richter formuliert, geschildert?<\/p>\n<p>Er habe das damals nicht &quot;\u00fcberblickt&quot;, erwidert Ernst. Eigentlich habe er schweigen wollen. Weil Kriminaltechniker jedoch seine DNA-Spur an Walter L\u00fcbckes Hemd sichergestellt haben, habe ihm sein damaliger Anwalt Dirk Waldschmidt geraten, die Schuld auf sich zu nehmen \u2013 und Markus H. rauszuhalten. Waldschmidt habe ihm angeboten, man werde seine Familie unterst\u00fctzen, das Haus abbezahlen, wenn Ernst in Haft k\u00e4me. &quot;Das war f\u00fcr mich die bessere Variante.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Mich \u00fcberzeugen Sie nicht&quot;, sagt der Richter in der Vernehmung. Er k\u00f6nne sich nicht vorstellen, dass sich die Tat so abgespielt habe. &quot;Ich glaube nicht, dass Sie uns schon alles gesagt haben.&quot;<\/p>\n<p>Auch Holger Matt, der Anwalt der Familie L\u00fcbcke, h\u00e4lt die Unfall-Variante f\u00fcr eine &quot;glatte L\u00fcgengeschichte&quot;. Wesentliche Punkte in dem zweiten Gest\u00e4ndnis seien &quot;gek\u00fcnstelt, konstruiert und nicht erlebnisbasiert&quot; &#8211; ganz anders als im ersten.<\/p>\n<p>Nach der Sommerpause will sich Ernst vor Gericht &quot;ausf\u00fchrlich und umfassend&quot; zu den Vorw\u00fcrfen erkl\u00e4ren, die der Generalbundesanwalt gegen ihn erhoben hat. Das k\u00fcndigte sein Verteidiger an. Vielleicht hat er bis dahin realisiert, was auf dem Spiel steht. Anwalt Frank Hannig formulierte es bei der Vernehmung im Januar unmissverst\u00e4ndlich: &quot;Sorry, es geht um Ihren Arsch.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Angeklagter Stephan Ernst zwischen seinen Anw\u00e4lten Mustafa Kaplan (r.) und Frank Hannig: &quot;Ich war schon au\u00dfer mir&quot; Boris Roessler\/ DPA Stephan Ernst hat sich gefangen. 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