{"id":785,"date":"2020-06-28T22:53:00","date_gmt":"2020-06-28T19:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/new-york-city-lockert-den-corona-lockdown-und-sucht-seine-seele\/"},"modified":"2020-06-28T22:53:00","modified_gmt":"2020-06-28T19:53:00","slug":"new-york-city-lockert-den-corona-lockdown-und-sucht-seine-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/new-york-city-lockert-den-corona-lockdown-und-sucht-seine-seele\/","title":{"rendered":"New York City lockert den Corona-Lockdown und sucht seine Seele"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/3e8b5c06-e21b-4d61-ad52-55a58e60385f_w948_r1.77_fpx59.68_fpy49.99.jpg\" title=\"Times Square in Manhattan am 26. Juni\" alt=\"Times Square in Manhattan am 26. Juni\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\"> Times Square in Manhattan am 26. Juni<\/p>\n<p> ANGELA WEISS\/ AFP <\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Woolworth Building hat schon einiges hinter sich. Der Wolkenkratzer von 1913, damals der h\u00f6chste der Welt, diente als Konzernzentrale, Touristenziel und Luxuswohnhaus. Er \u00fcberstand Weltkriege, Wirtschaftskrisen und am 11. September 2001 die Terroranschl\u00e4ge aufs nahe World Trade Center.<\/p>\n<p>Und dann &#8211; die Coronakrise. Als New York City im M\u00e4rz zu einem Epizentrum der globalen Pandemie wurde und sich verbunkerte, verwaiste auch das Woolworth Building mit seinen Dutzenden B\u00fcros und Kanzleien. Nur ein Pf\u00f6rtner hielt tags\u00fcber die Stellung.<\/p>\n<p>Jetzt kehren die ersten Angestellten zur\u00fcck. &quot;Bitte tragen Sie einen Gesichtsschutz&quot;, lautet die Bitte auf einem Schild am Eingang. In der Mamorlobby h\u00e4ngen Handreinigungsspender, in die Aufz\u00fcge darf immer nur einer. Der Pf\u00f6rtner gr\u00fc\u00dft hinter einer Plexiglasscheibe, auch er tr\u00e4gt Maske.<\/p>\n<p>Vor drei Monaten wurde die 8,5-Millionen-Metropole zur Geisterstadt. Nun erwacht sie wieder. Als letzte, da am schwersten betroffene Region der Vereinigten Staaten lockert New York City den Lockdown. Langsam und behutsam: Seit Montag d\u00fcrfen Firmen, Gesch\u00e4fte und Barbershops unter Auflagen \u00f6ffnen und rund 5000 Restaurants G\u00e4ste bewirten, wenn auch nur drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Hundert Tage Lockdown: Es war eine knallharte Corona-Strategie, nachdem fr\u00fche Fehler die Stadt zum Totenhaus der Pandemie gemacht hatten. Anders als viele US-S\u00fcdstaaten, die ihre ideologische Antipathie gegen die Coronaregeln nun bitter bereuen, hielt die New Yorker stur durch &#8211; zumindest bis zu den j\u00fcngsten Anti-Rassismus-Protesten, die Zehntausende nach wochenlanger Zwangspause wieder (maskiert) in die Stra\u00dfen trieb.<\/p>\n<p>So hat sich das Blatt dramatisch gewendet. W\u00e4hrend Florida, Texas und Arizona pl\u00f6tzlich den st\u00e4rksten Anstieg an F\u00e4llen sehen, wird New York City zum nationalen Vorreiter &#8211; und zum Vorbild: Am Donnerstag z\u00e4hlte die amtliche Statistik mit 18 neuen Corona-Todesopfern so wenige wie seit M\u00e4rz nicht. Zum H\u00f6hepunkt der Pandemie waren es 1221 an einem Tag.<\/p>\n<p>Der Schock dieser \u00fcblen Wochen sitzt tief. Bisher starben nahezu 23.000 New Yorker an Covid-19, das sind fast achtmal so viele Tote wie am 11. September 2001. Die Stadt danach ist eine andere, als sie mal war &#8211; und so wird sie nie wieder sein.<\/p>\n<p>Oft schon hat New York sich neu erfunden. Die Stadt meisterte Epidemien, industrielle Revolutionen und Pleitejahre, sie \u00fcberstand Unruhen, Attentate, Sturmfluten, B\u00f6rsencrashs, Gentrifizierung, Mietwucher, w\u00e4hrend Generationen kamen und gingen.<\/p>\n<p>Diesmal ist das nicht so einfach. <em>Vor <\/em>Corona pr\u00e4gte ein enges Miteinander den einzigartigen Charakter. Theater, Museen, Shopping, Restaurants, die U-Bahn, das pralle Stra\u00dfenleben und Gedr\u00e4ngel &#8211; das alles machte New York erst zu New York, f\u00fcr Fremde wie Einheimische.<\/p>\n<p>&quot;So eine Krise zu \u00fcberwinden wird Zeit brauchen und nicht leicht sein&quot;, sagt James Patchett, Pr\u00e4sident des New Yorker Immobilienverbands REBNY. &quot;Aber die New Yorker sind unglaublich widerstandsf\u00e4hig.&quot;<\/p>\n<p>Wird sich New York <em>nach <\/em>Corona in eine ganz normale US-Gro\u00dfstadt verwandeln, wie Cleveland? Und ist es dann noch New York?<\/p>\n<p>Das Leben kehrt jedenfalls nur m\u00fchsam zur\u00fcck. Etwa in Lower Manhattan: Die Bauarbeiten der neuen Kulturhalle am World Trade Center laufen wieder, doch das 9\/11-Mahnmal &#8211; an dessen Brunnen die Namen von fast 3000 Terroropfern eingraviert sind &#8211; ist weiter abgesperrt und leer, es soll jetzt am 4. Juli, dem US-Unabh\u00e4ngigkeitstag, halbt\u00e4gig \u00f6ffnen. Verlassen bliebt gegen\u00fcber auch der Oculus, die futuristische Shoppingmall. Ein Wegst\u00fcck entfernt liegt selbst die Wall Street noch brach, obwohl das Handelsparkett der Stock Exchange wieder beschr\u00e4nkt ge\u00f6ffnet hat.<\/p>\n<p>Fast 300.000 Menschen tasten sich seit dieser Woche zur\u00fcck in ihre desinfizierten B\u00fcros. Trotzdem wirken weite Strecken der Stadt desolat, L\u00e4den sind verdunkelt, Fenster verbarrikadiert. Vieles, was man kannte, kommt wohl nicht mehr zur\u00fcck: ikonische, doch nun bankrotte Kaufh\u00e4user wie Nieman Marcus an der Fifth Avenue. Familiensuperm\u00e4rkte, Literaturcaf\u00e9s, viele kleine Latino-Bodegas an den Stra\u00dfenecken. Das ganze Stadtbild hat sich ver\u00e4ndert, eine Einladung an Spekulanten und Monopolisten.<\/p>\n<p>Zehntausenden Kleinunternehmen droht das dauerhafte Aus &#8211; Restaurants, Buchl\u00e4den, Handwerksbetriebe, Marktingfirmen. &quot;Ich glaube nicht, dass wir das alte New York in den n\u00e4chsten Jahren wiedersehen&quot;, sagte Gregg Bishop, der zust\u00e4ndige Beauftragte der Stadt, der &quot;New York Times&quot;. &quot;Ich wei\u00df nicht, ob wir es jemals wiedersehen.&quot;<\/p>\n<p>Fast zwei Drittel aller Restaurants k\u00f6nnen nur \u00fcberleben, wenn sie zu 70 Prozent ausgelastet sind. Vorerst ist das unm\u00f6glich. Die minimale Open-Air-Option klappt nur im Sommer und tags\u00fcber, nachts stottert der Gastro-Puls der Stadt. &quot;Hat New York noch Platz f\u00fcr mich?&quot;, fragt selbst Stark\u00f6chin Gabrielle Hamilton, die ihr Restaurant &quot;Prune&quot; nach 20 Jahren schloss &#8211; und nicht glaubt, dass sich eine Neuer\u00f6ffnung noch rechnet.<\/p>\n<p>Aufgegeben haben historische Etablissements wie der von Barry Manilow besungene Club &quot;Copacabana&quot;, wo Harry Belafonte und Sammy Davis Jr. auftraten. Oder die irische Kneipe &quot;Coogan&#039;s&quot; im Norden Manhattans, eine Institution seit 1985. Oder, auch das, ein 16.000-Quadratmeter-McDonald&#039;s an der 42nd Street, einst der gr\u00f6\u00dfte der Welt.<\/p>\n<p>Mehr als 66 Millionen Touristen besuchten New York im vergangenen Jahr. Dieser finanzielle Zustrom bricht auf lange Sicht ein. Museen sind bis zum Sp\u00e4tsommer geschlossen. Die Metropolitan Opera spielt fr\u00fchestens an Silvester wieder. Und in 41 Broadway-Theatern und Hunderten Off-Broadway-B\u00fchnen geht der n\u00e4chste Vorhang wahrscheinlich erst im M\u00e4rz auf.<\/p>\n<p>Selbst der New York Marathon, der im November 50. Geburtstag gefeiert h\u00e4tte, wurde abgesagt &#8211; aus Sorge um die 50.000 L\u00e4ufer, 10.000 Helfer und eine Million Zuschauer.<\/p>\n<p>New York lebt noch, h\u00e4ngt jedoch am Tropf. Der Einnahmeverlust wird zum Haushaltsloch, rund 9,5 Milliarden Dollar k\u00f6nnten der Stadt bis n\u00e4chstes Jahr fehlen und 22.000 Beamte deshalb entlassen werden.&quot;Uns gehen die Alternativen aus&quot;, seufzt B\u00fcrgermeister Bill de Blasio.<\/p>\n<p>New Yorks Arbeitslosenquote d\u00fcrfte selbst n\u00e4chstes Jahr noch bei fast elf Prozent liegen, fast dreimal so hoch wie 2019. &quot;Die langfristige Attraktivit\u00e4t von New York City als Ort zum Leben und Gesch\u00e4ftemachen ist eine offene Frage&quot;, res\u00fcmiert die Finanzverwaltung.<\/p>\n<p>Die Stadt der Ungleichheit k\u00f6nnte damit noch ungleicher werden. Die h\u00f6chsten Todesraten verzeichneten die Au\u00dfenviertel der Armen und der Minderheiten &#8211; der <em>essential workers<\/em>, die ausharren mussten und nicht fliehen konnten. Zerm\u00fcrbt von Trauer, Trauma und Hoffnungslosigkeit, haben die Leute dort jetzt erst recht die schlechteste Ausgangslage aller.<\/p>\n<p>Andere haben die Nase voll. Fast eine halbe Million New Yorker sollen das Weite gesucht haben, meist Wohlhabendere, die \u00fcber entsprechende Mittel verf\u00fcgen. Wie viele wann zur\u00fcckkehren oder von anderen ersetzt werden &#8211; niemand wei\u00df es.<\/p>\n<p>&quot;Ist die Stadt es noch wert?&quot;, fragt die &quot;New York Times&quot;. &quot;Woanders lockt ein leichteres, sichereres und billigeres Leben.&quot; Selbst die &quot;Washington Post&quot; spottet aus sicherer Entfernung: &quot;New York City ist ein Schatten seiner selbst.&quot;<\/p>\n<p>Manche sehen aber gerade darin einen neuen Anfang. &quot;Das neue New York wird besser sein&quot;, hofft die Autorin Molly Jong-Fast, Tochter der Feministin Erica Jong (&quot;Angst vorm Fliegen&quot;). &quot;Diese Pandemie hat mich erneut erinnert, warum ich New York liebe&quot;, schreibt auch der Tech-Unternehmer Justin Hendrix in der &quot;Daily News&quot;. &quot;Die Stadt der Streber und \u00dcberlebenden, der Immigranten und Ideen.&quot;<\/p>\n<p>Sein Fazit: &quot;Ich bleibe.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Times Square in Manhattan am 26. 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