{"id":781,"date":"2020-06-28T18:12:33","date_gmt":"2020-06-28T15:12:33","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/afghanistan-die-madchenschule-in-die-auch-taliban-tochter-gehen\/"},"modified":"2020-06-28T18:12:33","modified_gmt":"2020-06-28T15:12:33","slug":"afghanistan-die-madchenschule-in-die-auch-taliban-tochter-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/afghanistan-die-madchenschule-in-die-auch-taliban-tochter-gehen\/","title":{"rendered":"Afghanistan: Die M\u00e4dchenschule, in die auch Taliban-T\u00f6chter gehen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/29012b79-67f0-46e7-a69d-d50ffb6121ed_w948_r1.77_fpx72_fpy49.93.jpg\" title=\"Rund 30 Sch\u00fclerinnen unterrichtet ur-Rahman in seinem Wohnzimmer\" alt=\"Rund 30 Sch\u00fclerinnen unterrichtet ur-Rahman in seinem Wohnzimmer\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Rund 30 Sch\u00fclerinnen unterrichtet ur-Rahman in seinem Wohnzimmer<\/p>\n<p> Emran Feroz <\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Dorf Badikhel liegt weit entfernt von der afghanischen Hauptstadt Kabul. Hierher, in die Provinz Khost nahe der pakistanischen Grenze, verschl\u00e4gt es nicht viele Menschen.<\/p>\n<p>Rund 250 Familien leben in Badikhel. Unter ihnen Habib ur-Rahman. Er ist Anfang F\u00fcnfzig und war Pilot bei der afghanischen Armee, bis er Herzprobleme bekam. Er zog mit seiner Familie zur\u00fcck in sein Heimatdorf, wo er seit rund einem Jahr eine kleine M\u00e4dchenschule betreibt &#8211; ehrenamtlich und in seinem eigenen Haus. <\/p>\n<p>Tags\u00fcber unterrichtet ur-Rahman rund 30 Sch\u00fclerinnen in seinem Wohnzimmer, abends schiebt er die Tische und St\u00fchle zur Seite und breitet f\u00fcr sich und seine Familie die Matratzen zum Schlafen aus.<\/p>\n<p>Es ist eine private Bildungsinitiative in einem Land, in dem radikale Taliban Frauen unterdr\u00fcckten, M\u00e4dchenschulen schlossen und ihnen jegliche Bildung und Arbeit untersagten. Heute schicken auch aktive Taliban-Mitglieder aus der Region ihre T\u00f6chter, Schwestern und Nichten in ur-Rahmans Hausschule. Und auch andere, zun\u00e4chst skeptische Dorfbewohner \u00fcberzeugte ur-Rahman.<\/p>\n<p>Bei ihm lernen sie nun t\u00e4glich von morgens bis zum Mittagsgebet Rechnungswesen, Geschichte, Geografie, Islamkunde und ihre Muttersprache, Paschtu. Habib ur-Rahman ist ein ruhiger Lehrer, Disziplin ist ihm trotzdem wichtig. Die Sch\u00fclerinnen sind lebhaft und engagiert, einige von ihnen diskutieren viel und gern.<\/p>\n<p>Nach Schulschluss und dem Mittagsgebet herrscht in Khost bis zum Mittagessen eine zweist\u00fcndige Siesta, in der meist alles stillsteht.<\/p>\n<p>Offiziell hat die afghanische Regierung im Distrikt das Sagen, doch wie in den meisten l\u00e4ndlichen Gebieten Afghanistans reicht auch hier der Einfluss der radikalen Taliban hinein. W\u00e4hrend des Taliban-Regimes w\u00e4re eine M\u00e4dchenschule, noch dazu unter der Leitung eines Mannes, kaum denkbar gewesen. Doch in den vergangenen zwanzig Jahren haben sich auch die D\u00f6rfer ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Laut ur-Rahman haben die Extremisten aus dem Dorf kein Problem mit seiner Schule. &quot;Ihre weiblichen Verwandten besuchen meine Schule, w\u00e4hrend sie k\u00e4mpfen und sich verstecken. Die Taliban-K\u00e4mpfer leben nicht mehr in unserem Dorf, doch sie haben die M\u00e4dchen zum Schulbesuch ermutigt. Ihre Bildung liegt ihnen am Herzen&quot;, sagt er.<\/p>\n<p>Als die Taliban in den Neunzigerjahren an die Macht kamen, setzten sie ihre extremistisch-patriarchalen Wertvorstellungen in die Praxis um. Frauen durften keine Schulen und Universit\u00e4ten besuchen. Nicht mal auf die Stra\u00dfe gehen durften sie ohne die Begleitung eines engen m\u00e4nnlichen Verwandten.<\/p>\n<p>Heute h\u00e4lt sich die Taliban-F\u00fchrung bewusst vage. &quot;Wir wollen nicht die Bildung von M\u00e4dchen und Frauen oder das Aus\u00fcben ihrer Arbeit verbieten. Allerdings haben wir islamische Normen, die uns wichtig sind. Wir leben nicht im Westen&quot;, betonte etwa Sher Mohammad Abbas Stanekzai, der Leiter des Taliban-B\u00fcros in Doha, in Interviews.<\/p>\n<p>Die M\u00e4dchenschule im Dorf Badikhel zeigt, wie paradox die Situation vor Ort sein kann. W\u00e4hrend die m\u00e4nnlichen Verwandten der Sch\u00fclerinnen diese in die Schule schicken, drohten andere Taliban-K\u00e4mpfer Habib ur-Rahman Konsequenzen an.<\/p>\n<p>Beobachter und Kenner der Region sind vom widerspr\u00fcchlichen Verhalten der Taliban nicht \u00fcberrascht. Laut der politischen Ethnografin Orzala Nemat, die die Afghanistan Research and Evaluation Unit (AREU) in Kabul leitet, verhielten sich die Extremisten bereits Ende der Neunzigerjahre \u00e4hnlich: &quot;Die Taliban waren nie in der Lage, ihre eigenen M\u00e4nner von ihren im Grunde genommen zutiefst unislamischen Anordnungen, wie der Schlie\u00dfung von M\u00e4dchenschulen, zu \u00fcberzeugen&quot;, sagt sie. Auch angesichts der Tatsache, dass die aktuelle politische F\u00fchrung der Extremisten im Golfemirat Katar verweilt &#8211; und dort wahrscheinlich ihre eigenen T\u00f6chter in klimatisierte Schulen und Universit\u00e4ten schickt.<\/p>\n<p>In Khost gibt es mittlerweile nicht nur Schulen, sondern auch eine Universit\u00e4t. Habib ur-Rahmans beide S\u00f6hne studieren dort. &quot;Einer wird Arzt, der andere Ingenieur. Sie machen mich sehr stolz&quot;, sagt ur-Rahman. F\u00fcr die Schule ihres Vaters besorgen die beiden auch mal neue Lehrb\u00fccher in der Stadt oder springen als Ersatzlehrer ein.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t ist auch das Ziel von ur-Rahmans Sch\u00fclerinnen. &quot;Eines Tages will ich an die Uni. Ich will \u00c4rztin oder Lehrerin werden und meinem Volk dienen&quot;, sagt Latifa, deren Bruder ein Taliban-K\u00e4mpfer ist. Ihr Abitur m\u00fcsste sie allerdings in der Stadt machen. Habib ur-Rahmans Hausschule geht nur bis zur sechsten Schulstufe.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzt wird Habib ur-Rahman von fast niemandem. Die wenigen Utensilien in seinem Klassenzimmer kaufte er von Spenden der Dorfbewohner. In den afghanischen D\u00f6rfern hat das Fehlen von Bildung n\u00e4mlich nicht nur mit den Taliban und ihrem Gedankengut zu tun. &quot;Ich frage mich, ob die Regierung \u00fcberhaupt wei\u00df, dass ich in meinem eigenen Haus eine Schule betreibe. Viele Menschen sprechen \u00fcber Schulen und Universit\u00e4ten in der Hauptstadt, doch was ist mit den D\u00f6rfern?&quot;<\/p>\n<p>Allein seitens der US-Regierung wurde zwischen 2002 und 2015 rund eine Milliarde Dollar in das afghanische Bildungssystem gesteckt. Man wollte Hunderte von neuen Schulen errichten und Klassenzimmer mit Sch\u00fclerinnen f\u00fcllen. Doch stattdessen f\u00fcllte viel von dem Geld die Taschen korrupter Kriegsf\u00fcrsten und Politiker. Viele Schulen blieben v\u00f6llig leer, w\u00e4hrend gleichzeitig Gelder f\u00fcr sie akquiriert wurden.<\/p>\n<p>Recherchen der US-amerikanischen Investigativjournalistin Azmat Khan zeigten, dass im Jahr 2015 mindestens 1100 Schulen vom afghanischen Bildungsministerium betrieben wurden. Doch nur in einem Bruchteil von ihnen wurde tats\u00e4chlich unterrichtet. Diese &quot;Geisterschulen&quot;, wie die Schulen von Kritikern genannt werden, existierten lediglich auf dem Papier, um Hilfsgelder zu waschen. In vielen F\u00e4llen wurde bewusst bei der Anzahl der Sch\u00fclerinnen \u00fcbertrieben, damit der westliche Geldfluss erhalten bleibt.<\/p>\n<p>&quot;Unsere Schule ist real, doch niemand scheint sich daf\u00fcr zu interessieren. Westliche Hilfsgelder haben diesen Fleck Afghanistans noch nie erreicht&quot;, sagt ur-Rahman, und er wei\u00df, dass sich daran auch in naher Zukunft wohl nichts \u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>Seit die USA Ende Februar einen Abzugsdeal mit den Taliban unterzeichnet haben, ist klar, dass die militante Gruppierung fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur\u00fcckkehren und in irgendeiner Form an der Macht in Kabul beteiligt wird.<\/p>\n<p>Vor allem in den urbanen Zentren wie Kabul bef\u00fcrchten viele Beobachter und Afghanen einen R\u00fcckfall in alte, d\u00fcstere Taliban-Zeiten; samt neuen Bildungsverboten f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen, obwohl die Kabuler Regierung von Pr\u00e4sident Ashraf Ghani und die amerikanischen Unterh\u00e4ndler verdeutlicht haben, dass sie derartige Praktiken nicht dulden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&quot;Der Gang zur Schule war f\u00fcr afghanische Frauen schon immer schwierig. Doch nun bin ich optimistisch, dass sich die Dinge langsam ver\u00e4ndern. Ich bin gl\u00fccklich, dass ich in die Schule gehen darf und dort vieles lernen kann&quot;, sagt Mahbuba, eine von Habib ur-Rahmans Sch\u00fclerinnen.<\/p>\n<p>Anfangs seien einige ihrer Familienmitglieder gegen ihren Schulbesuch gewesen. Mittlerweile werde sie allerdings von allen unterst\u00fctzt: &quot;Sie spornen sogar andere Verwandte an, ihre T\u00f6chter ebenfalls in die Schule zu schicken. Das sollte selbstverst\u00e4ndlich sein, denn wir sind ein wichtiger Teil der afghanischen Gesellschaft.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Rund 30 Sch\u00fclerinnen unterrichtet ur-Rahman in seinem Wohnzimmer Emran Feroz Das Dorf Badikhel liegt weit entfernt von der afghanischen Hauptstadt Kabul. 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