{"id":779,"date":"2020-06-28T16:02:48","date_gmt":"2020-06-28T13:02:48","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/deutsche-fleischfabriken-in-der-corona-krise-schlachtbank-europas\/"},"modified":"2020-06-28T16:02:48","modified_gmt":"2020-06-28T13:02:48","slug":"deutsche-fleischfabriken-in-der-corona-krise-schlachtbank-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/deutsche-fleischfabriken-in-der-corona-krise-schlachtbank-europas\/","title":{"rendered":"Deutsche Fleischfabriken in der Corona-Krise: Schlachtbank Europas"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/58a2581a-0001-0004-0000-000001412097_w948_r1.77_fpx60_fpy50.jpg\" title=\"Schlachthof in Niedersachsen\" alt=\"Schlachthof in Niedersachsen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Schlachthof in Niedersachsen<\/p>\n<p> Mohssen Assanimoghaddam\/ dpa <\/figcaption><\/figure>\n<p>Immer wieder die Fleischindustrie: Die Corona-Ausbr\u00fcche bei T\u00f6nnies in Nordrhein-Westfalen und einer Wiesenhof-Schlachterei in Niedersachsen besch\u00e4ftigen ganz Deutschland &#8211; und sch\u00fcren die Angst vor einer zweiten Welle der Pandemie. Und je st\u00e4rker sich die Ausbr\u00fcche auf eine Branche konzentrieren, um so gr\u00f6\u00dfer wird der Wunsch nach Wissen \u00fcber diese sonst eher diskrete Branche.<\/p>\n<p>Die Coronakrise sei wie ein Brennglas f\u00fcr die Situation, konstatierte am Freitag sogar Agrarministerin Julia Kl\u00f6ckner (CDU), die zuvor nicht gerade als Gegnerin der Fleischindustrie aufgefallen war. &quot;Es wird keine zweite Chance geben f\u00fcr die gesamte Branche&quot;, sagte Kl\u00f6ckner, nachdem sie sich in D\u00fcsseldorf mit Unternehmens- und Verbandsvertretern zu einer Art &quot;Fleischgipfel&quot; getroffen hatte.<\/p>\n<p>Selbst Firmenchef Clemens T\u00f6nnies gibt sich mittlerweile kleinlaut: &quot;Wir wollen auch in Zukunft in Deutschland Fleisch produzieren. Daf\u00fcr brauchen wir die gesellschaftliche Akzeptanz.&quot; Gr\u00fcnenpolitiker Anton Hofreiter forderte bereits einen Boykott von T\u00f6nnies-Produkten, obwohl diese f\u00fcr Verbraucher noch nicht mal ohne Weiteres erkennbar sind: Die Ware wird unter einer Vielzahl von Marken vertrieben. Zu T\u00f6nnies geh\u00f6rt etwa die &quot;Zur M\u00fchlen&quot;-Gruppe mit Marken wie <strong>Gutfried<\/strong>, <strong>B\u00f6cklunder<\/strong>, <strong>Zimbo<\/strong> oder <strong>Hareico<\/strong>.<\/p>\n<p>Wo also liegen die gr\u00f6\u00dften Probleme der Fleischindustrie in Deutschland &#8211; und was wird getan?<\/p>\n<h3>Konzentration der Betriebe<\/h3>\n<p>Vom n\u00f6rdlichen Nordrhein-Westfalen \u00fcber das westliche Niedersachsen erstreckt sich eine Region, die manche den Schweineg\u00fcrtel nennen. Die N\u00e4he zu den Seeh\u00e4fen galt als wichtig, um billig Futter importieren zu k\u00f6nnen. Es entstand die wohl deutscheste aller denkbaren Kopien des amerikanischen Belt-Konzepts: Allein in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg leben rund sechsmal so viele Schweine wie Menschen, jeder dritte Job h\u00e4ngt an der Tierhaltung. Doch w\u00e4hrend die Zahl der geschlachteten Tiere in der Fleischbranche hoch bleibt, sinkt die Zahl der Betriebe, unter M\u00e4stern wie unter Schlachtern.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu verwobenen Konzernen, die ihre Macht ausbauen. Laut Interessengemeinschaft der Schweinehalter werden bereits fast 80 Prozent aller Schweine von den zehn gr\u00f6\u00dften Konzernen geschlachtet. Allein T\u00f6nnies kommt demnach auf einen Marktanteil von einem Drittel. Beim Blick auf die Karte mit den gr\u00f6\u00dften Fleischbetrieben des Landes ist der Schweineg\u00fcrtel noch gut zu erkennen:<\/p>\n<p>Besonders stark sei die Konzentration, so der Kasseler Agrar\u00f6konom Ulrich Hamm, in der Gefl\u00fcgelbranche, wo es nur noch ganz wenige Gro\u00dfe gebe. &quot;Dabei ist es genau das, was die Verbraucher nicht wollen&quot;, sagt Hamm. Die Kunden w\u00fcrden auch mehr Geld f\u00fcr regionale und umweltgerechtere Waren ausgeben. &quot;Die Zahl der Verbraucher, die bereit ist, daf\u00fcr h\u00f6here Preise zu bezahlen, ist viel gr\u00f6\u00dfer als der derzeitige Marktanteil dieser Produkte.&quot;<\/p>\n<p>Die kleinen Schlachth\u00f6fe wiederum klagen \u00fcber hohe Kosten &#8211; aber auch \u00fcber strenge Auflagen der EU. Kleine Schlachter, so Forscher Hamm, h\u00e4tten zudem &quot;bewusst nicht die M\u00f6glichkeit genutzt, sich von ausl\u00e4ndischen Schlachtbrigaden abh\u00e4ngig zu machen&quot;.<\/p>\n<h3>Arbeitsbedingungen<\/h3>\n<p>Seit den Corona-Ausbr\u00fcchen wird besonders \u00fcber die Lage der Arbeiter in Schlachth\u00f6fen diskutiert. Unter ihnen sind seit der EU-Erweiterung viele aus Osteuropa. Die gro\u00dfen Betriebe verlassen sich zunehmend auf die flei\u00dfigen, aber schlecht bezahlten Arbeitskr\u00e4fte, angeblich auch weil Menschen aus Deutschland diese Arbeit nicht mehr machen w\u00fcrden. Daran k\u00f6nnten aber auch die L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen schuld sein. In der Coronakrise wird entsprechend viel \u00fcber enge Unterbringung in Massenunterk\u00fcnften sowie Lohndumping durch Werkvertr\u00e4ge und Subunternehmertum diskutiert.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung hat inzwischen beschlossen, Werkvertr\u00e4ge in der Fleischindustrie bis Jahresende zu verbieten. T\u00f6nnies k\u00e4mpfte lange f\u00fcr den Erhalt. Nachdem er nun immer mehr unter Druck steht, verk\u00fcndete er schlie\u00dflich das eh l\u00e4ngst Beschlossene &#8211; und will bis Ende 2020 Werkvertr\u00e4ge &quot;in allen Kernbereichen&quot; abschaffen. Die Frage der Unterbringung der Menschen indes l\u00e4sst sich wom\u00f6glich nicht so schnell l\u00f6sen. Auch weil viele Arbeiter selbst kein Interesse daran haben d\u00fcrften, noch mehr Geld f\u00fcr ihre Unterkunft hier ausgeben zu m\u00fcssen &#8211; sie wollen m\u00f6glichst viel an die Familien nach Hause schicken.<\/p>\n<p>Durch \u00e4hnlich enge Unterk\u00fcnfte drohen auch zur Erntehauptzeit der Landwirtschaft im Herbst neue Ausbr\u00fcche, wenngleich das Virus in kalten Schlachth\u00f6fen besonders gute Verbreitungsm\u00f6glichkeiten hat.<\/p>\n<h3>Schlachtbank Europas<\/h3>\n<p>Die deutsche Fleischindustrie produziert deutlich mehr als hierzulande gegessen wird. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei gut 115 Prozent, der Export\u00fcberschuss bei Fleisch und Fleischwaren betr\u00e4gt 1,3 Millionen Tonnen.<\/p>\n<p>Von dem bei T\u00f6nnies geschlachteten Fleisch geht laut Branchenranking der Fleischwirtschaft 50 Prozent in den Export, beim zweitgr\u00f6\u00dften Konzern Vion sind es demnach 37 Prozent, beim drittgr\u00f6\u00dften Westfleisch mehr als 41 Prozent. Und das Auslandsgesch\u00e4ft mit dem Billigfleisch d\u00fcrfte wichtiger werden: Der Verbrauch in Deutschland &#8211; derzeit 87,8 Kilo pro Kopf und Jahr &#8211; geht seit Jahren zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es ist ein umk\u00e4mpftes Gesch\u00e4ft, in dem die Preise f\u00fcr Schweinefleisch zuletzt deutlich fielen. Das veranlasste den Discounter Aldi in Deutschland etwa dazu, von den H\u00e4ndlern noch niedrigere Preise zu verlangen. Der Druck, die Margen \u00fcber Masse gro\u00df zu halten, ist immens.<\/p>\n<p>Und es werden nicht nur Tiere aus Deutschland geschlachtet. &quot;Wir haben in den letzten Jahren einen Schlachttiertourismus aufgebaut&quot;, sagt Agrar\u00f6konom Hamm. &quot;Lebende Schweine aus den Niederlanden und zum Teil auch aus D\u00e4nemark werden zum Schlachten \u00fcber die Grenze gebracht, weil die Schlachth\u00f6fe hierzulande billiger arbeiten, unter Bedingungen, die, wie die Werkvertr\u00e4ge, im Ausland teils bereits verboten sind.&quot;<\/p>\n<p>Laut Statistischem Bundesamt wurden 2019 insgesamt 3,3 Millionen Tiere zum Schlachten importiert, viele von ihnen kehrten in Form von fertig zerlegten Schweineh\u00e4lften wieder in ihre L\u00e4nder zur\u00fcck.<\/p>\n<h3>Hoch industrialisiertes System<\/h3>\n<p>In den Rahmenbedingungen f\u00fcr die deutsche Landwirtschaft liegt ein weiterer Grund, warum es der Fleischindustrie hierzulande so gut geht: Jahrelang galten lasche Regeln zur Entsorgung der Exkremente. Erst im M\u00e4rz stimmte der Bundesrat nach heftigen Auseinandersetzungen der neuen D\u00fcngeverordnung zu &#8211; und konnte so hohe Strafzahlungen der EU gerade noch abwenden. W\u00e4hrend in den Niederlanden schon lange strengere Vorgaben gelten, konnte in Deutschland die G\u00fclle besonders stark ausgefahren werden &#8211; f\u00fcr das Grundwasser fatal, f\u00fcr die Fleischindustrie ein Wettbewerbsvorteil.<\/p>\n<p>Die Landwirte stehen dennoch unter Druck, ihre Tiere just in time zu liefern. Wenn ein etwa wegen Corona geschlossener Schlachthof keine Tiere mehr abnimmt, kann das im Stall zu Problemen f\u00fchren. Gro\u00dfe, schlachtreife Tiere nehmen noch mehr zu, als sie sollten &#8211; und verbrauchen dort Platz, wo bereits die n\u00e4chsten Tiere heranwachsen.<\/p>\n<h3>Fleischpreis und Kennzeichnung<\/h3>\n<p>Die Politik streitet zudem seit Jahren, ob sich die Lage von Arbeitern und Tieren durch h\u00f6here Preise oder sch\u00e4rfere Kennzeichnungspflichten verbessern l\u00e4sst. Auch Agrarministerin Kl\u00f6ckner spricht sich inzwischen f\u00fcr eine Tierwohlabgabe aus, mit der die Fleischbranche bessere Bedingungen wie neue St\u00e4lle schaffen k\u00f6nnen soll. Experte Hamm zufolge geht die Politik damit den zweiten Schritt vor dem ersten: &quot;Sinnvoll w\u00e4re es zun\u00e4chst, die Mindestanforderungen an die Haltung so zu versch\u00e4rfen, dass es tierschutzgerecht ist. Das \u00e4ndere ich nicht mit einer kleinen Abgabe.&quot;<\/p>\n<p>K\u00f6nnen normale Verbraucher durch ihr Einkaufsverhalten etwas \u00e4ndern? &quot;Ja&quot;, sagt Agrar\u00f6konom Hamm, &quot;wenn Verbraucher einfach erkennen k\u00f6nnen, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden&quot;. Er fordert daher eine gesetzlich verpflichtende und eindeutige Kennzeichnung von Fleischprodukten.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Schlachthof in Niedersachsen Mohssen Assanimoghaddam\/ dpa Immer wieder die Fleischindustrie: Die Corona-Ausbr\u00fcche bei T\u00f6nnies in Nordrhein-Westfalen und einer Wiesenhof-Schlachterei in Niedersachsen besch\u00e4ftigen ganz Deutschland &#8211; und sch\u00fcren die<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-779","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/779","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=779"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/779\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=779"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=779"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=779"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}