{"id":753,"date":"2020-06-27T11:41:32","date_gmt":"2020-06-27T08:41:32","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/bildungsforscher-zur-corona-krise-lehrkrafte-haben-viel-zu-wenig-zuruckgegeben\/"},"modified":"2020-06-27T11:41:32","modified_gmt":"2020-06-27T08:41:32","slug":"bildungsforscher-zur-corona-krise-lehrkrafte-haben-viel-zu-wenig-zuruckgegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/bildungsforscher-zur-corona-krise-lehrkrafte-haben-viel-zu-wenig-zuruckgegeben\/","title":{"rendered":"Bildungsforscher zur Corona-Krise: &#8220;Lehrkr\u00e4fte haben viel zu wenig zur\u00fcckgegeben\u201c"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4b694ee0-3964-4e84-a0db-9286f525dbfa_w948_r1.77_fpx33.34_fpy50.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption> J\u00fcrgen Ritter\/ imago images\/J\u00fcrgen Ritter <\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"caps\"><strong>SPIEGEL<\/strong>: Herr Bauer, seit den Schulschlie\u00dfungen sind 15 Wochen vergangen. Haben die Schulen die Zeit genutzt, um sich auf die Situation einzustellen?<\/p>\n<p><strong>Ullrich Bauer<\/strong>: Nein, \u00fcberhaupt nicht. Das vorherrschende Gef\u00fchl an Schulen ist Verunsicherung. Ich spreche nicht \u00fcber die Leuchtt\u00fcrme, die es nat\u00fcrlich gibt, aber die Mehrheit der Schulen hat wochenlang abgewartet. Hier wurden grundlegende Fragen wie Datenschutzvorgaben beim Fernunterricht bis heute nicht gel\u00f6st; es fehlt weiter an Kommunikationsstrukturen, manchmal sind die Kollegen und Kolleginnen noch nicht einmal untereinander vernetzt. Es gibt Schulen, an denen weniger als f\u00fcnf Prozent der Lehrkr\u00e4fte digitale Unterrichtsangebote machen. Wir beobachten mit allergr\u00f6\u00dfter Sorge, dass jetzt die Sommerferien in einigen Bundesl\u00e4ndern beginnen &#8211; ohne dass es eine Vorbereitung auf unterschiedliche Szenarien im kommenden Schuljahr gibt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Wer hat hier versagt?  <\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Das ganze System der Schulsteuerung, angefangen vom Land \u00fcber den Bezirk bis runter zum Schultr\u00e4ger. Die L\u00e4nder haben ihre Aufgabe nicht wahrgenommen, sondern wegen der Unsicherheiten abgewartet &#8211; und die Ebenen darunter haben dann auch mit Abwarten reagiert. Wir m\u00fcssen sehr genau evaluieren, warum hier nicht gehandelt wurde. Die Schulsteuerung l\u00e4uft allerdings schon seit Jahren nicht gut, und das ist in diesem Fall vielleicht sogar ein Gl\u00fcck. Es gibt Schulen, die beherzt reagiert haben, weil sie es gewohnt sind, dass sie alles selbst angehen m\u00fcssen. Aber die Schulen, die sich darauf verlassen, dass sie reguliert und gesteuert werden, wurden alleingelassen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Was muss passieren?<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Jetzt muss sehr viel investiert werden, gerade in der Sommerpause. Wir brauchen kluge Gremien, die miteinander agieren und Konzepte entwickeln. Die Schulen m\u00fcssen einbezogen werden und es m\u00fcssen intensive Gespr\u00e4che gef\u00fchrt werden. Doch nichts davon ist sichtbar, schon die Bereitschaft fehlt. Wir beobachten Schulen, die jetzt fr\u00f6hlich in die Ferien gehen. Das ist sicherlich das falsche Signal.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Fehlt die Bereitschaft bei den Schulleitungen und Lehrkr\u00e4ften oder in der Politik?<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Definitiv bei beiden Gruppen. Politisch m\u00fcssten eindeutige Signale gesendet werden. Wenn das nicht kommt, dann kann eine Berufsgruppe, die so stark von Weisungen abh\u00e4ngig ist, nat\u00fcrlich auch nicht agieren. Schultr\u00e4ger, Bezirks- und Landespolitik k\u00f6nnten agieren. Aber die Bereitschaft muss da sein.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Inwiefern fehlt die bei den Lehrkr\u00e4ften?<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Lehrerinnen und Lehrer geh\u00f6ren zu einer der wenigen Berufsgruppen, die weitgehend unbeschadet durch die Pandemie gehen: Sie haben keine Einkommenseinbu\u00dfen, keine Kurzarbeit &#8211; aber viel zu wenig angeboten. Dabei bilden wir seit vielen Jahren daf\u00fcr aus, individualisierte Unterrichtsangebote zu machen. Lehrkr\u00e4fte in Deutschland genie\u00dfen ein gro\u00dfes Privileg, haben in der Pandemie aber viel zu wenig zur\u00fcckgegeben. Ihre Legitimation leidet darunter.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Das klingt nach pauschaler Lehrerschelte.<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Das w\u00e4re nat\u00fcrlich falsch. Wir haben eine ganze Reihe von Lehrkr\u00e4ften, die Vorbilder sind. Aber es gibt eine Tabuneigung im Bildungsbereich: Man kritisiert die Arbeit von Lehrkr\u00e4ften nicht. Hier geht es aber nicht um Schelte, sondern darum, die Lehrkr\u00e4fte weiter zu professionalisieren. Sonst wird mit den F\u00fc\u00dfen abgestimmt und dann nimmt die Segregation im Schulsystem weiter zu. Weil die, die es sich leisten k\u00f6nnen, ihre Kinder auf gut funktionierende oder Privatschulen schicken und die anderen Kinder weiter abrutschen. Dadurch hebeln wir aus, was wir als ein \u00f6ffentliches Schulsystem bewahren wollen: Gute Angebote, die Chancengerechtigkeit bieten, aber auch fl\u00e4chendeckend gute Qualifizierung. Genau das steht momentan auf dem Spiel.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Schon jetzt ist klar: Die Unterschiede zwischen den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, die zu Hause gute Lernbedingungen haben, und anderen, die diese Voraussetzungen nicht haben, werden durch den wochenlangen Lockdown weiter zunehmen.<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Exakt. Dass auf das Etikett Homeschooling gesetzt wurde, ist eine bildungspolitische Unversch\u00e4mtheit. Damit wird das vorausgesetzt, was wir seit Jahrzehnten zu verhindern versuchen: Die Abh\u00e4ngigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus &#8211; sie ist das gro\u00dfe Manko des deutschen Schulsystems.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Hinzu kommt die fehlende Digitalisierung der Schulen, der Digitalpakt wurde verschleppt, und bisher wurde nur ein Bruchteil der Gelder abgerufen. Bringt die Krise an der Stelle einen Schub?<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Das Problembewusstsein ist zwar extrem gewachsen, aber man ist sich in der hiesigen \u00d6ffentlichkeit nicht bewusst, wie weit Deutschland in digitaler Hinsicht zur\u00fcckh\u00e4ngt. Wir brauchen eine grundlegende strukturelle Ver\u00e4nderung, die Lehrkr\u00e4fte m\u00fcssen fortgebildet werden. In manchen Schulen gibt es Spaltungstendenzen, weil Lehrkr\u00e4fte, die sich intensiv digital engagieren, ausgegrenzt werden. Das ist f\u00fcr die Kollegien brandgef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Aber die Pandemie beschleunigt den Prozess der Digitalisierung?<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Ja, aber nicht \u00fcberall, es gibt eine weitere Polarisierung: Die Schulen, die schon vor der Krise digital aufgestellt waren, haben den Trend genutzt und einen weiteren Schritt nach vorn gemacht. Die Schulen, die noch sehr analog ausgerichtet waren, sind stehen geblieben. Die digitale Kluft auf Schulebene ist noch gr\u00f6\u00dfer geworden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Wie kann es nach den Sommerferien weitergehen?<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Generell gilt: Alles, was wir in den Rahmenrichtlinien und Curricula vorsehen, ist momentan au\u00dfer Kraft gesetzt. Da kann man nicht einfach weiterarbeiten. Wir m\u00fcssen ein genaues Screening betreiben, wo die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler stehen und mit individuellen Angeboten reagieren. Daf\u00fcr brauchen wir wahrscheinlich mehr Personal. Aber der Stoff l\u00e4sst sich nicht einfach nachholen, wir brauchen einen Schnitt. Die Bedeutung der Inhalte sollte ohnehin nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Wie meinen Sie das?<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>: Die Schule soll Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler f\u00fcr ihre weitere Bildungsbiografie und den \u00dcbergang ins Erwerbsleben vorbereiten. Der methodische Modus ist daf\u00fcr wichtiger als der inhaltliche. In der jetzigen Situation m\u00fcssen die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler lernen, wie sie mit den teils widerspr\u00fcchlichen Informationen \u00fcber die Krise umgehen, und wie sie mit sich selbst umgehen k\u00f6nnen: Wie strukturiere ich mich? Wie schaffe ich es, selbstst\u00e4ndig zu lernen? All die Angebote, die in der Schule so selten vorkommen, werden jetzt umso wichtiger.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern J\u00fcrgen Ritter\/ imago images\/J\u00fcrgen Ritter SPIEGEL: Herr Bauer, seit den Schulschlie\u00dfungen sind 15 Wochen vergangen. Haben die Schulen die Zeit genutzt, um sich auf die Situation einzustellen? 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