{"id":739,"date":"2020-06-26T19:47:46","date_gmt":"2020-06-26T16:47:46","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/kitas-und-das-coronavirus-wenn-das-kind-nicht-hin-darf-weil-die-nase-lauft\/"},"modified":"2020-06-26T19:47:46","modified_gmt":"2020-06-26T16:47:46","slug":"kitas-und-das-coronavirus-wenn-das-kind-nicht-hin-darf-weil-die-nase-lauft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/kitas-und-das-coronavirus-wenn-das-kind-nicht-hin-darf-weil-die-nase-lauft\/","title":{"rendered":"Kitas und das Coronavirus: Wenn das Kind nicht hin darf, weil die Nase l\u00e4uft"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/23387ee4-580f-413e-8e8a-d173a842cf82_w948_r1.77_fpx47.33_fpy55.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption> Jennifer van Son\/ Getty Images <\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"caps\">Eva-Marie Neuheim hatte sich darauf gefreut, endlich wieder wie gewohnt arbeiten gehen zu k\u00f6nnen. Sie lebt im brandenburgischen Senftenberg und hat &#8211; wie auch ihr Mann &#8211; eine systemrelevante Vollzeitstelle. In den vergangenen Monaten haben beide ziemlich rotiert, um ihre Jobs mit der eingeschr\u00e4nkten Notbetreuung der Kita zu vereinbaren.<\/p>\n<p>Doch als der Regelbetrieb in Brandenburgs Kitas Mitte Juni wieder losging, war ihr f\u00fcnfj\u00e4hriger Sohn nicht dabei. &quot;Er hatte am Freitag zuvor in der Kita gehustet&quot;, sagt Neuheim, die darum gebeten hat, in diesem Artikel ihren Namen zu \u00e4ndern. &quot;Wir sollten ihn sofort abholen.&quot;<\/p>\n<p>Ihr Sohn sei danach wieder fit gewesen, sagt Neuheim. Trotzdem musste er eine Woche lang zu Hause bleiben, so wie auch seine j\u00fcngere Schwester. &quot;Wir haben unterschrieben, dass sie nicht betreut werden k\u00f6nnen, wenn jemand in der Familie Erk\u00e4ltungssymptome aufweist.&quot;<\/p>\n<p>Bundesweit haben Kitas wieder regul\u00e4r ge\u00f6ffnet &#8211; allerdings mit strikten Hygienevorkehrungen. So sieht es die dritte Phase vor, die die Familienminister von Bund und L\u00e4ndern in einem gemeinsamen Papier erarbeitet haben. Was sinnvoll klingt, stellt viele Familien vor praktische Probleme: Sobald ein Kind eine Schnupfnase hat, kann die langersehnte Regelbetreuung schnell wieder wegbrechen.<\/p>\n<h3>Keine Betreuung wegen Neurodermitis<\/h3>\n<p>Und daf\u00fcr braucht es nicht einmal eine laufende Nase: Die zweij\u00e4hrige Tochter einer Mutter aus Essen hatte schon vor der Coronakrise einen juckenden Ausschlag in den Kniekehlen und Armbeugen. &quot;Ihre Erzieherin wusste, dass sie Neurodermitis hat, und das war zun\u00e4chst auch kein Problem&quot;, erz\u00e4hlt die Mutter am Telefon.<\/p>\n<p>Doch dann a\u00df das M\u00e4dchen in der Kita mittags Tomatenso\u00dfe, und das Jucken wurde schlimmer. &quot;Ich war gerade in einem Meeting, als mich die Kita anrief&quot;, sagt die Mutter, die darum gebeten hat, hier nicht namentlich genannt zu werden. &quot;Ich solle meine Tochter bitte abholen, weil alle Kinder g\u00e4nzlich symptomfrei sein m\u00fcssten, und ihr Ausschlag sehe irgendwie ansteckend aus.&quot;<\/p>\n<p>Weil ein Feiertag und ein Br\u00fcckentag anstanden, dauerte es f\u00fcnf Tage, bis die Mutter das gew\u00fcnschte Attest vom Kinderarzt besorgen konnte, in dem stand, dass der Ausschlag unbedenklich sei.<\/p>\n<p>Vor \u00e4hnlichen Problemen stehen gerade zahlreiche M\u00fctter und V\u00e4ter: &quot;Wir bekommen gerade jeden zweiten Tag Nachrichten von Eltern, die beklagen, dass ihre Kinder wegen Schnupfen, Husten oder Ausschlag nicht in die Kita oder Schule d\u00fcrfen&quot;, sagt die Hamburger Journalistin Alexandra Zykunov, die sich bei der Initiative &quot;Familien in der Krise&quot; engagiert.<\/p>\n<p>&quot;Nat\u00fcrlich geh\u00f6ren kranke Kinder nicht in Kitas und Schulen&quot;, sagt Zykunov. &quot;Aber dass sie wegen einer abklingenden Erk\u00e4ltung tagelang und immer wieder zu Hause bleiben m\u00fcssen, ist kein tragf\u00e4higes Konzept f\u00fcr Millionen Kinder und ihre Eltern in der Herbstzeit.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Ich teste&quot;<\/h3>\n<p>Die Kinder\u00e4rztin Karella Easwaran mit eigener Praxis in K\u00f6ln hat gerade t\u00e4glich mit Eltern zu tun, die eine &quot;Gesundschreibung&quot; f\u00fcr ihr Kind ben\u00f6tigen, damit es wieder zur Schule oder in den Kindergarten gehen kann. &quot;Gerade die kleinen Kinder holen jetzt in kurzer Zeit all die Infektionen nach, die sie in den Monaten des Lockdowns ausgespart haben&quot;, so Easwaran. &quot;Aber ich kann nat\u00fcrlich anhand der k\u00f6rperlichen Untersuchung nicht erkennen, ob ein Kind mit Corona infiziert ist oder nicht.&quot;<\/p>\n<p>Easwaran testet daher konsequent alle Kinder, die mit einer fraglichen Symptomatik zu ihr kommen, auf Sars-Cov-2. &quot;Ich bin heute schon mehrfach gehauen und getreten worden, der Rachen- und der Nasenabstrich ist sehr unangenehm f\u00fcr die Kleinen&quot;, so die Kinder\u00e4rztin. &quot;Aber wenn ich es nicht vern\u00fcnftig mache, hat es keinen Sinn.&quot;<\/p>\n<p>Easwaran entnimmt seit Wochen t\u00e4glich mehrere Proben und l\u00e4sst diese von einem Boten in ein nahe gelegenes Labor bringen &#8211; keiner war positiv. Easwaran macht das auf eigene Veranlassung, ein konzertiertes Vorgehen aller Kinder\u00e4rzte, eine klar vorgegebene Strategie, wie mit der problematischen Situation in den Kinderg\u00e4rten und Schulen umgegangen werden soll, fehlt. &quot;Ich finde es wichtig, dass wir in dieser eher ruhigen Zeit Daten sammeln, deswegen teste ich&quot;, sagt die Kinder\u00e4rztin. &quot;Ich bin schon erstaunt, dass nicht das Einfachste entwickelt wird, n\u00e4mlich eine vern\u00fcnftige Teststrategie f\u00fcr alle Bildungseinrichtungen auf nationaler oder Landesebene.&quot;<\/p>\n<p>Fakt ist: Seit Wochen stehen in Deutschland w\u00f6chentlich mehr als eine Million Tests zur Verf\u00fcgung. Ausgesch\u00f6pft werden diese Kapazit\u00e4ten allerdings nicht, in den vergangenen zehn Wochen wurden zwischen 325.000 und 432.000 Tests durchgef\u00fchrt. Was passiert mit dem Rest? Wer entscheidet, ob die Tests besser in Altenheimen oder Krankenh\u00e4usern, in Kitas oder Schulen eingesetzt werden?<\/p>\n<p>Dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge, der zentralen Bundesbeh\u00f6rde f\u00fcr die Krankheits\u00fcberwachung und -pr\u00e4vention, gibt es drei S\u00e4ulen bei der Teststrategie:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>die Testung von vermutlich Erkrankten,<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>die konsequente Nachverfolgung von Personen, die sich m\u00f6glicherweise infiziert haben und<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>die besondere Aufmerksamkeit auf Risikopersonen etwa in Heimen und Krankenh\u00e4usern.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Begleitet werde dies &#8211; auch in Schulen und Kitas &#8211; durch Studien. Dort sei eine Gesamtstrategie erforderlich, die im Hinblick auf die Vorbeugung von Infektionen auch die Organisation des Schul- und Kita-Alltags einschlie\u00dfe.<\/p>\n<p>\u00dcber den Einsatz der Tests werde in regional angepassten Strategien in den Bundesl\u00e4ndern entschieden, wie etwa in einer eigens daf\u00fcr eingerichteten Arbeitsgruppe beim Berliner Senat, sagt RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher. Auf der Coronavirus-Seite des Instituts hei\u00dft es zudem: &quot;Von einer ungezielten Testung von asymptomatischen Personen wird aufgrund der unklaren Aussagekraft eines negativen Ergebnisses (lediglich Momentaufnahme) in der Regel abgeraten.&quot;<\/p>\n<h3>W\u00f6chentliche Tests f\u00fcr jedes Kind?<\/h3>\n<p>Die K\u00f6lner Mutter Maaike Tiedge, die die Initiative &quot;Familien in der Krise&quot; im Mai mitgegr\u00fcndet hat, fragt: &quot;W\u00e4re es nicht sinnvoll, w\u00f6chentlich sogenannte Pool-Tests durchzuf\u00fchren, um abzusch\u00e4tzen, ob ein Kind einer Gruppe erkrankt ist? Auf diese Weise kann kosteng\u00fcnstig und schnell eine m\u00f6gliche Ausbreitung des Virus einged\u00e4mmt werden.&quot;<\/p>\n<p>Das Prinzip des Proben-Poolings erlaubt Massentestungen. Dabei werden Proben von mehreren Menschen geb\u00fcndelt und auf Sars-Cov-2 untersucht. Ein negatives Ergebnis spricht daf\u00fcr, dass keiner der Getesteten infiziert ist. Bei einem positiven Ergebnis m\u00fcssen die Proben der Untersuchten anschlie\u00dfend einzeln getestet werden. Das Verfahren k\u00f6nnte unter Umst\u00e4nden Zeit und Geld sparen. F\u00fcr einen Corona-Test erstatten die Krankenkassen ab dem 1. Juli 39,40 Euro.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re das Geld gut angelegt &#8211; schon allein, um das Stresslevel der betroffenen Eltern zu senken. Denn ein unverhoffter Anruf aus der Kita bringt regelm\u00e4\u00dfig nicht nur ihren Arbeitstag durcheinander. Sie geraten auch noch zunehmend in Rechtfertigungsdruck gegen\u00fcber ihrem Arbeitgeber. &quot;Mit den ersten Lockerungen hat sich der Eindruck verbreitet, dass man nun zur Tagesordnung \u00fcbergehen kann&quot;, erkl\u00e4rt Bettina Kohlrausch vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans B\u00f6ckler Stiftung. Vor diesem Hintergrund falle es nat\u00fcrlich negativ auf, wenn Termine kurzfristig abgesagt werden m\u00fcssten. &quot;Der Stress von Eltern infolge der Schul- und Kitaschlie\u00dfungen war auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die gesetzlichen Regelungen zur Entlastung von Eltern nicht gut zu der Lebensrealit\u00e4t von Eltern passten. Das kann sich jetzt versch\u00e4rfen, weil nun wieder der Einzelne aus dem Rahmen f\u00e4llt, der den Anruf aus der Kita erhalten hat.&quot;<\/p>\n<h3>Effekt d\u00fcrfte im Herbst richtig durchschlagen<\/h3>\n<p>Die Auswirkungen lie\u00dfen sich allerdings derzeit noch nicht in Zahlen fassen. Schon allein, weil jede Kita-Erzieherin unterschiedlich auf eine laufende Nase oder einen Hustenreiz reagiere. Zumindest die Perspektive der Eltern fragt das Team um Kohlrausch in einer zweiten Fragerunde der WSI-Feldstudie gerade ab.<\/p>\n<p>Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft versucht dagegen, die betroffenen Eltern zu beruhigen. &quot;Die Unternehmen sind sich der Ausnahmesituation bewusst&quot;, erkl\u00e4rt der Arbeitsmarktexperte. Das schlie\u00dfe allerdings nicht aus, dass betroffene Mitarbeiter es als besonderen Stress erleben w\u00fcrden, wenn sie die Tagesplanung nach einem Anruf aus der Kita umwerfen m\u00fcssten.  <\/p>\n<p>Mareike B\u00fcnning vom Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung bef\u00fcrchtet, dass der Effekt im Herbst richtig durchschl\u00e4gt, wenn sich die Erk\u00e4ltungen h\u00e4ufen. &quot;Politik und Arbeitgeber sollten schon jetzt \u00fcberlegen, wie man dann Arbeitsl\u00e4ufe organisieren und die Eltern weiter unterst\u00fctzen kann.&quot;<\/p>\n<p>Es kann allerdings sein, dass selbst ein negativer Test Eltern nicht davor bewahrt, ihr Kind zu Hause betreuen zu m\u00fcssen. Eine Hamburger Mutter &#8211; auch sie will ihren Namen nicht genannt haben &#8211; erz\u00e4hlt: &quot;Am 7. Juni bekam mein Sohn einen Schnupfen. Vier Tage sp\u00e4ter lie\u00df ich ihn im Rahmen einer Studie auf Covid-19 testen. Der Test war negativ und es ging ihm besser. Eigentlich h\u00e4tte er dann wieder in die Kita gehen k\u00f6nnen.&quot;<\/p>\n<p>Doch die Kita habe vorgegeben, dass der zweij\u00e4hrige Junge noch eine weitere volle Woche zu Hause bleiben sollte. Die Begr\u00fcndung: &quot;Wenn weitere Kinder Husten und Schnupfen bek\u00e4men, sei schwer nachvollziehbar, ob sie sich bei meinem Sohn angesteckt h\u00e4tten oder doch am Coronavirus erkrankt seien&quot;, sagt die Mutter.<\/p>\n<p>Auch andere Eltern h\u00e4tten ihre Kinder in den vergangenen Tagen vorzeitig abholen m\u00fcssen &#8211; oder durften sie morgens gar nicht erst abgeben, weil ihre Nase lief, sagt die Hamburger Mutter. &quot;Ich frage mich, wie das im Herbst werden soll. Zum Gl\u00fcck sind meine Arbeitgeber und die meines Mannes bisher sehr kulant.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Jennifer van Son\/ Getty Images Eva-Marie Neuheim hatte sich darauf gefreut, endlich wieder wie gewohnt arbeiten gehen zu k\u00f6nnen. 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