{"id":719,"date":"2020-06-25T21:22:12","date_gmt":"2020-06-25T18:22:12","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wirecard-was-die-pleite-fur-aktionare-bedeutet\/"},"modified":"2020-06-25T21:22:12","modified_gmt":"2020-06-25T18:22:12","slug":"wirecard-was-die-pleite-fur-aktionare-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wirecard-was-die-pleite-fur-aktionare-bedeutet\/","title":{"rendered":"Wirecard: Was die Pleite f\u00fcr Aktion\u00e4re bedeutet"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/f0b09462-6f4d-4297-b6b4-743d3a925ec8_w948_r1.77_fpx40.77_fpy55.jpg\" title=\"Wirecard-Hauptversammlung 2019: Die Aktie galt einst als Hoffnungstr\u00e4ger\" alt=\"Wirecard-Hauptversammlung 2019: Die Aktie galt einst als Hoffnungstr\u00e4ger\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Wirecard-Hauptversammlung 2019: Die Aktie galt einst als Hoffnungstr\u00e4ger<\/p>\n<p> Peter Kneffel\/ dpa <\/figcaption><\/figure>\n<p>Es ist ein trauriger Rekord: Um fast 80 Prozent ist die Aktie des Zahlungsdienstleister abgerauscht, nachdem bekannt geworden war, dass das der Zahlungsabwickler Insolvenz anmelden muss. Zwischenzeitlich war das Papier nur noch 2,45 Euro wert. So tief ist noch kein Dax-Unternehmen je an einem Tag gest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Dabei war der Donnerstag nur der H\u00f6hepunkt einer schon seit Tagen anhalten Entwicklung: Vor gut einer Woche kostete das Papier noch mehr als 100 Euro, im Februar waren es sogar noch mehr als 140 Euro.  Es ist &quot;eine Katastrophe&quot;, wie auch Marc T\u00fcngler, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Anlegervereinigung DSW, sagt. &quot;Bei Wirecard hat das System versagt&quot;. Die Schnelligkeit der Entwicklung deute drauf hin, &quot;dass die Probleme noch sehr viel gr\u00f6\u00dfer sind als bisher bekannt&quot;.<\/p>\n<p>Klar ist schon jetzt, dass der Skandal um den einstigen B\u00f6rsen-Star in die Geschichte eingehen und Anleger wom\u00f6glich viel Geld kosten wird.<\/p>\n<p>Schon seit Tagen steht das Telefon bei Rechtsanw\u00e4lten quer durch Deutschland kaum still. &quot;Bei uns in der Kanzlei haben sich mittlerweile 13.500 Aktion\u00e4re registriert, um ihre Chancen auf Schadensersatz zu erfragen&quot;, sagt der T\u00fcbinger Kapitalmarktexperte und Anwalt Andreas Tilp. &quot;Als die Insolvenz heute bekannt wurde, kamen in nur einer Minute 99 E-Mails.&quot;<\/p>\n<p>Tilp hat schon vor l\u00e4ngerer Zeit Antrag auf ein so genanntes Kapitalanleger-Musterverfahren gestellt, bei dem zentrale Rechtsfragen und Tatsachen mit Bindungswirkung f\u00fcr Tausende von Kl\u00e4gern entschieden werden sollen. Die Probleme bei Wirecard sind schlie\u00dflich nicht erst seit dem 18. Juni bekannt, als der Wirtschaftspr\u00fcfer EY das Testat f\u00fcr den Jahresabschluss 2019 versagte.<\/p>\n<p>Anlass zur Sorge gab es schon seit Jahren: Im Februar 2016 tauchte der Bericht einer Plattform namens Zatarra im Internet auf, in dem teils wilde Vorw\u00fcrfe gegen Wirecard erhoben wurden. Sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte die &quot;Financial Times&quot; immer wieder kritische Artikel. Und immer wieder wies Wirecard die Kritik zur\u00fcck, Emittlungen wegen des Verdachts auf Marktmanipulation folgten, unter anderem weil parallel zur Ver\u00f6ffentlichung des Zatarra-Reports Hedgefonds gegen Wirecard gewettet hatten.<\/p>\n<h3>Aktion\u00e4re stehen weit hinten in der Schlange der Gl\u00e4ubiger<\/h3>\n<p>Tilp glaubt trotzdem, dass die Schadensersatzanspr\u00fcche von Anlegern bis zur Ver\u00f6ffentlichung des folgenschweren Berichts zur\u00fcckreichen. Dass also auch f\u00fcr solche Aktion\u00e4re Anspr\u00fcche bestehen, die irgendwann seit damals Papiere gekauft und damit einen Schaden erlitten haben. In dem Antrag f\u00fcr ein Musterverfahren wirft der Anwalt Wirecard n\u00e4mlich vor, mehrfach gegen die so genannte Ad-Hoc-Pflicht versto\u00dfen, das hei\u00dft b\u00f6rsenrelevante Nachrichten nicht publik gemacht zu haben &#8211; vor allem geht es um sogenannte Corporate-Governance-Versto\u00dfe. Verst\u00f6\u00dfe also gegen die gute Unternehmensf\u00fchrung, die aus seiner Sicht h\u00e4tten untersucht und \u00f6ffentlich gemacht werden m\u00fcssen. Wirecard will sich auf Anfrage dazu nicht \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Die Insolvenz freilich hat die Chance erheblich geschm\u00e4lert, bei Wirecard \u00fcberhaupt noch etwas f\u00fcr die Aktion\u00e4re zu holen. &quot;Sollte Wirecard tats\u00e4chlich abgewickelt werden, m\u00fcssten sich die Aktion\u00e4re mit ihren Forderungen &#8211; so sie denn berechtigt sind \u2013 in die Reihe der Gl\u00e4ubiger stellen. Und in dieser Reihe stehen sie dann ziemlich weit hinten&quot;, sagt Christoph Schalast, Professor unter anderem f\u00fcr Wirtschaftsrecht an der Frankfurt School of Finance. &quot;Vor ihnen kommen beispielsweise noch s\u00e4mtliche Banken, an die Sicherheiten abgetreten wurden. Wenn man dann bedenkt, dass bei einem typischen Insolvenzverfahren ungef\u00e4hr zehn Prozent der Anspr\u00fcche befriedigt werden, kann man schnell \u00fcberschlagen, wie viel da noch f\u00fcr die Aktion\u00e4re \u00fcbrigbleibt.&quot;<\/p>\n<p>Noch allerdings ist die Abwicklung von Wirecard nicht besiegelt: In Deutschland gibt es verschiedene Formen von Insolvenzverfahren, im Rahmen derer teilweise auch Sanierungen m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>Trotzdem will auch Anwalt Tilp vorsichtshalber noch mehr Gegner ins Visier nehmen: Den Musterverfahrensantrag will er ausweiten \u2013 auf Ex-Wirecard-Chef Markus Braun sowie zwei weitere Verantwortliche, sowie auf den langj\u00e4hrigen Wirtschaftspr\u00fcfer von Wirecard: EY (vormals: Ernst &amp; Young). Dieser hat zwar vor einigen Tagen die Rei\u00dfleine gezogen und das Testat f\u00fcr den Jahresabschluss 2019 verweigert. Doch jetzt steht die Frage im Raum, ob die Abschl\u00fcsse davor zurecht abgesegnet wurden.<\/p>\n<p>Der Berliner Anwalt Wolfgang Schirp hat deshalb vergangene Woche bereits mehrere Klagen gegen EY eingereicht, &quot;die Insolvenz von Wirecard hat sich ja schon abgezeichnet&quot;, sagt er. EY habe &quot;schuldhaft&quot; die 2018er-Bilanz testiert, obwohl schon dieser Abschluss den Cash-Bestand des Unternehmens um mehr als eine Milliarde Euro \u00fcberh\u00f6ht ausgewiesen habe, hei\u00dft es darin unter anderem. Anscheinend hat sich EY in fr\u00fcheren Jahren auf Salden- und Kontenbest\u00e4tigungen verlassen, die offenbar gef\u00e4lscht waren.<\/p>\n<h3>&quot;Wie gemalt, um die Haftung des Wirtschaftspr\u00fcfers vorzuexerzieren&quot;<\/h3>\n<p>Nicht nur Laien fragen sich, wie das bei solch hohen Summen passieren kann. &quot;Ein Wirtschaftspr\u00fcfer, der einen Jahresabschluss testiert, ist ja kein Ermittler: Er geht zun\u00e4chst von der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der vorgelegten Belege aus und pr\u00fcft nur stichprobenartig und risikoorientiert&quot;, gibt Edgar L\u00f6w zu bedenken, ebenfalls Professor an der Frankfurt School of Finance und Spezialist f\u00fcr Bilanzierung. &quot;Allerdings stelle ich mir schon die Frage, inwiefern die Abschlusspr\u00fcfer bei den anhaltenden negativen Berichten zu Wirecard nicht h\u00e4tten genauer hinsehen und von sich aus forensische Untersuchungen h\u00e4tten ansto\u00dfen sollen, wie sie sp\u00e4ter dann von der KMPG durchgef\u00fchrt wurden.&quot;<\/p>\n<p>Der Sonder-Pr\u00fcfbericht des EY-Konkurrenten zu Wirecard hatte Ende April Zweifel unter anderem an Gesch\u00e4ften mit Dittpartnern nicht vollst\u00e4ndig ausr\u00e4umen k\u00f6nnen und die Aktie bereits dramatisch abst\u00fcrzen lassen.<\/p>\n<p>EY erkl\u00e4rte am Donnerstag, man gehe von &quot;umfassendem Betrug&quot; bei Wirecard aus.<\/p>\n<p>Anwalt Schirp ist \u00fcberzeugt, dass der Fall &quot;wie gemalt ist, um die Haftung des Wirtschaftspr\u00fcfers vor Gericht vorzuexerzieren&quot;. Diese Haftung sei &quot;in der Literatur unstrittig&quot;. Anspruchsberechtigt seien dabei nicht nur f\u00fcr die gesch\u00e4digten Aktion\u00e4re, sondern auch alle Anleger, die die im Jahr 2019 emittierte Anleihe der Wirecard AG gezeichnet haben, sowie die Inhaber von Derivaten.<\/p>\n<p>Auch der Anlegeranwalt Klaus Nieding, der unter anderem f\u00fcr 40 institutionelle Investoren \u2013 also etwa Versicherer oder Pensionsfonds \u2013 Klagem\u00f6glichkeiten auslotet, will neben Wirecard nun auch M\u00f6glichkeiten gegen einzelne Verantwortliche sowie gegen EY pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Doch welche Chancen haben solche Klagen? Vergleichbare Prozesse in der Vergangenheit fehlen &#8211; der Wirecard-Skandal ist in seiner Dimension einzigartig.<\/p>\n<h3>&quot;Da wird ein riesiges Klagekarussel losgehen&quot;<\/h3>\n<p>Die klagenden Anw\u00e4lte verweisen unter anderem auf die Neunzigerjahre, als die Flotex-Gruppe aus der badischen Kleinstadt Ettlingen nicht existente Spezialbohrmaschinen f\u00fcr den Tunnelbau verkauft und einen Milliardenschaden verursacht hatte. Damals war es der Wirtschaftspr\u00fcfer KPMG, der mit in der Kritik stand &#8211; auch ihm wurden Vers\u00e4umnisse bei Gutachten und Bilanztestaten vorgeworfen. Eine langwierige gerichtliche Auseinandersetzung verhinderte das Unternehmen lediglich dadurch, dass es sich mit 100 Millionen Euro an der Entsch\u00e4digung von Flotex-Aktion\u00e4ren beteiligte. Auch wenn es die Vorw\u00fcrfe weiterhin zur\u00fcckwies.<\/p>\n<p>Rechtsexperte Schalast geht davon aus, dass neben EY auch etlichen anderen Protagonisten noch Schadensersatzklagen drohen. &quot;Am Ende wird es darauf ankommen, wo am meisten zu holen ist \u2013 wo beispielsweise so genannte D&amp;O-Versicherungen, also die Haftpflichtversicherungen von Managern einspringen.&quot; Allerdings schlie\u00dfen diese wissentliche Pflichtverletzung und vors\u00e4tzlich verursachte Sch\u00e4den in der Regel aus.<\/p>\n<p>Auch Fondsgesellschaften, die bis zuletzt teils hohe Best\u00e4nde an Wirecard-Aktien hielten, oder Bankberater, die noch sp\u00e4t zu einem Investment rieten, k\u00f6nnten ins Visier der Anlegeranw\u00e4lte geraten, glaubt Schalast. &quot;Und die werden dann wieder Wirecard und EY verklagen, weil sie auf deren Angaben vertraut haben. Da wird ein riesiges Klagekarussel losgehen.&quot;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben viele gro\u00dfe Fondsgesellschaften noch lange auf Wirecard gesetzt, obwohl sich die kritischen Zeitungsbericht zu m\u00f6glichen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten h\u00e4uften. Die Deutsche-Bank-Tochter DWS etwa hatte in ihrem Flagschifffonds DWS Deutschland Ende Oktober 2019 sogar 9,2 Prozent der Mittel in Wirecard-Aktien gesteckt. Ende Mai betrug das Gesamtinvestment aller deutschen und luxemburgischen Fonds des Verm\u00f6gensverwalters in Wirecard-Aktien immerhin noch 298 Millionen Euro, obwohl im Laufe des Fr\u00fchjahrs schon etliche Aktienpakete verkauft worden waren. Auch andere Fonds etwa von Union Investment oder der Deka-Bank setzten lange auf den vermeintlichen B\u00f6rsenstar. Kein Wunder: So mancher Bankanalyst bescheinigte der Aktie noch in diesem Jahr ein Potential von mehr als 200 Euro.<\/p>\n<p>Die DWS hat deshalb schon vor mehreren Tagen erkl\u00e4rt, ebenfalls rechtliche Schritte gegen Wirecard und Ex-Vorstand Braun einzuleiten. Auch wenn die Auswirkung auf die Wertentwicklung der betroffenen Fonds &quot;begrenzt&quot; sei, wie der Verm\u00f6gensverwalter noch betont.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Wirecard-Hauptversammlung 2019: Die Aktie galt einst als Hoffnungstr\u00e4ger Peter Kneffel\/ dpa Es ist ein trauriger Rekord: Um fast 80 Prozent ist die Aktie des Zahlungsdienstleister abgerauscht, nachdem bekannt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-719","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/719","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=719"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/719\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}