{"id":702,"date":"2020-06-25T18:03:23","date_gmt":"2020-06-25T15:03:23","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/der-steile-absturz-des-borsen-superstars\/"},"modified":"2020-06-25T18:03:23","modified_gmt":"2020-06-25T15:03:23","slug":"der-steile-absturz-des-borsen-superstars","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/der-steile-absturz-des-borsen-superstars\/","title":{"rendered":"Der steile Absturz des B\u00f6rsen-Superstars"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/ea49f45d-2b3d-49b5-a2fc-7cc77cc51e45_w948_r1.77_fpx55_fpy65.jpg\" title=\"Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Chefvision\u00e4r a. D.\" alt=\"Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Chefvision\u00e4r a. D.\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Chefvision\u00e4r a. D.<\/p>\n<p>Bloomberg\/ Getty Images<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Man kann vom Dax halten, was man will. Aber zumindest musste man bislang normalerweise nicht damit rechnen, dass eins der Unternehmen, die in diesem Index notiert sind, pl\u00f6tzlich Insolvenz anmeldet. Geld haben diese 30 gr\u00f6\u00dften b\u00f6rsenfinanzierten Konzerne normalerweise genug, das ist schlie\u00dflich der Witz an der Sache.<\/p>\n<p>Und doch ist es nun so gekommen: Wirecard, seit 2018 im Dax gelistet, hat die Er\u00f6ffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Im Licht der Ereignisse der vergangenen Wochen: zumindest keine gro\u00dfe \u00dcberraschung mehr. Es fehlen knapp zwei Milliarden Euro, die auf den Philippinen geparkt gewesen sein sollten &#8211; rund ein Viertel der Bilanzsumme des Konzerns. Es fehlt sogar die Gewissheit, dass das Geld je existiert hat. Es fehlt inzwischen auch der langj\u00e4hrige Vorstandschef Markus Braun. Es fehlt wom\u00f6glich bald eine lebenswichtige Kreditlinie, die gerade nur kurz verl\u00e4ngert wurde. Und es fehlt das Vertrauen, dass das noch irgendwie gut ausgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsche Finanzwelt ist das ein ungekanntes Desaster, das Tempo der Entwicklung atemberaubend. Immerhin das kennt man schon von Wirecard &#8211; die Geschichte des Konzerns, der noch nicht einmal 20 Jahre alt ist, war schon vor diesem Skandal rasant.<\/p>\n<h3>Die Anf\u00e4nge<\/h3>\n<p>Wirecards Aufstieg f\u00e4llt in die Zeit, als der Neue Markt zusammenbrach. Zur Erinnerung: In den Neunzigerjahren grassierte in Deutschland die B\u00f6rseneuphorie. Im frisch eingerichteten B\u00f6rsensegment Neuer Markt waren vor allem Technologieunternehmen gelistet, deren Aktien teils karikaturenhafte Gewinnzuw\u00e4chse verzeichneten. Gehandelt wurden die Ideen der Gr\u00fcnder und Vorstandschef, aber oft stand dahinter keine Wertsch\u00f6pfung. Den Terroranschl\u00e4gen vom 11. September folgte eine Wirtschaftskrise, in der solche Technologieunternehmen reihenweise dichtmachten.<\/p>\n<p>Auch Wirecard, damals noch ein H\u00e4ndler von Softwarelizenzen, steckt in jener Zeit in der Krise. Ein angeheuerter Unternehmensberater soll aufr\u00e4umen, Markus Braun. Und das tut er, beeindruckt dabei das Management derart, dass er bald selbst als Chief Technology Officer angestellt wird.<\/p>\n<p>Wobei unterschiedliche Deutungen dieser Rettung kursieren. Mancher im Unternehmen h\u00e4lt ihm bis heute vor, in jener Zeit das alte Kerngesch\u00e4ft an die Konkurrenz vertickt und Wirecard dabei ausgeh\u00f6hlt zu haben. Er bestreitet das.<\/p>\n<p>Was unstrittig ist: Dass er bereits 2002 auf den Chefposten bestellt wird; dass er mit dem neuen Gesch\u00e4ft der Zahlungsabwicklung dem Laden eine neue Perspektive gibt, die viele Zeitgenossen noch nicht einmal verstehen; dass er die Leerstellen, die gescheiterte Neue-Markt-Unternehmen hinterlassen hatten, als Chance zu deuten wei\u00df.<\/p>\n<p>Digitale Zahlungsabwicklung ist damals etwas, von dem viele sagen: Daf\u00fcr hat man doch Banken, was soll das? Wobei zu der Dienstleistung dreierlei z\u00e4hlt: Nicht nur die korrekte Abrechnung von Geldsummen bei H\u00e4ndler und Kunde, sondern auch, dass Wirecard das Risiko einer ausfallenden Zahlung bewertet und im Notfall einspringt. Letztlich gleichen Zahlungsabwickler die Unzul\u00e4nglichkeit der Banken aus, die Zahlungen oft eben nicht in Echtzeit gutschreiben: Ob alles klappt, wei\u00df der H\u00e4ndler sonst erst hinterher, der Zahlungsabwickler garantiert ihm sofortige Sicherheit.<\/p>\n<p>Zu Wirecards ersten Kunden geh\u00f6ren Porno- und Gl\u00fccksspielanbieter im Internet. Auch das tr\u00e4gt in den fr\u00fchen Jahren zu einem halbseidenen Image bei. Dabei sind diese Branchen oft einfach jene, die technischen Fortschritt besonders schnell in Gesch\u00e4ft \u00fcbersetzen. Heute etwa z\u00e4hlen Pornoseiten zu den Vorreitern beim Thema Virtual Reality.<\/p>\n<p>Braun tritt als Chefvision\u00e4r in Erscheinung, er baut als Wirtschaftsinformatiker die digitale Infrastruktur von Grund auf, er f\u00e4delt die wichtigen Deals ein, zusammen mit seinem Vertrauten Jan Marsalek. Braun wird schnell zum unumstrittenen Kopf des Unternehmens, steuert zentral mit nur einem kleinen Kreis von engen Mitarbeitern. Bis zuletzt besteht sein Vorstand nur aus vier Personen &#8211; einschlie\u00dflich Braun.<\/p>\n<p>Heute erbringt Wirecard seine Dienste an jeder Ecke. Ein Einkauf bei Aldi, per Kreditkarte bezahlt &#8211; eine Kartenzahlung bei Rossmann &#8211; ein Mitbringsel vom M\u00fcnchener Flughafen. Weitere wichtige Kunden sind Apple, Google, Alibaba. Und Wirecard ist beileibe nicht mehr der einzige Zahlungsanbieter. Allerdings war die Marke in der \u00d6ffentlichkeit bisher wenig bekannt, weil sie, anders als zum Beispiel PayPal, selten gegen\u00fcber dem Endkunden in Erscheinung tritt.<\/p>\n<h3>Der steile Aufstieg<\/h3>\n<p>Zwischen diesen Anf\u00e4ngen und dem j\u00e4hen (vorl\u00e4ufigen) Ende liegen nur 18 Jahre, ereignisreiche Jahre. Sp\u00e4testens ab 2007 internationalisiert Braun den Konzern und gr\u00fcndet eine eigene Gesellschaft f\u00fcr den asiatischen Markt. 2014 folgen Australien, S\u00fcdafrika, die T\u00fcrkei. 2016 dann Nordamerika, Wirecard erwirbt die Prepaid-Karten-Sparte der Citigroup. 2019 kauft sich der Konzern in China ein.<\/p>\n<p>Das alles befl\u00fcgelt immer auch die Fantasie der Investoren, von Wirecard erwarten sie Gro\u00dfes. Ab 2006 wird das Unternehmen im Tec-Dax f\u00fcr Technikunternehmen gelistet, im September 2018 schlie\u00dflich ist Wirecard so gro\u00df, dass der Konzern in den Dax aufsteigt. Im Gegenzug fliegt die Commerzbank raus &#8211; und viele Beobachter sehen darin ein Symbol daf\u00fcr, dass die neue Finanzwelt die alte abl\u00f6st.<\/p>\n<p>Bis zuletzt gibt es in der B\u00f6rsengemeinde Gl\u00e4ubige, die sich einen Kurs von 200 Euro pro Wirecard-Aktie vorstellen k\u00f6nnen. Diesen Donnerstag st\u00fcrzt er zeitweise auf 2,45 Euro. Dabei gab es schon l\u00e4nger Warnungen: Viel Neugesch\u00e4ft bei Wirecard komme aus M\u00e4rkten mit wenig Transparenz bei der Zahlungsabwicklung. In Asien wurden vor allem die Schwellenl\u00e4nder in Angriff genommen, in Europa Rum\u00e4nien. Die Euphoriebereitschaft vieler Anleger bremste das nicht.<\/p>\n<h3>Die Vorw\u00fcrfe<\/h3>\n<p>Selbst als die &quot;Financial Times&quot; (&quot;FT&quot;) im Januar 2019 die Bombe z\u00fcndet, die nun Wirecard zerrei\u00dft, halten viele Investoren an dem Konzern fest. Dabei sind die Vorw\u00fcrfe von Anfang an explosiv: Im Herbst zuvor hatten sich Whistleblower aus Singapur an &quot;FT&quot;-Redakteur Dan McCrum gewandt: Bei ihrem Unternehmen w\u00fcrden Scheinums\u00e4tze bilanziert.<\/p>\n<p>In Deutschland wischen das zun\u00e4chst viele beiseite. Zwar weisen die Beh\u00f6rden in Singapur Fehlbuchungen nach, doch Wirecard gesteht nur einen Umfang von 2,5 Millionen Euro zu, angeblich ein Versehen.<\/p>\n<p>Braun verklagt die &quot;FT&quot;, greift McCrum an: Dieser w\u00fcrde von den Vorw\u00fcrfen &#8211; jeder seiner Artikel f\u00fchrt zu Kursverlusten &#8211; pers\u00f6nlich profitieren. Sogar die deutsche Bankenaufsicht Bafin ermittelt schlie\u00dflich in diese Richtung. Die &quot;FT&quot; weist alle Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck, eine Gegenklage ist anh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es immer wieder Leerverk\u00e4ufer, die auf den weiteren Absturz wetten und so Gewinn aus der Krise ziehen. Illegal ist das nicht. Vorerst steht Aussage gegen Aussage, allerdings schlie\u00dft auch die Bafin nicht mehr aus, dass es Marktmanipulationen seitens Wirecard gegeben haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3>Der Absturz<\/h3>\n<p>Fans halten Wirecard lange die Stange, doch so kann es nicht weitergehen. Braun st\u00f6\u00dft eine Sonderpr\u00fcfung an. Nachdem die Rechnungsabschl\u00fcsse von Wirecard jahrelang von EY (fr\u00fcher Ernst &amp; Young) gepr\u00fcft wurden, soll nun der Konkurrent KPMG die Zahlen von 2019 erneut unter die Lupe nehmen.<\/p>\n<p>Derweil mehren sich ungute Vorzeichen. Wirecard will eine Anleihe ausgeben, um 500 Millionen Euro f\u00fcr seine weitere Expansion einzusammeln. Doch zwei der Gesellschaften, die dort als Sicherheiten aufgef\u00fchrt werden, haben keine testierten Rechnungsabschl\u00fcsse. Das hei\u00dft: Die Wirtschaftspr\u00fcfer wollen nicht f\u00fcr deren Zahlen geradestehen. Wirecard weist zwar darauf hin, dass dies am Standort der Gesellschaften, Dubai, seinerzeit rechtlich nicht erforderlich gewesen sei. Aber Vertrauen f\u00f6rdert man so nicht.<\/p>\n<p>Im April 2020 schlie\u00dflich liegt das KPMG-Gutachten vor. Kurz zuvor frohlockt Braun, dass das Papier seine Firma freisprechen werde. Doch es kommt anders. Beweise f\u00fcr einen gezielten Bilanzbetrug findet KPMG zwar nicht. Doch die Einblicke, die Pr\u00fcfer liefern, sind erschreckend. F\u00fcr Zahlungen auf Treuhandkonten, um die es in dem Fall geht, liegen keine ausreichenden Nachweise vor, die Kontrollmechanismen bei Wirecard taugen wenig, es fehle schlicht das Interesse an wirklicher Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Am 18. Juni soll dennoch der Jahresabschluss vorgelegt werden. Doch daraus wird nichts. Die Pr\u00fcfer von EY vermissen 1,9 Milliarden Euro, die eigentlich auf jenen Treuhandkonten h\u00e4tten liegen sollen. Sie sind gedacht als Geldreserve f\u00fcr ausfallende Zahlungsvorg\u00e4nge. EY verweigert Wirecard das Testat &#8211; die Voraussetzung f\u00fcr einen regelkonformen Abschluss und f\u00fcr die Fortf\u00fchrung einer wichtigen Kreditlinie \u00fcber zwei Milliarden Euro.<\/p>\n<p>Nun fliegen die Fetzen. Der B\u00f6rsenkurs kollabiert. Jan Marsalek, Brauns Vertrauter und einer der vier Vorst\u00e4nde, wird von seinen Aufgaben freigestellt. Kurz darauf verk\u00fcndet schlie\u00dflich Braun selbst seinen sofortigen R\u00fccktritt. Die angeblichen Partnerbanken von Wirecard, bei der die Treuhandkonten bestehen sollen, melden unabh\u00e4ngig voneinander: &quot;Wirecard ist kein Kunde von uns.&quot;<\/p>\n<p>Hat es die Konten nie gegeben? Eine der beiden Banken bezeichnet die Unterlagen, die die Existenz des Kontos beweisen sollen, als F\u00e4lschung. Die Kreditlinie, die Wirecards Gl\u00e4ubiger dem Unternehmen gew\u00e4hrt haben, ist ernsthaft in Gefahr, wird schlie\u00dflich nochmal kurzfristig verl\u00e4ngert. EY geht inzwischen von einem &quot;umfassenden Betrug&quot; aus.<\/p>\n<p>Doch es hilft alles nichts: An diesem Donnerstag muss der Interims-CEO James Freis die Er\u00f6ffnung des Insolvenzverfahrens beantragen. Es wird spannend, was von Wirecard \u00fcbrigbleibt, wenn der Rauch sich lichtet.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Chefvision\u00e4r a. D. Bloomberg\/ Getty Images Man kann vom Dax halten, was man will. 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