{"id":701,"date":"2020-06-25T16:50:57","date_gmt":"2020-06-25T13:50:57","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/grosbritannien-messergewalt-mit-der-gleichen-dringlichkeit-wie-terrorismus\/"},"modified":"2020-06-25T16:50:57","modified_gmt":"2020-06-25T13:50:57","slug":"grosbritannien-messergewalt-mit-der-gleichen-dringlichkeit-wie-terrorismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/grosbritannien-messergewalt-mit-der-gleichen-dringlichkeit-wie-terrorismus\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfbritannien &#8211; Messergewalt: Mit der gleichen Dringlichkeit wie Terrorismus"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/a850480a-a3a4-474b-80a9-86aadf1a371d_w948_r1.77_fpx52.86_fpy49.99.jpg\" title=\"Marcellus Baz im B\u00fcro seines Boxklubs\" alt=\"Marcellus Baz im B\u00fcro seines Boxklubs\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Marcellus Baz im B\u00fcro seines Boxklubs<\/p>\n<p> Thomas Victor\/ DER SPIEGEL <\/figcaption><\/figure>\n<p>Breitschultrig sitzt Marcellus Baz im ersten Stock einer ehemaligen Schule in Nottingham hinter einem Schreibtisch. Aus dem Nebenraum h\u00f6rt man das dumpfe Klatschen eines Boxtrainings. \u00dcber Baz&#039; Handr\u00fccken ziehen sich lange, breite Narben. Spuren von einem Messerangriff, ver\u00fcbt von jemandem, der seine Uhr wollte, vor mehr als 20 Jahren in einer dunklen Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Baz hatte noch Gl\u00fcck. Auf einem Schrank steht ein Foto von ihm mit dem britischen Boxeuropameister Henry Cooper. Zwischen den Narben und dem Foto liegt seine Lebensgeschichte &#8211; sie beginnt mit Vernachl\u00e4ssigung und Gewalt, auf die schlie\u00dflich ein Aufstieg folgt, an dessen Ende sogar Prinz Harry sich bei ihm bedankte.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien sterben mittlerweile Hunderte Menschen j\u00e4hrlich durch Messergewalt, Tausende werden verletzt &#8211; und Baz k\u00e4mpft mittlerweile auf der Seite derer, die das \u00e4ndern wollen.  <\/p>\n<p>Baz, Mitte 40, wuchs in einem Arbeiterviertel in Nottingham auf. Seine Mutter war depressiv, schlug den Vater, versuchte sich umzubringen. Baz pr\u00fcgelte sich mit seinen Br\u00fcdern. &quot;Ich habe damals mehr Zeit auf der Stra\u00dfe als zu Hause verbracht&quot;, sagt er. Sein Vater erledigte einfache Arbeiten, um an Geld zu kommen. Baz&#039; Freunde verdienten es mit Drogen. Er machte bald mit, er trug ein Messer. Das geh\u00f6rte dazu, wie die erste Festnahme und die erste Verurteilung. Eine Chance auf einen regul\u00e4ren Job sah er nicht.<\/p>\n<p>12,2 Prozent der unter 25-J\u00e4hrigen sind in Gro\u00dfbritannien arbeitslos, in der Gesamtbev\u00f6lkerung sind es 3,9 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit ist konstant im K\u00f6nigreich, abgesehen von einem zeitweisen Anstieg nach der Finanzkrise 2008. Sie liegt knapp unter dem EU-Durchschnitt von 15,4 Prozent und weit hinter L\u00e4ndern wie Griechenland und Spanien mit mehr als 30 Prozent. In Deutschland ist sie mit 5,3 Prozent am niedrigsten.<\/p>\n<p>Einmal, er muss ungef\u00e4hr 14 gewesen sein, fl\u00fcchtete Baz vor der Polizei, stand irgendwann vor einem Boxklub und rannte hinein, um sich zu verstecken. Vor ihm tat sich eine unbekannte Welt auf: &quot;Ich sah arme Typen wie mich, die trainierten Seite an Seite mit Kids aus der Mittelschicht&quot;, sagt er. &quot;Das hat mich beeindruckt.&quot;<\/p>\n<p>Er begann mit ihnen zu trainieren, und er war gut. Ein Verein aus Sheffield bot ihm nach ein paar Jahren einen Profivertrag an. Er unterschrieb und ging am selben Abend mit Freunden feiern. Es war der Tag seines Lebens, seine gro\u00dfe Chance.<\/p>\n<p>Auf dem Nachhauseweg lauerten ihm drei M\u00e4nner auf. Sie umzingelten ihn, z\u00fcckten eine Machete. &quot;Ich habe meine Arme hochgerissen, um meinen Kopf zu sch\u00fctzen. Sie schlugen zu&quot;, sagt Baz, &quot;dreimal insgesamt.&quot; Die Klinge schnitt in seine H\u00e4nde, in seine Finger, in seine Handgelenke. Der Krankenwagen kam.<\/p>\n<p>Im vergangenen Z\u00e4hljahr, das bis M\u00e4rz 2019 ging, gab es knapp 47.000 Straftaten, bei denen ein Messer benutzt wurde in England und Wales, die ihre Statistiken zusammen ver\u00f6ffentlichen.  Die Zahl ist ein trauriger Rekord: ein Anstieg von mehr als 40 Prozent seit 2011. In 43 von 44 britischen Polizeibezirken wurden seitdem steigende Fallzahlen vermeldet. Und auch die Anzahl der t\u00f6dlichen Messerangriffe ist auf dem h\u00f6chsten Stand seit 1946: Zuletzt waren es fast 300 Tote innerhalb eines Jahres. \u00c4rzte sagen, die Eingelieferten h\u00e4tten zunehmend schlimmere Verletzungen, seien j\u00fcnger, und immer mehr M\u00e4dchen und Frauen seien unter den Opfern.<\/p>\n<p>Die Strafen auf das Tragen von Messern wurden versch\u00e4rft, 85 Prozent der Verurteilten m\u00fcssen f\u00fcr mindestens drei Monate in Haft, vor zehn Jahren waren es noch 53 Prozent. Ihre durchschnittliche Haft betr\u00e4gt mehr als acht statt zuvor knapp f\u00fcnf Monate. Gleichzeitig kontrolliert die Polizei jedoch weniger. Vor allem das &quot;Stop and Search&quot;-Verfahren der Polizei wurde nach Rassismusvorw\u00fcrfen stark zur\u00fcckgefahren, da insbesondere Schwarze willk\u00fcrlich angehalten und durchsucht worden sein sollen. Zahlen der Londoner Stadtverwaltung zeigen aber auch, dass junge schwarze M\u00e4nner und solche ethnischer Minderheiten \u00fcberproportional oft in Messerdelikte involviert sind &#8211; als T\u00e4ter wie als Opfer.<\/p>\n<p>Forscher der Universit\u00e4t Salford haben ermittelt, dass vor allem M\u00e4nner aus sozial benachteiligten Schichten zwischen 16 und 34 Jahren mit Messergewalt zu tun haben. Viele geben der Sparpolitik der konservativ-liberalen Koalition nach der Finanzkrise 2008 die Schuld. Damals strich die Regierung staatliche Unterst\u00fctzungen, schloss Jugendzentren und entlie\u00df Zehntausende Sozialarbeiter und Polizisten. 14 Millionen Menschen leben in Armut, fast jedes dritte Kind ist betroffen. Es waren vor allem bereits verarmte Gegenden, die von Sparprogrammen nach der Finanzkrise hart getroffen wurden.<\/p>\n<p>Roger Grimshaw, leitender Forscher am Centre for Crime and Justice Studies, einem unabh\u00e4ngigen Londoner Institut zur Erforschung der Ursachen und Folgen von Gewalt, sagt: &quot;Was wir sehen, sind die Auswirkungen der Austerit\u00e4tspolitik. Wenn ein Umfeld ohnehin instabil ist und man ihm dann noch die Hilfen entzieht, die negative Entwicklungen abmildern k\u00f6nnen, setzt das einen Kreislauf in Gang.&quot;<\/p>\n<p>F\u00fcr Grimshaw ist der Drogenhandel der Treiber f\u00fcr eine Spirale aus Kriminalit\u00e4t und Gewalt: &quot;Wir sprechen hier \u00fcber junge Menschen mit sehr beschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten, die versuchen, ihren Weg zu finden. Sie orientieren sich an dem, was um sie herum passiert. Wenn das Drogenhandel ist, dann wird das auch ihr Weg, an Geld zu kommen.&quot; Der Umgang mit Messern entwickle sich dann &quot;wie eine Epidemie&quot;, sagt Grimshaw. Einige fangen an, andere r\u00fcsten nach, Gangs befeuern sich untereinander.<\/p>\n<p>Es scheint, als habe die Gewalt in benachteiligten Vierteln ihren Anfang genommen, doch l\u00e4ngst hat sie um sich gegriffen. Auch in bessergestellten Gegenden tragen Jugendliche Messer, wenn sie auf die Stra\u00dfe oder zur Schule gehen. Beobachter sagen, manche von ihnen h\u00e4tten Angst, andere wollten sich stark f\u00fchlen. Es ist eine ganze Jugendkultur um das Messertragen entstanden, mitsamt einem eigenen Soundtrack: Drill Music, eine Unterform des Rap, die sich in den Zehnerjahren entwickelt hat und in deren Texten es vor allem um rohe Gewalt geht.  <\/p>\n<p>London weist mit 169 Messerverbrechen je 100.000 Einwohnern die h\u00f6chste Zahl auf, wobei kleinere St\u00e4dte deutlich nachziehen &#8211; sie verzeichnen bereits st\u00e4rkere Anstiege der Zahlen. Als Anfang M\u00e4rz 2019 an einem Wochenende zwei 17-J\u00e4hrige in der britischen Hauptstadt erstochen wurden, forderte der Labour-Politiker und ehemalige Staatssekret\u00e4r Vernon Coaker, dass Messergewalt mit der gleichen Dringlichkeit wie Terrorismus behandelt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Doch Baz h\u00e4lt mehr Strafverfolgung f\u00fcr den falschen Weg. Niemand f\u00fcrchte sich vor einer Gef\u00e4ngnisstrafe. Das sei bei ihm auch so gewesen, erz\u00e4hlt er. Wissenschaftler st\u00fctzen diese These. Einige meinen, statt mehr Polizeikontrollen und h\u00e4rteren Gef\u00e4ngnisstrafen sei es der bessere Weg, Messergewalt als Problem der &quot;\u00f6ffentlichen Gesundheit&quot; zu behandeln.<\/p>\n<p>Gewaltforscher Grimshaw sagt: &quot;Wir \u00fcbergeben die jungen Leute in einem Alter an die Welt der Strafjustiz, in dem es besser w\u00e4re, sie anders zu unterst\u00fctzen.&quot; Was er meint, ist umfassende Pr\u00e4vention: Beratungen gegen Familiengewalt, integrative Schulen, Freizeitangebote gegen die Langeweile &#8211; genau die Hilfestellungen, die in vielen bed\u00fcrftigen Gegenden eingespart wurden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich werden bei jedem Messerangriff nicht nur das Opfer und seine Eltern, sondern auch das weitere Umfeld traumatisiert. Diesen Menschen m\u00fcsse man helfen, um weitere Taten zu verhindern, besagen Studien. Schottland hat gute Erfahrungen mit diesem Ansatz gemacht, und auch in Baz&#039; Leben war genau diese Erfahrung der Wendepunkt.<\/p>\n<p>Die alten Gangfreunde seien ins Krankenzimmer gekommen und h\u00e4tten gesagt: &quot;Wir haben eine Waffe. Du musst dich r\u00e4chen. F\u00fcr die Ehre unseres Viertels.&quot; Die neuen Freunde aus seinem Boxklub sagten: &quot;Wie geht&#039;s dir? Brauchst du was? Wir unterst\u00fctzen dich.&quot; Boxen konnte Baz mit den zerschnittenen H\u00e4nden nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Freunde aus dem Boxklub verhalfen ihm erst zu einem Ausbildungsplatz als Physiotherapeut und dann &#8211; trotz seiner vielen Vorstrafen &#8211; zu einem Job in einem Fitnesscenter. Dort sah er Jugendliche, wie er selbst einer gewesen war: arm und w\u00fctend. Und sie sahen ihn und fragten: &quot;Wie hast du das gemacht? Wie hast du den Job bekommen?&quot; Baz begann Jugendlichen zu helfen, gr\u00fcndete sp\u00e4ter selbst einen Boxklub in Nottingham. Er bat die bessergestellten Mitglieder, den \u00e4rmeren zu helfen, Nachhilfeunterricht zu geben, Lebensl\u00e4ufe zu schreiben.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat er Tausende Jugendliche unterst\u00fctzt, 32 Unternehmen \u00fcberzeugt, auch vorbestraften Jugendlichen eine Chance zu geben. Er traf den Boxeuropameister Henry Cooper, dessen Foto nun auf seinem Schrank steht, Prinz Harry kam in seinem Klub vorbei und zog sich f\u00fcr einen Pressetermin Boxhandschuhe an. Im Fernsehen tritt Baz als Experte f\u00fcr Gangkultur auf, reiste in dieser Funktion bis nach Norwegen, Brasilien und in die USA.<\/p>\n<p>Seine Botschaft ist klar: Gebt den Jugendlichen eine Perspektive. Glaubt an das Potenzial der Menschen. Unterst\u00fctzt die Viertel, die es n\u00f6tig haben. Sein Prinzip findet Nachahmer, was ihn stolz macht. Was ihn nicht stolz macht: dass die Messergewalt weiter zunimmt.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritanniens Premierminister Boris Johnson versprach vor seiner Wahl Ende 2019, diese &quot;Plage&quot; zu bek\u00e4mpfen. &quot;Wir m\u00fcssen entschieden und effizient handeln&quot;, sagte er. Jeder, der unerlaubterweise mit einem Messer erwischt werde, solle sofort festgenommen, innerhalb von 24 Stunden angeklagt werden und innerhalb einer Woche vor Gericht erscheinen, war der Vorschlag des Premiers. Noch ist seine Regierung nicht lange im Amt, die Coronakrise hat viele Reformen aufgeschoben und der Lockdown die Messerverbrechen in London vorerst um fast 70 Prozent sinken lassen.<\/p>\n<p>Doch Baz&#039; Geschichte l\u00e4sst vermuten, dass es so einfach nicht ist.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Marcellus Baz im B\u00fcro seines Boxklubs Thomas Victor\/ DER SPIEGEL Breitschultrig sitzt Marcellus Baz im ersten Stock einer ehemaligen Schule in Nottingham hinter einem Schreibtisch. 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