{"id":6975,"date":"2021-04-05T21:49:00","date_gmt":"2021-04-05T18:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/sudafrika-wo-sich-schwarze-township-bewohner-und-weise-privilegierte-vereinen\/"},"modified":"2021-04-05T21:49:00","modified_gmt":"2021-04-05T18:49:00","slug":"sudafrika-wo-sich-schwarze-township-bewohner-und-weise-privilegierte-vereinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/sudafrika-wo-sich-schwarze-township-bewohner-und-weise-privilegierte-vereinen\/","title":{"rendered":"S\u00fcdafrika: Wo sich schwarze Township-Bewohner und wei\u00dfe Privilegierte vereinen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/ac6b5611-b76d-4d3e-a7e5-2eb924ef2493_w948_r1.77_fpx66.65_fpy50.jpg\" title=\"Ayanda Kota, Tim Bull und Daphne Timms h\u00e4tten sich fr\u00fcher wohl nicht kennengelernt\" alt=\"Ayanda Kota, Tim Bull und Daphne Timms h\u00e4tten sich fr\u00fcher wohl nicht kennengelernt\"\/>        Bild vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Ayanda Kota, Tim Bull und Daphne Timms h\u00e4tten sich fr\u00fcher wohl nicht kennengelernt<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Sandy Coffey \/ DER SPIEGEL  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Grenze zwischen den zwei Welten ist ein stinkendes, verm\u00fclltes Rinnsal. Auf der einen Seite des Flusses: Makhanda West, wei\u00dfe H\u00e4user im Kolonialstil, gr\u00fcne Vorg\u00e4rten. Auf der anderen Seite: Makhanda East, Townships, Wellblech. Doch eines haben die beiden Seiten gemeinsam: tiefe Schlagl\u00f6cher und streunende Esel. Und die haben die Einwohner dieser Stadt zusammengebracht.<\/p>\n<p>Makhanda hie\u00df bis vor Kurzem noch Grahamstown, benannt nach einem britischen Oberst, der die wei\u00dfen Kolonialherren 1817 zum Sieg gegen die einheimischen Xhosa gef\u00fchrt hatte. 2018 wurde Grahamstown umbenannt \u2013 als Namensgeber dient nun ein Xhosa-Krieger. Auf der \u00bbwei\u00dfen Seite\u00ab der Stadt sagen sie noch immer Grahamstown.<\/p>\n<p>Doch inzwischen passiert hier etwas, was f\u00fcr S\u00fcdafrika nahezu einmalig ist: Die privilegierten Wei\u00dfen und die schwarzen Township-Bewohner haben einen gemeinsamen Gegner, f\u00fchren einen gemeinsamen Kampf. Er richtet sich gegen die inkompetente Stadtverwaltung von Makhanda und damit gegen die s\u00fcdafrikanische Regierungspartei ANC.<\/p>\n<p>Auf der Br\u00fccke \u00fcber dem stinkenden Fluss stehen sie nun gemeinsam: Ayanda Kota, ein Township-Bewohner aus Makhanda East. Kota ist Gr\u00fcnder und Anf\u00fchrer des Unemployed People&#039;s Movement, einem Zusammenschluss von schwarzen Arbeitslosen der Stadt. Neben ihm steht Daphne Timms, sie vermittelt f\u00fcr eine gro\u00dfe Immobilienagentur die schicken H\u00e4user mit Vorg\u00e4rten. Und neben ihr Tim Bull, ein pensionierter britischst\u00e4mmiger Streifenpolizist, der schon lange wegziehen wollte und doch dageblieben ist.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher h\u00e4tten sich die Wege dieser drei Menschen wohl nie gekreuzt. Heute sitzen sie zusammen und beraten \u00fcber juristische Strategien, Finanzen, ihren gemeinsamen Kampf. Das Ziel: Die mutma\u00dflich korrupte und nachweislich versagende Stadtverwaltung soll sich aufl\u00f6sen. Daf\u00fcr haben sie einen Passus in der s\u00fcdafrikanischen Verfassung entdeckt, der es B\u00fcrgern erlaubt, genau das vor Gericht einzuklagen. In den ersten zwei Instanzen haben sie bereits gewonnen, nun liegt der Fall vor dem obersten Berufungsgericht.<\/p>\n<p>Gewinnen sie auch in dritter Instanz, k\u00f6nnte das Auswirkungen auf ganz S\u00fcdafrika haben, es w\u00e4re ein Pr\u00e4zedenzurteil: B\u00fcrger k\u00f6nnten ihre Politiker nicht nur bei Wahlen, sondern auch vor Gericht zur Verantwortung ziehen.<\/p>\n<p>\u00bbWir k\u00f6nnen keine weiteren f\u00fcnf Jahre in dieser kaputten Stadt \u00fcberleben\u00ab, sagt Ayanda Kota. Seit dem Ende der Apartheid ist der ANC an der Macht, die Partei Nelson Mandelas. Zun\u00e4chst mit Erfolg \u2013 Grahamstown ging es vergleichsweise gut, die Touristen legten hier gern einen Zwischenstopp ein. Doch mit den Jahren verstrickte sich der ANC in immer mehr Korruptionsskandale, der geschasste Ex-Pr\u00e4sident Jacob Zuma wurde zum Inbegriff von Filz und Vetternwirtschaft.<\/p>\n<p>Auch in zahlreichen Kommunen S\u00fcdafrikas setzte in den vergangenen Jahren ein Verfall ein, Makhanda ist eines der extremsten Beispiele. Ayanda Kota dreht den Wasserhahn vor seiner H\u00fctte auf, wieder einmal ohne Erfolg. \u00bbSeit Monaten kommt und geht das Wasser, bleibt oft tagelang aus. Die Stadtverwaltung bekommt es nicht hin, das zu reparieren\u00ab, sagt er zornig.<\/p>\n<p>Ein Problem auch f\u00fcr Daphne Timms, die Immobilienmaklerin: \u00bbDie erste Frage von Interessenten ist: Gibt es Wasser? Dann sage ich ehrlich, dass es oft nicht funktioniert. Und die potenziellen Kunden melden sich nie wieder.\u00ab Selbst im schicksten Hotel der Stadt kommt nur stinkende Br\u00fche aus der Leitung. Immerhin k\u00f6nnen sie sich in Makhanda West gro\u00dfe Wassertanks leisten und aufwendige private Pumpsysteme.<\/p>\n<p>In Makhanda East ist an diesem Donnerstag gerade der rettende Wassertruck angekommen. Zum ersten Mal seit einem Monat, sagen die Anwohner. Nox steht schwitzend an einem der H\u00e4hne des Lkw und f\u00fcllt ihre Eimer, drau\u00dfen sind es knapp 30 Grad. \u00bbWir k\u00f6nnen uns nicht jeden Tag waschen, m\u00fcssen jeden Tropfen Wasser sparen. Der ANC hat uns im Stich gelassen, wir brauchen hier neue Leute an der Macht\u00ab, sagt sie. Fr\u00fcher hatte Nox nicht nur flie\u00dfendes Wasser, sondern auch einen Job. Heute lebt sie von den Sozialleistungen f\u00fcr ihre Kinder.<\/p>\n<p>Das Rathaus von Makhanda wirkt wie aus einer anderen Zeit. An den m\u00e4chtigen Steins\u00e4ulen am Eingang prangen noch Plaketten, die britische Siedler und Feldherren ehren. Drinnen, im langen Flur, h\u00e4ngen Zitate von B\u00fcrgerrechtlern wie Mahatma Gandhi. Das B\u00fcro des B\u00fcrgermeisters liegt im ersten Stock, man erreicht es \u00fcber eine mit rotem Teppich ausgelegte herrschaftliche Treppe. Leidenschaftlich erkl\u00e4rt Mzukisi Mpahlwa anhand einer komplizierten technischen Zeichnung an der Wand die Wassersituation.<\/p>\n<p>Am Ende ist seine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die derzeitige Not aber recht banal. Die Pumpen sind veraltet, eine lief aus und hat alle anderen mitgeflutet. Der zust\u00e4ndige Ingenieur habe offenbar geschlafen. \u00bbEs muss Konsequenzen geben\u00ab, verspricht der B\u00fcrgermeister.<\/p>\n<p>Tim Bull von der Makhanda Residents Association, die vor allem die Bewohner von Makhanda West vertritt, kann dar\u00fcber nur lachen: \u00bbSeit Jahren wird hier niemand zur Rechenschaft gezogen, es macht einfach keiner seinen Job.\u00ab Selbst der B\u00fcrgermeister r\u00e4umt ein, dass es eine Kultur der Verantwortungslosigkeit in seiner Stadtverwaltung gebe. Und zitiert dennoch diesen bemerkenswerten Satz eines anderen Politikers: \u00bbEgal wie sehr wir es vermasseln, die Leute w\u00e4hlen trotzdem den ANC.\u00ab<\/p>\n<p>Ayanda Kota f\u00fchrt uns zu einem Haus im Township, die Besitzerin zeigt auf ihren Garten. In mehreren Ecken bedeckt eine tr\u00fcbe Br\u00fche das Gras, menschliche Exkremente treiben umher. Das st\u00e4dtische Abwasserrohr sei undicht, berichten sie \u2013 doch niemand komme, um es zu reparieren. \u00bbZum ersten Mal in meinem Leben werde ich nicht den ANC w\u00e4hlen, sie haben versagt\u00ab, sagt die Gro\u00dfmutter der Familie. Der Satz kommt ihr nicht einfach \u00fcber die Lippen, sie hat die Schrecken der Apartheid und die Befreiung durch Nelson Mandela selbst erlebt.<\/p>\n<p>\u00bbWir brauchen hier jetzt neue Leute, einen Neuanfang\u00ab, sagt Ayanda Kota. Um diesen Aufbruch zu beschleunigen, haben Daphne, Tim und er auf Aufl\u00f6sung des Stadtrats geklagt.<\/p>\n<p>\u00bbDas k\u00f6nnte die politische Landschaft einschneidend ver\u00e4ndern\u00ab, hofft Rebone Tau von der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Organisation unterst\u00fctzt das Unemployed People&#039;s Movement um Ayanda Kota, unter anderem mit Workshops. Tau ist selbst aktives Mitglied des ANC, hatte leitende Funktionen inne. Den Glauben an die Selbstreinigungskraft der Partei hat sie allerdings verloren. \u00bbMan muss die Ver\u00e4nderung erzwingen, so wie hier in Makhanda\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<p>\u00bbMakhanda ist eine zutiefst rassistische und koloniale Stadt\u00ab, erz\u00e4hlt Ayanda Kota. Er steht auf der steil ansteigenden Stra\u00dfe eines Townships, die mehr aus Loch als aus Belag besteht. Er blickt auf den gegen\u00fcberliegenden Hang, Makhanda West. Oben thront wie ein Bunker das 1820 Settler Memorial, das gr\u00f6\u00dfte Geb\u00e4ude der Stadt. Es erinnert an die Ankunft Hunderter wei\u00dfer Siedler, hergelockt als Bollwerk gegen die einheimischen Xhosa. \u00bbDas Memorialsoll uns unsere Niederlage vor Augen f\u00fchren\u00ab, sagt Kota.<\/p>\n<p>Der 36-J\u00e4hrige entstammt dem Black Consciousness Movement, einer Befreiungsbewegung, die gegen das Apartheidregime k\u00e4mpfte. Bewusst verzichtete die Gruppe damals auf die Unterst\u00fctzung liberaler Wei\u00dfer. Heute ist Kota froh, dass die wei\u00dfen Einwohner jenseits des Flusses seinen Kampf gegen die Stadtverwaltung unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p> \u00bbDie Politiker haben immer wieder das Narrativ Schwarz gegen Wei\u00df bedient. Sie wollen uns spalten, doch hier in Makhanda vereinen wir uns gerade\u00ab, sagt Kota. Trotz all der noch immer bestehenden Ungerechtigkeiten. Kota riskiert einiges: Er habe bereits mehrfach Todesdrohungen erhalten, vermutet dahinter den ANC. Zu viel stehe auf dem Spiel f\u00fcr die Partei.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister Mzukisi Mpahlwa versucht im Interview mit dem SPIEGEL, Ayanda Kota zu diskreditieren. Es gebe Ger\u00fcchte, er werde von versteckten M\u00e4chten aus dem Westen gelenkt und finanziert. Ein Narrativ, das auch der mutma\u00dflich korrupte Ex-Pr\u00e4sident Jacob Zuma immer wieder bedient hat: \u00bbWhite Monopoly Capital\u00ab, wei\u00dfe intransparente M\u00e4chte. Es sollte wohl auch von seinem eigenen Versagen ablenken. Denn dem ANC ist es nicht gelungen, die eklatante Ungleichheit im Land zu beseitigen. Programme, die schwarzen Einwohnern einen wirtschaftlichen Aufschwung erm\u00f6glichen sollten, wurden zu einem Hort der Korruption.<\/p>\n<p>\u00bbEigentlich m\u00fcsste die Stadtverwaltung daf\u00fcr sorgen, dass wir zu einer Community zusammenwachsen\u00ab, sagt Tim Bull, der ehemalige Streifenpolizist. \u00bbDoch sie spielen uns lieber gegeneinander aus. Also \u00fcbernehmen wir die integrative Rolle.\u00ab Mehrere Protestm\u00e4rsche in Richtung Rathaus hat er bereits gemeinsam mit Ayanda Kota organisiert. Der fr\u00fchere B\u00fcrgermeister habe einmal gesagt, es sei sch\u00f6n, die Menschen aus Makhanda East und West gemeinsam versammelt zu sehen. \u00bbDass sich der Protest gegen ihn richtete, war ihm offenbar egal\u00ab, sagt Bull kopfsch\u00fcttelnd.<\/p>\n<p>Selbst die Richter verlieren in Makhanda die \u00fcbliche Zur\u00fcckhaltung. In zwei Instanzen haben sie Tim Bull und Ayanda Kota bereits recht gegeben, die Stadtverwaltung habe in der Tat versagt. \u00bbDie Politiker sollten vor Scham ihre K\u00f6pfe senken\u00ab, hei\u00dft es in einer Urteilsbegr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Doch wenn die B\u00fcrger das Gerichtsverfahren auch in letzter Instanz gewinnen und sich der Stadtrat wegen Inkompetenz aufl\u00f6sen muss, was dann? Zun\u00e4chst w\u00fcrde f\u00fcr knapp drei Monate ein Notverwalter die Gesch\u00e4fte f\u00fchren. Dann g\u00e4be es Neuwahlen. Wieder mit einem Sieg des ANC, wie der B\u00fcrgermeister glaubt?<\/p>\n<p>Kota und seine Mitstreiter sind derzeit im Gespr\u00e4ch dar\u00fcber, eigene Kandidaten aufzustellen. \u00bbZumindest w\u00e4ren wir dann nicht mehr einer Partei, sondern den B\u00fcrgern Rechenschaft schuldig\u00ab, sagt der Anf\u00fchrer des Unemployed People&#039;s Movement. Es w\u00e4re eine kleine Revolution in S\u00fcdafrika. Eine Revolution, die selbst innerhalb der s\u00fcdafrikanischen Regierungspartei einige begr\u00fc\u00dfen. Ein ANC-Stadtrat von Makhanda sagte im Gespr\u00e4ch mit dem SPIEGEL: \u00bbWir brauchen diesen Druck, sonst werden die inkompetenten Leute nie ersetzt.\u00ab<\/p>\n<p>Eugene Ripenz hat derweil aus der Not eine Tugend gemacht. Er besitzt eine gro\u00dfe Cocktailbar in Makhanda, direkt auf der langsam verfallenden High Street. Die Kneipe hei\u00dft \u00bbPothole and Donkey\u00ab, Schlagloch und Esel. Benannt nach den ber\u00fchmtesten Merkmalen Makhandas.<\/p>\n<p>Direkt nach der Einweihung seien Leute aus der Stadtverwaltung zu ihm gekommen und h\u00e4tten sich beschwert, erz\u00e4hlt Barbesitzer Ripenz. Der Name sei schlecht f\u00fcr den Ruf der Stadt. \u00bbDa habe ich geantwortet: kein Problem. Wenn ihr die Stra\u00dfe repariert, dann benenne ich die Kneipe sofort um.\u00ab Ihren Namen tr\u00e4gt sie bis heute. Noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild vergr\u00f6\u00dfern Ayanda Kota, Tim Bull und Daphne Timms h\u00e4tten sich fr\u00fcher wohl nicht kennengelernt Foto:\u2002Sandy Coffey \/ DER SPIEGEL Die Grenze zwischen den zwei Welten ist ein stinkendes, verm\u00fclltes Rinnsal. Auf der einen Seite des Flusses: Makhanda West, wei\u00dfe H\u00e4user im Kolonialstil, gr\u00fcne Vorg\u00e4rten. Auf der anderen Seite: Makhanda East, Townships, Wellblech. 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