{"id":685,"date":"2020-06-24T22:20:57","date_gmt":"2020-06-24T19:20:57","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/hannover-autofrei-oberburgermeister-belit-onay-stost-auf-widerstand\/"},"modified":"2020-06-24T22:20:57","modified_gmt":"2020-06-24T19:20:57","slug":"hannover-autofrei-oberburgermeister-belit-onay-stost-auf-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/hannover-autofrei-oberburgermeister-belit-onay-stost-auf-widerstand\/","title":{"rendered":"Hannover autofrei? Oberb\u00fcrgermeister Belit Onay st\u00f6\u00dft auf Widerstand"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/70f104ad-e09c-4412-a800-232d9d62257a_w948_r1.77_fpx26.63_fpy44.99.jpg\" title=\"Hannovers Oberb\u00fcrgermeister Belit Onay will die Innenstadt autofrei machen, ein Konzept der Gr\u00fcnen zeigt nun erste Schritte - die erstaunlich autofreundlich sind\" alt=\"Hannovers Oberb\u00fcrgermeister Belit Onay will die Innenstadt autofrei machen, ein Konzept der Gr\u00fcnen zeigt nun erste Schritte - die erstaunlich autofreundlich sind\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Hannovers Oberb\u00fcrgermeister Belit Onay will die Innenstadt autofrei machen, ein Konzept der Gr\u00fcnen zeigt nun erste Schritte &#8211; die erstaunlich autofreundlich sind<\/p>\n<p> Tobias W\u00f6lki\/ imago images <\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Wahlkampf um Hannovers Oberb\u00fcrgermeisterposten hat Belit Onay (Gr\u00fcne) 2019 ein klares Ziel formuliert: Das Zentrum der nieders\u00e4chsischen Landeshauptstadt soll bis 2030 autofrei werden. Der Vorschlag erwies sich als popul\u00e4r &#8211; und verhalf dem Deutscht\u00fcrken in der einstigen SPD-Hochburg mit zum Wahlsieg. Als erste deutsche Gro\u00dfstadt bekam Hannover ein Oberhaupt mit Migrationshintergrund.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich trifft Onays Vorhaben den Zeitgeist, zunehmend steigen Menschen t\u00e4glich aufs Rad. Das zeigt sich vor allem in Metropolen: Die \u00f6sterreichische Hauptstadt Wien will den Autoverkehr aus dem Zentrum verbannen. St\u00e4dte wie Br\u00fcssel, Mailand, Paris und andere r\u00e4umen Fu\u00dfg\u00e4ngern und Radfahrern mehr Platz ein.<\/p>\n<p>Doch so viel Anklang es bei vielen Menschen findet, das Auto zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, so furios ist vielerorts der Widerstand gegen die Idee. W\u00e4hrend in Wien die FP\u00d6 das Konzept als &quot;Verrat an allen Autofahrern&quot; gei\u00dfelte, sorgen sich in Hannover vor allem Gesch\u00e4ftsleute, dass die autofreie Innenstadt Kunden abschrecken k\u00f6nne.<\/p>\n<h3>Hilft oder schadet Autofreiheit den Gesch\u00e4ften?<\/h3>\n<p>Onays Idee trifft teils auf harten Widerstand, nachdem die Pl\u00e4ne nach und nach Gestalt angenommen haben. Dass Menschen mit ihren Autos in die Innenstadt fahren d\u00fcrfen, sei f\u00fcr die Wirtschaft unverzichtbar, erkl\u00e4rte der Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Industrie- und Handelskammer Hannover, Horst Schrage. &quot;Diskussionen \u00fcber noch striktere Einfahrbeschr\u00e4nkungen in die City von Hannover schrecken zu viele Kunden ab und sind in der aktuellen Lage mehr als kontraproduktiv.&quot;<\/p>\n<p>Der lokale Handel ist nicht nur von der Coronakrise betroffen. Kundinnen und Kunden wandern schlie\u00dflich seit Jahren zum Onlinehandel ab. Zwischen 2007 und 2018 halbierte sich die Zahl der Passanten in den drei wichtigsten Gesch\u00e4ftsstra\u00dfen der Stadt an Werktagen beinahe. Onays Idee einer autofreien Innenstadt, in der sich potenzielle Kunden gern aufhalten, hat damit viel zu tun. Doch l\u00f6st sie die Probleme? Oder versch\u00e4rft sie diese?<\/p>\n<p>Auch Martin Prenzler, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Citygemeinschaft Hannover, die Interessen der ans\u00e4ssigen L\u00e4den vertritt, st\u00f6rt sich am Begriff &quot;autofrei&quot;. Hannover habe ein sehr gro\u00dfes Einzugsgebiet, viele Besucher aus dem VW-Land Niedersachsen seien aufs Auto angewiesen. &quot;Eine autofreie Innenstadt kann es deshalb nicht geben&quot;, so Prenzler. &quot;Der Begriff suggeriert eine harte Grenze, ab der man ausgesperrt wird.&quot; Das passe nicht zu einer Stadt, die sich als weltoffen versteht.<\/p>\n<h3>Gr\u00fcne zeigen sich flexibel<\/h3>\n<p>So oder \u00e4hnlich reagieren Gesch\u00e4ftsleute in vielen deutschen St\u00e4dten, wenn gr\u00fcne Politiker derartige Ideen umsetzen wollen. In Hannover kommt der Gegenwind insofern etwas \u00fcberraschend, als sich Onays Partei recht flexibel zeigt, wie der Wahlkampfschlager des Oberb\u00fcrgermeisters zu verwirklichen sei.<\/p>\n<p>Ein von Stadtverband und Ratsfraktion erarbeitetes Verkehrskonzept spricht lediglich von einem &quot;autoarmen Erscheinungsbild&quot; der Innenstadt. Das brachte der Partei schon den Spott der &quot;Bild&quot;-Zeitung ein, die innerhalb der Gr\u00fcnen Zoff zwischen dem Stadtverband und Onay \u00fcber die autofreie Innenstadt witterte.<\/p>\n<p>Der Oberb\u00fcrgermeister weist das zur\u00fcck, er bezeichnet das Konzept gegen\u00fcber dem SPIEGEL als einen ersten Schritt auf dem Weg zu einer autofreien Stadt. &quot;Wir wollen nicht nur Poller hochziehen, sondern eine echte Mobilit\u00e4tswende bewirken und die Innenstadt attraktiver machen&quot;, so Onay. &quot;Daf\u00fcr wollen wir Durchfahrtsstra\u00dfen sperren und die Erreichbarkeit mit dem Fahrrad verbessern.&quot;<\/p>\n<p>Dass es nicht schneller geht, mag auch daran liegen, dass die Gr\u00fcnen im Stadtrat nur drittst\u00e4rkste Partei sind &#8211; hinter SPD und CDU. Die Sozialdemokraten verfolgen zwar \u00e4hnliche Ziele wie die Gr\u00fcnen, geben sich aber autofreundlicher und wollen es Onay auch nicht zu einfach machen. Im kommenden Jahr w\u00e4hlen die B\u00fcrger das Stadtparlament neu.<\/p>\n<p>Bisher sieht das gr\u00fcne Verkehrskonzept lediglich vor, dass der Durchgangsverkehr aus dem vom Cityring umschlossenen Zentrum verbannt wird. Dieses Gebiet rund um den Hauptbahnhof ist gerade einmal 2,2 Quadratkilometer gro\u00df. Ganz Hannover umfasst 204 Quadratkilometer. Schon jetzt befinden sich mehrere Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen in dem Areal, um das es jetzt geht.<\/p>\n<p>Dieses wird nun in elf Zonen, sogenannte Quartiersperlen, aufgeteilt. Die darin gelegenen Parkh\u00e4user sind lediglich \u00fcber Zufahrtsstra\u00dfen vom Cityring aus erreichbar. Parkgeb\u00fchren sollen den Parksuchverkehr reduzieren.<\/p>\n<p>Trotzdem d\u00fcrfen Anwohner, Lieferanten und Anlieger weiterhin auch in Stra\u00dfen einfahren, die nicht direkt zu einem der Parkh\u00e4user f\u00fchren. Dieser Zielverkehr bleibt im Gegensatz zum Durchgangsverkehr also erhalten &#8211; die tats\u00e4chliche Erreichbarkeit der Gesch\u00e4fte ist kaum gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Das Konzept erh\u00e4lt jedoch nicht nur den Autos Vorteile. So d\u00fcrfen Busse und Bahnen wie bisher kreuz und quer durch die Innenstadt fahren. Radfahrer d\u00fcrften ebenfalls profitieren: Ein Veloroutennetz soll die Innenstadt erschlie\u00dfen, abseits der Wege des Autoverkehrs. Auf einigen Stra\u00dfen sollen mehr Freiraum und Pflanzen Fahrspuren ersetzen.<\/p>\n<h3>Konzept \u00e4hnelt dem der Stadt Gent<\/h3>\n<p>Insgesamt \u00e4hnelt das hannoversche Konzept dem der belgischen Stadt Gent, die als einer der Vorreiter unter den autofreien St\u00e4dten gilt. Das innerste Zentrum wurde 1997 zur autofreien Zone, 2017 verbannte die Verwaltung den Durchgangsverkehr aus den umliegenden Stadtteilen auf eine Ringstra\u00dfe. Seitdem sind diese Gebiete nur noch \u00fcber die Umfahrung erreichbar, \u00e4hnlich den hannoverschen &quot;Quartiersperlen&quot;.<\/p>\n<p>Es geht bei solchen Konzepten viel um einen anderen Verkehrsfluss &#8211; und weniger darum, das Auto grunds\u00e4tzlich auszusperren. &quot;Der Knackpunkt einer autofreien Stadt ist nicht, ob Anwohnerverkehr erlaubt ist&quot;, sagt Rita Cyganski vom Institut f\u00fcr Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum f\u00fcr Luft- und Raumfahrt (DLR). &quot;Entscheidend ist, den Durchgangsverkehr auszuschlie\u00dfen und die Nutzung von Fu\u00df-, Rad- und \u00f6ffentlichem Verkehr attraktiver zu gestalten.&quot; Das passiert in Gent, das soll nach Vorstellung von Onays Gr\u00fcnen auf \u00e4hnliche Weise in Hannover passieren.<\/p>\n<p>Der Streit, ob das dann autoarm oder autofrei ist, wirkt eher wie ein Scheingefecht. Entscheidend f\u00fcr den Erfolg des Vorhabens &#8211; und damit auch f\u00fcr Onays Ansehen als Oberb\u00fcrgermeister &#8211; ist, ob das Konzept die Stadt belebt und den Kaufleuten hilft. Dazu scheint es grunds\u00e4tzlich geeignet, trotz aller Bef\u00fcrchtungen der Gesch\u00e4fteinhaberinnen und -inhaber.<\/p>\n<h3>Anteil der Autofahrer an den Kunden wird \u00fcbersch\u00e4tzt<\/h3>\n<p>Viele F\u00e4lle belegen positive Effekte einer autofreien Umgestaltung. Zum Beispiel die Sendlinger Stra\u00dfe in M\u00fcnchen, die nach einem einj\u00e4hrigen Testlauf zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone wurde: &quot;Dort gaben 78 Prozent der Gewerbetreibenden an, dass die Umsatzzahlen und die Passantenfrequenz entweder gleich geblieben oder gestiegen sind&quot;, erkl\u00e4rt DLR-Forscherin Cyganski. Einzelne Studien gehen ihr zufolge sogar davon aus, dass Autofreiheit und ein attraktiveres Umfeld die Ums\u00e4tze in Innenst\u00e4dten um bis zu 40 Prozent erh\u00f6hen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch woher kommt der Widerstand der H\u00e4ndler? Ihm liegt Cyganski zufolge eine Fehlannahme zugrunde. Gewerbetreibende \u00fcbersch\u00e4tzten den Anteil der Autofahrer an ihren Kunden meist, bei einer Studie in London gar um das Dreifache. Gleichzeitig lieferten Radfahrer und Fu\u00dfg\u00e4nger zwar kleinere Ums\u00e4tze, kauften aber h\u00e4ufiger ein. Ihr Ausgabenvolumen liege oft \u00fcber dem der Pkw-Fahrer, so Cyganski. &quot;Studien zeigen au\u00dferdem, dass autofreie Innenst\u00e4dte Leerstand reduzieren k\u00f6nnen. Gewerbetreibende haben zu Anfang oft die st\u00e4rksten Bedenken, k\u00f6nnen aber stark von autofreien Bereichen profitieren.&quot;<\/p>\n<h3>Attraktive Innenstadt lockt Menschen aus dem Umland an<\/h3>\n<p>Doch nicht nur die Furcht vor sinkenden Ums\u00e4tzen, auch die Angst, aufs Auto angewiesene Menschen aus dem Umland auszuschlie\u00dfen, ist m\u00f6glicherweise unbegr\u00fcndet. &quot;Menschen nehmen f\u00fcr ein attraktives Einkaufsumfeld weitere Wege in Kauf&quot;, erkl\u00e4rt DLR-Forscherin Cyganski. Wie man ans Ziel komme, sei weniger entscheidend als die Frage, ob man sich dort wohlf\u00fchle und sich angenehm bewegen k\u00f6nne. &quot;Nat\u00fcrlich ist Autofreiheit kein inklusiver Begriff&quot;, so Cyganski, &quot;sie schafft aber eine Umgebung, in der man verweilen will. Das lockt auch Menschen aus dem Umland in die Innenstadt.&quot;<\/p>\n<p>Auch Citygemeinschaft-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Prenzler bescheinigt den Gr\u00fcnen, mit ihrem Konzept R\u00fccksicht auf die Interessen der Gesch\u00e4ftsleute R\u00fccksicht genommen zu haben. Das allein reicht bei der Umgestaltung einer Innenstadt DLR-Forscherin Cyganski zufolge aber nicht aus. Wie eine autofreie Stadt aussehe, sei f\u00fcr viele Menschen kaum vorstellbar, man m\u00fcsse sie also informieren und mitnehmen.<\/p>\n<p>Er werde den Dialog mit den B\u00fcrgern suchen, betont Oberb\u00fcrgermeister Onay, der sich bisher etwas zur\u00fcckgehalten hat. &quot;Die autofreie Innenstadt ist keine Kampfansage, sondern ein Angebot und eine Chance, Hannover weiterzuentwickeln&quot;.<\/p>\n<p>Dass so ein Projekt aber hochsensibel ist und durchaus als Kampfansage verstanden werden kann, zeigt ein Blick nach Gent ins Jahr 1997: Dort erhielt der damalige B\u00fcrgermeister, der die Innenstadt autofrei machen wollte, per Post eine Morddrohung. Er hielt dennoch an seinem Plan fest.<\/p>\n<p>Zwanzig Jahre sp\u00e4ter haben sich die Verh\u00e4ltnisse offenbar umgekehrt. Der Nachfolger im Amt erkl\u00e4rte 2017, er m\u00fcsste eine kugelsichere Weste tragen, wenn er den Schritt r\u00fcckg\u00e4ngig machen wollte.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Hannovers Oberb\u00fcrgermeister Belit Onay will die Innenstadt autofrei machen, ein Konzept der Gr\u00fcnen zeigt nun erste Schritte &#8211; die erstaunlich autofreundlich sind Tobias W\u00f6lki\/ imago images Im Wahlkampf<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-685","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/685","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=685"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/685\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=685"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=685"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=685"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}