{"id":6665,"date":"2021-03-22T11:49:36","date_gmt":"2021-03-22T08:49:36","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-klagen-in-italien-erst-kam-die-pandemie-dann-das-vertuschen\/"},"modified":"2021-03-22T11:49:36","modified_gmt":"2021-03-22T08:49:36","slug":"corona-klagen-in-italien-erst-kam-die-pandemie-dann-das-vertuschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-klagen-in-italien-erst-kam-die-pandemie-dann-das-vertuschen\/","title":{"rendered":"Corona-Klagen in Italien: Erst kam die Pandemie, dann das Vertuschen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/d411fafb-7605-4cb8-aedb-a7189fbddc5c_w948_r1.77_fpx54_fpy50.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Illustration: Matthias Schardt \/ kombinatrotweiss \/ DER SPIEGEL<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Den Weg zu seinen Eltern kennt Diego Federici gut, besser als es ihm lieb ist. Den mittleren Gang entlang, an Thujen und Zypressen vorbei, dann der dritte Platz von links. Dort, unter einer wei\u00dfen Marmorplatte, liegen sie bestattet. \u00bbHerr, erlaube es nicht, im Himmel die Farben zu trennen, die du auf Erden verbunden hast\u00ab steht \u00fcber einem Bild, das beide umschlungen zeigt. Darunter stehen ihre Todestage. Bei ihm: Renato Federici, 21. M\u00e4rz 2020. Bei ihr: Ida Mattoni, 25. M\u00e4rz 2020. Es waren nur vier Tage, dann waren sie da oben vereint, sagt Diego.<\/p>\n<p>Der 36-J\u00e4hrige ist unten geblieben, in Martinengo, einem kleinen Ort 25 Minuten entfernt von Bergamo. Am Morgen des 18. M\u00e4rz vergangenen Jahres konnte er die beiden Eltern telefonisch nicht erreichen, deshalb schaute er zu Hause vorbei. Die Mutter lag gleich hinter der T\u00fcr, r\u00fccklings auf dem Perserteppich, schwach atmend im Nachthemd, erinnert er sich. Der Vater habe bewusstlos im Wohnzimmer auf einem alten Holzstuhl am Tisch gesessen, in blauer Schlafanzughose und Oberteil. Beide hatten Fieber. Covid-19.<\/p>\n<p>Der Sohn alarmierte Notarzt und Bruder. Der Zustand der Mutter war so schlecht, dass sie gleich nach Treviglio ins Krankenhaus abtransportiert wurde. Beim Vater diskutierten die beiden Not\u00e4rzte kurz, bevor sie ihn ins Krankenhaus nach Romano di Lombardia brachten. Ins Fahrzeug konnte er noch laufen. Es war das letzte Mal, dass die S\u00f6hne ihre Eltern sahen.<\/p>\n<p>\u00bbDer Tag, der mein altes Leben beendet hat\u00ab, nennt Diego Federici dieses Datum heute. Eine Woche lang verbrachten er und sein Bruder anschlie\u00dfend selbst in Quarant\u00e4ne, warteten zusammen darauf, dass das Telefon klingelte. Jeden Tag hie\u00df es, die Lage sei ernst, aber unter Kontrolle.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter erfuhren sie, dass ihre Mutter von Anfang an wohl nur Morphium und Sauerstoff erhalten hatte. Ihre Leiche wurde mit einem Milit\u00e4rfahrzeug nach Verona transportiert, zur\u00fcck kam eine Urne. Die S\u00f6hne fragen sich noch heute, ob es die richtige war. Auch der Vater starb allein, nicht mal zur Bestattung durften die S\u00f6hne kommen.<\/p>\n<p>Die Pandemie hat Diego Federici die Familie geraubt, noch ehe er selbst eine gr\u00fcnden konnte. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie in Italien sind viele Friedh\u00f6fe voll mit neuen Grabsteinen. Mehr als 30.000 Menschen starben in dem Land allein w\u00e4hrend der ersten Welle bis Ende Mai 2020<em>. <\/em>Und dort, wo sich vor einem Jahr in vielen Familien ein Loch auftat, sind heute Fragen und Wut.<\/p>\n<p>Federici will wissen, ob der Tod seiner Mutter zu verhindern gewesen w\u00e4re. H\u00e4tte man ihr nicht mehr als Schmerzmittel geben m\u00fcssen? Und in der Krankenakte des Vaters sei so vieles im Nachhinein von Hand korrigiert worden, dass man kaum noch etwas habe entziffern k\u00f6nnen, sagt Federici. Er bezweifelt, dass diese Art der Dokumentation vorschriftsgem\u00e4\u00df war.<\/p>\n<p>Die Suche nach Aufkl\u00e4rung und Gerechtigkeit treibt den Sohn seither an. Zusammen mit mehr als 500 anderen italienischen Familien hat er Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Akten liegen bei der Staatsanwaltschaft von Bergamo, jener Stadt, die vor genau einem Jahr zum europ\u00e4ischen Epizentrum der Coronapandemie wurde.<\/p>\n<p>Die Vorw\u00fcrfe wiegen schwer: Italien habe zu sp\u00e4t und falsch auf die Pandemie reagiert. Das Land sei \u00fcberfordert gewesen, auch weil die Krisenpl\u00e4ne veraltet und mangelhaft gewesen seien. Fehler seien verheimlicht worden. Mussten deshalb Menschen sterben? Eltern, Gro\u00dfeltern, Ehepartner?<\/p>\n<p>Der damalige Premierminister Giuseppe Conte und sein Gesundheitsminister wurden bereits vernommen, seit Monaten kommen immer neue Vers\u00e4umnisse ans Licht. Es geht l\u00e4ngst nicht mehr nur um tragische Einzelf\u00e4lle, sondern um grunds\u00e4tzliches Versagen \u2013 und um Vertuschung.<\/p>\n<p>In K\u00fcrze will die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob und gegen wen sie Anklage erhebt. Es k\u00f6nnte ein Jahrhundertprozess werden. Die Hinterbliebenen w\u00fcrden dann als Nebenkl\u00e4ger auftreten.<\/p>\n<p>Viele von ihnen hatten sich bereits im vergangenen Jahr in der Facebook-Gruppe \u00bbNoi Denunceremo\u00ab versammelt, zu Deutsch: \u00bbWir klagen an\u00ab. Die Gruppe hatte in k\u00fcrzester Zeit 70.000 Mitglieder, Tausende berichten seither dort von ihrem Schicksal, um ihre Wut loszuwerden und um zu trauern. Hier entstand auch die Angeh\u00f6rigen-Initiative, die jetzt die Aufarbeitung vorantreibt.<\/p>\n<p>Inzwischen ist bekannt, dass der nationale Pandemieplan seit 2006 nicht mehr aktualisiertworden war, obwohl sich die italienische Regierung dazu verpflichtet und nur Wochen vor Ausbruch der Coronapandemie an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet hatte, bestens auf einen Ernstfall vorbereitet zu sein. Bereits im Mai 2020 konstatierte jedoch die WHO: \u00bbOhne auf solch eine Flut an erkrankten Patienten vorbereitet zu sein, war die erste Reaktion der Krankenh\u00e4user improvisiert, chaotisch und kreativ.\u00ab<\/p>\n<p>Zu viele Patienten mit leichtem Verlauf h\u00e4tten den Schwererkrankten die Pl\u00e4tze weggenommen, wodurch die \u00c4rzte ein \u00bblosing battle\u00ab, einen aussichtslosen Kampf, gef\u00fchrt h\u00e4tten, hei\u00dft es weiter. Auch Masken und Schutzanz\u00fcge h\u00e4tten gefehlt, Arztpraxen und Pflegeheime seien als Hotspots \u00fcbersehen worden. Das 102-seitige Dokument sollte keine Abrechnung sein, sondern eine Hilfe f\u00fcr andere L\u00e4nder. Dass es nur einen Tag nach seiner Ver\u00f6ffentlichung kommentarlos zur\u00fcckgezogen wurde, passt f\u00fcr viele Italiener ins Bild, das sie vom damaligen Krisenmanagement ihrer Politiker und Politikerinnen haben. Das Gesundheitsministerium in Rom bestreitet, Einfluss genommen zu haben.<\/p>\n<p>Die Anw\u00e4lte der Hinterbliebenen haben den Ermittlern mehrere Dossiers \u00fcbergeben, in denen weitere Vers\u00e4umnisse aufgef\u00fchrt werden. Aus einem Teil der Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, geht hervor, dass italienische Statistik-Experten die Beh\u00f6rden in der Lombardei bereits Ende Februar 2020 vor einer Epidemie mit einem R-Wert von \u00fcber 2,0 gewarnt hatten. Jeder Patient steckedemnach mehr als zwei weitere Personen an. Es war ein Lawinenalarm, der offenbar nicht geh\u00f6rt wurde. \u00dcber die Prognose schrieben die Wissenschaftler damals noch: \u00bbDie Werte sollten nicht direkt genutzt werden, da sie [vermutlich] noch zu niedrig sind.\u00ab<\/p>\n<p>Es sind solche Zeilen, die Alessandra Raveane noch heute w\u00fctend machen. Auch sie sucht Antworten. Die 46-J\u00e4hrige geh\u00f6rt zu denjenigen, deren Angeh\u00f6rige sich in einem Altenheim mit dem Virus infizierten. Knapp die H\u00e4lfte der Toten in Italien kam aus Pflege- und Betreuungseinrichtungen, sch\u00e4tzen Experten, die Gefahr wurde hier besonders lange untersch\u00e4tzt. Heute werden diese F\u00e4lle \u00bbstrage dei nonni\u00ab genannt \u2013 das Massaker an den Gro\u00dfeltern.<\/p>\n<p>Silvano Magnetti war der Mann von Raveanes Gro\u00dfmutter. \u00bbEr war mein Liebling\u00ab, sagt sie heute weinend, wenn sie von ihm erz\u00e4hlt. Auf Bildern sieht man einen gro\u00df gewachsenen Mann mit schlohwei\u00dfen Haaren, der sich noch im hohen Alter tief nach unten beugt, um mit seinem Urenkel durch den Garten zu gehen. Auf vielen Fotos dr\u00fccken er und seine Frau sich eng aneinander. Nach ihrem Tod bekam er langsam Alzheimer, die letzten eineinhalb Jahre lebte er in einer Seniorenresidenz in Manerba am Gardasee, mit gerade einmal 30 Bewohnern. Es sei eher ein Hotel als ein Altenheim gewesen, erinnert sich die Enkelin. \u00bbWir waren uns immer sicher, dass es ihm dort gut geht.\u00ab<\/p>\n<p>Der moderne Flachbau steht auf einem H\u00fcgel mit Blick \u00fcber den See, im Hintergrund beginnen die Berge. Bis Bergamo sind es knapp eineinhalb Stunden, es ist eine beliebte Erholungsgegend. Doch die Idylle, sagt Alessandra Raveane, war wohl nur eine Illusion. Anfang M\u00e4rz vergangenen Jahres begann sie langsam zu br\u00f6ckeln, so erinnert sie sich:<\/p>\n<p><strong>5. M\u00e4rz 2020: <\/strong>Die Familie m\u00f6chte den 86-j\u00e4hrigen Gro\u00dfvater nach einem Ausflug besuchen. Doch sie d\u00fcrfen nicht aufs Gel\u00e4nde. \u00bbAus Sicherheitsgr\u00fcnden\u00ab, teilt das Heim mit. Besuch wird fortan untersagt.<\/p>\n<p><strong>8. M\u00e4rz 2020:<\/strong> In der Lombardei wird offiziell der Notstand ausgerufen.<\/p>\n<p><strong>Mitte M\u00e4rz 2020:<\/strong> Der Gro\u00dfvater berichtet am Telefon, man habe ihn und seine Mitbewohnerin ins Zimmer gesperrt. Die Quarant\u00e4ne sei wohl eine Vorsichtsma\u00dfnahme, das Personal bringe jedoch dreimal t\u00e4glich Essen. Alles sei sauber und ordentlich.<\/p>\n<p><strong>13. M\u00e4rz 2020: <\/strong>Die Familie will von der Heimleitung wissen, ob es Probleme gibt. Niemand ist zu erreichen. Per WhatsApp entschuldigt sich die Managerin: Es sei viel los, doch man m\u00fcsse sich keine Sorgen machen, dem Gro\u00dfvater gehe es gut.<\/p>\n<p><strong>17. M\u00e4rz 2020:<\/strong> Die Familie erf\u00e4hrt von der Enkelin der Mitbewohnerin, dass ein Pfleger auf Facebook schreibt, er m\u00fcsse f\u00fcr f\u00fcnf Tage in Quarant\u00e4ne. Das Heim ist den ganzen Tag \u00fcber erneut nicht zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>19. M\u00e4rz 2020:<\/strong> Die Heimleiterin sagt am Telefon, sie wisse nichts von solch einem Fall. Allerdings sei sie selbst derzeit in Selbstisolation, da ihr Schwiegersohn an Covid-19 erkrankt sei.<\/p>\n<p><strong>21. M\u00e4rz 2020:<\/strong> Eine Pflegerin von Silvano Magnetti muss mit Gesundheitsproblemen ins Hospital.<\/p>\n<p><strong>23. M\u00e4rz 2020:<\/strong> Die Zimmernachbarin muss ebenfalls in Krankenhaus. Verdacht auf Schlaganfall. Weil die Familie von der Heimleitung erneut nichts erf\u00e4hrt, bittet sie schlie\u00dflich die Haus\u00e4rztin um Hilfe.<\/p>\n<p><strong>24. M\u00e4rz 2020:<\/strong> Die Haus\u00e4rztin ruft bei der Familie an. Das Heim hatte ihrin der Nacht eine Nachricht geschickt, dass es Silvano Magnetti nicht gut gehe und er Fieber habe.<\/p>\n<p><strong>25. M\u00e4rz 2020:<\/strong> Die Familie der Zimmernachbarin teilt mit, dass der Coronatest im Krankenhaus positiv gewesen sei. Die Angeh\u00f6rigen versuchen erneut, das Heim zu erreichen. Eine Schwester sagt schlie\u00dflich, dass sie keine Zeit habe. Nachdem die Enkelin in Verzweiflung den Notarzt alarmiert, wird der Gro\u00dfvater im Heim untersucht. Seine Werte seien in Ordnung, hei\u00dft es, einen Coronatest k\u00f6nne man jedoch nur in einer Klinik machen. Davon raten die Mitarbeiter trotz der tagelangen N\u00e4he zu einer Covid-19-Patientin ab: Es sei besser, wenn Alzheimer-Patienten in ihrer Umgebung blieben. Das Personal verspricht, den Gesundheitszustand k\u00fcnftig regelm\u00e4\u00dfig zu kommunizieren.<\/p>\n<p><strong>26. M\u00e4rz 2020: <\/strong>Das Heim bekommt eine neue Leiterin. Sie beschwert sich telefonisch bei der Familie, dass man der Einrichtung so wenig Vertrauen schenke und den Notarzt gerufen habe. Die Familie rechtfertigt sich: Man habe eine Notlage bef\u00fcrchtet und den Eindruck, dass die Einrichtung \u00fcberfordert sei. Die Managerin widerspricht. Dem Gro\u00dfvater gehe es schon wieder besser, das Fieber sei gesunken, er esse gern.<\/p>\n<p><strong>28. M\u00e4rz 2020:<\/strong> Noch vor Sonnenaufgang wird Silvano Magnetti mit schweren Atemproblemen ins Krankenhaus von Desenzano gebracht. Dort steht schnell fest: Er hat Covid-19.<\/p>\n<p><strong>3. April 2020:<\/strong> Silvano Magnetti stirbt.<\/p>\n<p>Die detaillierte Darstellung der Angeh\u00f6rigen l\u00e4sst sich nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcfen. Der Heimbetreiber m\u00f6chte sich auf Nachfrage nicht \u00e4u\u00dfern, die Einrichtung ist im Internet inzwischenunter einem neuen Namen zu finden. Alessandra Raveane hat die Heimleitung nach dem Tod ihres Gro\u00dfvaters ausf\u00fchrlich konfrontiert. In den Antworten, die sie erhielt, streitet der Betreiber etwaige Fehler ab. Mit insgesamt drei Todesf\u00e4llen unter 30 Bewohnern sei man doch recht gut durch die Pandemie gekommen, steht sinngem\u00e4\u00dfin einer Nachricht. Reicht das als Antwort?<\/p>\n<p>Auch die Krankenh\u00e4user m\u00f6chten sich aus Gr\u00fcnden des Patientenschutzes und wegen der Ermittlungen nicht zu den Darstellungen der Angeh\u00f6rigen \u00e4u\u00dfern. \u00bbUnser Beileid gilt all den Hunderten Familien, die einen geliebten Menschen verloren haben\u00ab, hei\u00dft es in einer knapp gehaltenen Mitteilung der regionalen Krankenhausgesellschaft, die immerhin best\u00e4tigt, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt. \u00bbWir danken den \u00c4rzten und Krankenschwestern, die seit einem Jahr ihr Bestes geben.\u00ab<\/p>\n<p>Kann der Schmerz der Angeh\u00f6rigen \u00fcberhaupt mit den Mitteln der Justiz gelindert werden? Und wo liegt in einer weltweiten Pandemie die Grenze zwischen Ungl\u00fcck und Verbrechen? Es scheint ein schmaler Grat.<\/p>\n<p>Das Ospedale Papa Giovanni XXIII, das gr\u00f6\u00dfte Krankenhaus in Bergamo, entschuldigt sich inzwischen daf\u00fcr, viele Angeh\u00f6rige im vergangenen Jahr nicht ausf\u00fchrlicher informiert zu haben. \u00bbEs war eine schmerzhafte Entscheidung, auch wenn wir wussten, dass wir keine andere M\u00f6glichkeit hatten\u00ab, sagt Federica Belli, die Sprecherin der Klinik. Das Krankenhaus stand Anfang M\u00e4rz 2020 innerhalb weniger Tage vor dem Kollaps. Normalerweise starben hier 100 Patienten im Jahr. Jetzt waren es oft 25 am Tag. Bis zu 550 Betten waren damals gleichzeitig mit Covid-Patienten belegt, von den 1400 \u00c4rzten und Pflegern infizierten sich mehr als 400 selbst. Die \u00c4rzte, das sagen auch viele Hinterbliebene, waren selbst Opfer. Dennoch bleibt bei vielen die Wut.<\/p>\n<p>Es geht ja nicht nur um die Fehler, sondern auch das Fehlen, sagt Diego Federici. Die L\u00fccke, die seine Eltern hinterlassen haben. Noch heute wei\u00df er genau, wann die Not\u00e4rzte die Eltern mitnahmen: 8.30 Uhr die Mutter, 9.10 Uhr den Vater. \u00bbIch wollte mich umbringen, als ich erfuhr, dass meine beiden Eltern tot sind\u00ab, sagt Federici.<\/p>\n<p>Nach der Arbeit mache er nicht mehr viel, Freundschaften seien nach dem Tod seiner Eltern oft eingeschlafen, auch wegen der Pandemie. \u00dcber die Facebook-Gruppe lernte er im vergangenen Jahr Sara kennen, seine jetzige Freundin, auch sie hat ihren Vater verloren, nachdem die \u00c4rzte in Bergamo einen Monat lang vergeblich um sein Leben gek\u00e4mpft hatten. \u00bbSie haben ihn wie ein Versuchskaninchen behandelt\u00ab, erinnert sie sich. \u00bbUnd dann war er tot.\u00ab<\/p>\n<p>259.000 Euro pro Angeh\u00f6rigen, das ist die Forderung von Consuelo Locati. Die Anw\u00e4ltin treibt nicht nur die Sammelklagen voran, sondern verlangt zudem in zus\u00e4tzlichen Zivilklagen Schadensersatz vom Staat. Auch sie verlor ihren Vater in der Pandemie, seitdem k\u00e4mpft sie daf\u00fcr, dass Fehlentscheidungen transparent aufgearbeitet werden. Es ist schnell ein Fulltime-Job geworden, die 50-J\u00e4hrige ist mittlerweile zigfach an die \u00d6ffentlichkeit getreten, hat neue Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten pr\u00e4sentiert und Politiker zu Stellungnahmen gen\u00f6tigt. Hinter ihr steht ein f\u00fcnfk\u00f6pfiges Team aus Juristen. Inzwischen haben sie sogar einen PR-Berater, wie alle anderen arbeitet er pro bono.<\/p>\n<p>Das Team rund um Locati hat unter anderem den verschwundenen WHO-Bericht aus dem Fr\u00fchjahr 2020 aufgetrieben.<\/p>\n<p>Dass der Bericht damals pl\u00f6tzlich weg war, war offenbar kein Zufall. Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, dass intern zuvor massiver Druck ausge\u00fcbt worden war. Der italienische WHO-Vizedirektor Ranieri Guerra hatte den Hauptautoren Francesco Zambon in mehreren E-Mails aufgefordert, den Bericht zu \u00fcberarbeiten.<\/p>\n<p>Zwei Tage vor Ver\u00f6ffentlichung verlangte er von Zambon, das Datum des letzten italienischen Pandemieplans zu ver\u00e4ndern, um ihn aktueller aussehen zu lassen. \u00bbVersau das nicht\u00ab, schrieb Guerra in der Mail an Zambon auf Italienisch \u2013 wenn man es h\u00f6flich \u00fcbersetzt. In einer weiteren Mail wies Guerra darauf hin, dass Italien die WHO erst k\u00fcrzlich mit 10 Millionen Euro unterst\u00fctzt habe. Tats\u00e4chlich fiel die Erstellung des Covid-Berichts gar nicht in seinen Zust\u00e4ndigkeitsbereich. Allerdings hatte er zuvor im italienischen Gesundheitsministerium gearbeitet \u2013 und war dort unter anderem f\u00fcr die \u00dcberarbeitung von Pandemiepl\u00e4nen zust\u00e4ndig gewesen.<\/p>\n<p>Offiziell wurde der Bericht zur \u00dcberarbeitung zur\u00fcckgezogen. Doch die ist bis heute nicht erschienen. Francesco Zambon, der Hauptautor, wird die Weltgesundheitsorganisation Ende M\u00e4rz 2021 verlassen. \u00bbIch habe nur meinen Job gemacht, alle internen Vorschriften wurden eingehalten\u00ab, sagteerdem SPIEGEL. \u00bbEs war unsere Aufgabe, die damalige Situation unabh\u00e4ngig zu beschreiben und zu bewerten \u2013 und nicht die Wahrheit zu verbergen, um jemandem einen Gefallen zu tun.\u00ab<\/p>\n<p>Die Vers\u00e4umnisse zu Beginn der Pandemie sind l\u00e4ngst auch in anderen L\u00e4ndern Thema. In Gro\u00dfbritannien drohten Angeh\u00f6rige vor Kurzem der Regierung mit Klagen, sollte die Aufkl\u00e4rung nicht vorankommen. In Deutschland wird seit Tagen intensiv \u00fcber Korruption und Misswirtschaft bei der Beschaffung von Masken diskutiert. In Spanien sammeln Verbrauchersch\u00fctzer Berichte aus Altenheimen, die dort ebenfalls zur Todesfalle f\u00fcr viele Senioren geworden waren. In Griechenland lie\u00dfen Anw\u00e4lte unl\u00e4ngst einen Toten exhumieren, um m\u00f6gliche Behandlungsfehler zu dokumentieren.<\/p>\n<p>Europaweit tauschen sich die Hinterbliebenen inzwischen aus, sie wollen daf\u00fcr sorgen, dass ein Jahr nach Beginn der Coronakrise offen \u00fcber Fehler und Vers\u00e4umnisse gesprochen wird. Nur so sei ein Neuanfang m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Alessandra Raveane sagt, sie k\u00f6nne nicht abschlie\u00dfen, solange sie nicht wisse, was im Heim ihres Gro\u00dfvaters wirklich geschehen sei. Diego Federici hat sich nach dem Tod seiner Eltern ein Tattoo stechen lassen, auf seinem linken Unterarm schl\u00e4ngelt sich jetzt ein japanischer Drache entlang. Das Zeichen f\u00fcr Familie und Unendlichkeit, sagt Federici. \u00bbIch werde sie nie loslassen.\u00ab<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Illustration: Matthias Schardt \/ kombinatrotweiss \/ DER SPIEGEL Den Weg zu seinen Eltern kennt Diego Federici gut, besser als es ihm lieb ist. 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