{"id":6629,"date":"2021-03-20T20:10:35","date_gmt":"2021-03-20T17:10:35","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/myanmar-wie-ein-deutscher-die-proteste-in-yangon-erlebt\/"},"modified":"2021-03-20T20:10:35","modified_gmt":"2021-03-20T17:10:35","slug":"myanmar-wie-ein-deutscher-die-proteste-in-yangon-erlebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/myanmar-wie-ein-deutscher-die-proteste-in-yangon-erlebt\/","title":{"rendered":"Myanmar: Wie ein Deutscher die Proteste in Yangon erlebt"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/321c077a-ede5-44de-8e75-8161ef6e3661_w948_r1.77_fpx70_fpy55.01.jpg\" title=\"Protestierende fliehen in Yangon vor dem Kugelhagel der Soldaten\" alt=\"Protestierende fliehen in Yangon vor dem Kugelhagel der Soldaten\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Protestierende fliehen in Yangon vor dem Kugelhagel der Soldaten<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Aung Kyaw Htet \/ imago images\/ZUMA Wire  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Bis vor wenigen Wochen wurde Mikis Weber von Fans umringt, sobald er in Yangon aus der Haust\u00fcr trat: Der 29-J\u00e4hrige aus Bremen ist in Myanmar ein gefeierter Musiker und Schauspieler. Seine Musikvideos, in denen er auf burmesisch singt, wurden millionenfach geklickt, er trat mit den gr\u00f6\u00dften K\u00fcnstlern des Landes auf, spielte in den beliebtesten Vorabendserien \u2013 bis das Milit\u00e4r am 1. Februar die Macht \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>\u00bbWenn ich jetzt vor die T\u00fcr gehe, stehe ich mitten in den Demos\u00ab, sagt er. \u00bbH\u00e4ufig k\u00f6nnen wir nachts nicht schlafen, weil st\u00e4ndig geschossen wird. Soldaten ziehen durch die Stra\u00dfe und schreien: \u203aKommt raus, ihr Nutten, heute Nacht bringen wir euch alle um.\u2039 Hier herrscht Anarchie, absoluter Terror.\u00ab<\/p>\n<p>Seit dem Putsch befindet sich Myanmar im Aufruhr. Das Viertel, in dem Weber lebt, ist in Yangon zum Zentrum der Proteste gegen die neue Milit\u00e4rjunta geworden. Weber ist in Kontakt mit dem deutschen Botschafter, will aber in seiner Wohnung bleiben. Dort k\u00f6nne er zumindest anderen Fluchthilfe leisten, sagt er: \u00bbWenn auf der Stra\u00dfe geschossen wird, fl\u00fcchten alle in die umliegenden H\u00e4user. Wir k\u00f6nnen die Demonstranten bei uns verstecken und dann \u00fcber die Feuertreppe weiter auf die n\u00e4chsten H\u00e4user verteilen.\u00ab Zweimal habe das schon geklappt.<\/p>\n<p>Seit f\u00fcnf Jahren wohnt Weber in Yangon. Zw\u00f6lf Jahre war er alt, als sein Vater ihn zum ersten Mal mitnahm in die Grenzregion von Thailand und Myanmar. Der Vater ist Gr\u00fcnder einer kleinen Hilfsorganisation, die sich f\u00fcr verfolgte Myanmaren im Gebiet der Shan einsetzt. Nach dem Abitur kam Weber zur\u00fcck f\u00fcr ein Freiwilliges Soziales Jahr. Er unterrichtete Englisch \u2013 und lernte selbst flie\u00dfend Burmesisch.<\/p>\n<p>Zweimal hat der SPIEGEL ihn telefonisch in Yangon erreicht: Das erste Telefonat fand am 12. M\u00e4rz statt, im Hintergrund waren die Parolen der Demonstranten zu h\u00f6ren. \u00bbEs sind alle auf der Stra\u00dfe, von der Oma bis zum Baby\u00ab, hatte Weber da gesagt. \u00bbBuddhisten, Moslems, Christen, Homosexuelle und traditionell Konservative, alle stehen Seite an Seite. Und vor Gummigeschossen weicht schon niemand mehr zur\u00fcck.\u00ab<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter, beim zweiten Telefonat, berichtet Weber, dass die Massendemonstrationen deutlich weniger geworden seien. \u00bbIch will nicht sagen, dass die Menschen resigniert haben. Aber der Terror hier ist so unvorstellbar, dass jetzt flieht, wer kann.\u00ab<\/p>\n<p>Der Anblick der Bilder und Videos, die Mikis Weber aus Yangon schickt, sind schwer zu ertragen. Menschen mit gespaltenen K\u00f6pfen sind dort zu sehen. Soldaten, die mit Maschinengewehren auf Rettungssanit\u00e4ter einpr\u00fcgeln. Eine Stra\u00dfe, die mit mehr als hundert Hundeleichen gepflastert ist. \u00bbDie Tiere wurden vom Milit\u00e4r erschossen. Sie haben nachts gebellt und so die Anwohner gewarnt, wenn Soldaten in die H\u00e4user eindringen wollten.\u00ab<\/p>\n<p>Berichte \u00fcber die Grausamkeit von Polizei und Milit\u00e4r, \u00fcber Einsch\u00fcchterung, Folter und T\u00f6tungen gibt es viele aus Myanmar. Die Taktiken sind nicht neu. Die f\u00fcr ihre Brutalit\u00e4t ber\u00fcchtigte Armee im fr\u00fcheren Birma hat sie schon w\u00e4hrend ihrer fast 50 Jahre dauernden Diktatur regelm\u00e4\u00dfig erprobt. Das erkl\u00e4rte Ziel: Menschen abschrecken, Widerstand brechen.<\/p>\n<p>\u00bbDies sind nicht die Aktionen von \u00fcberforderten, einzelnen Offizieren, die schlechte Entscheidungen treffen. Das sind skrupellose Kommandanten, die bereits in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwickelt sind und ihre Truppen und m\u00f6rderischen Methoden in aller \u00d6ffentlichkeit einsetzen\u00ab, sagte Joanne Mariner, Leiterin der Krisenarbeit von Amnesty International.<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAPP zufolge wurden seit dem Umsturz in Myanmar schon mehr als 200 Menschen get\u00f6tet, rund 2000 wurden inhaftiert \u2013 und nur wenige wieder freigelassen. Auch ein polnischer Journalist, der f\u00fcr die Nachrichtenagentur dpa arbeitet, wurde von Soldaten misshandelt und inhaftiert. Obwohl sich sowohl die deutsche als auch die polnische Botschaft f\u00fcr ihn einsetzten, wird er noch immer festgehalten.<\/p>\n<p>Immer wieder kommt es vor, dass Festgenommene Tage sp\u00e4ter als \u00fcbel zugerichtete Leichen wieder auftauchen. Zaw Myat Lin, Mitglied der Partei Nationale Liga f\u00fcr Demokratie (NLD) der entmachteten Regierungschefin Aung San Suu Kyi, war am 8. M\u00e4rz in Yangon festgenommen worden. Am 9. M\u00e4rz war er tot. Bilder seiner Leiche zeigten Anzeichen von furchtbarer Folter. Das Milit\u00e4r erkl\u00e4rte, er habe die T\u00fcr seines Hauses f\u00fcr \u00bbSicherheitskontrollen\u00ab nicht \u00f6ffnen wollen und habe dann versucht zu fliehen.<\/p>\n<p>In die Wohnung eines Freundes seien Soldaten gewaltsam eingedrungen, erz\u00e4hlt Weber: \u00bbWeil er nicht da war, haben sie seinen Vater, seine Mutter, seine Schwester und seinen Bruder verpr\u00fcgelt.\u00ab<\/p>\n<p>Weber hat eine burmesische Freundin. Ihr Reisepass ist nur noch wenige Monate g\u00fcltig, alle \u00c4mter sind geschlossen. Allein zur\u00fccklassen m\u00f6chte er sie auf keinen Fall. \u00bbIch liebe das Land und habe hier so viele Freunde\u00ab, sagt er. \u00bbIch m\u00f6chte ihnen zeigen: Ich lasse euch nicht allein. Andererseits glaube ich, dass ich von Deutschland aus mehr bewirken k\u00f6nnte, indem ich zum Beispiel Videos und Infos verbreite. Das kann ich von hier aus nur sehr eingeschr\u00e4nkt. Ich bin sicher, dass ich schon auf dem Index des Milit\u00e4rs stehe.\u00ab<\/p>\n<h3>Aufruf zur Blutspende unter 300.000 Facebook-Freunden<\/h3>\n<p>Vor wenigen Tagen sei der Betelnussverk\u00e4ufer seiner Stra\u00dfe festgenommen worden, \u00bbdas ist der wichtigste Mann in jedem Viertel, er ist quasi die Stra\u00dfenzeitung\u00ab. Auf seinem Handy seien Fotos der Demonstrationen gefunden worden, unter Druck habe er dann zw\u00f6lf Namen von Protestierenden genannt. Auch der Name Mikis Weber soll gefallen sein.<\/p>\n<p>Weber macht keinen Hehl daraus, dass er die Demonstranten und ihren Kampf um Demokratie unterst\u00fctzt. Auf Facebook hat er mehr als 300.000 Kontakte, mit denen er bis vor wenigen Tagen Videos und Fotos von Gr\u00e4ueltaten des Milit\u00e4rs teilte. F\u00fcr schwer verletzte Demonstranten organisierte er eine Blutspende \u00fcber die Seite.<\/p>\n<p>Auch er selbst demonstriert immer wieder auf der Stra\u00dfe und hat Geld gespendet f\u00fcr Schutzschilder und Blendgranaten, als Schutz vor den Scharfsch\u00fctzen. Als deutscher Staatsb\u00fcrger werde er wohl nicht so einfach erschossen oder inhaftiert, hofft er. Und sollten doch Soldaten nach ihm suchen, w\u00fcrde er es \u00fcber die Feuertreppe aufs Dach schaffen und von dort mit einem Sprung ins Nachbarhaus und weiter bis zur deutschen Botschaft.<\/p>\n<p>\u00bbMeiner Freundin und mir geht es im Vergleich zu vielen anderen ja noch gut, wir haben wenigstens finanzielle R\u00fccklagen\u00ab, sagt Weber. Offiziell ist er noch immer beim Goethe-Institut als Deutschlehrer angestellt. Mit Ausbruch der Coronakrise war der Unterricht ins Internet verlegt worden. Nun findet nichts mehr statt, \u00bbdas ganze Land steht still\u00ab.<\/p>\n<p>Immerhin habe er noch Bargeld. Vor den Bankautomaten bildeten sich nun \u00fcberall lange Schlangen, viele Automaten spuckten schon kein Geld mehr aus. Lebensmittel gebe es aber noch zu kaufen. Mindestens einer der umliegenden Superm\u00e4rkte habe \u00fcblicherweise ge\u00f6ffnet, berichtet er. \u00bbEin Teehaus auf der anderen Stra\u00dfenseite wurde von Polizisten mit vorgehaltenen Waffen ausgeraubt, im Nachbarviertel haben sie einen Supermarkt \u00fcberfallen. Das muss man sich mal vorstellen. Wen soll man rufen, wenn die Polizei selbst der Aggressor ist? Das ist ein ganz mulmiges Gef\u00fchl.\u00ab<\/p>\n<p>In seiner Stra\u00dfe gibt es ein Polizei-Wachh\u00e4uschen. Noch vor wenigen Wochen gr\u00fc\u00dften die Beamten freundlich, wenn er vorbeiging. Weber hat den Verdacht, dass die netten Streifenpolizisten l\u00e4ngst ausgetauscht worden sind gegen S\u00f6ldner des Milit\u00e4rs. \u00bbSie tragen zwar Polizeiuniformen, haben aber Armeestiefel an. Die hatte fr\u00fcher kein Polizist.\u00ab<\/p>\n<p>Auch Amnesty International weist darauf hin, dass in Myanmar zunehmend Waffen eingesetzt werden, \u00bbdie f\u00fcr milit\u00e4rische Eins\u00e4tze in kriegerischen Konflikten und nicht f\u00fcr die Polizei bestimmt sind\u00ab. Viele der dokumentierten T\u00f6tungen k\u00e4men au\u00dfergerichtlichen Hinrichtungen gleich.<\/p>\n<h3>Nachts ist das ganze Land offline<\/h3>\n<p>Zun\u00e4chst hatten viele Anwohner den Soldaten sogar noch Essen und Getr\u00e4nke angeboten, berichtet Weber: \u00bbSie wollten zeigen: Ihr bringt uns um, aber wir haben trotzdem noch Liebe f\u00fcr euch \u00fcber.\u00ab Einige hegten wohl auch die Hoffnung, die Soldaten zum Wechseln der Seiten \u00fcberreden zu k\u00f6nnen. Er selbst halte das aber f\u00fcr unrealistisch: \u00bbDie sind gebrainwashed und auf Methamphetamin. Die haben Spa\u00df am T\u00f6ten.\u00ab<\/p>\n<p>Mittlerweile habe das Milit\u00e4r reihenweise Hotels, Universit\u00e4ten und sogar Krankenh\u00e4user gepl\u00fcndert und besetzt. \u00bbDie Menschen hier werden enteignet, einfach so. Das Land blutet aus\u00ab, sagt Weber. \u00bbDas Wenige, was die Menschen hier haben, wird ihnen gerade weggenommen.\u00ab<\/p>\n<p>Immerhin: Viele Vermieter verzichteten seit dem Coup auf die Miete, erz\u00e4hlt Weber. Und auch die Elektrizit\u00e4tswerke unterst\u00fctzten die Demonstranten indirekt, indem sie einfach keine Rechnungen mehr schickten: \u00bbAber wer wei\u00df, wie lange die das noch durchhalten. F\u00fcr mehrere Stunden war der Strom im ganzen Land schon abgestellt.\u00ab<\/p>\n<p>Auch das Internet ist immer wieder weg. Von ein Uhr nachts bis halb sieben Uhr morgens ist das ganze Land t\u00e4glich offline. Seiten wie WhatsApp, Facebook oder Skype sind ohnehin nur noch per VPN-Verbindung erreichbar. Beim ersten Telefonat vor einer Woche hatte Weber immerhin noch mobiles Internet, das funktioniert nun nicht mehr. \u00bbEs gibt Ger\u00fcchte, dass sie uns das Internet bald ganz abstellen\u00ab, sagt Weber.<\/p>\n<p>Was ihm wichtig ist: Die Proteste seien friedlich. \u00bbWenn es Gewalt gibt, dann immer nur als Reaktion auf einen Angriff der Soldaten und Polizisten.\u00ab Das Gespr\u00e4ch mit ihm endet in tosendem L\u00e4rm. Es ist 20 Uhr Ortszeit \u2013 und wie jeden Tag um diese Zeit gibt es Krach: Die Menschen schlagen mit T\u00f6pfen und Deckeln so laut sie k\u00f6nnen. Weber hofft, dass ihr Hilferuf bis nach Deutschland reicht.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Protestierende fliehen in Yangon vor dem Kugelhagel der Soldaten Foto:\u2002Aung Kyaw Htet \/ imago images\/ZUMA Wire Bis vor wenigen Wochen wurde Mikis Weber von Fans umringt, sobald er<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6630,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6629","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6629","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6629"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6629\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6630"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6629"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}