{"id":654,"date":"2020-06-23T11:09:31","date_gmt":"2020-06-23T08:09:31","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-leben-mit-dem-lockdown-acht-betroffene-in-der-krise\/"},"modified":"2020-06-23T11:09:31","modified_gmt":"2020-06-23T08:09:31","slug":"corona-leben-mit-dem-lockdown-acht-betroffene-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-leben-mit-dem-lockdown-acht-betroffene-in-der-krise\/","title":{"rendered":"Corona &#8211; Leben mit dem Lockdown: Acht Betroffene in der Krise"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/aeef3e84-8417-43ba-b00f-e264b784de27_w948_r1.77_fpx51_fpy32.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Benjamin Maack\/ DER SPIEGEL; Benjamin Roth; Freigeist Fotografie; Sonja Werner<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Virus hat unsere Leben ganz sch\u00f6n durcheinandergeworfen.<\/p>\n<p>Als Mitte M\u00e4rz die Corona-Einschr\u00e4nkungen begannen, \u00e4nderte sich der Alltag der meisten Menschen innerhalb weniger Tage dramatisch. Schulen und Kinderg\u00e4rten, Bars und Klubs, Restaurants, Kinos und Fitnessstudios schlossen. Konzerte und Fu\u00dfballspiele wurden abgesagt. Statt zur Arbeit zu gehen, blieben viele im Homeoffice, manche Jobs waren pl\u00f6tzlich unentbehrlich &#8211; und in anderen gab es mit einem Mal gar nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p>Aber wie geht es den Betroffenen eigentlich? Wie hat Corona ihren Alltag ver\u00e4ndert? Welche \u00c4ngste und Probleme hat er gebracht? Und wie sind sie damit umgegangen?<\/p>\n<p>Es sollte nicht um Infizierte gehen, sondern um die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie. &quot;Die Opfer der Coronakrise&quot; nannten wir die erste Idee zu diesem St\u00fcck. Passend zum Titel der Serie &quot;Heldinnen und Helden des Corona-Alltags&quot;. Wir sagten immer &quot;Arbeitstitel&quot;. Irgendwie war uns schon am Anfang klar, dass &quot;Opfer&quot; ein ziemlich heftiger Begriff ist. Erwarteten wir nur Menschen, die wie erstarrt auf die Tr\u00fcmmer ihrer Existenz blickten, darauf warteten, dass Corona vorbei ist und alles wie vorher weitergeht? Sicher nicht.<\/p>\n<h3><strong>Es erfordert Mut, sich in verletzlichen Situationen zu offenbaren<\/strong><\/h3>\n<p>Es war gar nicht so leicht, Menschen zu finden, die bereit waren, mit uns \u00fcber ihre Situation und die Herausforderungen zu sprechen, die mit dem Lockdown gekommen waren. Klar. Es ist leichter von Erfolgen zu berichten als von Problemen. Viele, die wir kontaktierten, sagten, sie f\u00e4nden es sehr wichtig, die Leute zu fragen, wie es ihnen geht und ihnen Geh\u00f6r zu verschaffen \u2013 aber sie selbst k\u00f6nnten das nicht. Zwei gaben erst Auskunft, zogen ihre Protokolle dann aber doch noch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&quot;Wenn ich das so lese&quot;, schrieb eine der beiden Personen, &quot;puh. Ich m\u00f6chte nicht, dass das ver\u00f6ffentlicht wird.&quot; Das ist verst\u00e4ndlich. Denn es erfordert Mut, sich in einer so verletzlichen Situation zu offenbaren. Zugleich ist es schade, denn auch die Geschichte dieser Person ist eine Erfolgsgeschichte.<\/p>\n<p>Den meisten ist es gelungen, in den vergangenen Wochen Wege zu suchen und zu finden, um weiterzumachen. Keine breiten Stra\u00dfen, sondern Pfade voller schlecht einsehbarer Biegungen und gef\u00e4hrlicher Abgr\u00fcnde, durch Dickicht und \u00fcber Stolpersteine. Wege, die Mut und Kraft erfordern.<\/p>\n<p>So wurde aus den erwarteten Protokollen der Not auch eine Runde der Optimistinnen, Kreativen, K\u00e4mpferinnen. <\/p>\n<h3>&quot;Zwischenzeitlich hatte ich schon bef\u00fcrchtet, dass ich wieder in meinen alten Job zur\u00fcckmuss&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Als der Lockdown losging, war das wie ein Schlag vor den Kopf. Das begann bei mir Freitag. Ich habe sechs Auftraggeber, darunter Fitnessstudios, Reha-Zentren, Physiotherapiepraxen und eine Kirchengemeinde &#8211; und bis Sonntag hat mir einer nach dem anderen mitgeteilt: Ab sofort darf kein Unterricht mehr stattfinden. Ich hatte richtige Verlust\u00e4ngste.<\/p>\n<p>Ich habe dann &#039;Soforthilfe 2&#039; beantragt und sie relativ z\u00fcgig erhalten. Aber da bis heute in Berlin nicht gekl\u00e4rt ist, ob das Geld zur\u00fcckgezahlt werden muss, habe ich einen Teil des Geldes auf ein Sparbuch gelegt, bis das gekl\u00e4rt ist. Versteuern muss ich die Summe ja auch noch. Im Moment gehe ich an meine R\u00fccklagen, die auch nur begrenzt sind.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich hatte ich schon bef\u00fcrchtet, dass ich wieder in meinen alten Job zur\u00fcck muss. Ich habe lange in einem Steuerb\u00fcro gearbeitet. Aber das w\u00e4re keine gute Alternative. Das was ich jetzt mache, ist f\u00fcr mich kein Beruf, sondern eine Berufung. Zum Gl\u00fcck haben mich Teilnehmer angeschrieben und angerufen, mir Mut gemacht. Sie fragten: K\u00f6nnen wir die Kurse nicht trotzdem irgendwie stattfinden lassen? So habe ich Zoom f\u00fcr mich entdeckt und angefangen, dar\u00fcber zu unterrichten.<\/p>\n<p><strong>&quot;Die haben sich total allein und verlassen gef\u00fchlt&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Viele meiner Teilnehmer sind weit \u00fcber Sechzig. Sie haben teilweise auch keinen Mann mehr. Einige haben sich total allein und verlassen gef\u00fchlt und waren happy, dass sie \u00fcber das Internet mitmachen konnten. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Trotz Kontaktbeschr\u00e4nkungen bin ich zu dem einen oder anderen hingefahren, habe mir den Laptop geholt und habe denen das eingerichtet.<\/p>\n<p>Die Fitnessstudios sind ja mittlerweile zum Gl\u00fcck wieder ge\u00f6ffnet. Doch obwohl ich alle Hygienema\u00dfnahmen einhalten k\u00f6nnte, \u00f6ffnen einige meiner Auftraggeber aus Angst vor Corona ihre R\u00e4ume nicht. Dabei kann Abstand gew\u00e4hrleistet werden, wir k\u00f6nnen unsere H\u00e4nde desinfizieren, wir haben die M\u00f6glichkeit, zu l\u00fcften. So sicher ist einkaufen nicht. Klar, da haben alle einen Mundschutz, aber bei manchen bleibt die Nase frei. Und wenn du im Supermarkt bist, dann stehen die anderen nicht mit anderthalb Meter Abstand.<\/p>\n<p>Drei Kurse in der Woche laufen mittlerweile \u00fcber Zoom. Wer etwas bezahlen kann, bezahlt was und wer nichts bezahlen kann, bezahlt nichts. Ich freue mich, dass ich helfen darf, dass sie sich gut f\u00fchlen und keine Schmerzen haben.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Ich habe alles so umgebaut, wie ich es eigentlich haben wollte&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Letztes Jahr hatte ich noch einen Foodtruck. Im Februar habe ich meinen eigenen Laden &quot;Yamacito Seafood Bar&quot; in St. Peter-Ording er\u00f6ffnet. Als ich h\u00f6rte, dass wegen Corona Gro\u00dfveranstaltungen abgesagt werden, habe ich noch gedacht: meine armen Foodtruck-Kollegen, die sind richtig gekniffen, wenn es keine Events gibt. Eine Woche sp\u00e4ter wurde \u00fcberall die Gastronomie geschlossen und der Lockdown hat auch mich voll erwischt.<\/p>\n<p>Ich bin eher ein Optimist und habe versucht, das Beste aus der Zeit zu machen. Ich habe einen Kredit aufgenommen, um den Laden zu \u00fcbernehmen und hatte einen kleinen Puffer in meine Kalkulation eingebaut. Die Zeit habe ich genutzt, um jede Schraube noch ein zweites Mal anzuziehen. Ich habe alles so umgebaut, wie ich es eigentlich haben wollte.<\/p>\n<p>Schlaflose N\u00e4chte hatte ich trotzdem. Mitte April durfte ich meinen Laden wieder aufmachen. Dadurch, dass Fischbr\u00f6tchen vor allem au\u00dfer Haus verkauft werden, konnte ich schon ein bisschen fr\u00fcher anfangen als andere. Da allerdings noch keine Zweitwohnungsbesitzer und Touristen anreisen durften, waren die Ums\u00e4tze nat\u00fcrlich nicht so gro\u00dfartig.<\/p>\n<p><strong>&quot;Jetzt geht es erst mal los&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Aber es kommt nat\u00fcrlich auch nicht h\u00e4ufig vor, dass man einen ganzen Strand f\u00fcr sich hat. Normalerweise ist der Strand von St. Peter-Ording immer voller Menschen. Selbst die Einheimischen haben gesagt, sowas h\u00e4tten sie hier noch nie erlebt.<\/p>\n<p>Noch ein Lockdown w\u00e4re f\u00fcr mich eine Katastrophe. Ich w\u00fcrde die Zeit wahrscheinlich \u00fcberstehen, weil ich mit meinem Vermieter die \u00dcbereinkunft getroffen habe, dass ich \u2013 f\u00fcr den Fall, dass ich durch Corona in finanzielle Schwierigkeiten komme \u2013 meine Miete sp\u00e4ter zahlen kann. Was aber zusammen mit dem Kredit, den ich schon habe, eine Menge Schulden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Aber jetzt geht es erst mal los. Die Tagesg\u00e4ste d\u00fcrfen wieder kommen. Und die Leute haben richtig Bock auf Nordsee. Von Hoteliers und Apartmentvermietern habe ich geh\u00f6rt, dass die teilweise schon bis zum Herbst ausgebucht sind.<\/p>\n<h3>&quot;Ich kann noch nicht mal auf jemanden sauer sein.&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Seit Jahren toure ich schon mit meinen Songs durch Klubs, Ateliers und kleinere Pubs. Nachdem ich 2019 mein Studium abgeschlossen habe, habe ich mir gesagt: 2020 wird dein Jahr! Ich wollte auf Tour gehen, die Buchungen sind angelaufen und ich habe parallel dazu ein Crowdfunding vorbereitet, um eine CD aufzunehmen.<\/p>\n<p>Wer das schon einmal gemacht hat, wei\u00df, wie viel Arbeit man in so ein Projekt stecken muss. F\u00fcr die Band und die Studioproduktion, die Grafik und das ganze Drumherum ben\u00f6tige ich mehrere Tausend Euro. Dazu waren Konzerte geplant, um Reichweite und Aufmerksamkeit zu generieren. Am 1. M\u00e4rz haben wir auf den Startknopf gedr\u00fcckt und die Werbung anlaufen lassen &#8211; und zwei Wochen sp\u00e4ter kam dann Corona.<\/p>\n<p><strong>&quot;Es f\u00fchlt sich einfach nur beschissen an&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Alle Veranstaltungen und Live-Gigs wurden abgesagt. Die Hochzeitssaison im Fr\u00fchjahr, die Festivals im Sommer \u2013 alles gestrichen. Das war f\u00fcr mich die Vollkatastrophe. Du investierst Zeit, Kreativit\u00e4t und ganz viel Liebe in so ein Projekt, und dann kommt eine Absage nach der anderen. Das ist einfach nur noch zum Heulen. Und ich kann noch nicht einmal auf jemanden sauer sein. Es f\u00fchlte sich einfach nur beschissen an.<\/p>\n<p>Dabei geht es mir noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut, ich lebe mit meinem Freund zusammen und wei\u00df, dass meine Miete zur Not dadurch gesichert ist. Eine Freundin von mir, die auch Musikerin ist und allein lebt, hat im Moment gar nichts mehr. Keinen einzigen Cent. Das ist so bitter.<\/p>\n<p>Ich bin im Moment in den Sozialen Medien aktiv. Onlinekonzerte macht zwar im Moment jeder, aber ich versuche, dadurch einfach sichtbar zu bleiben. Und es ist ber\u00fchrend, wenn einer meiner Gesangssch\u00fcler, die ich derzeit online unterrichte, mit einem kleinen Betrag von seinem Taschengeld die CD-Produktion unterst\u00fctzt. Ich hoffe einfach, dass ich bald wieder spielen kann \u2013 vor echtem Publikum, in einem richtigen Konzertsaal.&quot; <\/p>\n<h3> &quot;Wir hatten schon vor Corona zu k\u00e4mpfen&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Die meisten denken, Hebamme ist ein krisensicherer Job. &#039;Bei Euch ist ja alles gut, Babys kommen immer.&#039;<\/p>\n<p>Auf eine Art stimmt das. Bei nur zwei Geburtsh\u00e4usern in Hamburg ist die Nachfrage generell sehr hoch und momentan steigt sie sogar, weil die Frauen Angst haben, in ein Krankenhaus zu gehen. Nicht nur wegen der Infektionsgefahr sondern auch wegen der Corona-bedingten Umst\u00e4nde: In manchen Krei\u00dfs\u00e4len m\u00fcssen die Frauen bei der Geburt eine Maske tragen. Aber du kannst nicht mit einer Maske im Gesicht ein Kind auf die Welt bringen, wenn du schwer atmest und stark arbeitest. Und in manchen Kliniken d\u00fcrfen sogar die Partner nicht im Krei\u00dfsaal dabei sein &#8211; aber bei einer Geburt brauchst du eine vertraute Person an deiner Seite.<\/p>\n<p>Trotz aller vermeintlichen &#039;Krisensicherheit&#039; hatten Hebammen und Geburtsh\u00e4user aber schon vor Corona mit schlechter Bezahlung seitens der Krankenkassen und hohen Nebenkosten zu k\u00e4mpfen. Die Haftpflichtversicherung f\u00fcr eine Hebamme kostet momentan etwa 8600 Euro im Jahr und steigt im Juli um weitere zehn Prozent. Dazu kommen Kosten f\u00fcr Qualit\u00e4tsmanagement, Mieten und Ger\u00e4tewartung. Au\u00dferdem massiv gestiegene Preise f\u00fcr Schutzmaterialien wie Desinfektionsmittel, Masken und Handschuhe.<\/p>\n<p><strong>&quot;Um durchzukommen, m\u00fcssten wir investieren&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Das Geburtshaus lie\u00df sich deshalb nur durch viele Zusatzangebote halten: Kurse, Beratungen, Fortbildungen f\u00fcr Hebammen. Finanziell war es schon immer eng. Da darf es keine \u00dcberraschungen geben. Und damit meine ich nicht Corona, sondern Waschmaschine und Trockner gehen gleichzeitig kaputt.<\/p>\n<p>Seit Corona finden nur noch die Vorbereitungskurse statt. Und auch die nur mit einer geringeren Teilnehmerzahl &#8211; wegen des Sicherheitsabstands.<\/p>\n<p>Durch mehr betreute Geburten k\u00f6nnten wir das Geburtshaus also durch die Coronazeit kriegen. Aber daf\u00fcr m\u00fcssten wir investieren und den Kursraum so ausstatten, dass er mit wenigen Handgriffen als zweites vollwertiges Geburtszimmer genutzt werden kann. Aber allein der zweite Herztonschreiber, den wir br\u00e4uchten, kostet 5000 Euro. Das k\u00f6nnen wir uns im Moment einfach nicht leisten. Deshalb versuchen wir es gerade mit einer Spendenaktion und hoffen, dass wir dann mit der ver\u00e4nderten Struktur durchkommen, zumal wir jetzt schon Anmeldungen bis Februar 2021 haben und jetzt Entscheidungen treffen m\u00fcssen.&quot; <\/p>\n<h3>&quot;Die ganze Zeit habe ich das Gef\u00fchl, die Zeit sitzt mir im Nacken&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Vergangenes Jahr hatte ich noch einen festen Job, aber dann hat mir das Unternehmen gek\u00fcndigt. Anfangs habe ich mir keine gro\u00dfen Gedanken deswegen gemacht. Ich dachte, dass ich schnell eine neue Stelle finden w\u00fcrde und hatte auch Lust auf etwas Neues. Aber da habe ich noch nichts von Corona geahnt.<\/p>\n<p>Meine Frau und ich haben eine kleine Tochter. Sie ist zweieinhalb Jahre alt und durfte \u00fcber Wochen gar nicht in ihre Kita gehen, seit Kurzem drei Tage pro Woche. Als die Einrichtung Mitte M\u00e4rz von einem Tag auf den anderen geschlossen hat, habe ich gerade eine vom Arbeitsamt gef\u00f6rderte mehrmonatige Online-Fortbildung gemacht, zun\u00e4chst mit Pr\u00e4senzpflicht vor Ort &#8211; sp\u00e4ter am heimischen Computer: jeden Tag von 8.30 Uhr bis 16.15 Uhr. Aber weil die ganze Zeit ein Kleinkind Aufmerksamkeit von Papa einfordert, habe ich nur die H\u00e4lfte vom Stoff mitbekommen. Ich musste die Fortbildung abbrechen.<\/p>\n<p>Meine Frau hat eine feste Stelle, ist beruflich gefordert und muss in Ruhe arbeiten k\u00f6nnen. Deshalb habe ich den gr\u00f6\u00dften Teil der Kinderbetreuung \u00fcbernommen.<\/p>\n<p><strong>&quot;Anfang Januar l\u00e4uft das Arbeitslosengeld aus&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst habe ich den positiven Aspekt gesehen: Dass ich die Kleine nun problemlos versorgen kann. Es macht mir Spa\u00df, die Tage mit ihr zu verbringen. Aber je l\u00e4nger diese Situation anh\u00e4lt, desto weniger wei\u00df ich, wie ich wieder aus der Arbeitslosigkeit herausfinden soll. Viele Firmen haben einen Einstellungsstopp, und selbst wenn ich Arbeit finde, kann ich dem Chef zurzeit nicht versprechen, dass mein Kind in absehbarer Zeit f\u00fcnf Tage pro Woche in die Kita gehen kann.<\/p>\n<p>Die ganze Zeit habe ich das Gef\u00fchl, die Zeit sitzt mir im Nacken. Finanziell geht es uns noch ganz gut. Aber Anfang Januar l\u00e4uft das Arbeitslosengeld aus, dann rutsche ich ins Nichts. Weil meine Frau verdient, w\u00fcrde ich nicht mal Hartz IV bekommen. Ich k\u00f6nnte freiberuflich arbeiten, aber auch das geht nur, wenn die Kleine in die Kita gehen kann.<\/p>\n<p>Ich bin zwar ein optimistischer Mensch, aber diese Ungewissheit belastet mich. Ich f\u00fchle mich von der Politik in dem Punkt alleingelassen. Das zieht mal mich, mal meine Frau herunter. Aber wir sind ein gutes Team, unterst\u00fctzen einander und machen uns gegenseitig Mut. Das ist sehr wichtig in dieser Zeit.&quot; <\/p>\n<h3>&quot;Aus K\u00f6ln zur\u00fcck ins Kinderzimmer&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Bis Ende M\u00e4rz habe ich noch in K\u00f6ln gewohnt. In einer Ein-Zimmer-Wohnung, sehr sehr klein, aber bezahlbar. Und nur zehn Minuten zu Fu\u00df bis zur Uni. Dann kam Corona.<\/p>\n<p>Neben dem Studium arbeite ich selbstst\u00e4ndig als Rechtsanwaltsfachangestellte. Aber ab Februar gab es immer weniger zu tun, so dass ich im M\u00e4rz fast gar keine Auftr\u00e4ge mehr hatte. Hinzu kam: Mein Vater hat mich monatlich mit 100 Euro unterst\u00fctzt. Der ist ebenfalls selbstst\u00e4ndig und arbeitet f\u00fcr die Messe in K\u00f6ln. Aber da ist ja auch alles ausgefallen und er war kurz vor der Insolvenz. <\/p>\n<p>Ich habe mich nach intensivem Nachdenken dann relativ kurzfristig entschieden, die Wohnung aufzugeben und wieder zu meiner Mutter zu ziehen. Ich wei\u00df noch, wie ich mich am 16. M\u00e4rz mit Freundinnen und Freunden in einem Fr\u00fchst\u00fcckslokal getroffen habe. Die vom Lokal haben an dem Tag die Benachrichtigung bekommen, dass sie am n\u00e4chsten Tag schlie\u00dfen m\u00fcssen. Das ging alles so schnell, dass ich wirklich Angst hatte. Den Umzug wollte ich einfach nur schnell durchziehen, weil ich Angst hatte, dass ich bei einem kompletten Lockdown nicht mehr aus der Wohnung komme. Ich brauchte ja auch Leute, die mir helfen.<\/p>\n<p>Von der Entscheidung bis zum Auszug vergingen maximal zwei Wochen.<\/p>\n<p><strong>&quot;In Voiswinkel f\u00e4hrt einmal pro Stunde ein Bus&quot; <\/strong><\/p>\n<p>Jetzt wohne ich zusammen mit meiner Mutter und meinen beiden Br\u00fcdern in Voiswinkel, einem Dorf in der N\u00e4he von Bergisch Gladbach. Das ist schon ungewohnt. Ich bin 26 und w\u00fcrde von mir behaupten, dass ich eine erwachsene, selbstst\u00e4ndige Frau bin &#8211; und dann wieder zur\u00fcck ins Kinderzimmer, das gibt mir schon das Gef\u00fchl, dass ich gescheitert bin. Auch wenn es eigentlich gar nicht so ist. <\/p>\n<p>In Voiswinkel f\u00e4hrt einmal pro Stunde ein Bus. Mit Wartezeiten und Umsteigen brauche ich jetzt 90 Minuten zur Uni. Momentan geht das noch, weil alles digital stattfindet, deshalb muss ich nur f\u00fcr die Arbeit nach K\u00f6ln. Aber wenn die Pr\u00e4senzveranstaltungen wieder losgehen, wird das noch mal eine ganz andere Situation sein.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auf jeden Fall wieder in K\u00f6ln wohnen, wei\u00df aber nicht, ob ich das vor meinem Examen schaffe \u2013 das w\u00e4re in zwei bis drei Jahren.<\/p>\n<h3>&quot;Bald ist das Geld aus&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Am 20. M\u00e4rz war mein letzter Arbeitstag. Da habe ich sechs Stunden am Flughafen gewartet und 29 Euro Umsatz gehabt. Seitdem lohnt Taxifahren nicht mehr, und ich m\u00f6chte meine Familie nicht gef\u00e4hrden. Bis dahin habe ich immer 80 Stunden in der Woche gearbeitet, zw\u00f6lf Stunden pro Tag.<\/p>\n<p>Ich habe Corona-Soforthilfe beantragt und auch bekommen. Aber das ist ein Strohfeuer f\u00fcr eine vierk\u00f6pfige Familie. Bis zum Mai hat es geholfen. Aber was in den n\u00e4chsten Monaten passiert, wei\u00df ich nicht. Derzeit bekommen wir Hilfe vom Arbeitsamt. F\u00fcr Miete, Strom und Wasser.<\/p>\n<p><strong>&quot;Taxifahren lohnt immer noch nicht&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Aber bald ist das Geld aus und dann haben wir nichts mehr zum Leben. Und meine Betriebsausgaben gehen ja weiter \u2013 Fahrzeugkosten, Versicherung, Kfz-Steuer, Berufsgenossenschaft, Garagenmiete. Und das Taxifahren lohnt immer noch nicht. Erst vor ein paar Tagen habe ich mit einem Kollegen gesprochen. In zehn Stunden hat er 40 Euro verdient. Am Flughafen fliegen mittlerweile rund 25 Maschinen am Tag, vorher waren es zehn bis 20 in der Stunde.<\/p>\n<p>Ich lese viel, um mich zu entspannen und an etwas anderes zu denken, spiele Keyboard und Gitarre, ich male gern. Aber trotzdem: Irgendwann holt mich die Langeweile ein. Dann gehe ich raus, doch drau\u00dfen ist das Leben auch nicht mehr wie vorher.<\/p>\n<p>Meine Frau und meine Kinder unterst\u00fctzen mich, aber ich mache mir gro\u00dfe Sorgen um meine Existenz &#8211; als Vater, als Ehemann, als Unternehmer. Normalit\u00e4t wird es f\u00fcr uns Taxifahrer in Hamburg so schnell nicht geben. Wir haben keine Gro\u00dfveranstaltungen. Die ganzen Musicals und Hotels sind geschlossen. Fu\u00dfball, Schlagermove, Konzerte \u2013 findet alles bis auf Weiteres nicht statt.&quot; <\/p>\n<h3>&quot;In vielen Musikerhaushalten schmelzen gerade alle Reserven und Altersr\u00fccklagen\u201d <\/h3>\n<p>&quot;In Bonn dirigiere ich den Philharmonischen Chor, in K\u00f6ln die Kart\u00e4userkantorei, beides sind Ensembles, in denen Laien singen. \u00dcblicherweise proben wir mehrere Monate lang, und dann folgt ein Konzert. Neulich w\u00e4re es soweit gewesen: Werke von H\u00e4ndel und Bach, als Solisten und im Orchester waren professionelle Musiker und Musikerinnen engagiert. Ich musste allen absagen. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war das f\u00fcr die Chors\u00e4nger und mich sehr traurig. Ich habe Gl\u00fcck, meine Honorare stammen aus den Mitgliedsbeitr\u00e4gen der S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen<strong>. <\/strong>Aber andere Kollegen und Musiker trifft die Situation h\u00e4rter. Ihre Existenz h\u00e4ngt an den Konzerten, den Gagen.<\/p>\n<p>Manche unterrichten nebenbei, das ist allerdings oft nur ein Zuverdienst. In vielen Musikerhaushalten schmelzen gerade alle Reserven und Altersr\u00fccklagen zusammen. Die staatlichen Hilfsprogramme n\u00fctzen h\u00e4ufig wenig: Sie sind f\u00fcr Betriebskosten, nicht aber f\u00fcr Lebenshaltungskosten gedacht. Musiker und Musikerinnen haben in der Regel aber keine Firmenautos oder B\u00fcror\u00e4ume. Und die Ausfallhonorare, die der Bund bereitstellt, bekommen nur jene, die schon vor Corona staatlich gef\u00f6rdert wurden. <\/p>\n<p><strong>&quot;Das, worum es geht, fehlt&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Wir brauchen neue Wege des Fundraisings f\u00fcr die Kollegen. Wenn deren berufliche Existenz wegbricht, wird es auch zahlreiche Konzerte in Zukunft nicht mehr geben. <\/p>\n<p>In den ersten Wochen der Pandemie habe ich Musikdateien per Mail verschickt, damit die S\u00e4nger ihre T\u00f6ne einstudieren konnten. Inzwischen treffen wir uns w\u00f6chentlich zur Videokonferenz: Wegen der R\u00fcckkopplung schalten alle ihre Mikros aus, nur meines ist in Betrieb, ich spiele Klavier, erkl\u00e4re, an welchen Stellen man atmet, h\u00f6re aber nicht, was die S\u00e4nger singen. Das, worum es geht, der Chorklang, die gemeinsame Musik, fehlt also. Doch es ist besser als nichts. <\/p>\n<p>Ich hoffe, dass wir Ende Juni wenigstens mit ein paar S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern wieder in einem Raum proben d\u00fcrfen. Mit Abstand, nat\u00fcrlich, und nur mit jenen, die dazu bereit sind. Konzerte zu bestreiten, stelle ich mir kompliziert vor, da dr\u00e4ngt sich bislang der Chor auf dem Podest, und das Orchester sitzt in engem Abstand davor. Vielleicht k\u00f6nnen wir erst einmal nur drau\u00dfen an der frischen Luft Konzerte anbieten. Die Normalit\u00e4t, zu der wir alle zur\u00fcckkehren wollen, braucht f\u00fcr die Zukunft sicherlich lauter neue Formate.&quot;<\/p>\n<p><em>Aufgezeichnet von Silke Fokken, Armin Himmelrath, Benjamin Maack und Katja Thimm<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Benjamin Maack\/ DER SPIEGEL; Benjamin Roth; Freigeist Fotografie; Sonja Werner Das Virus hat unsere Leben ganz sch\u00f6n durcheinandergeworfen. 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