{"id":6358,"date":"2021-03-08T13:38:23","date_gmt":"2021-03-08T10:38:23","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/teenagerschwangerschaften-in-der-corona-pandemie-ich-war-immer-von-mannern-umringt\/"},"modified":"2021-03-08T13:38:23","modified_gmt":"2021-03-08T10:38:23","slug":"teenagerschwangerschaften-in-der-corona-pandemie-ich-war-immer-von-mannern-umringt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/teenagerschwangerschaften-in-der-corona-pandemie-ich-war-immer-von-mannern-umringt\/","title":{"rendered":"Teenagerschwangerschaften in der Corona-Pandemie: \u00bbIch war immer von M\u00e4nnern umringt\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/52e92c9c-bd5a-42b2-addc-d58c65d645f3_w948_r1.77_fpx47_fpy44.jpg\" title=\"Bruna Horana aus Brasilien w\u00fcrde gern wieder zur Schule gehen \u2013 stattdessen muss sie in den Krei\u00dfsaal\" alt=\"Bruna Horana aus Brasilien w\u00fcrde gern wieder zur Schule gehen \u2013 stattdessen muss sie in den Krei\u00dfsaal\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Bruna Horana aus Brasilien w\u00fcrde gern wieder zur Schule gehen \u2013 stattdessen muss sie in den Krei\u00dfsaal<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Rog\u00e9rio Vieira \/ DER SPIEGEL  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Bruna Horana muss den Rei\u00dfverschluss ihrer engen Jeans offen tragen. Sie steht am Pra\u00e7a da S\u00e9 im Zentrum S\u00e3o Paulos vor der alten Kathedrale, unter ihrem T-Shirt w\u00f6lbt sich ihr nackter, runder Bauch hervor. Die 16-J\u00e4hrige ist im achten Monat schwanger.<\/p>\n<p>Sie steht inmitten der Obdachlosen, die hier am Boden auf Wolldecken d\u00f6sen, und der M\u00fcllsammler, die mit ihren Holzrikschas Pappkartons zusammentragen, inmitten der Tauben und Stra\u00dfenhunde. \u00bbAm Anfang hat mir der Ort Angst gemacht\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<p>Es ist dieser Platz, der Pra\u00e7a da S\u00e9, der das Leben der jungen Brasilianerin f\u00fcr immer ver\u00e4nderte. Im vergangenen Jahr schloss Brunas Schule aufgrund der Pandemie. Am Online-Unterricht hat sie nie teilgenommen \u2013 es gab zu viel zu tun. Ihre Mutter und ihre Tanten verloren ihre Jobs als Putzkr\u00e4fte, der Familie fehlte es an allem.<\/p>\n<p>Mit ihrer Tante fuhr Bruna aus ihrem Armenviertel in der Metropolregion von S\u00e3o Paulo zwei bis drei Stunden mit Zug, U-Bahn oder Bussen zum Pra\u00e7a da S\u00e9. Mal waren es Hilfsorganisationen, die dort Lebensmittelspenden verteilten, mal Privatleute, die Bruna einen Schein zusteckten. Damit unterst\u00fctzte sie ihre Familie.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich \u00fcbernachtete sie dort, um das Pendeln zu vermeiden. Doch da waren die Blicke und die H\u00e4nde. \u00bbIch war immer von M\u00e4nnern umringt\u00ab, sagt Bruna. Sie lernte einen kennen, der ihr gefiel und der die anderen fernhielt. Der 24-J\u00e4hrige habe ihr Essen gebracht, sie gefragt, wie es ihr gehe. Sie verliebte sich. Verh\u00fctet habe sie nicht immer. Es werde schon gut gehen, dachte sie.<\/p>\n<p>Jedes Jahr werden weltweit mehr als zw\u00f6lf Millionen Teenagerinnen Mutter, viele verlassen deshalb die Schule, finden keinen Start ins Berufsleben und h\u00e4ngen in einem Armutskreislauf fest.<\/p>\n<p>Die Folgen der Pandemie machen junge Frauen in vielen Regionen derzeit noch verletzlicher als zuvor. Viele Kinder und Jugendliche gehen aus wirtschaftlicher Not Beziehungen ein, im Extremfall m\u00fcssen sie Sex gegen Essen oder Obdach tauschen. Andere werden im Lockdown Opfer sexueller Gewalt. Viele wissen auch nicht, wie sie verh\u00fcten sollen \u2013 oder haben keinen Zugang zu Verh\u00fctungsmitteln, finanziell oder logistisch.<\/p>\n<p>Offizielle Daten gibt es noch nicht, doch die Kinderschutzorganisation Save the Children sch\u00e4tzt, dass es allein aufgrund der Einkommensverluste in der Krise 2020 zu rund einer Million zus\u00e4tzlicher Teenagerschwangerschaften gekommen sein k\u00f6nnte. Die Zahl der Kinderhochzeiten k\u00f6nnte bis 2025 um 2,5 Millionen steigen \u2013 Hilfsorganisationen beobachten, dass Eltern ihre jungen T\u00f6chter vermehrt aus Geldnot verheiraten.<\/p>\n<p>Durch die Schulschlie\u00dfungen wurde M\u00e4dchen zudem ein wichtiger Schutzraum entzogen. F\u00fcr 168 Millionen Kinder weltweit f\u00e4llt seit einem Jahr aufgrund des Lockdowns der Unterricht aus, die Zukunft einer ganzen Generation steht auf dem Spiel \u2013 und jedes zehnte Kind auf der Welt muss arbeiten gehen statt in die Schule.<\/p>\n<p>Welche Folgen Lockdowns haben k\u00f6nnen, wei\u00df Sierra Leone noch aus der Ebola-Epidemie: Als die Seuche ausbrach, blieben die Schulen in dem westafrikanischen Land neun Monate lang geschlossen, auch die wirtschaftlichen Folgen waren massiv. UNFPA zufolge wurden damals mehr als 14.000 Teenager schwanger. Damit sich der Effekt nicht wiederholt, haben Save the Children und der d\u00e4nische Spieleentwickler Lulu Lab im M\u00e4rz 2020 eine interaktive Aufkl\u00e4rungs-App gelauncht.<\/p>\n<p>Im \u00bbDilemma Game\u00ab k\u00f6nnen die Nutzer Orte wie eine Schule, einen Markt oder eine Moschee in Sierra Leones Hauptstadt Freetown erkunden. Sie m\u00fcssen Aufgaben, Probleme und Quizfragen l\u00f6sen und lernen in Geschichten und Videos mehr \u00fcber sexuelle Rechte, Pubert\u00e4t, Schwangerschaft, Geschlechtskrankheiten, Verh\u00fctungsmittel, aber auch Corona-Schutzma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>\u00bbWir hoffen, dass Jugendliche mit mehr Wissen bessere Entscheidungen treffen k\u00f6nnen\u00ab, sagt Ramatu Jalloh von Save the Children in Sierra Leone. \u00bbEs zirkulieren viele Falschinformationen \u2013 manche glauben, dass M\u00e4dchen nicht schwanger werden, wenn der Junge ein bestimmtes Antibiotikum nimmt.\u00ab<\/p>\n<p>Sex ist ein Tabuthema im Land, nur rund 20 Prozent der 15- bis 19-j\u00e4hrigen Frauen nutzen moderne Verh\u00fctungsmittel. Fr\u00fcher habe es ein gewisses Ma\u00df an sexueller Aufkl\u00e4rung f\u00fcr Kinder gegeben, die aber im Laufe der Jahre aus dem Lehrplan gestrichen worden sei, erz\u00e4hlt Jalloh. \u00bbEs gibt den Irrglauben, dass Kinder Sex haben wollen, wenn man offen mit ihnen \u00fcber sexuelle Themen spricht. Und wenn ein M\u00e4dchen schwanger ist, wird es daf\u00fcr verantwortlich gemacht \u2013 anstatt zu hinterfragen, wo die Gesellschaft versagt hat.\u00ab<\/p>\n<p>Vor der App-Entwicklung haben Studenten Jugendliche befragt, um herauszufinden, welche Themen junge Menschen bewegen, welches Design sie besonders anspricht. Mehr als 4000 Teenager in Armensiedlungen in Freetown nutzen die App bereits \u2013 das Spiel kann auch von mehreren Freunden gleichzeitig gespielt werden. K\u00fcnftig k\u00f6nnte es auch an Schulen zur Aufkl\u00e4rung beitragen.<\/p>\n<p>Auch in Sierra Leone werden vor allem in l\u00e4ndlichen Gebieten schwangere M\u00e4dchen von ihren Familien h\u00e4ufig mit dem Vater des Kindes verheiratet. Das bedeutet meist das Aus f\u00fcr Bildung, Karriere, Freizeit. \u00bbDie betroffenen M\u00e4dchen f\u00fchlen sich oft hoffnungslos, weil sie in das neue Heim aufgenommen werden und nur noch Ehefrau sind\u00ab, so Jalloh. \u00bbIhre Rolle besteht darin, Kinder zu bekommen und sich um das Haus zu k\u00fcmmern.\u00ab<\/p>\n<p>In Mosambik versucht Linha Fala Crian\u00e7a, die Kindersprechnummer, solche Kinderhochzeiten zu verhindern. Kinder, Jugendliche oder deren Angeh\u00f6rige k\u00f6nnen sich in einer Notlage an die Hotline wenden. Allein in der Provinz Manica, in der die Hotline seit Oktober 2020 aktiv ist, wurden zwischen Oktober und Dezember insgesamt 106 Kinderhochzeiten gemeldet. 26 M\u00e4dchen konnten nach den Notrufen von dem Linha-Fala-Crian\u00e7a-Team, den Beh\u00f6rden oder der Polizei aus ihrer Situation befreit werden.<\/p>\n<p>Mosambik hat eine der h\u00f6chsten Kinderhochzeitsraten der Welt \u2013 fast jedes zweite M\u00e4dchen wird vor seinem 18. Geburtstag verheiratet. Seit 2019 stellt ein Gesetz die Praxis zwar unter Strafe, doch vor allem auf dem Land ist den meisten Familien bis heute nicht bewusst, dass sie etwas Illegales tun.<\/p>\n<p>Chance Briggs, Landesdirektor von Save the Children in Mosambik, geht davon aus, dass durch die wirtschaftlichen Corona-Folgen und die Schulschlie\u00dfungen in Mosambik die Zahl der Kinderhochzeiten steigt. Teils w\u00fcrden M\u00e4dchen dazu gezwungen, teils w\u00fcrden sie eine Hochzeit manchmal selbst als Ausweg aus der Armut sehen. \u00bbM\u00e4dchen, die zur Schule gehen, werden in der Regel seltener verheiratet\u00ab, sagt Briggs. \u00bbAber die Schulen, die ihnen einen anderen Weg er\u00f6ffnen k\u00f6nnten, sind jetzt geschlossen.\u00ab<\/p>\n<p>Auch Bruna Horana aus S\u00e3o Paulo sehnt sich nach dem Klassenzimmer \u2013 sie vermisst ihr altes Leben. Eigentlich, sagt sie, w\u00fcrde sie gern studieren. Was sie mal werden wolle, wisse sie allerdings nicht. Das Baby hat ihre Pl\u00e4ne ohnehin erst mal durchkreuzt. Auch drei Freundinnen von ihr ergeht es so, die ebenfalls w\u00e4hrend der Pandemie schwanger geworden sind.<\/p>\n<p>Eine Abtreibung war f\u00fcr Bruna schon allein deshalb keine Option, weil sie in Brasilien nur nach einer Vergewaltigung m\u00f6glich ist \u2013 und selbst dann mit gro\u00dfen Schwierigkeiten verbunden. So wurde etwa eine Zehnj\u00e4hrige, die von einem Onkel schwanger war, Opfer einer Hasskampagne.<\/p>\n<p>Als Bruna im dritten Monat erfuhr, dass sie schwanger ist, fing sie an zu zittern \u2013 jetzt freut sie sich auf das Baby. Sie hat schon einen Namen: Ohana Pietra soll die Kleine hei\u00dfen. Die junge Mutter blieb trotz Schwangerschaft erst am Pra\u00e7a da S\u00e9, sie teilte sich ein Zelt mit einem Trans-Freund und sammelte Babyklamotten und Windeln. Erst vor ein paar Wochen zog Bruna wieder zu ihrer Mutter.<\/p>\n<p>Von dem Vater ihres Kindes ist sie mittlerweile getrennt. Ihr Ex-Freund, erz\u00e4hlt Bruna, habe schon eine neue Freundin. Ihre Stimme zittert. Doch er habe ihr versprochen, dass er sich um die Kleine k\u00fcmmern wolle. Nur sitze er gerade im Gef\u00e4ngnis, wegen Raubes, wohl sieben Jahre. Sie l\u00e4chelt. Mit Tr\u00e4nen in den Augen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Bruna Horana aus Brasilien w\u00fcrde gern wieder zur Schule gehen \u2013 stattdessen muss sie in den Krei\u00dfsaal Foto:\u2002Rog\u00e9rio Vieira \/ DER SPIEGEL Bruna Horana muss den Rei\u00dfverschluss ihrer<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6359,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6358","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6358","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6358"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6358\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6359"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6358"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6358"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6358"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}