{"id":6357,"date":"2021-03-08T11:28:18","date_gmt":"2021-03-08T08:28:18","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/frauentag-2021-die-welt-wie-sie-ist-ein-kommentar-von-steffen-klusmann\/"},"modified":"2021-03-08T11:28:18","modified_gmt":"2021-03-08T08:28:18","slug":"frauentag-2021-die-welt-wie-sie-ist-ein-kommentar-von-steffen-klusmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/frauentag-2021-die-welt-wie-sie-ist-ein-kommentar-von-steffen-klusmann\/","title":{"rendered":"Frauentag 2021: Die Welt, wie sie ist \u2013 ein Kommentar von Steffen Klusmann"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\"><em>Liebe Leserinnen und Leser,<\/em><\/p>\n<p>heute ist der 8. M\u00e4rz, der Internationale Frauentag. Seit genau 100 Jahren wird an jedem 8. M\u00e4rz weltweit f\u00fcr Frauenrechte, f\u00fcr Gleichberechtigung und Emanzipation demonstriert. Es gibt Vortr\u00e4ge und Feiern, Kundgebungen und Leitartikel, die alle das eine Ziel haben: Einmal im Jahr daran zu erinnern, dass mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung unterrepr\u00e4sentiert ist, benachteiligt oder sogar unterdr\u00fcckt wird.<\/p>\n<p>Das Corona-Jahr war in dieser Hinsicht geradezu eine Offenbarung: Es hat klargemacht, dass Frauen die Mehrheit in den schlecht bezahlten Pflegeberufen stellen und dass sie nach wie vor den Gro\u00dfteil der unbezahlten Pflege- und Betreuungsarbeit im privaten Umfeld \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Frauen sind in Parlamenten, Vorst\u00e4nden, Aufsichtsr\u00e4ten und anderen Gremien unterrepr\u00e4sentiert und nehmen damit zu wenig Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie sind h\u00e4ufiger von Armut bedroht, gr\u00fcnden seltener, erleben h\u00e4ufiger Gewalt. Von den 2825 Milliard\u00e4ren weltweit sind nur 336 weiblich.<\/p>\n<p>Die Liste lie\u00dfe sich beliebig verl\u00e4ngern. All das wird an jedem 8. M\u00e4rz mit viel Furor aufgeschrieben, Ver\u00e4nderung wird eingefordert und Besserung gelobt. Am 9. M\u00e4rz gehen dann alle wieder zur Tagesordnung \u00fcber.<\/p>\n<p>Als wir beim SPIEGEL vor etwa zwei Wochen \u00fcberlegten, welche Themen wir anl\u00e4sslich des Weltfrauentags setzen k\u00f6nnten, entspann sich in der Redaktion genau diese Diskussion: Sind es nicht jedes Jahr die gleichen Themen und Texte? Warum ver\u00e4ndert sich so wenig? Welchen Anteil haben wir mit unserer Berichterstattung daran? Warum konzentrieren wir uns nur einmal im Jahr darauf, Frauen in unserer Berichterstattung den Platz einzur\u00e4umen, der ihnen zusteht?<\/p>\n<p>Aus diesem Anlass haben wir unsere Kolleginnen und Kollegen aus dem Datenteam gebeten zu analysieren, wie h\u00e4ufig wir in unseren Texten M\u00e4nner und Frauen zitieren, beschreiben und \u00fcber sie berichten. Sie haben daf\u00fcr alle Texte ausgewertet, die zwischen dem 1. M\u00e4rz 2020 und dem 28. Februar 2021 im gedruckten SPIEGEL oder im freien Bereich von SPIEGEL.de erschienen sind.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist ern\u00fcchternd. In den rund 40.000 Artikeln werden 107.000 Mal M\u00e4nner und nur 28.000 Mal Frauen namentlich genannt. In 73 Prozent aller Ver\u00f6ffentlichungen werden M\u00e4nner erw\u00e4hnt, in lediglich 37 Prozent Frauen. In 42 Prozent der Texte kommen ausschlie\u00dflich M\u00e4nner als Protagonisten oder Experten vor, nur in sechs Prozent aller Artikel sind es Frauen.<\/p>\n<p>Dass dieses Verh\u00e4ltnis unausgeglichen sein w\u00fcrde, war uns klar. Dass es aber so eindeutig zuungunsten der Frauen ausf\u00e4llt, hat uns nachdenklich gemacht.<\/p>\n<p>Der SPIEGEL berichtet \u00fcber die M\u00e4chtigen aus Politik und Wirtschaft, \u00fcber Staats- und Regierungschefs, \u00fcber Unternehmenslenker. Wir decken Missst\u00e4nde in unserer Gesellschaft auf und prangern jene an, die sich nicht korrekt verhalten. Wir k\u00f6nnten es uns jetzt einfach machen und sagen: Die M\u00e4chtigen und Einflussreichen, aber auch die, die f\u00fcr Missst\u00e4nde verantwortlich sind, sind nun mal in der Mehrzahl m\u00e4nnlich \u2013 wir bilden also nur die Realit\u00e4ten ab.<\/p>\n<p>Aber das w\u00e4re zu billig. Denn es gibt ja l\u00e4ngst gen\u00fcgend Politikerinnen, Unternehmenschefinnen, Wissenschaftlerinnen, Lehrerinnen, \u00c4rztinnen, Historikerinnen \u2013 also Expertinnen in den jeweiligen Gebieten. Sie sind nur nicht immer so prominent, dr\u00e4ngen sich nicht sofort auf, stehen nicht immer in der ersten Reihe. Zu unserem Job geh\u00f6rt es, sie zu entdecken.<\/p>\n<p>Wir arbeiten seit Jahren daran, den Frauenanteil in der SPIEGEL-Redaktion zu erh\u00f6hen. Weil wir die Welt abbilden wollen, wie sie ist. Und weil diverse Teams bessere Ergebnisse erzielen \u2013 sprich besseren Journalismus. Wir sind da auf keinem schlechten Weg: Inzwischen sind 40 Prozent der Leitungsfunktionen in der SPIEGEL-Redaktion mit Frauen besetzt.<\/p>\n<p>Jetzt muss es uns vor allem gelingen, die gelernten Denkmuster zu ver\u00e4ndern. Und das geht, die BBC hat es vorgemacht. Vor vier Jahren startete die \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt der Briten das Projekt \u00bb50:50\u00ab. Dessen Ziel: In allen Sendungen und in allen Beitr\u00e4gen so viele Frauen zu Wort kommen zu lassen, wie es der Realit\u00e4t entspricht: 50 Prozent. Die BBC hat das geschafft.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen hier nicht versprechen, dass wir bis zum n\u00e4chsten 8. M\u00e4rz ebenfalls so weit sind. Aber wir wollen es wenigstens versuchen. Damit wir dann nicht wieder nur \u00fcber Dinge schreiben, die wir l\u00e4ngst h\u00e4tten anders machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Ihr Steffen Klusmann<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Leserinnen und Leser, heute ist der 8. 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