{"id":6323,"date":"2021-03-06T21:56:28","date_gmt":"2021-03-06T18:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/stadtplaner-viele-innenstadte-werden-nach-corona-nie-wieder-so-aussehen-wie-davor\/"},"modified":"2021-03-06T21:56:28","modified_gmt":"2021-03-06T18:56:28","slug":"stadtplaner-viele-innenstadte-werden-nach-corona-nie-wieder-so-aussehen-wie-davor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/stadtplaner-viele-innenstadte-werden-nach-corona-nie-wieder-so-aussehen-wie-davor\/","title":{"rendered":"Stadtplaner: \u00bbViele Innenst\u00e4dte werden nach Corona nie wieder so aussehen wie davor\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/9690cfed-07b1-480c-ab2f-5957fbe5ec3c_w948_r1.77_fpx67.2_fpy52.96.jpg\" title=\"Radfahrer auf der Oberbaumbr\u00fccke in Berlin (im Sommer 2020): \u00bbEs braucht Politiker, die sich trauen, ihre St\u00e4dte zu gestalten\u00ab\" alt=\"Radfahrer auf der Oberbaumbr\u00fccke in Berlin (im Sommer 2020): \u00bbEs braucht Politiker, die sich trauen, ihre St\u00e4dte zu gestalten\u00ab\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Radfahrer auf der Oberbaumbr\u00fccke in Berlin (im Sommer 2020): \u00bbEs braucht Politiker, die sich trauen, ihre St\u00e4dte zu gestalten\u00ab<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Annette Riedl\/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Vielreisende ist zum Spazierg\u00e4nger geworden. Mikael Colville-Andersen sagt, in den vergangenen zw\u00f6lf Monaten habe er seine Heimatstadt Kopenhagen mehr entdeckt als in den vielen Jahren zuvor. Die kleinen Nebenstra\u00dfen, die versteckten alten Parks, alles mitten in der Innenstadt. Wenn er das fr\u00fcher gewusst h\u00e4tte!<\/p>\n<p>Dabei ist Colville-Andersen eigentlich weltweit daf\u00fcr bekannt, anderen Menschen seine Heimatstadt zu erkl\u00e4ren. \u00bbCopenhagenize\u00ab hei\u00dft das von ihm propagierte Modell, es ist der Aufruf zur Kopenhagenisierung anderer St\u00e4dte auf der ganzen Welt. Was damit gemeint ist, wei\u00df jeder, der schon einmal an der Inderhavnsbroen stand: Tausende Radfahrer, breite Wege und ein Verkehrskonzept, das unmotorisierten Verkehr genauso zu respektieren scheint wie Autofahrer.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Metropolen ist die d\u00e4nische Hauptstadt damit zum Vorbild geworden. Colville-Andersen hatte daran, so viel scheint sicher, einen guten Anteil. Seit 2006 besch\u00e4ftigt sich der gelernte Journalist mit der Fahrradkultur Kopenhagens, er spricht auf internationalen Konferenzen und hat die Wege von 16.000 Radfahrern in Kopenhagen dokumentiert, seit 2011 ver\u00f6ffentlicht er regelm\u00e4\u00dfig einen Index, der die Fahrradfreundlichkeit von mehr als 80 St\u00e4dten vergleicht. Eine daraus entstandene Agentur ber\u00e4t heute St\u00e4dte in aller Welt, darunter Amsterdam, Barcelona oder Montreal.<\/p>\n<p>Doch die Pandemie hat auch die Arbeit von Stadtplanern ver\u00e4ndert. In vielen Metropolen ist N\u00e4he zur Gefahr geworden, Millionen von Touristen sind im vergangenen Jahr nicht gekommen, der Autoverkehr ging deutlich zur\u00fcck. Auch Mikael Colville-Andersen sagt, er arbeite jetzt anders. Er zoome viel, erz\u00e4hlt der 53-J\u00e4hrige per Webcam aus Kopenhagen, gerade habe er mit einem Bekannten aus einer italienischen Stadtverwaltung telefoniert. Auch von zu Hause aus gebe es viel zu tun, er wolle erreichen, dass die Pandemie in Europa als Chance genutzt werde, um Innenst\u00e4dte dauerhaft zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie haben vor einigen Jahren gefordert, dass Autos nur noch wie Zigaretten verkauft werden sollen: mit einem gro\u00dfen Warnhinweis. Ist das wirklich die Zukunft?<\/p>\n<p><strong>Colville-Andersen: <\/strong>Ich wei\u00df, was Sie jetzt denken. Das erwartet man so von einem Radfahrer wie mir. Ich bin jedoch nicht gegen das Auto, sondern einfach daf\u00fcr, dass St\u00e4dte wieder lebenswert sind. Autofahren macht Spa\u00df. Aber Fahrzeuge, in denen nur eine Person sitzt und die meist nur herumstehen, passen wirklich am allerwenigsten in unsere Innenst\u00e4dte. Es war ein Fehler, Autos hereinzulassen. Sie kosten Leben, zerst\u00f6ren die Umwelt. Abgesehen davon nehmen Stra\u00dfen und Parkpl\u00e4tze einfach unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel Platz weg.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Auf Zigarettenpackungen haben Appelle an das schlechte Gewissen bislang wenig gebracht.<\/p>\n<p><strong>Colville-Andersen: <\/strong>Das stimmt. Vermutlich war mein Vorschlag der falsche Ansatz damals. Die meisten Menschen fahren ja auch nicht zum Spa\u00df mit dem Auto, sondern weil es weltweit so massiv gef\u00f6rdert wurde. Gerade deshalb sollten St\u00e4dte jetzt auch wieder aktiv gegensteuern und anderen Mobilit\u00e4tskonzepten mehr Platz einr\u00e4umen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Europ\u00e4ischeGro\u00dfst\u00e4dte wie Paris haben im vergangenen Jahr kurzfristig viele Kilometer zus\u00e4tzliche Radwege eingerichtet. Ist das mehr als g\u00fcnstiges Marketing?<\/p>\n<p><strong>Colville-Andersen: <\/strong>Ich glaube schon! Es w\u00e4re verr\u00fcckt, wenn das alles jetzt wieder abgebaut w\u00fcrde. Aber an einigen Orten br\u00e4uchte es Nachbesserungen, nur ein bisschen Farbe auf dem Asphalt reicht noch nicht aus, um eine Stadt fahrradfreundlicher zu machen. In Paris zum Beispiel sind die neuen Radwege kaum gesch\u00fctzt. Es braucht getrennte Verkehrswege und auch eine andere Infrastruktur: Anbindung an den Nahverkehr und Stellpl\u00e4tze. St\u00e4dte wie Berlin oder Mailand sind da schon weiter. Dort gibt es inzwischen dauerhaft neue Radwege.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Viele Innenst\u00e4dte sind heute verwaist, schon vor der Pandemie wirkten sie oft steril und wenig lebenswert. Das Wohnenin den Zentren ist f\u00fcr viele Menschen unbezahlbar. Haben die Kommunen bald nicht ganz andere Sorgen als neue Verkehrswege?<\/p>\n<p><strong>Colville-Andersen: <\/strong>Die Innenstadt ist tot, das stimmt. Die meisten Probleme gab es aber, wie Sie sagen, schon vor der Pandemie. Es braucht deshalb Politiker, die sich trauen, ihre St\u00e4dte zu gestalten. Es kann nicht sein, dass B\u00fcros leer stehen, w\u00e4hrend Wohnraum gebraucht wird. Ich finde, Berlin ist mit der Mietpreisbremse ein gutes Vorbild. Auch in anderen St\u00e4dten gibt es ja inzwischen Vorst\u00f6\u00dfe, um die Mieten wieder bezahlbarzu machen. An irgendeinem Punkt muss die Politik eben einschreiten.<\/p>\n<p>Ich glaube, zahlreiche St\u00e4dte haben gemerkt, dass die Pandemie eine Chance ist, das Zusammenleben zu ver\u00e4ndern. In Paris gab es schon vor Corona sehr gro\u00dfe Pl\u00e4ne, das Zentrum dauerhaft umzugestalten. Das hat sich jetzt einfach beschleunigt, auch an anderen Orten. In Vilnius sorgte der B\u00fcrgermeister daf\u00fcr, dass 18 \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze f\u00fcr die Gastronomie ge\u00f6ffnet wurden, um die Abstandsregeln einhalten zu k\u00f6nnen. Jetzt ist die Innenstadt ein gro\u00dfes Freiluftcaf\u00e9. Ich denke, viele St\u00e4dte werden nach Corona nie wieder so aussehen wie davor, weil vieles jetzt in den Vororten stattfindet. Die Zentren werden daf\u00fcr gr\u00fcner und lebenswerter.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Die meisten Konzepte konzentrieren sich auf die Innenst\u00e4dte. Das mag f\u00fcr B\u00fcroangestellte oder Touristen n\u00fctzlich sein, doch Menschen in den Vororten von Paris oder Madrid haben wenig davon. Sind neue Radwege nicht vor allem ein Wellnessprogramm f\u00fcr Gutverdiener?<\/p>\n<p><strong>Colville-Andersen: <\/strong>Diese Frage kenne ich fast nur aus den USA und Deutschland. Offenbar glauben viele, dass Radfahren etwas ist, das man nur f\u00fcr die Gesundheit oder den Umweltschutz macht. Aber das stimmt nicht. Wissen Sie was? In Kopenhagen zeigen Umfragen, dass genau ein Prozent das Rad nutzt, um damit die Umwelt zu schonen. Die meisten tun es, weil es unkompliziert ist und am schnellsten geht. Auch dass nur reiche Viertel durch Stadtplanung gewinnen, ist ein Mythos: Eine Untersuchung in London hat gezeigt, dass es vor allem die abgeh\u00e4ngten Stadtteile waren, die von einer Verkehrsberuhigung profitierten<strong>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wer t\u00e4glich zwei Stunden zur Arbeit pendelt, wird trotzdem kaum umsteigen.<\/p>\n<p><strong>Colville-Andersen: <\/strong>Vielleicht aber f\u00fcr eine Teilstrecke.Unser Ziel sollte es sein, das Rad zum attraktivsten Verkehrsmittel zu machen und mit \u00f6ffentlichem Nahverkehr zu kombinieren. In Kopenhagen wird das Rad inzwischen auch in den Vororten sehr stark genutzt, seitdem es die entsprechende Infrastruktur gibt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie sind mit Ihrer TV-Sendung \u00bbThe Life-Sized City\u00ab um die ganze Welt gereist, um das Thema Stadtentwicklung anschaulich zu erkl\u00e4ren. Gibt es Konzepte, von denen wir konkret in Europa noch lernen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><strong>Colville-Andersen: <\/strong>Die Europ\u00e4er sind gut bei der Infrastruktur, aber alles dauert und ist kompliziert. Es werden oft kolossale Riesenprojekte geplant, doch einfache Experimente vor Ort sind ein Tabu. Ich habe in Taipeh und Mexiko-Stadt erlebt, wie Anwohner spontan ihre eigene Nachbarschaft ver\u00e4ndert haben: Sie haben innerhalb kurzer Zeit den Verkehr in einigen Stra\u00dfen reduziert, damit dort Kinder spielen konnten und neue Fl\u00e4chen f\u00fcr Kulturveranstaltungen entstehen. Bei uns br\u00e4uchte so etwas vermutlich viele Jahre. Das ist doch absurd. In Paris k\u00f6nnen sich B\u00fcrger jetzt auf ein kleines Blumenbeet in der Innenstadt bewerben und es dann selbst gestalten. Immerhin. So etwas brauchen wir \u00f6fter.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Radfahrer auf der Oberbaumbr\u00fccke in Berlin (im Sommer 2020): \u00bbEs braucht Politiker, die sich trauen, ihre St\u00e4dte zu gestalten\u00ab Foto:\u2002Annette Riedl\/ dpa Der Vielreisende ist zum Spazierg\u00e4nger geworden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6324,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6323","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6323"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6323\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6324"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}