{"id":6172,"date":"2021-02-27T19:21:37","date_gmt":"2021-02-27T16:21:37","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-auf-mallorca-hunger-und-armut-statt-tourismus\/"},"modified":"2021-02-27T19:21:37","modified_gmt":"2021-02-27T16:21:37","slug":"coronavirus-auf-mallorca-hunger-und-armut-statt-tourismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-auf-mallorca-hunger-und-armut-statt-tourismus\/","title":{"rendered":"Coronavirus auf Mallorca: Hunger und Armut statt Tourismus"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/951fd800-6bf5-4d25-9a34-3b3aab7f3874_w948_r1.77_fpx64_fpy50.jpg\" title=\"Vanessa Priego Martos auf dem Balkon ihrer Wohnung in Port de Pollenca: Wie es f\u00fcr die Familie weitergeht, ist unklar\" alt=\"Vanessa Priego Martos auf dem Balkon ihrer Wohnung in Port de Pollenca: Wie es f\u00fcr die Familie weitergeht, ist unklar\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Vanessa Priego Martos auf dem Balkon ihrer Wohnung in Port de Pollenca: Wie es f\u00fcr die Familie weitergeht, ist unklar<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Tomeu Coll \/ DER SPIEGEL  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Vanessa Priego Martos sagt, sie m\u00fcsse zurzeit oft weinen. Die 35-J\u00e4hrige lebt mit ihrer f\u00fcnfk\u00f6pfigen Familie in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Port de Pollenca, ganz im Norden von Mallorca. Doch wenn sie an ihre Zukunft denke, erz\u00e4hlt sie, k\u00e4men ihr oft die Tr\u00e4nen. Vor der Pandemie arbeitete sie in einem Hotel, ihr Mann als Oberkellner. Seit Fr\u00fchjahr 2020 werden sie nicht mehr gebraucht.<\/p>\n<p>Zwar sind die Infektionszahlen gesunken, doch die Touristenmaschine Mallorca steht still. Besucher gibt es kaum noch. Priego Martos sagt, sie sitze mit ihrer Familie viel zu Hause, wie es weitergehen soll, sei unklar. Als Saisonkr\u00e4fte h\u00e4tten sie und ihr Mann sich im Winter meist arbeitslos gemeldet, im Sommer dann wieder gearbeitet. So klappte es bislang immer irgendwie. Doch wegen der j\u00e4hrlichen Unterbrechung im Winter bekommen sie kein Arbeitslosengeld. Bis die Grundsicherung kam, dauerte es Monate. Und sie reicht nicht.<\/p>\n<p>Die Kinder h\u00e4tten bereits zu Weihnachten keine Geschenke erhalten, die kaputte Waschmaschine habe sie nicht reparieren lassen, erz\u00e4hlt Priego Maros. Schon das Waschmittel sei ja fast zu teuer. Sie w\u00e4scht jetzt von Hand. Damit zumindest das Essen noch reicht, geht sie seit einigen Wochen zur Tafel. So wie sie tun es inzwischen viele Mallorquiner.<\/p>\n<p>Keine andere Region Spaniens wurde h\u00e4rter von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie getroffen als die Balearen. Nirgendwo sonst ging die Zahl der ausl\u00e4ndischen G\u00e4ste so stark zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Laut einer Studie der Universit\u00e4t der Balearen ist inzwischen jeder vierte Einwohner verarmt. Die Zahl der Menschen, die in existenzieller Armut leben, soll sich innerhalb eines Jahres auf etwa 34.000 verdoppelt haben. Fast jeder f\u00fcnfte Bale\u00e1rico war Ende vergangenen Jahres offiziell arbeitslos gemeldet. Mittlerweile sind es vermutlich noch mehr, die meisten Hotels sind weiterhin zu. Selbst der Tourismusverband h\u00e4lt einen Saisonstart vor Sommer f\u00fcr unrealistisch.<\/p>\n<p>Kaum eine andere Einrichtung hat die Krise so sichtbar gemacht wie die Foodbanks, die Tafeln, die es inzwischen auf der ganzen Insel gibt. Bei \u00bbMallorca sense Fam\u00ab verdoppelte sich die Zahl der verteilten Hilfspakete im vergangenen Jahr, 6000 Hilfsbed\u00fcrftige wurden gez\u00e4hlt. Die Caritas und andere Organisationen nennen \u00e4hnliche Zahlen. Es geht um Tonnen von Lebensmitteln, die jeden Monat verteilt werden.<\/p>\n<p>Die Krise habe l\u00e4ngst auch die Mittelschicht erfasst, erz\u00e4hlt Blai Vidal, seit 2009 ehrenamtlicher Vorsitzender der Hilfsorganisation Monte-Sion aus Palma. Er habe den Posten eigentlich l\u00e4ngst abgeben wollen, doch es finde sich ja keiner, sagt der 73-J\u00e4hrige. Also mache er eben weiter.<\/p>\n<p>Seine Organisation musste die Lebensmittelverteilung k\u00fcrzlich auf einen Sportplatz verlegen, die alten R\u00e4ume reichten nicht mehr aus. In den vergangenen zwei Wochen seien jeweils 350 bis 400 Familien gekommen. Etwa 20 Kilo Vorr\u00e4te bekomme jede von ihnen, rechnet Vidal vor. Reis, Zucker, Thunfisch. Dazu vier Kilo Kartoffeln, zwei Netze Orangen und ein paar Auberginen, manchmal auch Fleisch. Etwa 1500 Kinder unter zw\u00f6lf Jahren w\u00fcrden so Woche vor Woche versorgt, zus\u00e4tzlich verteile man auch Kleidung.<\/p>\n<p>Die Krise offenbart, wie abh\u00e4ngig die Insel vom Tourismus ist und wie d\u00fcnn die Reserven vieler Familien sind. Helfer erz\u00e4hlen von Frauen, die Windeln mitnahmen, obwohl sie doch keine kleinen Kinder zu Hause h\u00e4tten \u2013 sie w\u00fcrden sie zerschneiden, um daraus Binden f\u00fcr sich selbst zu basteln. F\u00fcr Hygieneartikel fehlt ihnen das Geld. Oder von Familien, die Kartoffeln nicht kochen k\u00f6nnen, weil sie kein Gas mehr haben. Regelm\u00e4\u00dfig berichten derzeit lokale Medien von Zwangsr\u00e4umungen, weil Mieten nicht gezahlt werden konnten. Die Menschen ziehen zu Freunden oder landen im Obdachlosenheim. L\u00e4ngst k\u00f6nnen nicht mehr allen Bed\u00fcrftigen Sozialwohnungen angeboten werden.<\/p>\n<p>Seit der Finanzkrise vor rund zehn Jahren sei die Armut gestiegen, dass es aber einmal so weit kommen w\u00fcrde, habe er nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, sagt Blai Vidal.<\/p>\n<p>Nicht wenige der Bed\u00fcrftigen kamen in den vergangenen Jahren vom Festland auf die Insel, darunter auch viele Migranten aus S\u00fcdamerika oder Afrika. \u00bbDie Leute denken, Mallorca w\u00e4re das Paradies\u00ab, erz\u00e4hlt Vidal. \u00bbAlle meinen, wegen der Touristen k\u00f6nne es hier jeder schaffen. Aber das stimmt nicht mehr.\u00ab<\/p>\n<p>Wie sich die Krise auch au\u00dferhalb der Touristenhochburgen entwickelt hat, l\u00e4sst sich jeden Montag, Mittwoch und Freitag vor dem Gemeindezentrum von Santany\u00ed, etwa 50 Kilometer \u00f6stlich von Palma, beobachten. Wenn die Helferinnen von \u00bbHope\u00ab um kurz vor zehn auf den Parkplatz fahren, st\u00fcnden die Hilfesuchenden oft schon eine Stunde an, erz\u00e4hlen sie. Anfangs h\u00e4tten manche bereits um halb neun dort gewartet. Zu gro\u00df war offenbar die Angst, nichts mehr zu bekommen.<\/p>\n<p>Auch Apollonia Barcel\u00f3 Riera steht hier an. Vor der Pandemie arbeitete sie mit ihrer Mutter in einem Chiringuito, einem Strandlokal in der Cala Mondrag\u00f3, einer idyllischen Bucht im S\u00fcdosten der Insel. Fast das ganze Jahr h\u00e4tten sie hier fr\u00fcher Eis, Mojitos und Daiquiris verkauft, erz\u00e4hlt die 24-J\u00e4hrige. Auch in der Nebensaison. \u00bbWir hatten ein gutes Leben, ich konnte immer etwas zur Seite legen.\u00ab Davon ist nur noch wenig \u00fcbrig, seit September ist der Strand wieder leer, das Lokal geschlossen.<\/p>\n<p>Seitdem h\u00e4lt sich Apollonia Barcel\u00f3 Riera mit Gelegenheitsjobs als Babysitterin und Putzkraft \u00fcber Wasser. Die beiden Frauen leben in einem alten Landhaus mit braunem Putz, ringsherum gibt es nicht viel.Ihre Mutter arbeitet sechs Tage die Woche auf einer Finca, doch es reicht nicht. \u00bbWir wissen am Monatsende kaum, wie wir \u00fcber die Runden kommen sollen\u00ab, klagt ihre Tochter.<\/p>\n<p>Die Krise trifft fast alle, aber besonders die Jungen. 41 Prozent der unter 25-J\u00e4hrigen waren im vierten Quartal 2020 arbeitslos gemeldet. Bei den unter 20-J\u00e4hrigen waren es sogar rund 69 Prozent. Ein normaler Start ins Berufsleben ist f\u00fcr viele junge Spanier kaum noch vorstellbar.<\/p>\n<p>Nur mit der Grundsicherung von etwa 500 Euro lie\u00dfen sich die orts\u00fcblichen Mieten kaum bezahlen, sagen viele. Bevor sie die Wohnung verlieren, sparen viele Familien lieber am Essen. Autos werden abgemeldet, zu manchen Tafeln k\u00e4men die Bed\u00fcrftigen mit Fahrr\u00e4dern aus den Nachbarorten, erz\u00e4hlen Helfer. Auch Heimke Mansfeldkennt das Ph\u00e4nomen. Seit zwei Jahrzehnten lebt sie auf der Insel, sie ist mit einem Mallorquiner verheiratet, die gemeinsamen Kinder sprechen Spanisch.<\/p>\n<p>\u00bbWir sitzen hier fest\u00ab, sagt Mansfeld und meint damit die Stimmung unter den Einheimischen. Ihr selbst geht es noch gut, zusammen mit zwei anderen Deutschen hat sie \u00bbHope\u00ab gegr\u00fcndet, eine der Hilfsorganisationen, die jetzt Lebensmittel verteilen. Die Krise sei f\u00fcr sie als Deutsche auch eine Chance, den Menschen auf der Insel etwas zur\u00fcckzugeben, findet Mansfeld. Sie werben auch um Spenden aus Deutschland, inzwischen gibt es sechs Verteilstationen, die siebte soll bald er\u00f6ffnen. Sie tun viel, doch gegen die Abh\u00e4ngigkeit vom Tourismus hilft das wenig, wei\u00df die 54-J\u00e4hrige: \u00bbNiemand auf der Welt braucht zur Zeit Reinigungskr\u00e4fte oder Barkeeper.\u00ab<\/p>\n<p>Mieten und Immobilienpreise stiegen in den vergangenen Jahren immer weiter an. Viele Einheimische k\u00f6nnen ihre Mieten nicht mehr zahlen. Auch Vanessa Priego Martos und ihrem Mann geht es so.Schon seit Juli k\u00f6nnen sie nach eigenen Angaben die Raten f\u00fcr die bescheidene Zweizimmerwohnung nicht mehr begleichen, die seine Eltern gekauft hatten. Eigentlich wollten sie die Wohnung mit ihrem Einkommen aus dem Tourismus abzahlen.<\/p>\n<p>Mitte M\u00e4rz stehe jetzt ein Gerichtstermin an, sagt Vanessa Priego Martos, es gehe um die Zwangsr\u00e4umung. An vielen Tagen k\u00f6nne sie sich kaum noch motivieren rauszugehen, erz\u00e4hlt sie, zum Einschlafen brauche sie oft eine Schlaftablette, manchmal auch zwei.<\/p>\n<p>Was ihr f\u00fcr die kommenden Monate noch etwas Hoffnung gebe, sei die vage Chance, dass es vielleicht doch noch klappen k\u00f6nnte mit der Saison. Ob Deutsche, Engl\u00e4nder oder Russen k\u00e4men, sei letztlich doch egal, findet Priego Martos. Hauptsache, es komme \u00fcberhaupt jemand.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Vanessa Priego Martos auf dem Balkon ihrer Wohnung in Port de Pollenca: Wie es f\u00fcr die Familie weitergeht, ist unklar Foto:\u2002Tomeu Coll \/ DER SPIEGEL Vanessa Priego Martos<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6173,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6172","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6172","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6172"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6172\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6173"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}