{"id":617,"date":"2020-06-21T19:14:17","date_gmt":"2020-06-21T16:14:17","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wirecard-bilanzskandal-der-verschwundene-treuhander\/"},"modified":"2020-06-21T19:14:17","modified_gmt":"2020-06-21T16:14:17","slug":"wirecard-bilanzskandal-der-verschwundene-treuhander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wirecard-bilanzskandal-der-verschwundene-treuhander\/","title":{"rendered":"Wirecard-Bilanzskandal: Der verschwundene Treuh\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/d2350c25-7d4e-4e52-8bc6-be7c3ca955b1_w948_r1.77_fpx60.65_fpy44.98.jpg\" title=\"Gesch\u00e4ftsviertel in Makati City auf den Philippinen: Was geschah mit den 1,9 Milliarden Euro?\" alt=\"Gesch\u00e4ftsviertel in Makati City auf den Philippinen: Was geschah mit den 1,9 Milliarden Euro?\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Gesch\u00e4ftsviertel in Makati City auf den Philippinen: Was geschah mit den 1,9 Milliarden Euro?<\/p>\n<p> Bloomberg\/ Bloomberg via Getty Images <\/figcaption><\/figure>\n<p>Das R\u00e4tsel um die verschwundenen Milliarden des Dax-Konzerns Wirecard wird immer mysteri\u00f6ser, und der Mann, der es aufkl\u00e4ren k\u00f6nnte, geht in Deckung: Mark Tolentino, Anwalt mit Kanzlei im philippinischen Finanzzentrum Makati City, ist nach SPIEGEL-Informationen der Treuh\u00e4nder jener 1,9 Milliarden Euro, auf die Wirecard angeblich Anspruch hat und die der Bilanzpr\u00fcfer EY bislang vergeblich sucht.<\/p>\n<p>Das Geld entspricht rund einem Viertel der Bilanzsumme des Aschheimer Zahlungsverkehrsdienstleisters. Weil es fehlt, verweigert EY (vormals Ernst &amp; Young) das Pr\u00fcfsiegel f\u00fcr die Wirecard-Bilanz des Jahres 2019. Und das wiederum hat den Konzern, der eigentlich am Donnerstag seine Bilanz vorstellen wollte, in die Existenzkrise gest\u00fcrzt. Der Aktienkurs ist kollabiert, Vorstandschef Markus Braun zur\u00fcckgetreten, sein Intimus Jan Marsalek geschasst.<\/p>\n<p>Ob das Unternehmen eine Zukunft hat, h\u00e4ngt am Wohlwollen seiner kreditgebenden Banken, die derzeit unter Hochdruck dar\u00fcber verhandeln, ob sie die Ende Juni ablaufende Kreditlinie f\u00fcr Wirecard verl\u00e4ngern. Andernfalls k\u00f6nnten f\u00fcr das Unternehmen die Lichter ausgehen &#8211; ein Fall von historischem Ausma\u00df in der Wirtschaftsgeschichte.<\/p>\n<p>Als Treuh\u00e4nder k\u00e4me Tolentino bei der Aufkl\u00e4rung der bizarren, mutma\u00dflich kriminellen Umst\u00e4nde eine Schl\u00fcsselrolle zu; in Wirecard-Kreisen jedenfalls hei\u00dft es, dass der Mann exakt diese Funktion innehabe. Telefonisch oder per E-Mail ist er derzeit nicht erreichbar.<\/p>\n<h3>Ein Streitschlichter aus dem Radio<\/h3>\n<p>Auf der Website seiner Kanzlei wird Tolentino als &quot;jung, dynamisch und aggressiv&quot; beschrieben. Seinen Kunden stehe er als erfahrener Streitschlichter zur Seite, vor allem als Experte in Familienrecht. \u00dcberdies kenne er sich generell im Gesch\u00e4ftsleben (&quot;Business&quot;) sowie mit Immigrationsgesetzen und Kryptow\u00e4hrungen aus. Ein bunter Strau\u00df juristischer Kompetenzen also, die er Rechtssuchenden in pers\u00f6nlichem Kontakt, aber auch diversen Radiosendungen vermittelt; die entsprechenden Sendefrequenzen liefert er im Netz gleich mit.<\/p>\n<p>Dieser Tolentino soll, so hei\u00dft es in Wirecard-Kreisen, treuh\u00e4nderisch Geld f\u00fcr Wirecard verwaltet haben, das der Konzern f\u00fcr sein asiatisches Gesch\u00e4ft ben\u00f6tigt, aktuell etwa 1,9 Milliarden Euro. Gesch\u00e4ft hei\u00dft in dem Zusammenhang: Wirecard schaltet sich zwischen den Endkunden, der zum Beispiel ein Paar Turnschuhe kauft, und den H\u00e4ndler, der die Sneaker verkauft. Verl\u00e4sst der Kunden nach dem Kauf das Gesch\u00e4ft, hat er zwar neue Schuhe, der H\u00e4ndler aber noch nicht sein Geld. Wirecard schie\u00dft dem H\u00e4ndler den Betrag vor; auch die Risikoeinsch\u00e4tzung des Kunden \u00fcbernimmt die Firma, die gerade so viele Schlagzeilen macht.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Dienstleistung braucht es viel Cash. Da Wirecard in Asien, anders als in Europa, keine Lizenzen h\u00e4lt, um Gesch\u00e4fte abzuwickeln, braucht der Konzern in Fernost sogenannte Drittpartner, die ihm Provisionen f\u00fcr die Zahlungsabwicklung zahlen. Dieses Gesch\u00e4ft nennt sich Third Party Acquiring (TPA).<\/p>\n<p>Tolentino wiederum ist seit 2019 als Treuh\u00e4nder f\u00fcr Wirecard unterwegs, nachdem der Vorg\u00e4nger wegen der vielen Ungereimtheiten rund um das Unternehmen sein Mandat aufgegeben hatte. 1,9 Milliarden Euro soll er in diesem Auftrag bei den philippinischen Gro\u00dfbanken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands (BPI) deponiert haben. Die Institute indes haben nach eigenen Angaben keine Kenntnis von dem Geld. &quot;Wirecard ist kein Kunde von uns&quot;, teilten sie mit. Dokumente, die externe Pr\u00fcfer von Wirecard vorgelegt h\u00e4tten, seien gef\u00e4lscht; Papiere, die ein Konto von Wirecard best\u00e4tigen sollten, tr\u00fcgen gef\u00e4lschte Unterschriften von Bankenvertretern. Auch die Zentralbank der Philippinen ist ratlos.<\/p>\n<h3>Ob das Geld jemals existiert hat, ist unklar<\/h3>\n<p>Dass man beim Treuh\u00e4nder nicht darauf gedr\u00e4ngt habe, das Geld bei einer internationalen Gro\u00dfbank wie etwa der sino-britischen HSBC zu parken, wird im Wirecard-Umfeld damit begr\u00fcndet, dass die asiatischen H\u00e4ndler das Geld gern bei einem der lokalen Kreditinstitute untergebracht sehen wollten. BDO und BPI seien renommierte Institute. Und das Geld selbst zu verwalten, sei wegen der fehlenden Lizenzen in Asien nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Wo das Geld ist, ob es jemals existiert hat oder Teil eines gigantischen Bilanzbetrugs ist, ist unklar &#8211; Wirecards Kritiker vermuten Letzteres. Das Unternehmen selbst dagegen glaubt, betrogen worden zu sein und hat Anzeige gegen unbekannt gestellt. In Konzernkreisen verweist man auf die Stellungnahme der beiden philippinischen Banken, die praktisch einger\u00e4umt h\u00e4tten, selbst betrogen worden zu sein.<\/p>\n<p>Haben also Bankangestellte, wom\u00f6glich zusammen mit dem Anwalt Tolentino das Geld beiseitegebracht? Ist es nur falsch verbucht worden, und taucht bald wieder auf? Und haben Wirecard-Mitarbeiter bei einem m\u00f6glichen Coup konspiriert? Keine dieser Fragen kann derzeit hinreichend gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Das Third-Party-Gesch\u00e4ft stand bereits im Zentrum eines Sondergutachtens, das die Wirtschaftspr\u00fcfungsfirma KPMG zu Ende April verfertigt hat und das ebenfalls eine Schockwelle durch den Konzern jagte. Denn eigentlich hatte sich Wirecard-Chef Braun von dem Gutachten versprochen, s\u00e4mtliche Vorw\u00fcrfe, die gegen ihn und sein Unternehmen seit Jahren kursieren, zu widerlegen und neu durchstarten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allein, es kam anders. Zwar fand KPMG keine stichhaltigen Belege f\u00fcr den vielfach vermuteten Bilanzbetrug. Aber zugleich skizzierten die Pr\u00fcfer ein desastr\u00f6ses Bild der internen Kontrollmechanismen und auch, dass das Wirecard-Management an echter Aufkl\u00e4rung kaum Interesse habe. F\u00fcr Zahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von einer Milliarde Euro etwa l\u00e4gen keine hinreichenden Nachweise vor.<\/p>\n<h3>Kredite gegen h\u00e4rtere Konditionen<\/h3>\n<p>Geld &#8211; sogar fast zwei Milliarden Euro &#8211; vermisst auch Bilanzpr\u00fcfer EY. Und weil die Bilanz f\u00fcr 2019 bis sp\u00e4testens Freitag h\u00e4tte vorliegen m\u00fcssen, EY aber den Stempel verweigerte, h\u00e4ngt nun Wirecards Zukunft am seidenen Faden. Denn ohne testierte Bilanz l\u00e4uft per 30. Juni eine Kreditlinie \u00fcber insgesamt zwei Milliarden Euro, die mit 1,75 Milliarden Euro nahezu ausgesch\u00f6pft ist, aus &#8211; verl\u00e4ngern die Banken die Linie nicht, k\u00f6nnte Wirecards Schicksal besiegelt sein. Institute wie Commerzbank, ABN Amro und ING geh\u00f6ren zum Kreditkonsortium, auch die Deutsche Bank und \u00f6sterreichische Banken &#8211; Braun und Marsalek stammen aus Wien &#8211; sind dabei.<\/p>\n<p>Sie d\u00fcrften nach Lage der Dinge die Kreditlinie offen-, Wirecard also vorerst am Leben halten, allerdings zu versch\u00e4rften Konditionen: h\u00f6here Kreditzinsen etwa, mehr Sicherheiten oder konkretere R\u00fcckzahlungsziele. Das w\u00e4re das \u00fcbliche Vorgehen, wenn Banken nicht sofort Kredite f\u00e4llig stellen, obwohl der Darlehenspartner den Vertrag gebrochen hat &#8211; weil er etwa wie Wirecard keine testierte Bilanz vorlegen kann.<\/p>\n<p>Denn wenn die Geldh\u00e4user unmittelbar auf R\u00fcckzahlung dr\u00e4ngen und der Kreditpartner dann umf\u00e4llt, gehen die Banken wom\u00f6glich ganz leer aus. Also ist eine Verl\u00e4ngerung zu h\u00e4rteren Konditionen oftmals das geringere \u00dcbel. So jedenfalls das Kalk\u00fcl von Wirecard. Die Entscheidung d\u00fcrfte kommende Woche fallen.<\/p>\n<p>Hilfe hat sich das Unternehmen einstweilen bei der Investmentbank Houlihan Lokey geholt, ein Spezialist f\u00fcr schwierige Restrukturierungen und Insolvenzf\u00e4lle, bei dem ab Juli Ex-Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret als Berater anfangen wird.<\/p>\n<p>Wirecard selbst will, so ist zu h\u00f6ren, versuchen, sich das Geld notfalls von den beiden Banken auf den Philippinen zur\u00fcckzuholen. Deren F\u00fchrung habe ja einger\u00e4umt, selbst hinters Licht gef\u00fchrt worden zu sein, weshalb die Haftung bei den beiden Instituten l\u00e4ge. Das freilich setzt voraus, dass das Geld \u00fcberhaupt jemals existierte.<\/p>\n<h3>Ex-Chef Braun sei &quot;zutiefst geschockt&quot;<\/h3>\n<p>Au\u00dferdem gibt es Quellen, die darauf hinweisen, dass Wirecard auch dann \u00fcberleben k\u00f6nnte, wenn die 1,9 Milliarden Euro verschwunden blieben; schlie\u00dflich verf\u00fcge der Konzern \u00fcber etwa 3,8 Milliarden Euro Eigenkapital. Doch das ist eine unscharfe Rechnung. Ausweislich der Zahlen f\u00fcr die ersten neun Monate des Gesch\u00e4ftsjahres 2019 &#8211; die Daten f\u00fcr das Gesamtjahr fehlen bekanntlich &#8211; kam Wirecard auf 2,3 Milliarden Euro Eigenkapital.<\/p>\n<p>Auf rund 3,8 Milliarden Euro kommt nur, wer die Einnahme aus der j\u00fcngsten Anleiheemission \u00fcber 500 Millionen Euro hinzuz\u00e4hlt sowie jene 900 Millionen, die Investoren rund um den japanischen Softbank-Konzern in Wirecard gepumpt haben, allerdings als Wandelanleihe. Anleihen z\u00e4hlen aber, sofern sie noch nicht in Aktien gewandelt werden, in der Bilanz zum Fremd- und nicht zum Eigenkapital. Insofern ist die bei Wirecard kursierende Eigenkapitalrechnung schief. <\/p>\n<p>Bei der internen Suche nach einem Hauptschuldigen f\u00fcr das Drama ist man in Aschheim inzwischen bei Marsalek angekommen, dem geschassten Ex-Vorstand f\u00fcr das Tagesgesch\u00e4ft und Verbindungsmann zu den Drittpartnern in Asien. Ex-CEO Braun dagegen sei dagegen weniger vorzuwerfen; er sei &quot;zutiefst geschockt&quot; \u00fcber das Ausma\u00df des Skandals und freiwillig zur\u00fcckgetreten. Braun sei zu der Erkenntnis gekommen, zur Belastung f\u00fcr den Konzern geworden zu sein, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Das kann, muss man aber nicht zwingend glauben angesichts der Umst\u00e4nde. Braun ist seit Jahrzehnten bei Wirecard an Bord und eine kleine Ewigkeit Chef. Und er ist, neben Marsalek, im Prinzip der Einzige, der den vollen \u00dcberblick \u00fcber den Konzern und seine Gesch\u00e4fte hat.<\/p>\n<p>Dass ihn all das, was jetzt bekannt geworden ist, \u00fcberrascht haben soll, ist schwer zu glauben. Sicher ist dagegen, dass auch er ein Interesse daran haben d\u00fcrfte, dass es bald wieder aufw\u00e4rts geht mit Wirecard: Mit rund sieben Prozent der Aktien ist Braun einer der gr\u00f6\u00dften Anteilseigner seines Konzerns. Durch den Kurssturz der Aktie hat er also ein Verm\u00f6gen verloren, wenn auch bislang nur auf dem Papier.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Gesch\u00e4ftsviertel in Makati City auf den Philippinen: Was geschah mit den 1,9 Milliarden Euro? 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