{"id":6044,"date":"2021-02-22T00:42:00","date_gmt":"2021-02-21T21:42:00","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/syrien-tagebuch-einer-familie-kommt-nicht-nach-hause-sie-schiesen-wieder\/"},"modified":"2021-02-22T00:42:00","modified_gmt":"2021-02-21T21:42:00","slug":"syrien-tagebuch-einer-familie-kommt-nicht-nach-hause-sie-schiesen-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/syrien-tagebuch-einer-familie-kommt-nicht-nach-hause-sie-schiesen-wieder\/","title":{"rendered":"Syrien, Tagebuch einer Familie: \u00bbKommt nicht nach Hause! Sie schie\u00dfen wieder!\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/a63cd81b-58eb-4c35-84c6-62ad307873d8_w948_r1.77_fpx46.67_fpy50.jpg\" title=\"Drei der sechs Kinder von Omer und Khadija Hajj Abdo, am Abend vor ihrer Flucht aus Idlib\" alt=\"Drei der sechs Kinder von Omer und Khadija Hajj Abdo, am Abend vor ihrer Flucht aus Idlib\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Drei der sechs Kinder von Omer und Khadija Hajj Abdo, am Abend vor ihrer Flucht aus Idlib<\/p>\n<p>  Foto:\u2002privat  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn man jemanden ein Jahr lang begleitet und immer wieder interviewt, dann geht es fast gar nicht anders, als irgendwann zu denken, dass man dieser Person auf eine Weise nah gekommen ist.<\/p>\n<p>Wir tauschen uns aus, alle paar Wochen, und ich merke zum Beispiel, dass manche Anekdoten fast bei jedem Gespr\u00e4ch wiederkehren, sie meinem Gegen\u00fcber also wichtig scheinen. Ich habe dann etwas, um anzukn\u00fcpfen, beim n\u00e4chsten Anruf.<\/p>\n<p>Wir schicken uns Fotos \u00fcber WhatsApp, Bilder aus Hamburg im Tausch gegen Fotos aus einem Zelt im Norden von Syrien. Es gibt irgendwann den Moment, an dem wir gleichzeitig \u00fcber dieselbe Sache lachen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Seit dem Februar 2020 ist ein Jahr vergangen. Seitdem stehe ich mit der Familie Hajj Abdo in Syrien in Kontakt. Damals startete der syrische Machthaber Baschar al-Assad eine Offensive auf die Provinz Idlib, er bombte knapp eine Million Syrerinnen und Syrer aus ihrer Heimat und machte sie zu Vertriebenen in ihrem eigenen Land. Auch die Hajj Abdos stiegen in ein Auto und fl\u00fcchteten, als ihr Dorf Teqad bei Aleppo unter Beschuss geriet.<\/p>\n<p>Die Familie landete ganz im Norden Syriens, in einem Fl\u00fcchtlingscamp bei Azaz. Seitdem berichtet sie im SPIEGEL in Tagebucheintr\u00e4gen von ihrem neuen Leben. Sie l\u00e4sst uns in ihren Alltag als Gefl\u00fcchtete blicken. Zw\u00f6lf Monate, in denen wir uns regelm\u00e4\u00dfig ausgetauscht haben.<\/p>\n<p>Das Ger\u00e4t, das unsere Verbindung erm\u00f6glicht, Omers Handy, ist nur sehr selten in den H\u00e4nden seines Besitzers. Deswegen ist es gar nicht so einfach, Omer zu erreichen. Meistens hat eines der Kinder das Handy, sie lernen damit, Schule in Coronazeiten; oder sie spielen darauf Spiele, schauen Videos. Oft ist der Akku alle. Oft f\u00e4llt das Internet im Camp aus.<\/p>\n<p>Wenn Omer, Khadija und ich sprechen, dann hilft uns immer ein \u00dcbersetzer, auch er ein Syrer, der vor ein paar Jahren in die T\u00fcrkei geflohen ist. Oft ruft der \u00dcbersetzer zuerst die Familie an, und sp\u00e4ter mich in einem separaten Anruf, je nachdem, wie gut Omer und Khadija an dem Tag erreichbar sind.<\/p>\n<p>Immer wieder gibt es auch schwierige Momente. Zum Beispiel, als Omer mir berichtete, dass die H\u00e4lfte seines Hauses zerbombt sei und er sich nicht traue, das seinen Kindern zu erz\u00e4hlen. Was kann man da noch sagen?<\/p>\n<p>\u00bbSyrien verdient mehr als das, was die Welt bisher f\u00fcr uns getan hat\u00ab, sagte Omer vor einem Jahr. Damals bezog die Familie gerade das Zelt im Fl\u00fcchtlingslager, in dem sie bis heute schl\u00e4ft. Keiner von uns h\u00e4tte sich da vorstellen k\u00f6nnen, dass sie in einem Jahr immer noch in diesem Zelt hausen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Omer wei\u00df, dass seine Tageb\u00fccher in einem Land gelesen werden, das zwar schon oft mahnende Worte in Richtung Baschar al-Assad gesandt hat, aber vor dem sich der Kriegstreiber und seine Verb\u00fcndeten bis heute nicht wirklich f\u00fcrchten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im aktuellen Tagebuch sprechen abwechselnd Khadija und Omer Hajj Abdo.<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 11. Februar 2021, Omer:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbEs gibt Bilder von unserem letzten Abendessen zu Hause. Heute vor einem Jahr. Wir haben zusammen gebetet, dann gegessen. Am n\u00e4chsten Morgen sind wir gegangen. Mitgenommen haben wir nichts.<\/p>\n<p>Wir sind in ein gro\u00dfes Autogestiegen, blo\u00df weg aus unserem Dorf Teqad. In den Tagen davor mussten sich meine Frau und die Kinder in den Felsen am Ortsrand verkriechen, kleine H\u00f6hlen, die sicherer waren als die H\u00e4user. Denn syrische Truppen standen kurz davor, unser Dorf einzunehmen. Sie haben auf unsere H\u00e4user geschossen.<\/p>\n<p>Meine Gef\u00fchle sind durcheinander, wenn ich mir die Bilder aus unserer Heimat ansehe. Das Leben von damals kommt mir schon weit weg vor. Aber ich vermisse die Nachbarn, die Stra\u00dfe, wie alles roch, jeden Tag. Eine gro\u00dfe Traurigkeit.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Freitag, 12. Februar 2021, Khadija:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbWie wir damals gek\u00e4mpft haben, damit wir \u00fcberhaupt ein Auto bekommen, das uns rausbringt aus Idlib \u2013 das l\u00e4uft in meinem Kopf ab wie in einem Film. Damals sind ja Tausende Familien geflohen, alle wollten nur noch weg. Nach einem Jahr rei\u00dft die Wunde wieder auf, es tut weh. Diese Wunde wird f\u00fcr immer bleiben. Ich werde den Schmerz, die Heimat zu verlieren, mein Leben lang nicht vergessen.<\/p>\n<p>Als es neulich ein Gewitter gab, hat unsere Tochter Eilaf so eine Angst bekommen. Sie dachte, der Donner seien Bomben, und sie hat sich unter ihrer Decke versteckt. Auch die Kleinen haben nichts von alldem vergessen.<\/p>\n<p>Neulich hat es wieder einen Bombenbeschuss in Teqad gegeben. Wenn ich diese Nachrichten h\u00f6re, ist da wieder die Angst: Hat es Opfer gegeben? Sind Menschen gestorben, die wir kennen?\u00ab<\/p>\n<p><strong>Sonntag, 14. Februar 2021, Omer:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbWir hatten geplant, unser Dorf zu besuchen. Wollten wenigstens mal vorbeischauen. Mit den Kindern, ein bis zwei Tage vor dem Jahrestag. Die Kleinen fragen oft, wann wir zur\u00fcckgehen. Aber dann haben unsere ehemaligen Nachbarn angerufen. &gt;Kommt nicht!&lt;, haben sie gesagt. &gt;Es ist zu gef\u00e4hrlich. Sie schie\u00dfen wieder.&lt; Sie sagten, dass manche Leute, die zur\u00fcckgekehrt sind, jetzt erneut fliehen. Ich bin froh, dass ich den Kindern vorab nichts von den Pl\u00e4nen erz\u00e4hlt habe. Denn wir sind im Fl\u00fcchtlingscamp geblieben.\u00ab<\/p>\n<p>Zehn Jahre B\u00fcrgerkrieg in Syrien. Vorher schon wurde die schreckliche Lage der Menschen im Land von der Weltgemeinschaft zu wenig beachtet. Die Pandemie hat die Dringlichkeit, endlich Frieden zu schaffen, den Krieg zu beenden, komplett \u00fcberlagert. Seit dem 16. Februar 2021 verhandeln Russland, die T\u00fcrkei und Iran wieder \u00fcber die Zukunft Syriens, alle haben eigene Interessen. Der Uno-Syrienbeauftragte zeigte sich \u00fcber den Stillstand der Verhandlungen \u00bbtief entt\u00e4uscht\u00ab.<\/p>\n<p>SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter schrieb bereits vor einem Jahr in seinem Text \u00bbVor den Augen der Welt\u00ab vom Versagen der Uno: \u00bbEs ist doch alles gesagt, geschrieben, so oft schon, dass man sich seltsam vorkommt bei der Wiederholung.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 16. Februar 2021, Omer:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbWir wollten immer, dass unsere Kinder gut in der Schule sind. Dass sie etwas N\u00fctzliches tun in ihrer Zukunft. Studieren vielleicht. Dass sie bessere Leben haben. So habe ich mir das schon vor dem Krieg vorgestellt, als ich noch nicht einmal Vater war.<\/p>\n<p>Wir haben immer noch dieselben Ziele. Aber wir m\u00fcssen die Erwartungen an unsere Kinder und an uns als Eltern herunterschrauben. Wir sind jetzt Vertriebene, sogenannte DPs, displaced persons. Noch dazu gibt es Corona. Die Sache mit dem Homeschooling betrifft auch uns. Ja, meine sechs Kinder lernen die meiste Zeit in unserem Zelt.<\/p>\n<p>Wir haben genau ein Handy, auf dem sie die Lernvideos gucken. Und abends gibt es meist kein Licht, weil die Solar-Batterie dann ihren Geist aufgibt. Die Kids k\u00f6nnen dann nichts lesen. Trotzdem sind meine T\u00f6chter unter den Klassenbesten, Fatima hat im Abschlusstest 94 von 100 Punkten erreicht. Wie fr\u00fcher in der alten Schule.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 16. Februar 2021, Khadija:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbDie Lehrer hier im Camp sind anders, nicht so gut wie zu Hause. Wegen der Pandemie ist der Unterricht auch lange ausgefallen. Aber ich mache den Lehrern keine Vorw\u00fcrfe. Sie haben ganz andere Bedingungen, und die meisten sind selbst Vertriebene. Sie haben andere Sorgen. Auch sie m\u00fcssen jeden Tag schauen, dass ihre Kinder genug zu essen haben.<\/p>\n<p>Auch bei uns gibt es oft nur Kartoffeln, mit etwas Gew\u00fcrz und Salz. H\u00fchnchen habe ich fr\u00fcher ein- bis zweimal die Woche gekocht. Seit wir im Camp leben \u2013 und seit wegen der Pandemie die Lebensmittelpreise so hoch sind \u2013 bringen wir Fleisch nur noch einmal im Monat auf den Tisch.<\/p>\n<p>Eigentlich br\u00e4uchte unsere mittlere Tochter Rama eine spezielle Di\u00e4t, denn sie hat eine Schilddr\u00fcsen-Krankheit. Das ist auch der Grund, warum sie so langsam w\u00e4chst. Aber das ist zu teuer.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 17. Februar 2021, Omer:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbHeute vor einem Jahr sind wir im Camp in Azaz angekommen. Bis wir endlich ein Zelt hatten, meine G\u00fcte! Und es war sehr kalt. Ich wei\u00df, wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Das Wichtigste im Leben ist, seine Situation anzunehmen. Du musst klarkommen. Es gibt so viele, denen es schlechter geht.<\/p>\n<p>Zum Beispiel ein Bekannter hier im Camp, er stammt aus Deir ez-Zor, im Osten Syriens. Als er floh, wurde er unterwegs f\u00fcr einen IS-K\u00e4mpfer gehalten und beschossen. Viele Familien haben Verletzte oder gar Tote zu beklagen. Wir haben niemanden verloren. Wir sind alle zusammen.<\/p>\n<p>Ich bezeichne mich als gl\u00fccklich. Ich habe einen Job gefunden. Wir sind sicher. Wir sind \u00dcberlebende. K\u00e4mpfer. Wir k\u00e4mpfen daf\u00fcr, dass unsere Kinder ein Leben in Frieden haben. Dass dieser Krieg doch noch ein Ende findet.\u00ab<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Drei der sechs Kinder von Omer und Khadija Hajj Abdo, am Abend vor ihrer Flucht aus Idlib Foto:\u2002privat Wenn man jemanden ein Jahr lang begleitet und immer wieder<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6045,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6044","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6044","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6044"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6044\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6045"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6044"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}