{"id":6036,"date":"2021-02-21T16:22:19","date_gmt":"2021-02-21T13:22:19","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/abtreibung-auf-malta-ein-ausweg-aus-der-verzweiflung\/"},"modified":"2021-02-21T16:22:19","modified_gmt":"2021-02-21T13:22:19","slug":"abtreibung-auf-malta-ein-ausweg-aus-der-verzweiflung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/abtreibung-auf-malta-ein-ausweg-aus-der-verzweiflung\/","title":{"rendered":"Abtreibung auf Malta: Ein Ausweg aus der Verzweiflung"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/c7c9c15e-a563-49df-9b38-a483670644e9_w948_r1.77_fpx54_fpy43.jpg\" title=\"\u00bbJeder soll sehen, was in Malta passiert\u00ab, sagt die feministische Aktivistin Liza Caruana-Finkel\" alt=\"\u00bbJeder soll sehen, was in Malta passiert\u00ab, sagt die feministische Aktivistin Liza Caruana-Finkel\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\"> \u00bbJeder soll sehen, was in Malta passiert\u00ab, sagt die feministische Aktivistin Liza Caruana-Finkel<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Liza Caruana-Finkel  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2020 l\u00e4hmt eine unheimliche Pandemie die ganze Welt, und Lusy Abela macht einen Schwangerschaftstest. Ergebnis: positiv. Sie ist starr vor Angst.<\/p>\n<p>Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder will nicht noch ein Baby bekommen, finanziell w\u00e4re das nicht zu stemmen. Ihr damaliger Freund, so erz\u00e4hlt sie es, m\u00f6chte weder das Kind, noch unterst\u00fctzt er sie. Sie beginnt zu googeln, sucht unter \u00bbAbtreibung\u00ab nach einem Ausweg.<\/p>\n<p>Lusy Abela hei\u00dft eigentlich anders, aber m\u00f6chte anonym bleiben. Die 37-j\u00e4hrige Finanzpr\u00fcferin hat Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen, erz\u00e4hlt sie bei einem Zoom-Gespr\u00e4ch. Denn Lusy lebt in Malta. Dem Land mit dem strengsten Abtreibungsgesetz der EU. Malta ist der einzige EU-Staat, in dem Schwangerschaftsabbr\u00fcche komplett verboten sind.<\/p>\n<p>Das gilt auch dann, wenn die Schwangere vergewaltigt wurde, das Kind sehr krank, schwerbehindert oder nicht lebensf\u00e4hig ist und sogar, wenn das Leben der Mutter gef\u00e4hrdet ist. Ein Versto\u00df kann mit bis zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis bestraft werden. Weltweit gibt es nicht einmal 20 Staaten mit einer \u00e4hnlich strikten Regelung.<\/p>\n<p>In Malta leben rund 500.000 Menschen. Gef\u00fchlt kenne jeder jeden, sagt Lusy. Wer abtreibt, wird sozial ge\u00e4chtet und verurteilt. Immer wieder bittet Lusy darum, in diesem Text nicht erkennbar zu sein. Sie hat Angst vor einer Gef\u00e4ngnisstrafe.<\/p>\n<p>Der Katholizismus ist Staatsreligion in Malta, und er bestimmt das Leben auf der Insel: Sex ist ein Tabuthema und etwas, das man zu Hause in der Ehe haben soll. Sexualaufkl\u00e4rung findet in der Schule nur begrenzt statt. Im Medizinstudium wird das Thema Abtreibung ignoriert. Ungewollt Schwangere, die Hilfe bei \u00c4rztinnen und \u00c4rzten suchen, werden verurteilt oder dazu gezwungen, das Kind zu behalten.<\/p>\n<p>Frauen, die sich das leisten k\u00f6nnen, fahren f\u00fcr einen Schwangerschaftsabbruch ins Ausland und lassen dort in einer Privatklinik eine Abtreibung vornehmen. Aber wie ausreisen, wenn wegen Corona die Grenzen dicht sind? Und sowieso: Das Geld daf\u00fcr h\u00e4tte Lusy auch ohne Lockdown nicht gehabt. Bis zu 1800 Euro kostet ein Schwangerschaftsabbruch beispielsweise in Gro\u00dfbritannien, zuz\u00fcglich Reise- und Hotelgeb\u00fchren.<\/p>\n<p>Lusy ist schon l\u00e4nger Mitglied der Facebook-Gruppe \u00bbWomen for Women (Malta)\u00ab. Rund 40.000 Frauen sind hier unter sich. \u00dcber die Gruppe findet Lusy die Website der \u00bbDoctors for Choice\u00ab, einer Gruppe von \u00c4rzten, die f\u00fcr die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbr\u00fcchen k\u00e4mpft. Im Internet kl\u00e4ren sie auf \u00fcber Verh\u00fctung, weibliche Gesundheit und Abtreibung.<\/p>\n<p>Eine von ihnen ist Natalie Psaila. Die Allgemeinmedizinerin hat \u00bbDoctors for Choice\u00ab mitgegr\u00fcndet. Um Abtreibungen zu enttabuisieren und f\u00fcr die Autonomie von Frauen einzustehen. \u00bbAbtreibung bedeutet f\u00fcr mich Freiheit. Die Wahl zu haben, selbst \u00fcber meinen K\u00f6rper bestimmen zu k\u00f6nnen. Mein Leben so zu leben, wie ich es will\u00ab, sagt die 35-J\u00e4hrige im Zoom-Interview. \u00bbDeshalb bin ich Pro Choice.\u00ab<\/p>\n<p>Vor der Pandemie gingen sie auf Demonstrationen, erz\u00e4hlt Psaila. Die NGO organisiert Infoveranstaltungen \u00fcber Sex und Verh\u00fctung. Im Lockdown aber sei es schwierig, an Frauen heranzukommen. Deshalb bieten sie telefonische Beratung an f\u00fcr ungewollt Schwangere und Frauen, die diskriminiert, bel\u00e4stigt oder vergewaltigt wurden.<\/p>\n<p>Die \u00bbDoctors for Choice\u00ab leiten Lusy weiter: an \u00bbWomen on Web\u00ab. Die gemeinn\u00fctzige Organisation vermittelt ungewollt schwangeren Frauen Abtreibungspillen. Das Angebot gilt f\u00fcr Frauen, die in L\u00e4ndern leben, in denen ihnen der Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbr\u00fcchen verwehrt wird. Die Webseite ist in 26 Sprachen verf\u00fcgbar. Im Verh\u00e4ltnis zur Einwohnerzahl kommen die meisten Anfragen aus S\u00fcdkorea, Polen und: Malta. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die medizinische Abtreibung mit Tabletten bis zur zw\u00f6lften Schwangerschaftswoche als sicher ein.<\/p>\n<p>Lusy f\u00fcllt einen Fragebogen aus. Woche der Schwangerschaft? Vorerkrankungen? Zyklusverlauf? 37 Fragen insgesamt. Medizinisches Fachpersonal wertet die Antworten aus. Die Pillen werden anschlie\u00dfend per Post versandt. Eine Spende in H\u00f6he von 90 Euro wird empfohlen, ist aber freiwillig.<\/p>\n<p>In normalen Zeiten garantiert \u00bbWomen on Web\u00ab eine Lieferung der Tabletten binnen maximal zwei Wochen. Jedoch nicht w\u00e4hrend einer Pandemie. Fl\u00fcge werden gecancelt, Lieferketten sind unterbrochen und Lusy bangt Tag f\u00fcr Tag um das P\u00e4ckchen. \u00bbDas Warten auf die Pillen war fast das Schlimmste. Ich hatte eine Riesenangst, sie w\u00fcrden zu sp\u00e4t ankommen. Ich habe min\u00fctlich die Paketnachverfolgung am Handy aktualisiert\u00ab, erz\u00e4hlt sie.<\/p>\n<p>Achte Schwangerschaftswoche, Mitte April. Das P\u00e4ckchen ist angekommen. Lusy hat per E-Mail eine Anleitung erhalten. Die Tabletten soll sie oral, nicht vaginal einnehmen. So kann der Wirkstoff nicht im Blut nachgewiesen werden, \u00bbfalls es zu Komplikationen kommt\u00ab. Die Blutungen wirken so wie eine nat\u00fcrliche Fehlgeburt.<\/p>\n<p>Eine Pille Mifepriston und 24 Stunden sp\u00e4ter vier Pillen Misoprostol. Lusy hat sich ihrer Cousine und einer Freundin anvertraut. Die beiden begleiten sie durch die Prozedur. Niemand sonst wei\u00df von ihrem Plan. Die Einnahme der Tabletten ist in Malta illegal.<\/p>\n<p>Es kommt zu Komplikationen. Lusy muss sich \u00fcbergeben, spuckt die Pillen aus. Sie blutet ohne Unterbrechung, muss schlie\u00dflich ins Krankenhaus. Sie wird behandelt, kann schon bald wieder nach Hause. Die Blutungen halten noch einige Wochen an. \u00bbIch habe mich w\u00e4hrend all der Wochen seit dem Schwangerschaftstest so allein gef\u00fchlt wie noch nie\u00ab, sagt Lusy heute.<\/p>\n<p>Geschichten wie die von Lusy sammelt Liza Caruana-Finkel mit dem Hashtag #breakthetaboo. Die feministische Aktivistin hat die Website Break the Taboo Malta gegr\u00fcndet, auf der Frauen ihre Erfahrungen teilen k\u00f6nnen. \u00bbEs geht darum, die Geschichten der Frauen sichtbar zu machen. Jeder soll sehen, was in Malta passiert\u00ab, sagt die 34-J\u00e4hrige. So berichten Frauen von Versuchen, mit einem Kleiderb\u00fcgel abzutreiben. Ungewollt schwangere Touristinnen schildern, wie sie w\u00e4hrend des Corona-Lockdowns auf der Insel strandeten und allein auf sich gestellt waren.<\/p>\n<p>Malta ist ein Land der Gegens\u00e4tze. Es hat einige der progressivsten LGBTQI-Gesetze der Welt. Seit 2015 k\u00f6nnen Vollj\u00e4hrige ihre Geschlechtsbezeichnung selbst w\u00e4hlen. M\u00e4nnlich, weiblich, divers \u2013 es gen\u00fcgt das Ausf\u00fcllen eines Formulars bei der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde. Die Ehe f\u00fcr alle wurde 2017 eingef\u00fchrt. Was die Selbstbestimmungsrechte von Frauen angeht, ist das Land allerdings alles andere als fortschrittlich.<\/p>\n<p>Theresa Galea Testa sieht das anders. Sie ist maltesische Gyn\u00e4kologin und Abtreibungsgegnerin. Die 51-J\u00e4hrige bezeichnet sich als Pro-Life-Aktivistin und Feministin. \u00bbMenschliches Leben beginnt mit der Empf\u00e4ngnis\u00ab, sagt sie. Ein Schwangerschaftsabbruch sei das Gegenteil von Feminismus, weil er wider die Natur des weiblichen K\u00f6rpers sei. Es sei grauenvoll, seine Nachkommen zu t\u00f6ten. \u00bbWir Menschen sollten nicht \u00fcber Leben und Tod urteilen. Insbesondere ich als \u00c4rztin habe den Auftrag, Leben zu sch\u00fctzen\u00ab, sagt Testa.<\/p>\n<p>Es sind Menschen wie Testa, vor denen Lusy sich f\u00fcrchtet. Von ihnen werde sie verurteilt f\u00fcr das, was sie getan habe, sagt sie. Man k\u00f6nne niemandem vertrauen in Malta. Bis heute, fast ein Jahr sp\u00e4ter, hat Lusy weder ihrer Familie noch ihren Freunden oder Arbeitskolleginnen von ihrem Schwangerschaftsabbruch erz\u00e4hlt. Dennoch bereue sie nichts. \u00bbIch w\u00fcrde es wieder tun. Die Abtreibung war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.\u00ab<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern \u00bbJeder soll sehen, was in Malta passiert\u00ab, sagt die feministische Aktivistin Liza Caruana-Finkel Foto:\u2002Liza Caruana-Finkel Im Fr\u00fchjahr 2020 l\u00e4hmt eine unheimliche Pandemie die ganze Welt, und Lusy Abela<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6037,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6036","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6036","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6036"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6036\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6037"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6036"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6036"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6036"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}