{"id":5996,"date":"2021-02-19T20:27:11","date_gmt":"2021-02-19T17:27:11","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/hanau-attentat-ein-jahr-danach-es-waren-meine-leute-kommentar\/"},"modified":"2021-02-19T20:27:11","modified_gmt":"2021-02-19T17:27:11","slug":"hanau-attentat-ein-jahr-danach-es-waren-meine-leute-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/hanau-attentat-ein-jahr-danach-es-waren-meine-leute-kommentar\/","title":{"rendered":"Hanau-Attentat, ein Jahr danach: Es waren meine Leute &#8211; Kommentar"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/30acb066-8df2-4345-bf9d-575c8ea2f6eb_w948_r1.77_fpx50.72_fpy49.99.jpg\" title=\"Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau\" alt=\"Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Milos Djuric \/ DER SPIEGEL  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 19. Februar 2020 t\u00f6tete ein Rassist neun junge Menschen in Hanau. Er erschoss sie, w\u00e4hrend sie hinter einer Theke standen, in ihrer Shishabar sa\u00dfen, am Stra\u00dfenrand eine Zigarette rauchten, Nudeln a\u00dfen in einem Kiosk in Hanau-Kesselstadt.<\/p>\n<p>Ich bin in einem Hochhaus in der N\u00e4he der Hamburger Reeperbahn aufgewachsen, in den Neunzigerjahren war mein Viertel vergleichbar mit Hanau-Kesselstadt: hohe Blocks, Familien aus aller Welt, viele Kinder. Unser Treffpunkt damals war \u00bbSun Food\u00ab, eine Bar wie der letzte Tatort dieser Nacht in Hanau. Ich bin 39 Jahre alt, die Toten von Hanau waren alle j\u00fcnger als ich, manche h\u00e4tten meine S\u00f6hne sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den Tagen nach dem Anschlag h\u00f6rte ich im Fernsehen ihre M\u00fctter, die sagten: Aber mein Sohn hatte doch gerade seine Ausbildung abgeschlossen. Ich h\u00f6rte V\u00e4ter, die sagten: Wir haben doch immer Steuern gezahlt in diesem Land, warum wollt ihr uns noch immer nicht.<\/p>\n<p>Da waren sie pl\u00f6tzlich sichtbar, Menschen, die man sonst kaum h\u00f6rte. Menschen, die deutsche Autobahnen mit aufgebaut hatten, Schichtf\u00fchrer in Industriebetrieben waren, Busfahrer oder Schreiner. Ihre Kinder waren Heizungsinstallateure, Anlagenmechaniker, Lageristen, Hausmeister und Kammerj\u00e4ger. N\u00fctzliches Personal f\u00fcr die deutsche Wirtschaft.<\/p>\n<p>Es gibt in diesem Land zwei Schubladen f\u00fcr Migrantenkinder: die f\u00fcr Vorzeigemigranten und die f\u00fcr Problemmigranten. Die Eltern der Ermordeten schienen diese Schubladen zu kennen, es war ihnen wichtig, den echten Deutschen noch einmal zu sagen, wo man ihre toten Kinder einsortieren sollte.<\/p>\n<p>Ermordet wurden am 19. Februar 2020 Kinder und Enkel von Menschen, die in den vergangenen 60 Jahren in dieses Land gekommen sind, damit es ihnen oder ihren Kindern eines Tages \u00bbbesser geht\u00ab. Ich wei\u00df, f\u00fcr Leserinnen und Leser ohne Einwanderungsgeschichte ist das wahrscheinlich eine alte Migrationsfloskel. F\u00fcr uns ist es ein Versprechen, das wir mit unserer Einschulung abgeben. Unsere Abschl\u00fcsse und unsere Jobs sind die Medaillen unserer Eltern und Gro\u00dfeltern, sie sind der Beweis daf\u00fcr, dass es richtig war, hierherzukommen.<\/p>\n<p>Neun von ihren Kindern waren jetzt tot. Es gab Demonstrationen, Solidarit\u00e4tsbekundungen. Aber es gab keine Massenproteste, keine M\u00e4rsche durch deutsche St\u00e4dte, keine bundesweiten Ausschreitungen wie nach dem Tod von George Floyd in Amerika.<\/p>\n<p>Warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p>Wir blieben zu Hause: Menschen ohne Einwanderungsgeschichte, weil sie sich nicht getroffen f\u00fchlten von diesem Anschlag. Leute wie ich, weil sie nicht gemeint sein wollten.<\/p>\n<p>Dabei war der \u00bbgut gemeinte\u00ab Alltagsrassismus schon immer da in meinem Leben. Lehrer, die meinem Vater erkl\u00e4rten, ich redete nur so viel, weil er mich, aufgrund seiner t\u00fcrkischen Herkunft, zu Hause unterdr\u00fccke als M\u00e4dchen. Chef\u00e4rzte, die meine Mutter, die ihre R\u00e4ume im Uniklinikum Eppendorf putzte, lobten f\u00fcr das Glas Wein, das sie hob bei der Weihnachtsfeier. Fahrg\u00e4ste, die in das Taxi meines Vaters stiegen und es toll fanden, dass er es als \u00bbT\u00fcrke\u00ab geschafft hatte, Jugendtrainer bei St. Pauli zu sein.<\/p>\n<p>Ich hatte mich daran gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Wenige Monate nachdem ich meinen Redakteursvertrag beim SPIEGEL unterschrieben hatte, wurden die rassistischen Morde des NSU \u00f6ffentlich. Der Gem\u00fcseladen des Hamburger NSU-Opfers S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc lag wenige Stra\u00dfen von der t\u00fcrkischen Teestube meines Onkels entfernt. Mein Vater kannte die Familie pers\u00f6nlich. In den Jahren danach beobachtete ich, dass etwas kaputtging in seinem Verh\u00e4ltnis zu diesem Land. Mein Vater war als Teenager gekommen, er war seinem Vater hinterher gereist, der 1964 als Hafenarbeiter nach Hamburg gezogen war. Er hatte dem deutschen Staat immer vertraut. Doch dann behandelte man Angeh\u00f6rige der NSU-Opfer wie Beschuldigte, schredderte Akten, es kam heraus, dass V-M\u00e4nner zur Mordzeit an Tatorten gewesen waren. Dieser Staat hatte Menschen wie meinen Vater nicht gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Ich hatte mir jahrelang vorgenommen, die Familien der NSU-Opfer zu besuchen, mich in den Prozess in M\u00fcnchen zu setzen. Ich habe es nie getan. Ich hatte jahrelang verdr\u00e4ngt, dass ich betroffen bin, wenn Rechte in diesem Land t\u00f6ten, demonstrieren, Hassbriefe schreiben. Dass es T\u00e4ter gibt in diesem Land, die bereit sind, Menschen wie mich zu t\u00f6ten, nur weil wir da sind.<\/p>\n<p>Dann kam Hanau. Es ging um Kinder, die noch nach mir in diesem Land geboren wurden.<\/p>\n<p>Die Menschen, die ich im Fernsehen reden sah, waren wieder meine Leute.<\/p>\n<p>Mit meinem Kollegen Timofey Neshitov gemeinsam verbrachte ich monatelang Zeit mit den Hinterbliebenen und \u00dcberlebenden. Wir begleiteten sie in ihrem Alltag, bei dem Versuch, zu verstehen, was passiert war.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen Menschen gegen\u00fcber, die nach dieser rassistischen Tat noch beh\u00f6rdlichen Rassismus erfahren hatten. Die erst selbst ermitteln mussten, damit Vers\u00e4umnisse der Beh\u00f6rden vor und w\u00e4hrend der Tatnacht \u00f6ffentlich werden. Die nicht verstehen, warum nicht mehr Menschen in diesem Land f\u00fcr ihre Kinder auf die Stra\u00dfe gingen.<\/p>\n<p>Und sie hatten recht. Wieder hatten es die Vielen in diesem Land nicht geschafft, mit ihnen zu trauern.<\/p>\n<p>Auf meinen Zugfahrten zur\u00fcck nach Hamburg besch\u00e4ftigte mich immer wieder diese Frage, die sich die Eltern von Hanau jeden Tag gegenseitig stellen: Warum ist mein Kind tot?<\/p>\n<p>Mein Sohn ist 4 Jahre alt, und wenn er gro\u00df ist, wird er genauso aussehen wie die Kinder, die in Hanau ermordet wurden.<\/p>\n<p>Sie hei\u00dfen:<strong> Ferhat Unvar, Hamza Kurtovi\u0107, Said Nesar Hashemi, Vili-Viorel P\u0103un, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Sara\u00e7o\u011flu, Sedat G\u00fcrb\u00fcz <\/strong>und<strong> G\u00f6khan G\u00fcltektin.<\/strong><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau Foto:\u2002Milos Djuric \/ DER SPIEGEL Am 19. Februar 2020 t\u00f6tete ein Rassist neun junge Menschen in Hanau. 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