{"id":598,"date":"2020-06-20T22:00:02","date_gmt":"2020-06-20T19:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-lockerungen-war-der-lockdown-uberflussig\/"},"modified":"2020-06-20T22:00:02","modified_gmt":"2020-06-20T19:00:02","slug":"corona-lockerungen-war-der-lockdown-uberflussig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-lockerungen-war-der-lockdown-uberflussig\/","title":{"rendered":"Corona-Lockerungen: War der Lockdown \u00fcberfl\u00fcssig?"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/032011c5-96e3-4f7e-b08b-ba1f7a24d260_w948_r1.77_fpx49_fpy15.jpg\" title=\"Berlin: In der Hauptstadt sind die Infektionszahlen zuletzt wieder angestiegen\" alt=\"Berlin: In der Hauptstadt sind die Infektionszahlen zuletzt wieder angestiegen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Berlin: In der Hauptstadt sind die Infektionszahlen zuletzt wieder angestiegen<\/p>\n<p> Kay Nietfeld\/ DPA <\/figcaption><\/figure>\n<p>&quot;Mit der Coronakrise ist es wie mit dem Klimawandel&quot;, sagt Jasper Meya, 32 Jahre, kurzgeschnittene, dunkelbraun gelockte Haare, promovierter Umwelt\u00f6konom. Jeder muss sich einschr\u00e4nken &#8211; zum Wohle aller. Beim Klimawandel hei\u00dft das: Auto stehen lassen, auf Fleisch verzichten, weniger konsumieren. Bei Corona: Maske tragen, Abstand halten, zu Hause bleiben. \u00d6konomen sprechen von externen Kosten, deren Auswirkungen einzeln betrachtet gering erscheinen m\u00f6gen, aber zusammen mit Wucht wirken. Das zeigt sich besonders in der Coronakrise.<\/p>\n<p>Trotz der allm\u00e4hlichen Lockerungen wird die definierte Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen fast \u00fcberall eingehalten. Ein Viertel der Kreise hat in den vergangenen sieben Tagen nicht einen Fall gemeldet. Dabei hatten Wissenschaftler mit steigenden Fallzahlen gerechnet, wenn die Beschr\u00e4nkungen gelockert werden.<\/p>\n<p>D\u00e4mmen Masken das Infektionsgeschehen ein? Das Wetter? Die abgesagten Gro\u00dfveranstaltungen? Alles m\u00f6glich, sagt Meya, der als Umwelt\u00f6konom am Deutschen Zentrum f\u00fcr integrative Biodiversit\u00e4tsforschung (iDiv) und der Uni Leipzig arbeitet. Allerdings wird ein Faktor in der Rechnung h\u00e4ufig vernachl\u00e4ssigt, weil er sich nur schwer berechnen l\u00e4sst: der Mensch.<\/p>\n<p>Laut ersten Studienergebnissen von Forschern des iDiv und der Universit\u00e4ten Leipzig, Hamburg und Kiel, an denen Meya mitgearbeitet hat, reichen freiwillige Kontaktbeschr\u00e4nkungen wahrscheinlich aus, um die Corona-Pandemie in Deutschland einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Normalerweise erforscht das Wissenschaftsteam keine Viren, sondern \u00f6konomische Fragen zu nachhaltiger Wirtschaft und dem Klimawandel. Allerdings l\u00e4sst sich die Frage nach dem gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Nutzen f\u00fcr alle auch auf die aktuelle Krise \u00fcbertragen, deshalb geh\u00f6rt nun auch Corona zum Forschungsgebiet der Wissenschaftler.<\/p>\n<p>Noch Ende M\u00e4rz befragten die Forscher mehr als 3500 Menschen in Deutschland, ob sie wegen der Coronakrise Kontakte zu anderen meiden und warum. Anschlie\u00dfend f\u00fctterten sie ein Modell, das die Ausbreitung von Krankheiten simuliert, mit den Ergebnissen der repr\u00e4sentativen Umfrage.<\/p>\n<h3>Freiwillige Kontaktbeschr\u00e4nkungen h\u00e4tten Pandemie eind\u00e4mmen k\u00f6nnen, aber zu einem hohen Preis<\/h3>\n<p>Ergebnis: Um sich vor einer Infektion zu sch\u00fctzen, hatten die meisten Menschen ihre pers\u00f6nlichen Kontakte von sich aus deutlich reduziert &#8211; und zwar bevor die Kontaktbeschr\u00e4nkungen erlassen wurden. Im Schnitt gaben die Befragten an, in ihrem Alltag im Vergleich zu vor der Pandemie nur noch einem Viertel der Menschen zu begegnen.<\/p>\n<p>Laut den Simulationen h\u00e4tte die freiwillige Kontaktbeschr\u00e4nkung wahrscheinlich sogar ausgereicht, um die Zahl der Neuinfektionen zu stabilisieren und den Reproduktionsfaktor bei 1 zu halten. Das hei\u00dft, jeder Infizierte h\u00e4tte im Schnitt nur eine weitere Person angesteckt, die Pandemie w\u00e4re einged\u00e4mmt worden.<\/p>\n<p>Die Forschungsgruppe hat ihre Studienergebnisse auf einen Wissenschaftsserver hochgeladen. Das erste Feedback von anderen Forschern sei positiv, sagt Meya. Eine echte \u00dcberpr\u00fcfung der Studie, wie sie im Wissenschaftsbetrieb vor der Ver\u00f6ffentlichung eigentlich \u00fcblich ist, l\u00e4uft bereits. Die Forscher haben ihre Studie bei einem renommierten Fachblatt eingereicht.<\/p>\n<p>Auch andere Daten sprechen daf\u00fcr, dass freiwillige Kontaktbeschr\u00e4nkungen entscheidend im Kampf gegen die Pandemie waren. So best\u00e4tigen Mobilfunkdaten, dass schon Mitte M\u00e4rz Millionen Menschen in Deutschland nur noch halb so viel unterwegs waren wie sonst. Kontaktsperren, die ab dem 23. M\u00e4rz galten, brachten keinen messbaren zus\u00e4tzlichen Effekt. Auch der gesch\u00e4tzte Reproduktionsfaktor war schon vor Erlass der Beschr\u00e4nkungen zwischenzeitlich auf 1 gesunken.<\/p>\n<p>Kritiker der Corona-Ma\u00dfnahmen f\u00fchren das als Argument an, der vor\u00fcbergehende Lockdown in Deutschland sei sinnlos gewesen. Zu Recht?<\/p>\n<p>&quot;Unsere Analysen zeigen: Allein mit freiwilligen Kontaktbeschr\u00e4nkungen h\u00e4tte sich die Pandemie wahrscheinlich eind\u00e4mmen lassen&quot;, sagt Meya. &quot;Aber zu einem hohen Preis.&quot; Laut dem Modell der Forscher h\u00e4tten sich wahrscheinlich hundertmal mehr Menschen angesteckt, die Zahl der Todesf\u00e4lle im Zusammenhang mit einer Coronainfektion w\u00e4re etwa 15-mal h\u00f6her.<\/p>\n<h3>Freiwillige Kontaktbeschr\u00e4nkung und Dr\u00fccken der Infektionszahlen entscheidende Faktoren<\/h3>\n<p>Um die Pandemie zu den geringsten gesellschaftlichen Sch\u00e4den einzud\u00e4mmen, h\u00e4tten die Beschr\u00e4nkungen laut den Berechnungen sogar noch strenger ausfallen m\u00fcssen. Daf\u00fcr h\u00e4tten die Infektionszahlen zun\u00e4chst so gedr\u00fcckt werden m\u00fcssen, dass durchschnittlich weniger als einer von 100.000 Menschen akut infiziert ist. Wenn sich danach jeder nur noch mit etwa einem Drittel der Menschen getroffen h\u00e4tte wie vor der Pandemie, w\u00e4re die Reproduktionszahl bei einem Wert von 1 geblieben.<\/p>\n<p>Als die ersten Regeln gelockert wurden, hatte Deutschland diesen Wert jedoch noch nicht erreicht. Auch Forscher des Helmholtz-Zentrums f\u00fcr Infektionsforschung in Braunschweig hatten sich damals daf\u00fcr ausgesprochen, die Fallzahlen noch weiter zu dr\u00fccken, um schneller in eine neue Normalit\u00e4t zu kommen.<\/p>\n<p>Kamen die Lockerungen also sogar zu fr\u00fch? &quot;Das l\u00e4sst sich pauschal nicht sagen&quot;, sagt Meya. &quot;Wir gehen bei unseren Analysen von einem Modell aus. In der Realit\u00e4t spielen viele weitere Faktoren eine Rolle. Dass die Fallzahlen so niedrig bleiben, spricht f\u00fcr den Erfolg der Lockerungen.&quot;<\/p>\n<p>Die Bundesl\u00e4nder haben Kitas und Schulen zumindest teilweise ge\u00f6ffnet, ebenso wie Restaurants, Caf\u00e9s und Hotels, ohne dass die Infektionszahlen deutlich gestiegen sind. Allerdings k\u00f6nnen Wochen vergehen, bis sich die Auswirkungen der Lockerungen in den Statistiken zeigen.<\/p>\n<p>Dass verfr\u00fchte Lockerungen zu einem erneuten Anstieg der Fallzahlen f\u00fchren k\u00f6nnen, zeigt sich derzeit in Iran, wo die Fallzahlen wieder deutlich steigen. Pr\u00e4sident Hassan Rohani schlie\u00dft einen erneuten Shutdown trotz der neuen Infektionswelle aus \u2013 zu gro\u00df ist die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen.<\/p>\n<h3>Donald Trump \u00fcberzeugt: &quot;Virus stirbt aus&quot;<\/h3>\n<p>Auch in den USA steigen die Fallzahlen in 22 Bundesstaaten an. Auf seine geplanten \u00f6ffentlichen Auftritte will Donald Trump trotzdem nicht verzichten. Auch einen erneuten Lockdown hat er ausgeschlossen. Das Virus sterbe aus, sagte der US-Pr\u00e4sident j\u00fcngst in einem Interview.<\/p>\n<p>&quot;Unsere Analysen zeigen: Freiwillige Kontaktbeschr\u00e4nkungen k\u00f6nnen das Infektionsgeschehen deutlich abbremsen&quot;, sagt Meya. &quot;Aber sich allein auf sie zu verlassen, ist riskant.&quot; Solange die Zahl der Infektionen hoch ist, sind Menschen wahrscheinlich eher bereit auf Kontakte zu verzichten, um sich und andere zu sch\u00fctzen. Doch was, wenn die Zahlen wieder sinken wie nun in Deutschland?<\/p>\n<p>Auswertungen von Mobilfunkdaten zeigen, dass die Menschen wieder mehr unterwegs sind. &quot;Viele Menschen werden unvorsichtiger, setzen sich etwa ohne Maske in die U-Bahn&quot;, sagte auch der Oberb\u00fcrgermeister von Berlin-Neuk\u00f6lln, Martin Hikel, im Interview mit dem SPIEGEL.<\/p>\n<p>In Berlin sind die Infektionszahlen zuletzt wieder angestiegen. Wahrscheinlich werden sich die Fallzahlen durch Nachmeldungen auch noch weiter erh\u00f6hen, teilte die Senatsverwaltung f\u00fcr Gesundheit auf Anfrage mit.<\/p>\n<p>Ob die &quot;Black Lives Matter&quot;-Demonstrationen oder Schlauchbootpartys eine Rolle spielen, ist unklar. &quot;Wir m\u00fcssen nach wie vor davon ausgehen, dass bei Ansammlungen von Menschen ein erhebliches Gefahrenpotenzial f\u00fcr die Ansteckung mit Covid-19 besteht&quot;, schreibt die Senatsverwaltung.<\/p>\n<p>Weil die Teilnehmer oft aus verschiedenen Orten kommen, l\u00e4sst sich der Effekt von Kundgebungen ohnehin nur schwer ablesen, teilte das Robert Koch-Institut (RKI) auf Anfrage mit. Insgesamt sei das Infektionsrisiko im Freien jedoch deutlich geringer als in geschlossenen R\u00e4umen.<\/p>\n<h3>Wer sich aus dem Weg gehen will, muss es auch k\u00f6nnen<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich scheinen die aktuellen Ausbr\u00fcche vor allem auf beengte Wohnverh\u00e4ltnisse zur\u00fcckzugehen. Der j\u00fcngste Ausbruch in Berlin betrifft mehrere Wohnh\u00e4user in Neuk\u00f6lln, in denen sich teilweise zehn Personen eine Dreizimmerwohnung teilen.<\/p>\n<p>Beengte Wohnverh\u00e4ltnisse k\u00f6nnten auch zum Ausbruch in der T\u00f6nnies Fleischfabrik in G\u00fctersloh beigetragen haben. Der Konzern bestreitet die Vorw\u00fcrfe. Laut T\u00f6nnies haben sich wahrscheinlich polnische und rum\u00e4nische Angestellte bei Heimreisen \u00fcber das lange Wochenende an Fronleichnam mit dem Virus angesteckt.<\/p>\n<p>Experten zweifeln jedoch an dieser Erkl\u00e4rung. Einzelne Wochenendbesuche k\u00f6nnen eine so gro\u00dfe Zahl an Neuinfektionen nicht erkl\u00e4ren, sagte die Infektiologin Isabella Eckerle von der Universit\u00e4t Genf der Nachrichtenagentur dpa. Dazu sei die Inkubationszeit zu lang. Die Zahlen spr\u00e4chen eher f\u00fcr einen l\u00e4nger zur\u00fcckliegenden Ausbruch, der erst jetzt entdeckt wurde.<\/p>\n<p>Solche lokalen Ausbr\u00fcche \u00e4ndern nichts am Infektionsrisiko f\u00fcr ganz Deutschland &#8211; solange sie schnell unter Kontrolle gebracht werden. Doch sie beweisen: Das Virus ist noch da. Ob es erneut zu Ausbr\u00fcchen kommt, entscheidet jeder selbst mit, ein bisschen wie beim Klimawandel eben.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Berlin: In der Hauptstadt sind die Infektionszahlen zuletzt wieder angestiegen Kay Nietfeld\/ DPA &quot;Mit der Coronakrise ist es wie mit dem Klimawandel&quot;, sagt Jasper Meya, 32 Jahre, kurzgeschnittene,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-598","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=598"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/598\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}