{"id":5750,"date":"2021-02-08T17:46:21","date_gmt":"2021-02-08T14:46:21","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-impfstoff-sputnik-v-aus-russland-in-der-kritik-zahlendreher-und-fehlende-daten\/"},"modified":"2021-02-08T17:46:21","modified_gmt":"2021-02-08T14:46:21","slug":"corona-impfstoff-sputnik-v-aus-russland-in-der-kritik-zahlendreher-und-fehlende-daten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-impfstoff-sputnik-v-aus-russland-in-der-kritik-zahlendreher-und-fehlende-daten\/","title":{"rendered":"Corona-Impfstoff Sputnik V aus Russland in der Kritik: Zahlendreher und fehlende Daten"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/bb28229d-c9b1-4de6-b4b1-0964dc90a3e8_w948_r1.77_fpx70.23_fpy44.98.jpg\" title=\"Russischer Impfstoff Sputnik V: Wirksamkeit von 91,6 Prozent?\" alt=\"Russischer Impfstoff Sputnik V: Wirksamkeit von 91,6 Prozent?\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Russischer Impfstoff Sputnik V: Wirksamkeit von 91,6 Prozent?<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Agustin Marcarian \/ REUTERS  <\/figcaption><\/figure>\n<p>F\u00fcr die russischen Forscher war es wie ein Ritterschlag: Ein Artikel in \u00bbThe Lancet\u00ab bescheinigt dem Impfstoff Sputnik V eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Am Dienstag publizierte das renommierte Fachblatt erste Zwischenergebnisse einer klinischen Phase-III-Studie.<\/p>\n<p>Damit rangiert das bisher umstrittene Gam-COVID-Vac \u2013 auch Sputnik V genannt \u2013 unter den weltweit etabliertesten Corona-Impfstoffen. Die Vakzine von Moderna und Biontech\/Pfizer haben eine Wirksamkeit von 95 Prozent, AstraZeneca hingegen liegt deutlich darunter, der Impfstoff von Johnson &amp; Johnson rangiert bei 66 Prozent.<\/p>\n<p>Sputnik V spielt also in der ersten Liga der Impfstoffe mit. Deshalb haben in den vergangenen Tagen sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn und auch die EU-Kommission eine Zulassung in Erw\u00e4gung gezogen.<\/p>\n<p>Mit dem Lancet-Beitrag ist der gute Ruf des umstrittenen Vektor-Impfstoffes gegen Covid-19 wieder hergestellt \u2013 so jedenfalls die Hoffnung auf russischer Seite. Doch die Fachwelt bleibt skeptisch.<\/p>\n<h3>Zahlensalat und ungekl\u00e4rte Todesf\u00e4lle<\/h3>\n<p>Bereits im September hatten rund 40 Experten um den bekannten Molekularbiologen Enrico Bucci, der in Italien ein Institut f\u00fcr wissenschaftliche Integrit\u00e4t namens Resis leitet, die russische Datenlage kritisiert. Sie hatten damals vor allem auf die auff\u00e4lligen Dopplungen in Diagrammen der Ver\u00f6ffentlichung hingewiesen.<\/p>\n<p>Ein halbes Jahr sp\u00e4ter sind die Zweifel geblieben: \u00bbDer Beschluss der russischen Regierung, den Impfstoff vor der Phase III verf\u00fcgbar zu machen, ist weiterhin inakzeptabel\u00ab, so Enrico Bucci, der an der Universit\u00e4t Philadelphia lehrt, zum SPIEGEL.<\/p>\n<p>Die Entwicklung des Impfstoffes Sputnik V sei aber auch f\u00fcr russische Verh\u00e4ltnisse untypisch. \u00bbIch kritisiere nicht die biomedizinische Wissenschaft in Russland als Ganzes, sondern diesen einmaligen Vorgang\u00ab, so Bucci. Auch mit der Pandemie k\u00f6nnte so ein l\u00fcckenhaftes und intransparentes Verfahren nicht gerechtfertigt werden.<\/p>\n<p>Sein Institut habe die \u00bbLancet\u00ab-Publikation deshalb noch einmal unter die Lupe genommen. Die Forscher verweisen auf sechs Punkte, die \u00bbAnlass zur Sorge\u00ab geben und trotz der neuen Publikation weiterhin ungekl\u00e4rt seien:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Es bestehe ein grober Mangel an Transparenz. Wissenschaftler, darunter laut Bucci auch aus Russland, h\u00e4tten weiterhin keinen Zugang zu den Rohdaten der Impfstoffentwicklung. Als Antwort h\u00e4tten sie bekommen, dass eine \u00bbSicherheitsabteilung\u00ab die Anfragen pr\u00fcfen wird. Das best\u00e4tigen auch russiche Mediziner dem SPIEGEL. Ein solches Verhalten vonseiten des staatlichen Gamaleja-Forschungszentrums f\u00fcr Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau als auch von \u00bbLancet\u00ab sei \u00bbemp\u00f6rend\u00ab, so Bucci.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>\n<p>Es seien bisher vier Todesf\u00e4lle infolge einer Sputnik-Impfung gemeldet worden. Details zu den Umst\u00e4nden gebe es aber nur von zwei Personen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Es gebe Ungereimtheiten bei der Anzahl der Probanden: Im \u00bbLancet\u00ab-Beitrag w\u00fcrden zwei Zahlen genannt: An einer Stelle gab es 21.977 Studienteilnehmer, an anderer Stelle seien wieder 21.862 Teilnehmer aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>\n<p>Es tauchten Fragen bei der Berechnung der Wirksamkeit auf: So h\u00e4tten 15 Prozent der Teilnehmer in der Placebogruppe am 42. Tag Antik\u00f6rper gebildet. Sehr wahrscheinlich h\u00e4tten sie sich in der Zeit angesteckt und einen asymptomatischen Verlauf von COVID-19. Unklar ist, ob das mit in die Berechnungen einfloss.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Au\u00dferdem sei ungekl\u00e4rt, warum die Zahl der Probanden der \u00bbImpfgruppe\u00ab in den Zwischenstudien weitaus h\u00f6her ist als im Abschlussbericht bei \u00bbLancet\u00ab.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Im \u00bbLancet\u00ab-Bericht gebe es zudem Zahlendreher bei den Teilnehmern, die sich trotz Sputnik-Impfung mit Covid-19 infizierten: So h\u00e4tten sich laut den \u00bbFindings\u00ab der Studie nach 21 Tagen nur 16 von rund 15.000 Probanden angesteckt, an anderer Stelle des Papers seien es in dieser Gruppe pl\u00f6tzlich 61 Covid-F\u00e4lle an Tag 20.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine Aussage \u00fcber die Wirksamkeit k\u00f6nne nach solchen Zahlendrehern und Widerspr\u00fcchen deshalb nicht seri\u00f6s getroffen werden, meint Enrico Bucci. Die Todesf\u00e4lle k\u00f6nnten sicher aufgekl\u00e4rt werden, aber auch hier w\u00fcnscht sich der italienische Forscher mehr Offenheit. \u00bbDer Sputnik-Impfstoff k\u00f6nnte sicher eine wertvolle Erg\u00e4nzung auch f\u00fcr Europa sein\u00ab, meint der Forscher. \u00bbAllerdings m\u00fcssen die Daten endlich zug\u00e4nglich und vollst\u00e4ndig sein.\u00ab<\/p>\n<h3>Spekulationen \u00fcber Datenf\u00e4lschungen<\/h3>\n<p>Kritik kommt auch aus Russland. Nur wenige Mediziner trauen sich, \u00f6ffentlich die Forschungspolitik des Landes infrage zu stellen. Epidemiologe Wassili Wlassow von der Moskauer Higher School of Economics ist eine Ausnahme. \u00bbEs ist ungl\u00fccklich, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft keinen Zugang zu den Rohdaten hat, weil das weiteren Raum f\u00fcr Spekulationen \u00fcber Datenf\u00e4lschungen gibt\u00ab, hei\u00dft es in einer Stellungnahme von Wlassow zum \u00bbLancet\u00ab-Report, die dem SPIEGEL vorliegt. Gezeichnet ist die Stellungnahme von der Russian Society for Evidence-Based Medicine, deren Vize-Pr\u00e4sident er ist. Die Gesellschaft setzt sich in Russland seit 2003 f\u00fcr transparente Forschung ein und hat bereits mehrmals das \u00f6ffentliche Gesundheitssystem als marode kritisiert.<\/p>\n<p>Ebenso wie sein italienischer Kollege Bucci kritisiert Wlassow in seinem Bericht das ungekl\u00e4rte Verschwinden von Probanden in der Phase III-Studie, die in den Zwischenberichten erst auftauchen und dann scheinbar im Testverlauf wieder verschwinden. In der Impfgruppe seien das immerhin 74 Testpersonen gewesen. Auch die Schwankungen der Gesamtzahl von Probanden seien ungew\u00f6hnlich: Die Studie mache nicht transparent, warum in den verschiedenen Phasen des Tests Menschen ausgeschieden seien oder von den Studienautoren nicht mehr gez\u00e4hlt wurden. \u00bbEs gibt Hinweise auf ungerechtfertigten Ausschluss von Probanden\u00ab, schreiben Wlassow und seine Kollegen. Ob dadurch die Angabe zur Wirksamkeit des Impfstoffs verf\u00e4lscht wird, lasse sich allerdings nicht sicher sagen.<\/p>\n<p>Wlassow kritisiert zudem, dass asymptomatische F\u00e4lle in der Studie nicht ber\u00fccksichtigt wurden. Die Wirksamkeit der Impfung bezieht sich daher nicht auf einen Schutz vor Infektionen mit Sars-CoV-2, sondern vor der Erkrankung mit Covid-19. Es k\u00f6nne sein, dass asymptomatische Infektionen in der Impfgruppe h\u00e4ufiger waren als in der Placebogruppe. \u00bbDas kann zu einer signifikanten \u00dcbersch\u00e4tzung der Schutzwirkung von Sputnik V f\u00fchren\u00ab, hei\u00dft es. Allerdings haben auch andere Hersteller, etwa Biontech\/Pfizer, Moderna und AstraZeneca die Wirksamkeit ihrer Impfstoffe zun\u00e4chst nur mit Blick auf Covid-19-Erkrankungen statt auf Sars-CoV-2-Infektionen getestet.<\/p>\n<p>Auch bei den Langzeitfolgen der Impfung habe es Unstimmigkeiten gegeben: So seien 34 Prozent der Probanden von der Sicherheitsanalyse nach dem Testzeitraum ausgeschlossen worden. Die daf\u00fcr angegebenen Gr\u00fcnde seien \u00bbnicht \u00fcberzeugend\u00ab. Das gelte auch f\u00fcr die Beschreibung der Todesf\u00e4lle. \u00bbDar\u00fcber hinaus enth\u00e4lt der Lancet-Text eine Reihe von handwerklichen Fehlern, doppeldeutige Formulierungen und Tippfehler\u00ab, bem\u00e4ngeln die russischen Mediziner.<\/p>\n<p>Die Kritiker der russischen Phase-III-Studie kamen unabh\u00e4ngig voneinander zu \u00e4hnlichen Schl\u00fcssen: Trotz der Publikation im renommierten Fachblatt \u00bbLancet\u00ab gebe es viele Ungereimtheiten. Dass Sputnik V sehr wahrscheinlich ein wirksames Vakzin ist, bestreitet weder Enrico Bucci noch sein russischer Kollege Wassili Wlassow. Doch ob diese wirklich bei mehr als 90 Prozent liege und wie sicher der Stoff sei, ist laut den Forschern zumindest fraglich. Das gelte auch f\u00fcr die Ansteckung nach einer Impfung.<\/p>\n<p><em>Mitarbeit: Julia Merlot<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Russischer Impfstoff Sputnik V: Wirksamkeit von 91,6 Prozent? 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