{"id":5692,"date":"2021-02-06T01:58:57","date_gmt":"2021-02-05T22:58:57","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-und-der-lockdown-die-wirtschaft-konnte-durchaus-hartere-masnahmen-vertragen\/"},"modified":"2021-02-06T01:58:57","modified_gmt":"2021-02-05T22:58:57","slug":"corona-und-der-lockdown-die-wirtschaft-konnte-durchaus-hartere-masnahmen-vertragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-und-der-lockdown-die-wirtschaft-konnte-durchaus-hartere-masnahmen-vertragen\/","title":{"rendered":"Corona und der Lockdown: Die Wirtschaft k\u00f6nnte durchaus h\u00e4rtere Ma\u00dfnahmen vertragen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/17c87589-4bc1-41d1-8540-c6fb00840152_w948_r1.77_fpx58.78_fpy49.85.jpg\" title=\"Von wegen runtergefahren: Die B\u00e4nder der Autohersteller laufen\" alt=\"Von wegen runtergefahren: Die B\u00e4nder der Autohersteller laufen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Von wegen runtergefahren: Die B\u00e4nder der Autohersteller laufen<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Hendrik Schmidt \/ dpa-Zentralbild  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Deutschen k\u00f6nnen Autos bauen, die stark sind wie Megacomputer, Pr\u00e4zisionsfr\u00e4smaschinen basteln, Impfstoffe erfinden, Viren und Mutanten erkennen \u2013 und auch gut Fu\u00dfball spielen. Nur wenn es um die eigentlich nicht ganz so \u00fcberkomplexe monatliche Berichterstattung geht, wie viele Menschen jetzt im Land arbeitslos sind \u2013 und ob das mehr oder weniger geworden sind \u2013 scheint uns die Exzellenz auszugehen.<\/p>\n<p>Das war schon immer ein deutsches Kuriosum. Nirgendwo wird so akribisch-wirr jeden Monat referiert, was es alles vom Arbeitsmarkt an Vormonats- und Vorjahresvergleichen zu melden gibt, mit und ohne Saisonbereinigung, mit oder ohne Kalendereffekte. Mit dem Ergebnis, dass vor lauter Zahlen oft nicht mehr erkennbar ist, was jetzt ist. Oder die Wirklichkeit falsch ankommt. So wie vergangene Woche, als die Bundesagentur die Daten f\u00fcr Januar meldete \u2013 und im Zahlenwirrwarr irgendwie h\u00e4ngen blieb, dass der Lockdown den Arbeitsmarkt belastet; und die Arbeitslosigkeit deutlich steigt. Oder nicht.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es inmitten der Pandemie gerade so wichtig wie nie, nicht danebenzuliegen \u2013 wo es in diesen Tagen herauszufinden gilt, ob nun ein sch\u00e4rferer Lockdown verantwortbar w\u00e4re, so wie es Virologen und Epidemiologen als n\u00f6tig nahelegen; oder nicht, wie es Vertreter der Industrie sagen, weil sonst angeblich der Untergang der Wirtschaft droht.<\/p>\n<p>Kleiner Nachhilfekurs f\u00fcr angehende Arbeitsmarktstatistikversteher.<\/p>\n<p>Nimmt man zum Ma\u00dfstab, was nach Bekanntwerden der Arbeitsmarktdaten f\u00fcr Januar zu lesen war, scheint der Befund irgendwie klar. \u00bbFast 200.000 mehr Arbeitslose\u00ab, titelte der \u00bbTagesspiegel\u00ab auf Basis einer Agenturmeldung \u2013 um im Text gleich noch eins draufzulegen: \u00bbLangsam, aber sicher werden die Effekte der Corona-Ma\u00dfnahmen sichtbar\u00ab \u2013, und die k\u00f6nnten sich noch zu (nicht n\u00e4her dargelegten) \u00bbschwer reparierbaren Langzeitsch\u00e4den auswachsen\u00ab. In der Statistik seien erstmals \u00bbauch die Auswirkungen des im Dezember verh\u00e4ngten, Corona-bedingten Lockdowns\u00ab erkennbar.<\/p>\n<p>Andere f\u00fcgten dazu, dass der Januaranstieg irgendwie saison\u00fcblich sei. Was auch der Chef der Bundesagentur tats\u00e4chlich so gesagt hatte \u2013 mit dem dezenten Verweis, dass die Lage auch eigentlich ganz \u00bbrobust\u00ab sei. Was denn jetzt?<\/p>\n<h3>Wie man die Ausschl\u00e4ge austrickst<\/h3>\n<p>Genau hier, im Einfluss der Saison, liegt die Wirrnis \u2013 und ihre Aufl\u00f6sung. Wenn die gez\u00e4hlte Zahl der Arbeitslosen in einem Monat h\u00f6her ist als im Vormonat, kann das daran liegen, dass in diesem bestimmten Monat des Jahres eben immer mehr (oder immer weniger) gearbeitet wird. Im Januar arbeiten tats\u00e4chlich rein witterungsbedingt jedes Jahr weniger Leute als noch im Dezember; im Fr\u00fchjahr mehr als w\u00e4hrend der Sommerferien. Kein Drama. Wer am Bau im Januar nicht arbeiten kann, tut das in aller Regel dann im Februar oder M\u00e4rz wieder.<\/p>\n<p>So ist das mit dem Wetter halt. Und so war das auch diesen Januar \u2013 weshalb die Zahl der Arbeitslosen um besagte knapp 200.000 h\u00f6her war als im Dezember. Das sagt an sich dann aber noch nichts dar\u00fcber, ob nun ein Lockdown gewirkt hat oder nicht \u2013 eigentlich k\u00f6nnte man sich sogar sparen, so etwas \u00fcberhaupt zu melden. Das ist in etwa so, als w\u00fcrde man Schlagzeilen dazu machen, dass es im Juli mal wieder w\u00e4rmer war als, sagen wir, im April. Oder tags\u00fcber heller als des Nachts.<\/p>\n<p>Jetzt scheint es eine ganz schlaue Idee zu sein, solche Standardausschl\u00e4ge auszutricksen und einfach den Januar mit dem Januar des Vorjahrs zu vergleichen \u2013 also die jeweils gleiche Saison, um so den Saisoneffekt auszuschalten (so wie seit Wochen die t\u00e4glichen Infektionszahlen mit denen desselben Tags der Vorwoche verglichen werden, um auszuschalten, dass die Ergebnisse mit den Wochentagen schwanken). Was im aktuellen Fall sogar fast eine halbe Million Arbeitslose mehr ergibt. Also doch klarer Lockdown-Effekt? Oder?<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass auch Vorjahresvergleiche ihre T\u00fccke haben k\u00f6nnen: Wenn, sagen wir, zu Beginn eines Jahres auf einmal viele Arbeitslose dazu gekommen sind, liegt die Zahl der Arbeitslosen in simpler Arithmetik von da an Monat f\u00fcr Monat nat\u00fcrlich h\u00f6her als im Vorjahr \u2013 Anstieg im Vorjahresvergleich \u2013, egal, ob von Monat zu Monat dann (noch) mehr Arbeitslose dazukommen oder die Zahl im weiteren Verlauf stagniert (so lange, bis der Basiseffekt weg ist).<\/p>\n<p>Auch das verzerrt derzeit tats\u00e4chlich die Bilanz: Gestiegen ist die Arbeitslosigkeit vergangenen M\u00e4rz, als der Pandemieschock binnen wenigen Wochen die Wirtschaftst\u00e4tigkeit einbrechen lie\u00df, im April pl\u00f6tzlich knapp sechs Millionen Menschen in Kurzarbeit waren \u2013 und ein paar Hunderttausend arbeitslos wurden. Seither liegt die Arbeitslosigkeit (nat\u00fcrlich) deutlich h\u00f6her als jeweils ein Jahr zuvor, also in den Vergleichsmonaten von 2019, als es noch keine Pandemie gab. Obwohl es von Monat zu Monat seit dem Sommer gar keinen Anstieg mehr gab. Im Gegenteil (siehe Grafik).<\/p>\n<p>Was gegen solche statistischen Saison- wie Vorjahrest\u00fccken hilft, ist dabei eigentlich ganz einfach: Wenn etwas \u00fcber viele Jahre immer wieder rein saisonal schwankt, l\u00e4sst es sich als Erfahrungswert auch ermitteln \u2013 und statistisch herausrechnen, ohne dass irgendein Arbeitsloser \u00fcbers Jahr aus der Statistik wegf\u00e4llt. In saisonal schwachen Monaten wird dazu gerechnet, in starken abgezogen. Jahressaldo: null. So wird das fast \u00fcberall auf der Welt gemacht; in den USA, Gro\u00dfbritannien, Frankreich und anderswo werden monatlich per se nur die saisonbereinigten Daten gemeldet. So macht es auch die deutsche Bundesagentur f\u00fcr Arbeit \u2013 allerdings l\u00e4sst sie diese Information dann vor lauter Vollst\u00e4ndigkeitswahn im besagten Zahlengewirr untergehen.<\/p>\n<p>Die Saisonkl\u00e4rung hat es politisch in sich: In Wirklichkeit gab es im Januar weniger Arbeitslose zus\u00e4tzlich als im Schnitt der Vorjahre, also weniger als saisonal \u00fcblich \u2013 was hei\u00dft, dass die wirtschaftlich entscheidende Zahl der Arbeitslosen im Land nach Ausschluss dieser rein saisonal \u00fcblichen Ph\u00e4nomene sogar gesunken ist. Deutlich. Nimmt man diejenigen aus der Z\u00e4hlung, die etwa am Bau sowieso bei besserer Witterung wieder arbeiten, gab es per Saldo im Januar sogar 41.000 Arbeitslose weniger; was aufs Jahr eine halbe Million machen w\u00fcrde. Die Wirtschaft d\u00fcrfte in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung also mehr Leute eingestellt haben \u2013 was auch die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen schon im Dezember vermuten lie\u00df (saisonbereinigt plus 10.000 gegen\u00fcber November); ebenso wie der Anstieg der Zahl offener Stellen.<\/p>\n<h3>Die Wirtschaft f\u00e4hrt hoch, nicht runter<\/h3>\n<p>Zur Erinnerung: Dezember und Januar \u2013 das waren just die Monate, in denen das Land in einen \u00bbversch\u00e4rften\u00ab Lockdown heruntergefahren wurde. Angeblich. Klar hat das Friseure und Einzelh\u00e4ndler getroffen \u2013 und ist f\u00fcr viele ein Drama. Nur scheint der Gro\u00dfteil der Wirtschaft mitten im Lockdown eher zu wachsen \u2013 und den Effekt auszugleichen. Mit dem Ergebnis, dass inmitten von Pandemie und Lockdown landesweit sogar noch mehr Leute eingestellt wurden, nicht weniger. Hochfahren, nicht runterfahren.<\/p>\n<p>Seit September ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland saisonbereinigt sogar um mehr als 150.000 gesunken. Das ist gro\u00dfartig f\u00fcr die Betroffenen, k\u00f6nnte aber eben auch erkl\u00e4ren, warum die Zahl der Infektionen nicht so schnell zur\u00fcckging \u2013 und die Todeszahlen so hoch bleiben. Kontaktminimierung haben sich Virologen sicher anders vorgestellt.<\/p>\n<p>Politisch macht die Botschaft eines im vermeintlichen Lockdown aufdrehenden Arbeitsmarkts einen entscheidenden Unterschied \u2013 verglichen mit den Schlagzeilen von angeblich 200.000 zus\u00e4tzlichen Arbeitslosen durch eben diesen Lockdown. Und verglichen mit den Warnungen von Industrieverbandsbossen, dass die Wirtschaft einen noch sch\u00e4rferen Lockdown gar nicht mehr aushalten kann. Wogegen auch alle m\u00f6glichen konjunkturellen Indikatoren sprechen.<\/p>\n<p>Dann w\u00e4re es wom\u00f6glich doch jetzt eine verantwortbare Position, den Lockdown f\u00fcr ein paar wenige Wochen zu verl\u00e4ngern und sogar zu versch\u00e4rfen \u2013 und auch die Wirtschaft st\u00e4rker herunterzufahren, daf\u00fcr zu sorgen, dass f\u00fcr ein paar Wochen nur noch ein kleinerer Teil der Leute zur Arbeit geht und fahren muss. Statt nur Kinos, Kneipen und Shoppingl\u00e4den zu schlie\u00dfen. Mit Sonderhilfen f\u00fcr alle Umsatzausf\u00e4lle. Um viel schneller die Infektionen gegen null tendieren zu lassen, bevor doch noch die eine oder andere Mutation die n\u00e4chste Welle ausl\u00f6st \u2013 und zum n\u00e4chsten Panik-Lockdown f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Daten vom Arbeitsmarkt zumindest sprechen nicht dagegen. Wenn man sie richtig liest.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Von wegen runtergefahren: Die B\u00e4nder der Autohersteller laufen Foto:\u2002Hendrik Schmidt \/ dpa-Zentralbild Die Deutschen k\u00f6nnen Autos bauen, die stark sind wie Megacomputer, Pr\u00e4zisionsfr\u00e4smaschinen basteln, Impfstoffe erfinden, Viren und<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5693,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5692","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5692","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5692"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5692\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5693"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5692"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5692"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5692"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}