{"id":557,"date":"2020-06-18T21:46:45","date_gmt":"2020-06-18T18:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-falle-in-fleischfabrik-wut-auf-tonnies\/"},"modified":"2020-06-18T21:46:45","modified_gmt":"2020-06-18T18:46:45","slug":"corona-falle-in-fleischfabrik-wut-auf-tonnies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-falle-in-fleischfabrik-wut-auf-tonnies\/","title":{"rendered":"Corona-F\u00e4lle in Fleischfabrik: Wut auf T\u00f6nnies"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/647a2d64-353b-4285-a54a-5e3fe282827c_w948_r1.77_fpx45.32_fpy49.99.jpg\" title=\"Mahnwache zur Situation gegen T\u00f6nnies auf dem Marktplatz in Rheda-Wiedenbr\u00fcck\" alt=\"Mahnwache zur Situation gegen T\u00f6nnies auf dem Marktplatz in Rheda-Wiedenbr\u00fcck\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Mahnwache zur Situation gegen T\u00f6nnies auf dem Marktplatz in Rheda-Wiedenbr\u00fcck<\/p>\n<p> David Inderlied\/ DPA <\/figcaption><\/figure>\n<p>&quot;Du musst das B\u00fcro fragen. Hier wird niemand etwas erz\u00e4hlen\u201d, sagt ein Mann in blauem T-Shirt, mit kurz geschorenem Haar und kleiner Warze auf der Nase. Er spricht Polnisch und arbeitet in der Produktion des Fleischwarenherstellers T\u00f6nnies. Das verr\u00e4t er dann doch.  <\/p>\n<p>Der Mann wohnt zusammen mit ein paar Dutzend Kollegen in einem Plattenbau in Verl-S\u00fcrenheide, mit dem Auto sind es 25 Minuten zu seinem tempor\u00e4ren Arbeitsplatz: dem T\u00f6nnies-Werk in Rheda-Wiedenbr\u00fcck, Deutschlands gr\u00f6\u00dftem Schlachthof. Im ganzen Kreis G\u00fctersloh sind Mitarbeiter des Fleischkonzerns untergebracht. Sie halten sich hier auf, um zu arbeiten &#8211; nicht, um dauerhaft zu bleiben. So sieht der Wohnblock an der Libellenstra\u00dfe auch aus. Putz br\u00f6ckelt von der Fassade, viele Jalousien sind heruntergelassen.<\/p>\n<p>Nicole Ritschel, 31, kennt solche Wohnungen. Es gibt sie auch in Wiedenbr\u00fcck, wo sie lebt. &quot;Immer das Gleiche&quot;, sagt sie: &quot;Ein Haus steht leer, T\u00f6nnies kauft es, rei\u00dft die Gardinen heraus und pfercht seine Mitarbeiter hinein. Die Menschen tun mir leid.\u201d Jetzt ganz besonders, da das Coronavirus unter ihnen w\u00fctet, mit bislang 730 best\u00e4tigten Infektionen und noch mehr als 5000 ausstehenden Tests. Ritschel hat sich mit ihren beiden kleinen T\u00f6chtern aufgemacht zur Mahnwache an diesem Donnerstag auf dem Marktplatz von Wiedenbr\u00fcck.  <\/p>\n<p>&quot;Stoppt die Ausbeute bei T\u00f6nnies\u201d, steht auf dem Schild, das Ritschel an ihr Lastenrad geklebt hat. Dutzende weitere Menschen halten Plakate hoch, &quot;Wir woll&#039;n zur Schule\u201d ist darauf zu lesen. Oder &quot;Clemens spielt Onkel Dagobert, wir spielen wieder alleine.\u201d Denn die Schulen und Kitas im Kreis sind geschlossen. Wegen T\u00f6nnies. Wegen seines Schlachthofs, derzeit Corona-Hotspot Nummer Eins in Deutschland.<\/p>\n<h3>Inbegriff der durchindustrialisierten Fleischfabrik<\/h3>\n<p>Das Werk in Rheda mit seinen mehr als 6000 Besch\u00e4ftigten ist der Inbegriff der durchindustrialisierten und prozessoptimierten Fleischfabrik.  Bis zu 3,5 Millionen Kilo Lebendgewicht kann das Werk nach Unternehmensangaben t\u00e4glich verarbeiten. Das hei\u00dft: um die 30.000 Schweine k\u00f6nnten hier jeden Tag geschlachtet werden. Zuletzt waren es etwa 20.000. Das sind ungef\u00e4hr so viele Tiere, wie die gr\u00f6\u00dften Konkurrenten Westfleisch und Vion in allen ihren deutschen Werken zusammen t\u00f6ten \u2013 und gut ein Achtel des gesamten Marktes.<\/p>\n<p>Aber jetzt ist die Produktion gestoppt, und wann sie wieder startet, ist ungewiss. Das ist nicht nur ein Problem f\u00fcr den Konzern. Sondern auf Dauer auch f\u00fcr die deutschen Fleischkonsumenten. Und f\u00fcr die Politiker. Denn die m\u00fcssen wom\u00f6glich entscheiden, was wichtiger ist: die Eind\u00e4mmung des Coronavirus \u2013 oder der Schweinefleisch-Nachschub.<\/p>\n<p>Der Ausfall in Rheda l\u00e4sst sich wom\u00f6glich kompensieren; andere T\u00f6nnies-Werke sollen nun umso mehr Tiere t\u00f6ten und verarbeiten. Und in manchen Schlachth\u00f6fen von Konkurrenten, die auch schon Masseninfektionen erlebt haben, wird inzwischen wieder gearbeitet. Doch der extrem gro\u00dfe Corona-Ausbruch bei T\u00f6nnies wirft Fragen auf: Was, wenn sich die Besch\u00e4ftigten nicht so stark in den Unterk\u00fcnften anstecken, sondern in der Fabrik? Wie infektionssicher sind Schlachth\u00e4user \u00fcberhaupt noch, so wie sie derzeit betrieben werden?<\/p>\n<p>Oder hat T\u00f6nnies blo\u00df geschludert bei den Abstandsregeln und Schutzma\u00dfnahmen? So l\u00e4sst es ein Video aus der Werkskantine vermuten, das im Netz kursiert. Es zeigt Arbeiter, die so eng beieinander sitzen, als gebe es keine Pandemie. Dass das Video echt ist, best\u00e4tigt die Pressestelle. Allerdings stammt es offenbar von Ende M\u00e4rz oder Anfang April &#8211; aus einer Zeit vor den ersten Massen-Ausbr\u00fcchen in Schlachth\u00f6fen und den erweiterten Schutzma\u00dfnahmen bei T\u00f6nnies.<\/p>\n<h3>Aufgew\u00e4rmte Familienfehde<\/h3>\n<p>Neu hochkochen l\u00e4sst der Ausbruch auch den jahrelangen Streit zwischen Firmenpatriarch Clemens T\u00f6nnies und seinem Miteigent\u00fcmer und Neffen Robert. &quot;Aufgrund dieses unverantwortlichen Handelns und der Gef\u00e4hrdung des Unternehmens und der Bev\u00f6lkerung fordere ich die Gesch\u00e4ftsleitung und die verantwortlichen Beiratsmitglieder auf, [\u2026] geschlossen von Ihren \u00c4mtern zur\u00fcckzutreten&quot;, schreibt Robert T\u00f6nnies in einem Brief an die Firmenspitze, der dem SPIEGEL vorliegt und \u00fcber den das manager magazin zuerst berichtete. Der Corona-Ausbruch sei &quot;das Ergebnis Ihrer Blockadehaltung bei der Abschaffung des Systems der Werkvertr\u00e4ge und Ihrer sorglosen, unverantwortlichen Haltung hinsichtlich der Risiken aus der Corona-Pandemie&quot;. Robert T\u00f6nnies hat vor Gericht eine Zerr\u00fcttungsklage zum Verkauf des Unternehmens eingereicht. Die Abschaffung der Werkvertr\u00e4ge soll ein eigener Streitpunkt in dieser Klage sein.<\/p>\n<p>Clemens T\u00f6nnies weist die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck. Er werde nicht in einem schweren Sturm das Unternehmen verlassen, schreibt der Patriarch nach SPIEGEL-Informationen in seiner Antwort an den Neffen. Die verantwortlichen Beh\u00f6rden h\u00e4tten seinem Unternehmen den besten Umgang mit der Pandemie testiert. Unter anderem hat T\u00f6nnies Temperaturkontrollen f\u00fcr die Mitarbeiter und ein hauseigenes Corona-Testcenter eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Konzernmanager spielen eine Ausbreitung des Virus \u00fcber die Sammelunterk\u00fcnfte herunter &#8211; obwohl dort die Werkvertragsarbeiter oft eng zusammenleben. Dies sei &quot;nicht ausschlaggebend f\u00fcr die Verbreitung&quot;, sagt etwa der Leiter des Pandemie-Krisenstabs, Gereon Schulze-Althoff. Statt dessen wachse &quot;die fachliche Erkenntnis, dass gerade gek\u00fchlte R\u00e4ume mit herbstlichen Bedingungen die Situation verst\u00e4rken k\u00f6nnen, dass es zu Spreading Events kommt.&quot;<\/p>\n<p>Auch unabh\u00e4ngige Experten haben diesen Verdacht. Die &quot;fast K\u00fchlschrank-Temperaturen&quot; k\u00f6nnten die Ausbreitung des Virus beg\u00fcnstigen, sagt etwa Christian Drosten. Und: &quot;es ist auffallend, wie oft es in der Fleischindustrie gro\u00dfe Ausbr\u00fcche gibt \u2013 h\u00e4ufiger als in anderen Branchen mit Werkvertragsnehmenden wie der Bauindustrie oder auch bei Erntehelfern&quot;, sagt der Hamburger Soziologe Marcel Sebastian, der \u00fcber die Schlachthofarbeit promoviert hat. &quot;Wenn es an den klimatischen Bedingungen in den Fabriken liegt, ist das ein substanzielles Problem: f\u00fcr die gesamte Fleischproduktion, wie wir sie kennen.&quot;<\/p>\n<p>Nicht nur in Deutschland sind Schlachth\u00f6fe zu Corona-Hotspots geworden, sondern auch in L\u00e4ndern wie den USA, Kanada oder Brasilien. Dort wurden allein im Bundesstaat Rio Grande do Sul bereits schon mehr als 2000 Mitarbeiter von Fleischfabriken positiv getestet. In keinem dieser L\u00e4nder gibt es ein mit Deutschland vergleichbares System von Werkvertragsnehmern. Stattdessen haben die Arbeiter dort oft ihren Lebensmittelpunkt vor Ort, in Massenunterk\u00fcnften haust man vergleichsweise selten zusammen.<\/p>\n<h3>Die Margen sind eng<\/h3>\n<p>Aber im Schlachthof m\u00fcssen sie dicht nebeneinander stehen: etwa bei der Zerlegung. Hier haben die Arbeiter oft nur 70 oder 80 Zentimeter Abstand voneinander, wenn sie ihre &quot;Cuts&quot; machen, die immer gleichen Schnitte. Es ist eine k\u00f6rperlich harte Arbeit bei niedrigen Temperaturen und einer k\u00fcnstlichen Bel\u00fcftung, die wom\u00f6glich virushaltige Aerosole von einem Platz zum n\u00e4chsten pustet.<\/p>\n<p>Die Arbeitsprozesse und Bedingungen in den Fabriken sind \u00fcber Jahrzehnte hinweg durchoptimiert worden. Der Konkurrenzdruck gerade in Deutschland ist hoch, die Absatzpreise sind niedrig. Und die Margen entsprechend eng. &quot;Unter diesen Voraussetzungen hat ein einzelnes Unternehmen kaum M\u00f6glichkeiten, seine Strukturen grundlegend zu \u00e4ndern, etwa die B\u00e4nder langsamer laufen zu lassen oder gr\u00f6\u00dfere Abst\u00e4nde zwischen den Arbeitspl\u00e4tzen zu schaffen&quot;, sagt Experte Sebastian. &quot;Das w\u00e4re \u00f6konomischer Selbstmord.&quot; Die Politik m\u00fcsse daher eingreifen \u2013 und allen Betrieben bessere Arbeitsbedingungen vorschreiben. <\/p>\n<p>Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will Werkvertr\u00e4ge in der Fleischindustrie vom Jahreswechsel an weitgehend verbieten. Dies k\u00f6nnte die Ansteckungsgefahr in Unterk\u00fcnften wom\u00f6glich reduzieren \u2013 nicht aber am Arbeitsplatz. &quot;Wenn sich wirklich herausstellen sollte, dass die klimatischen Bedingungen verantwortlich f\u00fcr die Infektionen sind, ist das auch ein Problem f\u00fcr die Politik&quot;, sagt Sebastian. Denn die m\u00fcsse dann entscheiden, ob sie die potenziellen Corona-Hotspots trotz Risiken weiter laufen l\u00e4sst oder schlie\u00dft. Und: &quot;Wenn Fleisch nicht mehr im Supermarkt liegt, hat das eine enorme soziale Sprengkraft.&quot;<\/p>\n<p>Auf dem T\u00f6nnies-Gel\u00e4nde gibt es noch reichlich Fleisch an diesem Donnerstagmorgen. Der Werksverkauf und das Restaurant sind ge\u00f6ffnet. Ob dies in den kommenden Tagen auch noch so sei, k\u00f6nne sie nicht sagen, erkl\u00e4rt eine Kassiererin. Man wisse ja nicht, was noch alles passiert.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Mahnwache zur Situation gegen T\u00f6nnies auf dem Marktplatz in Rheda-Wiedenbr\u00fcck David Inderlied\/ DPA &quot;Du musst das B\u00fcro fragen. 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