{"id":552,"date":"2020-06-18T16:19:14","date_gmt":"2020-06-18T13:19:14","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/syrien-opfer-von-sexualisierter-gewalt-auf-der-suche-nach-recht\/"},"modified":"2020-06-18T16:19:14","modified_gmt":"2020-06-18T13:19:14","slug":"syrien-opfer-von-sexualisierter-gewalt-auf-der-suche-nach-recht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/syrien-opfer-von-sexualisierter-gewalt-auf-der-suche-nach-recht\/","title":{"rendered":"Syrien &#8211; Opfer von sexualisierter Gewalt: Auf der Suche nach Recht"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/194a51c5-77c5-4ce6-8c75-50c0c6b29b0b_w948_r1.77_fpx66.63_fpy49.98.jpg\" title=\"Das Grauen h\u00f6rt nicht auf: Syrien wird auch nach dem offiziellen Ende des Krieges ein traumatisiertes Land sein\" alt=\"Das Grauen h\u00f6rt nicht auf: Syrien wird auch nach dem offiziellen Ende des Krieges ein traumatisiertes Land sein\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Das Grauen h\u00f6rt nicht auf: Syrien wird auch nach dem offiziellen Ende des Krieges ein traumatisiertes Land sein<\/p>\n<p> Ammar Abdullah\/ REUTERS <\/figcaption><\/figure>\n<p>Joumana Seif sieht m\u00fcde aus an diesem Tag Anfang Juni. Schon um halb sieben morgens hat sie vor dem Oberlandesgericht Koblenz angestanden, danach viele Stunden im Gerichtssaal verbracht. Jetzt sitzt sie in ihrer Pension, spricht leise: &quot;Es war auf eine sehr schreckliche Art und Weise, mit einem Gegenstand aus Metall, mit Flaschen, mit Gl\u00e4sern&quot;, sagt sie. Kurz schlie\u00dft sie die Augen. H\u00e4lt inne. &quot;Nein&quot;, sagt sie dann. &quot;Man kann dazu nichts sagen.&quot;<\/p>\n<p>Joumana Seif ist Frauenrechtsaktivistin, Anw\u00e4ltin und kommt aus Syrien. Seit mehr als zwei Jahren besch\u00e4ftigt sie sich mit sexualisierter Gewalt in den Foltergef\u00e4ngnissen des Regimes von Baschar al-Assad. Hunderte Geschichten von \u00dcberlebenden habe sie in den vergangenen Jahren geh\u00f6rt, sagt sie.<\/p>\n<p>Mit mehr als 70 davon habe sie selbst gesprochen. Schwierig ist es immer. Sie erz\u00e4hlen Seif von \u00fcbergriffigen Leibesvisitationen, sexueller Bel\u00e4stigung, erzwungenem Geschlechtsverkehr mit anderen Gefangenen, Verst\u00fcmmelung der Genitalien, von Zwangsabtreibungen, Elektroschocks an Br\u00fcsten und Genitalien und Vergewaltigungen.<\/p>\n<p>Die Anw\u00e4ltin, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt, hat den ganzen Tag im Oberlandesgericht Koblenz verbracht. Hier findet seit April der weltweit erste Strafprozess wegen staatlicher Folter in Syrien statt. Angeklagt sind zwei M\u00e4nner, die im Khatib-Gef\u00e4ngnis in Damaskus f\u00fcr Folter an Gefangenen mit verantwortlich gewesen sein sollen. Sexualisierte Gewalt spielt bei der Anklage nur eine untergeordnete Rolle.<\/p>\n<p>Feras Fayyad, der erste Zeuge, der an diesem Tag Anfang Juni aussagt, schildert, wie er in Haft vergewaltigt wurde. Die Richterin jedoch geht darauf nicht gesondert ein &#8211; es bleibt eine weitere grausame Foltermethode unter vielen, die an diesem Tag zu h\u00f6ren sind.<\/p>\n<p>&quot;Es ist wirklich schwierig. Manchmal macht mich das sehr emotional&quot;, sagt Seif \u00fcber den Tag im Gericht. Sie kennt das Regime. Ihr Bruder verschwand 1996, ihr Vater Riad Seif, ein bekannter Oppositioneller und Gegner des Assad-Regimes, sa\u00df Anfang des Jahrtausends f\u00fcnf Jahre in Haft. Heute sagt sie deshalb: &quot;Ich f\u00fchle mich verantwortlich, f\u00fcr Gerechtigkeit und Rechenschaft zu k\u00e4mpfen.&quot;<\/p>\n<p>Seif ist davon \u00fcberzeugt, dass das syrische Regime sexualisierte Gewalt seit Jahren als Kriegswaffe einsetzt und dass dies strafrechtlich auch so verfolgt werden sollte. &quot;Die Realit\u00e4t ist, dass sexualisierte Gewalt systematisch, fl\u00e4chendeckend und vors\u00e4tzlich begangen wird, um die Gesellschaft im Ganzen zu dem\u00fctigen und die Opposition zu unterdr\u00fccken &#8211; das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit&quot;, sagt sie.<\/p>\n<p>Laut einem Bericht der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen sollen in mindestens 20 syrischen Haftanstalten Frauen und M\u00e4dchen vergewaltigt und missbraucht worden sein. In mindestens 15 auch M\u00e4nner und Jungen. Doch in der Strafverfolgung spiegeln sich diese Zahlen bisher kaum wider. Sie ist weitestgehend blind f\u00fcr geschlechterspezifische Gewalt.<\/p>\n<p>Das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), f\u00fcr das Seif arbeitet, hat deshalb im Namen von sieben \u00dcberlebenden und zusammen mit zwei syrischen Frauenrechtsorganisationen am Mittwoch eine Strafanzeige beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe eingereicht. Die Anzeige richtet sich gegen den Syrer Jamil Hassan und acht weitere Verd\u00e4chtige. Es ist der weltweit erste Versuch, sexualisierte Gewalt in syrischen Haftanstalten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht zu bringen.<\/p>\n<p>Hassan war von 2009 bis 2019 Chef des syrischen Luftwaffengeheimdienstes. Er ist ein Mann des Regimes. Gegen Hassan hatte der Generalbundesanwalt bereits 2018 einen internationalen Haftbefehl erlassen. Unter seiner F\u00fchrung sollen Hunderte Menschen in syrischen Gef\u00e4ngnissen systematisch gefoltert und umgebracht worden sein.<\/p>\n<p>Eine der Ankl\u00e4gerinnen ist Zeugin 107, die angibt, ganz am Ende ihrer Haft von Jamil Hassan pers\u00f6nlich verh\u00f6rt worden zu sein. 2012 wurde sie festgenommen, sie war damals schwanger. \u00dcber einen Monat habe sie in Einzelhaft in einem Gef\u00e4ngnis des Luftwaffengeheimdienstes in der Stadt Hama verbracht. W\u00e4hrend Verh\u00f6ren h\u00e4tten ihr die M\u00e4nner immer wieder Fragen zu ihrem Intimleben mit ihrem Ex-Mann gestellt. Nach \u00fcber einem Monat sei sie verlegt worden, in ein Internierungslager auf einem Flughafen. Dort habe sie viele Leichen gesehen. Sie selbst sei eines Abends auf dem Weg zur Toilette brutal vergewaltigt worden. Die Frau gibt an, daraufhin erneut verlegt und w\u00e4hrend Verh\u00f6ren gefoltert worden zu sein. Sie habe vaginale Blutungen bekommen. Als diese nicht aufgeh\u00f6rt h\u00e4tten, sei sie in einem Milit\u00e4rkrankenhaus zwangsoperiert worden &#8211; ohne Bet\u00e4ubung. Die Frau erlitt daraufhin eine Fehlgeburt.<\/p>\n<p>&quot;F\u00fcr mich sind es \u00dcberlebende&quot;, sagt Joumana Seif. &quot;Aber einige von ihnen lehnen diese Bezeichnung ab. Sie leiden noch immer unter all den Auswirkungen, die das mit sich bringt.&quot; Es sind nicht nur k\u00f6rperliche und psychische Folgen, die sie meint. Frauen und M\u00e4dchen werden nach ihrer Haftentlassung diskriminiert und ausgegrenzt.<\/p>\n<p>&quot;Selbst die Familien, die f\u00fcr die Revolution waren, haben die weiblichen Gefangenen nicht nach ihren Erfahrungen gefragt&quot;, sagt Seif. Zu schwer wiegt das Stigma sexualisierter Gewalt in der syrischen Gesellschaft. In einigen F\u00e4llen seien Frauen nach ihrer Haftentlassung sogar get\u00f6tet worden, weil sie als Schande f\u00fcr die Familie empfunden wurden. &quot;Sie werden abgelehnt. Zu hundert Prozent abgelehnt&quot;, sagt Seif. &quot;Der Vater oder ein Mitglied der Familie kommt einfach ins Gef\u00e4ngnis, um ihnen zu sagen: Wenn du entlassen wirst, hast du keine Familie mehr. Du bist nicht mehr Teil meiner Familie.&quot;<\/p>\n<p>Das syrische Regime benutze dies gezielt, um eine ganze Gesellschaft in Angst zu versetzen, argumentiert das ECCHR. Gegen\u00fcber dem International Rescue Committee, einer NGO mit Sitz in New York, gaben gefl\u00fcchtete Syrerinnen und Syrer im Libanon und in Jordanien 2013 an, dass die Angst vor sexualisierter Gewalt der Hauptgrund f\u00fcr ihre Flucht gewesen sei. Trotzdem gibt es bis heute kaum Hilfsprogramme f\u00fcr \u00dcberlebende.<\/p>\n<p>Das Verfahren, das derzeit in Koblenz stattfindet, gibt Joumana Seif Hoffnung, dass die T\u00e4ter zur Verantwortung gezogen werden k\u00f6nnen. Sie habe sich niemals vorstellen k\u00f6nnen, eines Tages in diesem Gerichtssaal zu sitzen, sagt sie. Auch hofft sie, dass die Strafanzeige dazu f\u00fchrt, dass sich ein Bewusstsein entwickelt f\u00fcr die Folgen sexualisierter Gewalt in den Foltergef\u00e4ngnissen des Assad-Regimes. Denn bisher fehlt es an langfristiger psychologischer Unterst\u00fctzung und medizinischer Versorgung. &quot;Es ist nie wirklich ernst genommen worden&quot;, sagt Seif.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Das Grauen h\u00f6rt nicht auf: Syrien wird auch nach dem offiziellen Ende des Krieges ein traumatisiertes Land sein Ammar Abdullah\/ REUTERS Joumana Seif sieht m\u00fcde aus an diesem<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-552","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=552"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/552\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}