{"id":5491,"date":"2021-01-28T10:06:37","date_gmt":"2021-01-28T07:06:37","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/attentater-von-hanau-zwei-waffenbesitzkarten-trotz-zwangseinweisung\/"},"modified":"2021-01-28T10:06:37","modified_gmt":"2021-01-28T07:06:37","slug":"attentater-von-hanau-zwei-waffenbesitzkarten-trotz-zwangseinweisung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/attentater-von-hanau-zwei-waffenbesitzkarten-trotz-zwangseinweisung\/","title":{"rendered":"Attent\u00e4ter von Hanau: Zwei Waffenbesitzkarten trotz Zwangseinweisung"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/5edbaf0d-1940-41c0-9269-288ef14d294d_w948_r1.77_fpx69.07_fpy44.99.jpg\" title=\"Forensiker am 20. Februar 2020 vor dem Auto von Vili-Viorel Paun, der den T\u00e4ter verfolgte und dabei starb\" alt=\"Forensiker am 20. Februar 2020 vor dem Auto von Vili-Viorel Paun, der den T\u00e4ter verfolgte und dabei starb\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Forensiker am 20. Februar 2020 vor dem Auto von Vili-Viorel Paun, der den T\u00e4ter verfolgte und dabei starb<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Boris Roessler\/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Als ein rassistischer Attent\u00e4ter am 19. Februar 2020 in Hanau neun Menschen ermordete, war der polizeiliche Notruf \u00fcberlastet und nicht ausreichend besetzt. Das zeigen Recherchen des SPIEGEL, des ARD-Magazins \u00bbMonitor\u00ab und des Hessischen Rundfunks. Zahlreiche Zeugen kamen unter der Notrufnummer 110 nicht durch, darunter ein sp\u00e4teres Opfer.<\/p>\n<p>Die Ermittlungsakte der Bundesanwaltschaft dokumentiert zudem, wie der T\u00e4ter, obwohl psychisch krank und polizeibekannt, \u00fcber die Jahre drei waffenrechtliche Berechtigungen ausgestellt bekam.<\/p>\n<p>F\u00fcr seinen Amoklauf brauchte Tobias Rathjen, 43, etwa f\u00fcnf Minuten. Er t\u00f6tete drei Menschen in der Innenstadt, fuhr zweieinhalb Kilometer nach Hanau-Kesselstadt und erschoss sechs weitere Menschen.<\/p>\n<p>Eines der Opfer war Vili-Viorel Paun, 22. Mit seinem Mercedes versuchte Paun, Rathjens BMW zuzuparken, raste ihm nach Kesselstadt hinterher, rief von unterwegs dreimal die Polizei an. Er kam nicht durch.<\/p>\n<p>Rathjen t\u00f6tete Paun mit drei Sch\u00fcssen durch das Fenster der Fahrert\u00fcr auf dem Parkplatz vor der Arena Bar.<\/p>\n<h3>Notrufe wurden nicht umgeleitet<\/h3>\n<p>Die Hanauer Polizei, hei\u00dft es in einem Aktenvermerk, konnte aufgrund der hohen Anzahl nicht alle Anrufe entgegennehmen. Die Notrufe seien in der Leitstelle der Polizeiwache Hanau 01 aufgelaufen und an lediglich zwei Arbeitspl\u00e4tzen bearbeitet worden. Es habe technische St\u00f6rungen beim Mitschnitt gegeben.<\/p>\n<p>Der erste registrierte Anruf kam um 21:56 Uhr, etwa eine Minute nachdem Rathjen zu schie\u00dfen begonnen hatte, der zweite fast gleichzeitig. Damit waren beide Apparate besetzt. Erst nachdem Rathjen sein neuntes Opfer erschoss und nach Hause fuhr, nahm die Polizei einen dritten Anruf entgegen.<\/p>\n<p>Umgeleitet wurden die Notrufe nicht. Die von Vili-Viorel Paun liefen ins Leere. Auch sp\u00e4ter rief ihn keiner zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auf Anfrage teilt das Polizeipr\u00e4sidium S\u00fcdosthessen mit, die Einsatzkr\u00e4fte seien bereits um 21:58 Uhr an den ersten Tatort entsandt worden. Was die \u00dcberforderung der Beamten in der Leitstelle angeht, sei ein \u00bb\u00dcberleitungskonzept\u00ab geplant. In Zukunft sollen Notrufe nach Frankfurt umgeleitet werden.<\/p>\n<h3><strong>Verschlossener Notausgang<\/strong><\/h3>\n<p>Viereinhalb Stunden nach dem Anschlag kamen zwei Kriminalbeamte in die Arena Bar, um einen Tatortbefund zu verfassen. \u00bbBetritt man die Bar durch die Eingangst\u00fcr\u00ab, notierten sie, \u00bbso befinden sich linksseitig vier Automaten, geradeaus gelangt man zu einem Lagerraum, von welchem zwei weitere T\u00fcren abgehen. Diese zwei T\u00fcren waren jedoch bei der Tatortaufnahme verschlossen.\u00ab<\/p>\n<p>Eine der T\u00fcren ist der Notausgang. Warum war sie zu? Wer wusste davon?<\/p>\n<p>W\u00e4re die T\u00fcr nicht zu gewesen, h\u00e4tten die G\u00e4ste der Arena Bar noch fliehen k\u00f6nnen? W\u00e4ren Said Nesar Hashemi, 21, und Hamza Kurtovic, 22, heute am Leben?<\/p>\n<p>Am Tag nach dem Anschlag zog die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen an sich. Sie ermittelte jedoch nicht wegen des verschlossenen Notausgangs, konzentrierte sich auf den T\u00e4ter und potenzielle Mitt\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde, die Staatsanwaltschaft Hanau, lie\u00df sich Zeit. Erst neun Monate sp\u00e4ter er\u00f6ffnete sie ein Verfahren \u2013 nachdem Hinterbliebene und \u00dcberlebende eine Strafanzeige wegen fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung gestellt hatten.<\/p>\n<p>Auf Anfrage teilt die Staatsanwaltschaft Hanau mit, sie wisse erst seit November 2020 von dem \u00bbKomplex einer vermeintlich verschlossenen Notausgangst\u00fcr\u00ab.<\/p>\n<p>Die Bundesanwaltschaft teilt mit, aus den Tatortberichten h\u00e4tten sich \u00bbkeinerlei greifbaren Anhaltspunkte f\u00fcr einen Anfangsverdacht der fahrl\u00e4ssigen T\u00f6tung ergeben, \u00fcber die die Staatsanwaltschaft Hanau h\u00e4tte in Kenntnis gesetzt werden k\u00f6nnen\u00ab.<\/p>\n<p>Bereits im November 2017 hatten Polizeibeamten bei einer Gastst\u00e4ttenkontrolle festgestellt, dass der Notausgang der Arena Bar verschlossen war. Die Information wurde damals dem Gewerbeamt der Stadt Hanau mitgeteilt.<\/p>\n<h3><strong>Paranoide Schizophrenie<\/strong><\/h3>\n<p>Die Pistolen, mit denen Tobias Rathjen mordete, besa\u00df er legal. Zwei hatte er gekauft, eine in einem Waffengesch\u00e4ft ausgeliehen.<\/p>\n<p>Zugriff auf Waffen darf in Deutschland nur haben, wer niemanden gef\u00e4hrdet. In Wirklichkeit ergab eine Anfrage der Gr\u00fcnen im Bundestag, dass 750 Rechtsextremisten und rund 500 Reichsb\u00fcrger im Jahr 2019 Waffenbesitzkarten hatten.<\/p>\n<p>Rathjen war bis kurz vor seinem Tod nicht \u00f6ffentlich als Rassist aufgefallen. Allerdings hatte er dreimal wahnhafte Anzeigen gestellt. Posthum diagnostizierte man bei ihm paranoide Schizophrenie.<\/p>\n<p>Hat in seinem Fall die Waffenbeh\u00f6rde versagt? Das Gesundheitsamt?<\/p>\n<p>Das erste Mal fiel Rathjen den Beh\u00f6rden im Januar 2002 auf. Damals rief er im Polizeipr\u00e4sidium Oberfranken an und sagte, er m\u00fcsse eine Vergewaltigung anzeigen. Es handele sich um eine \u00bbpsychische Vergewaltigung\u00ab, das Opfer sei er selbst, er werde \u00bbdurch die Wand und durch die Steckdose abgeh\u00f6rt, belauscht und gefilmt\u00ab.<\/p>\n<p>Rathjen wurde zum Gesundheitsamt eskortiert, ein Amtsarzt diagnostizierte eine \u00bbPsychose aus dem schizophrenen Formenkreis, paranoide Inhalte\u00ab und empfahl eine sofortige Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Rathjen rammte daraufhin einen Polizisten mit dem Kopf, st\u00fcrmte aus dem Zimmer, erst im Erdgeschoss konnten ihn vier Beamten zu Boden bringen.<\/p>\n<p>Rathjen wurde in Handschellen ins psychiatrische Krankenhaus gebracht. Man rief Rathjens Vater an, der engagierte einen Anwalt. Am selben Abend entlie\u00df man Rathjen in die Obhut seiner Eltern. Auf dem Entlassungsformular wurde \u00bbungeheilt\u00ab angekreuzt.<\/p>\n<h3>Famili\u00e4re Vorbelastung<\/h3>\n<p>Rathjen Senior beschwerte sich bei der Polizei und bei einem Arzt. Der notierte, der Vater sei ebenfalls der Meinung, sein Sohn werde \u00fcberwacht, die beiden h\u00e4tten eine gemeinsame psychische St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Im April 2002 wurde Rathjen erneut untersucht, berichtete von Schlafst\u00f6rungen und \u00dcberwachung, aber diesmal sah der Arzt keine Fremdgef\u00e4hrdung. Er wertete den Gewaltausbruch als \u00bbsituative Wahnperiode\u00ab, dem Pr\u00fcfungsdruck an der Universit\u00e4t geschuldet.<\/p>\n<p>Rathjen wurde nicht behandelt.<\/p>\n<p>2004 wiederholte Tobias Rathjen seine paranoide Anzeige, diesmal in Offenbach. Der Kommissar vermerkte, er werde die Staatsanwaltschaft Hanau und das zust\u00e4ndige Gesundheitsamt in Kenntnis setzen.Auch diesmal wurde Rathjen offenbar nicht behandelt.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre tauchte er in 15 polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Akten auf, f\u00fcnfmal als Beschuldigter.<\/p>\n<p>2007 erteilte ihm die Universit\u00e4t Bayreuth Hausverbot, nachdem er einen Wachmann angegriffen hatte. 2010 ermittelte das Zollfahndungsamt Essen gegen Rathjen wegen Drogenschmuggels, das Verfahren wurde wegen Geringf\u00fcgigkeit eingestellt. Wenige Monate sp\u00e4ter wurden beide Rathjens angeklagt, mehr als 3300 Euro Sozialhilfe erschlichen zu haben. Auch dieses Verfahren wurde wegen Geringf\u00fcgigkeit eingestellt.<\/p>\n<h3><strong>Waffenbeh\u00f6rde fragte nicht nach<\/strong><\/h3>\n<p>Im April 2013 stellte Tobias Rathjen bei der Waffenbeh\u00f6rde seinen ersten Antrag. Er kreuzte zwei K\u00e4stchen an: Waffenbesitzkarte zum Erwerb und Besitz von Schusswaffen, Waffenbesitzkarte f\u00fcr Sportsch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Als Zweck gab Rathjen \u00bbAus\u00fcbung des Hobbys des sportlichen Schie\u00dfens\u00ab an. Auf der letzten Seite des Formulars wurde Rathjen gefragt, ob die Waffenbeh\u00f6rde sich an das Gesundheitsamt wenden d\u00fcrfe, f\u00fcr den Fall, dass zu seiner Person Erkenntnisse zu psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen vorl\u00e4gen.<\/p>\n<p>Rathjen willigte ein.<\/p>\n<p>Die Waffenbeh\u00f6rde wandte sich jedoch nicht an das Gesundheitsamt.<\/p>\n<p>Das Antragsformular, das Rathjen unterschrieb, war veraltet.<\/p>\n<p>13 Monate davor hatte der hessische Innenminister Boris Rheindie Waffenbeh\u00f6rden per Erlass angewiesen, keine Regelanfragen mehr bei Gesundheits\u00e4mtern zu stellen. Der Erlass ging auf eine bundesweite Verwaltungsvorschrift zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Man sollte nur noch \u00bbbei konkretem Anlass\u00ab nachfragen. Die Waffenbeh\u00f6rde hielt sich daran und forderte lediglich einen Auszug aus dem Bundeszentralregister an. Keine Eintragungen.<\/p>\n<p>Im Juli 2013 bekam Rathjen die gr\u00fcne Standard-Waffenbesitzkarte. Als Bed\u00fcrfnisgrund wurde versehentlich \u00bbJ\u00e4ger\u00ab eingetragen. Zehn Monate sp\u00e4ter kaufte Rathjen eine SIG Sauer, Modell 226, Gro\u00dfkaliber 9 mm Luger.<\/p>\n<h3><strong>Drogen, Pornos, Brandstiftung<\/strong><\/h3>\n<p>Im M\u00e4rz 2018 wurde gegen Rathjen erneut wegen Drogenschmuggels ermittelt, dann wegen fahrl\u00e4ssiger Brandstiftung, er hatte nachts im Wald Pornohefte verbrannt. Er wohnte damals in M\u00fcnchen. Bei der Vernehmung in seiner Wohnung r\u00e4umte er ein, das Feuer entfacht zu haben. Da die Beamten ihm aber erst danach mitteilten, er sei Beschuldigter, stellte der Staatsanwalt auch dieses Verfahren ein.<\/p>\n<p>Die bayerischen Polizisten wussten, dass Rathjen Waffen besa\u00df. Sie kontrollierten seinen Waffentresor und vermerkten, dass er seine SIG Sauer ordnungsgem\u00e4\u00df aufbewahrte.<\/p>\n<p>Rathjen bekam eine weitere waffenrechtliche Erlaubnis ausgestellt, die gelbe Waffenbesitzkarte f\u00fcr Sportsch\u00fctzen. Er kaufte sich eine zweite Pistole, eine Walther, Modell PPQM2, Kleinkaliber 5,6 mm.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre nach Erteilung der gr\u00fcnen Waffenbesitzkarte \u00fcberpr\u00fcfte die Waffenbeh\u00f6rde Rathjens Strafregister. Er war immer noch unbescholten. Im Verfahrensregister waren die Ermittlungen wegen Drogenschmuggels vermerkt. Die Waffenbeh\u00f6rde fand sie \u00bbverwaltungsrechtlich nicht verwertbar\u00ab.<\/p>\n<p>Im August 2019, ein halbes Jahr vor dem Amoklauf, bekam Rathjen ein drittes waffenrechtliches Dokument ausgestellt, den Europ\u00e4ischen Feuerwaffenpass.<\/p>\n<h3><strong>\u00bbKeine Anhaltspunkte f\u00fcr eine Straftat\u00ab<\/strong><\/h3>\n<p>Im November 2019 erstattete er Anzeigen wegen angeblicher \u00dcberwachung durch einen omin\u00f6sen Geheimdienst. Eine Anzeige ging an die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, eine an die Staatsanwaltschaft Hanau. Der Geheimdienst lese seine Gedanken, schrieb Rathjen und verwies auf seine Homepage.<\/p>\n<p>Aus Karlsruhe bekam er als Antwort: \u00bbAus Ihrer Sachdarstellung ergeben sich keine Anhaltspunkte f\u00fcr eine in die Zust\u00e4ndigkeit der Bundesanwaltschaft fallende Straftat.\u00ab Auch die Staatsanwaltschaft Hanau leitete kein Verfahren ein.<\/p>\n<p>Nach dem Anschlag fragten Ermittler beim Gesundheitsamt nach, ob es eine Akte zu Tobias Rathjen gebe. Es fand sich keine. Die 2004 angelegte Akte war 2014 nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist vernichtet worden.<\/p>\n<p>Die Ermittler befragten den Leiter der Waffenbeh\u00f6rde. Der sagte, Rathjen sei durch nichts aufgefallen, bis auf zwei Punkte in Flensburg. Wegen Geschwindigkeits\u00fcbertretung.<\/p>\n<p><em>Das Attenat von Hanau ist auch Thema in der ARD-Sendung \u00bbMonitor\u00ab; Donnerstag, 21:45 Uhr, Das Erste<\/em><\/p>\n<p><em>Anmerkung der Redaktion: In einer fr\u00fcheren Fassung hie\u00df es, der T\u00e4ter habe \u00bbWaffenscheine\u00ab besessen. Das ist nicht richtig. Wir haben die Angabe korrigiert.<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Forensiker am 20. Februar 2020 vor dem Auto von Vili-Viorel Paun, der den T\u00e4ter verfolgte und dabei starb Foto:\u2002Boris Roessler\/ dpa Als ein rassistischer Attent\u00e4ter am 19. 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