{"id":5405,"date":"2021-01-24T15:38:50","date_gmt":"2021-01-24T12:38:50","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/russland-und-alexej-nawalny-proteste-drei-teilnehmer-in-moskau-erzahlen\/"},"modified":"2021-01-24T15:38:50","modified_gmt":"2021-01-24T12:38:50","slug":"russland-und-alexej-nawalny-proteste-drei-teilnehmer-in-moskau-erzahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/russland-und-alexej-nawalny-proteste-drei-teilnehmer-in-moskau-erzahlen\/","title":{"rendered":"Russland und Alexej-Nawalny-Proteste: Drei Teilnehmer in Moskau erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/b3bd1c15-6964-49ee-9937-278bcd12bebf_w948_r1.77_fpx68.67_fpy44.99.jpg\" title=\"Drei Teilnehmer der Proteste in Moskau\" alt=\"Drei Teilnehmer der Proteste in Moskau\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Drei Teilnehmer der Proteste in Moskau<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Alexander Chernyshev  <\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00bbFreiheit f\u00fcr politische Gefangene \u2013 Freiheit f\u00fcr Nawalny\u00ab, riefen die Demonstrierenden auf dem Puschkin-Platz im Moskau. Trotz eindringlicher Warnungen der Beh\u00f6rden versammelten sich am Samstag Zehntausende im Zentrum der russischen Hauptstadt.<\/p>\n<p>Auch in Dutzenden anderen St\u00e4dten des Landes gingen die Menschen auf die Stra\u00dfe und folgten damit einem Aufruf des Oppositionspolitikers. Mehr als 3400 Menschen wurden bei den Protesten \u2013 teils brutal \u2013 festgenommen.<\/p>\n<p>\u00bbHabt keine Angst\u00ab, so lautete der Appell Alexej Nawalnys, der zuvor in einem Video die Proteste angek\u00fcndigt hatte. Er nahm den Clip in einer Polizeiwache auf, bevor er in ein Moskauer Gef\u00e4ngnis \u00fcberf\u00fchrt wurde. Nach einer Vergiftung mit einem milit\u00e4rischen Nervenkampfstoff war Nawalny am vergangenen Sonntag nach Russland zur\u00fcckgekehrt \u2013 und sofort festgenommen worden.<\/p>\n<p>Drei Moskauerinnen und Moskauer erz\u00e4hlen dem SPIEGEL, warum sie Nawalnys Aufruf gefolgt sind:<\/p>\n<h3><strong>Walerija, 24 Jahre, betreibt einen Online-Unterw\u00e4sche-Shop, seit zwei Jahren in Moskau<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00bb<\/strong>Durch die Vergiftung Nawalnys wurde mir klar, dass es um unser Land wirklich schlimm steht. Ich erinnere mich an diesen Tag: Ich wachte morgens auf, las die Nachricht im Internet und war so geschockt, als w\u00e4re einem meiner Angeh\u00f6rigen etwas zugesto\u00dfen. Es bestand f\u00fcr mich kein Zweifel, dass Nawalny vergiftet wurde. Ein Freund sagte, es sei doch seltsam, dass er nicht fr\u00fcher get\u00f6tet worden sei.<\/p>\n<p>In einer normalen Gesellschaft darf so etwas nicht passieren! Was wollen wir noch tolerieren? Die Erh\u00f6hung des Renteneinstiegsalters, die Verfassungsreform, jetzt dieser Giftanschlag \u2013 jeder versteht, was hier passiert, es ist furchtbar.<\/p>\n<p>Wenn ich mir den neuen Film von Nawalny \u00fcber das Anwesen und den Luxus anschaue, frage ich mich, wie arrogant man sein muss, um Putin so reich zu machen. Ich stamme aus Burjatien (<em>Anm. der Redaktion \u2013 die Republik liegt im Fernen Osten Russlands, an der Grenze zur Mongolei<\/em>), meine Bekannten leben dort mit Toiletten vor dem Haus, unbeheizt. Das alles w\u00e4re nicht passiert, wenn es in unserem Land einen Machtwechsel gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ich habe in Kasan Jura studiert, mein Vater ist Polizeibeamter, er ist ein konservativer Mann. Ich spreche lieber nicht mit ihm \u00fcber Politik, auch wenn er Putin nicht unterst\u00fctzt. In meinem zweiten Studienjahr habe ich beim Ermittlungskomitee <em>(Anm. d. Redaktion \u2013 eine Art russisches FBI<\/em>) als Assistentin gearbeitet. Ich dachte, selbst wenn das System bei uns falsch ist, ich selbst kann etwas zum Besseren ver\u00e4ndern. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich keine Ermittlerin sein will, nicht nur wegen des schrecklichen Sexismus dort, sondern auch weil nicht alles gesetzeskonform abl\u00e4uft. In meiner Anwesenheit wurde ein Zeuge aufgefordert zu sagen, er sei bereits im September erschienen, obwohl schon Februar war. Ich habe mich gefragt, was alles noch passiert, wenn ich nicht dabei bin. Ich bin dann gegangen.<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe zu protestieren, das macht mir Angst. Aber ich h\u00e4tte mich schlecht gef\u00fchlt, wenn ich jetzt nicht demonstriert h\u00e4tte. Ich war bis zum Abend im Zentrum. Es f\u00fchlte sich f\u00fcr mich so an, als w\u00fcrden wir Geschichte schreiben. Ich bin stolz auf alle war, die gekommen sind. Sie sind die wahren Patrioten, und ich bin froh, zu ihnen zu geh\u00f6ren. Die Menschen haben ihre Meinung gezeigt \u2013 wir haben deutlich gemacht, dass wir nicht bereit sind, uns alles gefallen zu lassen. Nat\u00fcrlich ist es unwahrscheinlich, dass Nawalny aus der Haft entlassen wird, aber solche Aktionen sind auf lange Sicht wichtig.<\/p>\n<p>Es war erschreckend, wie die Omon-Polizisten vorgingen, sie haben denTswetnoj Boulevard blockiert, haben Menschen brutal festgenommen. Meine Freunde und ich konnten da zum Gl\u00fcck wegkommen. Sp\u00e4ter habe ich die schrecklichen Videos gesehen, etwa wie in Sankt Petersburg ein Beamter einer Frau in den Bauch tritt. Es ist so unmenschlich.\u00ab<\/p>\n<h3><strong>Slawa, 47 Jahre, Leiter eines Kurierdienstes<\/strong><\/h3>\n<p>\u00bbDer Puschkin-Platz war so voller Menschen, dass man kaum noch vorw\u00e4rtskam. Vielen ist nicht egal, was in unserem Land passiert. Die Menschen sind bereit, zu kommen und f\u00fcr sich und ihr Land einzustehen, das ist gro\u00dfartig. Vom Platz aus bin ich die Twerskaja-Stra\u00dfe hinuntergegangen: Die Autos hupten, die Fahrer winkten zur Unterst\u00fctzung, das war sch\u00f6n. Mir hat es nicht gefallen, dass einige Demonstranten Schneeb\u00e4lle auf die Polizei geworfen haben \u2013 es gibt keinen Grund, sie zu provozieren.<\/p>\n<p>Es geht mir nicht nur um Nawalny allein. Seine Vergiftung hat f\u00fcr Verwunderung gesorgt, die Menschen fragen sich, wie das passieren konnte, es ist eine Art Schock. Ich wollte es zuerst auch nicht glauben, aber die Recherchen \u00fcber die mutma\u00dflichen Attent\u00e4ter waren gut und akribisch gemacht (<em>Anm. d. Redaktion: <\/em><em>ver\u00f6ffentlicht von Bellingcat und verschiedenen Medien, auch dem SPIEGEL<\/em>), sodass ich eher geneigt bin, dem zu glauben. Au\u00dferdem gab es schon andere Anschl\u00e4ge, auf den ehemaligen FSB-Agenten Litwinenko und den ex-russisch-britischen Agenten Skripal.<\/p>\n<p>Es macht mir Angst, auf eine Demonstration zu gehen, vor allem wenn sie nicht genehmigt wurde. Ich war bisher nur auf einer genehmigten Kundgebung vor einigen Jahren gewesen. Aber wenn ich jetzt nicht gegangen w\u00e4re, f\u00fcrchte ich, dass die Folgen noch schrecklicher sein k\u00f6nnten, niemand von uns in Ruhe gelassen wird. Ich habe Angst vor totaler Zensur und k\u00f6rperlichen Gewalt in unserem Land, man kann nichts mehr ausschlie\u00dfen. Wir Menschen sollten geh\u00f6rt werden.\u00ab<\/p>\n<h3><strong>Marija, 21 Jahre, Studentin der philologischen Fakult\u00e4t der Staatlichen Universit\u00e4t Moskau<\/strong><\/h3>\n<p>\u00bbMein ganzes Leben habe ich unter Putin gelebt. Seit meiner Kindheit habe ich erlebt, dass Pr\u00e4sident und Putin bei uns gleichbedeutend sind, wie Synonyme. Warum wir das \u00fcberhaupt tolerieren, ist mir unverst\u00e4ndlich. Ich bin dar\u00fcber emp\u00f6rt. Putin hat auch einen sehr schlechten Geschmack, wenn ich mir Nawalnys Film \u00fcber das Anwesen anschaue (<em>Anm. d. Redaktion \u2013 Der Oppositionelle hatte ein neues Video ver\u00f6ffentlicht, in dem eine Luxusvilla am Schwarzen Meer gezeigt wird, die Nawalny Putin zuordnet<\/em>).<\/p>\n<p>Meine Einstellung zu Nawalny hat sich nach und nach ver\u00e4ndert. Lange dachte ich, warum wird er trotz seiner scharfen Kritik nicht beseitigt? Das bedeute doch, dass er einer von ihnen sei \u2013 einer, der doch mit dem Regime gemeinsame Sache macht, so glaubte ich. Das ist nun v\u00f6llig anders, vor allem nach dem Giftanschlag und seinen neuen Enth\u00fcllungsfilmen.<\/p>\n<p>Heute unpolitisch zu sein, kommt mir nicht ehrlich vor. Vor etwas mehr als zwei Jahren fing ich an, zu politisch motivierten Prozessen zu gehen. Ich spendete der B\u00fcrgerrechtsorganisation Ovd-Info Geld, die sich um Festgenommene k\u00fcmmert, und ging zu einer genehmigten Demonstration. Das war ein Gef\u00fchl, Teil von etwas Lebendigem, von denkenden Menschen umgeben zu sein. Ich m\u00f6chte nicht meine ganze Zeit und Energie in Politik investieren, nicht im Gef\u00e4ngnis landen, aber etwas tun, so gut ich kann. Ich versuche, die Menschen um mich herum von ihrer Gleichg\u00fcltigkeit abzubringen. Meine Mitstudierenden denken, sie verlassen sowieso irgendwann das Land, also ist es ihnen auch egal. Meine Eltern teilen meine Position, sie tun aber nichts, weil sie denken, dass Proteste nichts l\u00f6sen werden, wie leider die meisten Menschen ihrer Generation.<\/p>\n<p>Ich war am Samstag etwa drei Stunden im Zentrum von Moskau. Die gr\u00f6\u00dfte Angst hatte ich, als ich auf dem Weg war zum Puschkin-Platz war und Meldungen \u00fcber die Festnahmen las. Als ich meine Freunde traf, war es recht ruhig, trotzdem war ich nerv\u00f6s. Ich habe keine brutalen Verhaftungen gesehen, davon habe ich erst danach im Internet durch Videos erfahren. Es ist bitter, das zu sehen, ungerecht \u2013 ich empfinde Mitleid f\u00fcr die Menschen, die so behandelt wurden, sogar Wut. Doch Beleidigungen zu rufen und Schneeb\u00e4lle auf Polizisten zu werfen, muss nicht sein. Wir m\u00fcssen eher versuchen die Beamten auf unsere Seite zu ziehen, und nicht noch die Situation zu verschlimmern.\u00ab<\/p>\n<p>Marija, Slawa und Walerija w\u00fcrden wieder auf die Stra\u00dfe gehen, sagen sie \u2013 trotz aller Repressionen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Drei Teilnehmer der Proteste in Moskau Foto:\u2002Alexander Chernyshev \u00bbFreiheit f\u00fcr politische Gefangene \u2013 Freiheit f\u00fcr Nawalny\u00ab, riefen die Demonstrierenden auf dem Puschkin-Platz im Moskau. 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