{"id":5390,"date":"2021-01-23T23:06:43","date_gmt":"2021-01-23T20:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/so-ungleich-ist-deutschland-lohne-steigen-starker-als-kapitaleinkommen\/"},"modified":"2021-01-23T23:06:43","modified_gmt":"2021-01-23T20:06:43","slug":"so-ungleich-ist-deutschland-lohne-steigen-starker-als-kapitaleinkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/so-ungleich-ist-deutschland-lohne-steigen-starker-als-kapitaleinkommen\/","title":{"rendered":"So ungleich ist Deutschland: L\u00f6hne steigen st\u00e4rker als Kapitaleinkommen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/348bdeaa-9ae4-420b-ba72-7ffbf37962a6_w948_r1.77_fpx49.93_fpy53.jpg\" title=\"Monteurin bei ZF Friedrichshafen\" alt=\"Monteurin bei ZF Friedrichshafen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Monteurin bei ZF Friedrichshafen<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Felix K\u00e4stle \/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit der Ankunft der Corona-Pandemie im Fr\u00fchjahr 2020 endete f\u00fcr Deutschland eine lange Phase des Aufschwungs. \u00dcber eine Dekade war die Wirtschaft in jedem einzelnen Jahr gewachsen. Besonders stark war die Entwicklung am Arbeitsmarkt, im Schnitt entstanden Jahr f\u00fcr Jahr unter dem Strich rund eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Arbeitspl\u00e4tze neu.<\/p>\n<p>Noch ist unklar, ob und in welchem Ausma\u00df die Pandemie auch \u00fcber ihr Ende hinaus die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ver\u00e4ndern wird. F\u00fcr den Arbeitsmarkt etwa sind Experten grunds\u00e4tzlich optimistisch. Demnach beschleunige Corona zwar einige bereits zuvor bestehende Trends und erh\u00f6he die damit verbundenen Herausforderungen \u2013 eine lange systemische Krise sei aber nicht zu erwarten. Auf mittlere und lange Sicht bleibe das gr\u00f6\u00dfte Problem vielmehr das gleiche wie vor der Pandemie: Deutschland droht ein Mangel an passend qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Damit k\u00f6nnte sich nach Corona auch ein Trend fortsetzen, der in den Jahren zuvor eine starke Dynamik hatte: Die Arbeitnehmerentgelte haben 2019 die Einkommen aus Unternehmen und Verm\u00f6gen fast eingeholt, was das Wachstum seit dem Jahr 2000 betrifft \u2013 nachdem sie lange deutlich zur\u00fccklagen. Das geht aus dem aktuellen Verteilungsbericht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor, der dem SPIEGEL vorab vorlag.<\/p>\n<p>Die Grafik zeigt die Entwicklung seit der Jahrtausendwende:<\/p>\n<p>Die Experten des DGB haben auf mehr als 90 Seiten zahlreiche Daten amtlicher Statistiker und internationaler Organisationen zusammengetragen und eigene Berechnungen angestellt. Entstanden ist ein vielseitiger \u00dcberblick \u00fcber die Verteilung des Wohlstands in Deutschland, die Ungleichheit im internationalen Vergleich oder die Geschlechtergerechtigkeit.<\/p>\n<h3>L\u00f6hne: die Aufholjagd<\/h3>\n<p>Die Nullerjahre waren f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten in Deutschland in ihrer Gesamtheit mager: Wenn man die Inflation herausrechnet, lag die Summe aller Arbeitnehmerentgelte \u2013 zu denen au\u00dfer den eigentlichen Bruttol\u00f6hnen auch die Sozialbeitr\u00e4ge der Arbeitgeber z\u00e4hlen \u2013 in jedem Jahr dieser Dekade unter der des Jahres 2000.<\/p>\n<p>Gleichzeitig stiegen die Kapitaleinkommen stark: Unternehmensgewinne und Verm\u00f6genseink\u00fcnfte warfen stets deutlich mehr ab als im Vergleichsjahr 2000 \u2013 in der Spitze bis zu 38 Prozent mehr (im Jahr 2007). Seit 2010 jedoch konnten die Arbeitnehmerentgelte deutlich zulegen, mit zuletzt hoher Dynamik. Im Jahr 2019 hatten sie die Kapitaleinkommen bereits fast eingeholt: Preisbereinigt lagen sie um 25,9 Prozent h\u00f6her als 2000, die Unternehmens- und Verm\u00f6genseinkommen um 27,4 Prozent. Im ersten Halbjahr 2020 lie\u00df der tiefe Wirtschaftseinbruch durch die Coronakrise die Kapitaleinkommen weit st\u00e4rker abst\u00fcrzen als die Arbeitnehmerentgelte \u2013 allerdings d\u00fcrften sie sich im Aufschwung nach der Pandemie auch wieder deutlich st\u00e4rker erholen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung bildet sich auch in der sogenannten Lohnquote ab. Sie bezeichnet den Anteil aller Arbeitnehmerentgelte am gesamten Volkseinkommen. Im Jahr 2019 erreichte sie mit 72 Prozent nahezu den Wert des Jahres 2000; zwischenzeitlich war sie auf 64,5 Prozent im Jahr 2007 gesunken.<\/p>\n<p>Diese Kennziffer sagt aber an sich noch nicht viel dar\u00fcber aus, ob sich auch die individuellen L\u00f6hne der Besch\u00e4ftigten verbessert haben. Denn wenn jedes Jahr eine halbe Million neue Jobs entstehen, kann die Gesamtsumme der Entgelte steigen, ohne dass der oder die Einzelne sich mehr leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allerdings sind auch die durchschnittlichen monatlichen Reall\u00f6hne der Besch\u00e4ftigten zuletzt deutlich gestiegen. Im Jahr 2019 lagen sie um 12,5 (brutto) oder 12,2 Prozent (netto) \u00fcber dem Niveau von 2000 \u2013 wohlgemerkt unter Herausrechnen der Inflation. Im Schnitt konnten sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer also vor der Coronakrise sp\u00fcrbar mehr leisten als noch zur Jahrtausendwende \u2013 w\u00e4hrend sie in der zweiten H\u00e4lfte der Nullerjahre effektiv weniger Kaufkraft hatten. In der Grafik k\u00f6nnen Sie sowohl die Entwicklung bei den Brutto- als auch bei den Nettol\u00f6hnen sehen:<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr die positive Entwicklung liegt in der Einf\u00fchrung des Mindestlohns im Jahr 2015, schreiben die Autoren des DGB-Verteilungsberichts. Zudem konnten die Gewerkschaften gerade in der zweiten H\u00e4lfte der Zehnerjahre teils hohe Tarifabschl\u00fcsse erzielen, dadurch wurde der Verteilungsspielraum oft ausgesch\u00f6pft.<\/p>\n<h3>Das Verdienstgef\u00e4lle in Konzernen ist riesig<\/h3>\n<p>Die DGB-Experten machen in ihrem Bericht zudem deutlich, dass die Verdienste innerhalb von Unternehmen oft sehr ungleich verteilt sind. Das ist insbesondere in gro\u00dfen Konzernen der Fall, wo die Geh\u00e4lter von Topmanagern und einfachen Besch\u00e4ftigten weit auseinanderklaffen. So verdiente etwa Frank Appel, der Vorstandschef der Deutschen Post, im Jahr 2019 das 162-fache wie der oder die durchschnittliche Post-Angestellte. Auf das gesamte Vorstandsgremium bezogen, war die Kluft beim Volkswagen-Konzern besonders gro\u00df.<\/p>\n<p>Relativ klein waren die Abst\u00e4nde zwischen Spitzenmanagern und Besch\u00e4ftigten hingegen beim Chemiekonzern Covestro, dort verdiente ein Vorstandsmitglied im Jahr 2019 im Schnitt 17-mal so viel wie die Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<h3>Einkommen: hohe Ungleichheit \u2013 aber wirkungsvolle Umverteilung<\/h3>\n<p>Allgemein ist die Ungleichheit bei der Verteilung der Einkommen in Deutschland vergleichsweise hoch. Das gilt zumindest, wenn es um die sogenannten Markteinkommen geht \u2013 also das, was jemand brutto durch Erwerbsarbeit verdient oder was ihm als Unternehmensgewinn oder Verm\u00f6gensertrag zuflie\u00dft.<\/p>\n<p>Als eine Kennziffer dient hier der Gini-Koeffizient, der Werte zwischen 0 und 100 Prozent erreichen kann. Bei 0 Prozent hat jeder und jede ein gleich hohes Einkommen, bei 100 Prozent hat eine einzige Person das gesamte Einkommen und alle anderen nichts.<\/p>\n<p>Im Schnitt der unter dem Dach der OECD zuammengeschlossenen Industriel\u00e4nder liegt dieser Gini-Koeffizient f\u00fcr die Markteinkommen bei 46,8 Prozent \u2013 in Deutschland aber bei exakt 50 Prozent.<\/p>\n<p>Allerdings gelingt es in Deutschland relativ effektiv, die hohe Ungleichheit bei den Markteinkommen durch Umverteilung zu senken. Betrachtet man die verf\u00fcgbaren Einkommen \u2013 also nachdem Steuern und Sozialbeitr\u00e4ge gezahlt sowie staatliche Sozialleistungen empfangen wurden \u2013 liegt der Gini-Koeffizient in Deutschland bei 28,9 Prozent und damit unter dem OECD-Durchschnitt von 31,5 Prozent.<\/p>\n<p>In der folgenden Grafik sind ausgew\u00e4hlte OECD-Staaten nach der Wirksamkeit ihrer Umverteilung sortiert: Staaten, die Einkommensungleichheit stark reduzieren, stehen oben \u2013 Staaten mit geringer D\u00e4mpfung der Ungleichheit stehen unten.<\/p>\n<p>Demnach wird Ungleichheit etwa in Finnland oder Frankreich noch st\u00e4rker ausgeglichen, in Spanien, Japan oder den USA hingegen schw\u00e4cher als in Deutschland. Ins Auge f\u00e4llt die Schweiz: Dort ist die Ungleichheit der Markteinkommen zwar kleiner als in fast jedem anderen Industrieland \u2013 aber die im Alltag wichtigeren verf\u00fcgbaren Einkommen sind ungleicher verteilt als in Deutschland.<\/p>\n<h3>Verm\u00f6gen: Extrem ungleich verteilt \u2013 und kaum besteuert<\/h3>\n<p>Gerade im internationalen Vergleich ist die Situation bei den Verm\u00f6gen in Deutschland eine deutlich andere als bei den Einkommen: In der Bundesrepublik sind die Verm\u00f6gen st\u00e4rker beim wohlhabendsten Prozent der Bev\u00f6lkerung konzentriert als in den meisten anderen Industriestaaten der Welt. Dieses eine Prozent besitzt mehr Nettoverm\u00f6gen als 87,6 Prozent der Bev\u00f6lkerung zusammen.<\/p>\n<p>Zwar ist diese Verm\u00f6genskonzentration bei den Superreichen etwa in den USA \u2013 und kurioserweise auch im sozialdemokratisch gepr\u00e4gten Schweden \u2013 sogar noch h\u00f6her. Aber selbst in Gro\u00dfbritannien oder der Schweiz, die als wirtschaftsliberal gelten, vereint das oberste Prozent keinen solch hohen Anteil des Gesamtverm\u00f6gens auf sich.<\/p>\n<p>Gleichzeitig werden Verm\u00f6gen in Deutschland kaum zur Finanzierung des Gemeinwohls herangezogen. Insgesamt tragen die Steuern auf Verm\u00f6gen \u2013 etwa durch Erbschaft- oder Grundsteuer \u2013 lediglich 2,7 Prozent zum gesamten Steueraufkommen bei. In Gro\u00dfbritannien und den USA sind es hingegen jeweils mehr als zw\u00f6lf Prozent, in der Schweiz 7,6 Prozent. Der DGB fordert daher eine st\u00e4rkere Besteuerung unter anderem von Verm\u00f6gen: \u00bbStarke Schultern m\u00fcssen mehr zum Gemeinwesen und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. Das ist schon deshalb geboten, um die Lasten der Coronakrise gemeinsam zu meistern\u00ab, sagt DGB-Vorstandsmitglied Stefan K\u00f6rzell.<\/p>\n<h3>Frauen: Im Alter weit weniger Geld<\/h3>\n<p>Einen hinteren Platz im internationalen Vergleich nimmt Deutschland auch bei der Geschlechtergerechtigkeit, insbesondere bei den Einkommen im Alter ein. Nimmt man die Eink\u00fcnfte aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Rente zusammen, erhielten Frauen 2019 im Schnitt 37,4 Prozent weniger als M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Zwar liegen die Alterseink\u00fcnfte von Frauen in vielen EU-Staaten erheblich unter denen der M\u00e4nner, doch zumeist ist die Kluft kleiner. In D\u00e4nemark bekommen Seniorinnen im Schnitt immerhin 92,6 Prozent dessen, was Rentner aus ihrer Vorsorge erhalten.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Monteurin bei ZF Friedrichshafen Foto:\u2002Felix K\u00e4stle \/ dpa Mit der Ankunft der Corona-Pandemie im Fr\u00fchjahr 2020 endete f\u00fcr Deutschland eine lange Phase des Aufschwungs. \u00dcber eine Dekade war<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5391,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5390","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5390","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5390"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5390\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5391"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5390"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5390"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}