{"id":5388,"date":"2021-01-23T21:06:23","date_gmt":"2021-01-23T18:06:23","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/alexej-nawalny-proteste-in-ganz-russland-eine-welle-des-unmuts\/"},"modified":"2021-01-23T21:06:23","modified_gmt":"2021-01-23T18:06:23","slug":"alexej-nawalny-proteste-in-ganz-russland-eine-welle-des-unmuts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/alexej-nawalny-proteste-in-ganz-russland-eine-welle-des-unmuts\/","title":{"rendered":"Alexej-Nawalny-Proteste in ganz Russland: Eine Welle des Unmuts"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/92bff157-59e9-45e9-8033-949190b4053b_w948_r1.77_fpx36_fpy50.jpg\" title=\"Demonstranten und Beamte der Sonderpolizei in Moskau\" alt=\"Demonstranten und Beamte der Sonderpolizei in Moskau\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Demonstranten und Beamte der Sonderpolizei in Moskau<\/p>\n<p>  Foto:\u2002KIRILL KUDRYAVTSEV \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Ljubow Sobol sitzt im Taxi und schaut durch die beschlagenen Scheiben hinaus auf ihre Heimatstadt Moskau. Man sieht Polizisten, Mannschaftstransporter, Demonstranten auf dem Weg zum Puschkinplatz. Es ist kurz vor zwei Uhr, offiziell soll gleich die Protestkundgebung gegen die Festnahme von Alexej Nawalny stattfinden, und f\u00fcr die Oppositionspolitikerin und Nawalny-Mitstreiterin Sobol hei\u00dft das: Sie wird jetzt gleich festgenommen, sobald sie das Auto verl\u00e4sst und erkannt wird.<\/p>\n<p>Sie hat eigens nicht zu Hause, sondern an einem anderen Ort \u00fcbernachtet, nun gibt sie im Taxi noch schnell Interviews, meldet sich live im unabh\u00e4ngigen Fernsehkanal Doschd zu Wort. Dann schl\u00e4gt sie ihre Kapuze zur\u00fcck und tritt unter die Demonstranten. Es gibt Applaus. Sie sagt: \u00bbHabt keine Angst!\u00ab, umarmt eine weinende Frau, die ihr danken will. Das Ganze dauert nur Minuten, dann st\u00fcrzen sich Polizisten auf sie und ziehen sie weg.<\/p>\n<p>An diesem Samstag erlebt Russland eine Welle von Solidarit\u00e4tsdemonstrationen f\u00fcr Alexej Nawalny, den Putin-Gegner, der vergangenes Jahr vergiftet, dann in Deutschland behandelt und gleich nach seiner R\u00fcckkehr nach Russland inhaftiert wurde. Die Welle begann an der Pazifikk\u00fcste und rollte dann durch die Zeitzonen des Landes bis zur Hauptstadt. Bis sie am Nachmittag dort ankam, war l\u00e4ngst klar: Die Proteste dieses Samstags sind deutlich gr\u00f6\u00dfer ausgefallen, als viele erwartet hatten.<\/p>\n<p>Zehntausende versammelten sich in mehr als 80 St\u00e4dten des Landes. In Moskau kamen die meisten Menschen. Ob es tats\u00e4chlich 40.000 Demonstranten waren, wie die Nachrichtenagentur Reuters meldete, war schwer einzusch\u00e4tzen. Viele hatten es gar nicht auf den abgesperrten Puschkinplatz geschafft, standen entlang der Twerskaja-Stra\u00dfe, auf dem Boulevard gegen\u00fcber und in den Seitenstra\u00dfen. In Sankt Petersburg, Putins Geburtsort, nahmen nach Sch\u00e4tzungen von Journalisten vor Ort mehr als 10.000 Protestierende teil.<\/p>\n<h3>Demonstrieren bei minus 50 Grad<\/h3>\n<p>Das Nachrichtenportal \u00bbMeduza\u00ab meldete, dass noch nie so viele Menschen jenseits der beiden gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Russlands demonstrierten: Nach Angaben von \u00f6rtlichen Medien waren es in Wladiwostok im Fernen Osten etwa 3000 Teilnehmer; in Nowosibirsk wurden etwa 4000 Menschen gez\u00e4hlt, in Omsk rund 2000 Teilnehmer, beide St\u00e4dte liegen in Sibirien. In Omsk war das Flugzeug mit Nawalny im vergangenen Jahr notgelandet, nachdem er durch die Vergiftung zusammengebrochen war. Selbst in Jakutsk versammelten sich bei minus 50 Grad Dutzende Menschen, wie auch in vielen kleineren St\u00e4dten des Landes.<\/p>\n<p>Es sind damit die gr\u00f6\u00dften Proteste seit Jahren in Russland, zu denen Nawalny aufgerufen hat. Zuletzt waren 2017 Zehntausende auf die Stra\u00dfen gegangen, als der Oppositionelle und sein Team einen Film \u00fcber Anwesen und Weing\u00fcter ver\u00f6ffentlicht hatten, die sie dem damaligen Premier Dimitrij Medwedew zuordneten.<\/p>\n<p>Nun, drei Jahre sp\u00e4ter, hat sich allerdings die Lage im Land weiter verschlechtert, das Klima ist nach und nach repressiver geworden. Putin setzte seit 2017 unz\u00e4hlige Gesetze in Kraft, die auch das Versammeln auf der Stra\u00dfe noch sch\u00e4rfer sanktionieren. Ohnehin wurden schon in der Vergangenheit Kundgebungen der Opposition selten genehmigt. Seit Tagen hatten die Beh\u00f6rden vor der Teilnahme an den ungenehmigten Protesten gewarnt; Kremlsprecher Dimitrij Peskow sprach von \u00bbProvokateuren\u00ab, ein Vizeinnenminister von Versuchen der \u00bbDestabilisierung des Landes\u00ab \u2013 eine Wortwahl, wie sie in den vergangenen Monaten auch vom belarussischen Regime im Nachbarland angesichts der dortigen Proteste oft zu h\u00f6ren war.<\/p>\n<p>Dennoch trauten sich am Samstag in Russland so viele Menschen auf die Stra\u00dfen. \u00bbEs protestieren l\u00e4ngst nicht alle, die wollen. Es sind die gekommen, die bereit sind, ein Risiko einzugehen\u00ab, sagte der Politologe Abbas Galliamow. Er meinte das einer m\u00f6glichen Festnahme. Die Zahl der Unzufriedenen im Land sei viel gr\u00f6\u00dfer \u2013 und das vor den Parlamentswahlen im Herbst.<\/p>\n<h3>Protest mit der Toilettenb\u00fcrste<\/h3>\n<p>In Moskau kamen vor allem j\u00fcngere Menschen ins Zentrum der Stadt, deutlich mehr M\u00e4nner als Frauen. Ein Teil der Teilnehmer demonstrierte das erste Mal \u00fcberhaupt \u2013 nicht unbedingt, weil sie f\u00fcr Nawalny seien, wie viele betonten, sondern weil sie nicht damit einverstanden sind, dass er vergiftet und eingesperrt wurde.<\/p>\n<p>Begleitet von hupenden Autofahrern, die so ihre Solidarit\u00e4t zeigten, riefen Protestierende \u00bbPutin ist ein Dieb\u00ab und \u00bbFreiheit\u00ab, sie verlangten so die Freilassung Nawalnys. Einige hatten Toilettenb\u00fcrsten dabei \u2013 als Anspielung auf den neuen Enth\u00fcllungsfilm des Oppositionellen, in dem er \u00fcber ein Luxusanwesen am Schwarzen Meer berichtet, das er Putin selbst zuschreibt. In dem Video, inzwischen 70 Millionen Mal aufgerufen, wurde auch das prunkvolle Interieur der Villa gezeigt, inklusive der 700 Dollar teuren Toilettenb\u00fcrsten.<\/p>\n<p>Jene Gruppe, von der im Vorfeld am meisten die Rede war, fehlte weitgehend: die Minderj\u00e4hrigen. Auf der Plattform TikTok hatten viele junge Menschen, darunter Jugendliche, zahlreiche Solidarit\u00e4tsvideos gepostet, dass die Beh\u00f6rden eigens in Schulen vor der Teilnahme gewarnt und sogar Sch\u00fcler vorgeladen hatten.<\/p>\n<h3>Polizisten gehen brutal vor \u2013 einige M\u00e4nner reagieren ebenfalls mit Gewalt<\/h3>\n<p>Immer wieder kam es auch in Moskau zu Gewalt, die Beamten der Omon-Sonderpolizei gingen rigoros gegen die Protestierenden vor, auch zahlreiche Journalisten wurden festgenommen. Mitarbeiter des Senders Dodschd, die aus einer angrenzenden Wohnung Bilder des mit Demonstranten gef\u00fcllten Puschkinplatzes live zeigten, wurden abgef\u00fchrt \u2013 anscheinend wollten die Beh\u00f6rden solche Aufnahmen unterbinden.<\/p>\n<p>Noch vor Beginn der Proteste hatten Beamte begonnen, Menschen \u00fcber den Platz zu zerren, zu schlagen und wegzuschleppen. Sp\u00e4ter dr\u00e4ngten die Sicherheitskr\u00e4fte Protestierende vom Platz, setzten dabei wieder Schlagst\u00f6cke ein. Mehrere Videos in den sozialen Medien zeigten, dass Demonstranten mit Schneeb\u00e4llen auf Beamte warfen. Dass Protestierende sich wehren, kam in den vergangenen Jahren in Russland selten vor.<\/p>\n<p>Allerdings wurden einige M\u00e4nner auch gewaltt\u00e4tig, einer attackierte einen Polizisten mit Fu\u00dftritten, andere sprangen auf eine dunkle Limousine der Sicherheitsbeh\u00f6rden, wie ein Video zeigte. Die Sicherheitsbeh\u00f6rden meldeten mehrere verletzte Beamte. Wie viele Protestierende Verletzungen erlitten, ist unbekannt, in den sozialen Medien kursierten Fotos Verwundeter.<\/p>\n<p>Das unabh\u00e4ngige Internetportal \u00bbFontanka\u00ab ver\u00f6ffentlichte am Abend ein Video aus Sankt Petersburg. Darin ist zu sehen, wie eine Frau einem Mann offensichtlich zu Hilfe eilen will, der von Beamten abgef\u00fchrt wird. Sie fragt die Polizisten, warum er festgenommen werde. Einer von ihnen tritt ihr als Antwort in den Bauch.<\/p>\n<p>In Moskau zogen bis zum Abend Gruppen von Demonstranten durch die Stadt, Hunderte versammelten sich vor dem Gef\u00e4ngnis \u00bbMatrosenstille\u00ab, in dem Nawalny eingesperrt ist. Die Polizei reagierte mit brutalen Festnahmen.<\/p>\n<p>Mehr als 2300 Menschen wurden landesweit festgenommen \u2013 so viele wie seit Jahren nicht.<\/p>\n<p>Leonid Wolkow, Vertrauter des Oppositionellen, k\u00fcndigte f\u00fcr den kommenden Samstag neue Proteste an.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Demonstranten und Beamte der Sonderpolizei in Moskau Foto:\u2002KIRILL KUDRYAVTSEV \/ AFP Ljubow Sobol sitzt im Taxi und schaut durch die beschlagenen Scheiben hinaus auf ihre Heimatstadt Moskau. 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