{"id":5349,"date":"2021-01-22T01:08:44","date_gmt":"2021-01-21T22:08:44","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/luftverschmutzung-in-europa-die-todliche-gefahr-neben-corona\/"},"modified":"2021-01-22T01:08:44","modified_gmt":"2021-01-21T22:08:44","slug":"luftverschmutzung-in-europa-die-todliche-gefahr-neben-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/luftverschmutzung-in-europa-die-todliche-gefahr-neben-corona\/","title":{"rendered":"Luftverschmutzung in Europa: Die t\u00f6dliche Gefahr neben Corona"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/280872cd-bfa6-4025-89cf-d84b1f42c204_w948_r1.77_fpx72_fpy51.png\" title=\"Europakarte mit den ausgewerteten Feinstaubmesswerten f\u00fcr den aktuellen Winter\" alt=\"Europakarte mit den ausgewerteten Feinstaubmesswerten f\u00fcr den aktuellen Winter\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Europakarte mit den ausgewerteten Feinstaubmesswerten f\u00fcr den aktuellen Winter<\/p>\n<p>  Foto:\u2002DER SPIEGEL \/ EEA  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Eigentlich sollte die Ank\u00fcndigung von Adam Niedzielski ein Geschenk sein. Trotz des verl\u00e4ngerten Shutdowns, verk\u00fcndete der polnische Gesundheitsminister, sollten Kinder wieder ungest\u00f6rt im Freien spielen k\u00f6nnen, ohne elterliche Aufsicht. \u00bbWir sind in der Ferienzeit und leider ist sie nicht wie sonst. Trotzdem sollen Kinder von 8 bis 16 Uhr die frische Luft genie\u00dfen k\u00f6nnen\u00ab, so der konservative Politiker vor einigen Tagen in Warschau. <\/p>\n<p>Im Internet kommentierten viele Polen die Ank\u00fcndigung jedoch mit Spott. Nicht ohne Grund: W\u00e4hrend Niedzielski von frischer Luft redete, stach sein Land bei den Smog-Werten in Europa mit den h\u00f6chsten Zahlen hervor. Auf der Echtzeitkarte der Europ\u00e4ischen Umweltagentur EEA erscheint der gesamte S\u00fcden des Landes derzeit oft wie ein dunkler, dichter Flickenteppich.<\/p>\n<p>In keinem anderen Land Europas leuchten so viele Messpunkte so oft dunkelrot auf wie in Polen. \u00dcbersetzt hei\u00dft das: Die st\u00fcndlich gemessene Luftqualit\u00e4t war laut offiziellen Messungen wahlweise \u00bbschlecht\u00ab, \u00bbsehr schlecht\u00ab oder \u00bbextrem schlecht\u00ab. EU-weit ist sie nur in wenigen Regionen schlechter als hier, wobei in Polen deutlich mehr Menschen leben als in allen anderen L\u00e4ndern Mittel- und Osteuropas. <\/p>\n<p><strong>Eine SPIEGEL-Analyse zeigt, wo derzeit besonders hohe Feinstaubwerte gemessen werden und wie die Werte im vergangenen Jahr aussahen:<\/strong><\/p>\n<p>Die Werte sind Momentaufnahmen, zusammengetragen aus 7.779.988 Echtzeitwerten, die an die EU \u00fcbermittelt und vom SPIEGEL ausgewertet wurden. Die Daten wurden erst zu t\u00e4glichen Mittelwerten verrechnet und anschlie\u00dfend um unvollst\u00e4ndige Ergebnisse sowie die Zahlen rund um Silvester bereinigt. Es sind die aktuellsten Ergebnisse von mehr als 1000 Messstationen in ganz Europa. <\/p>\n<p>Wie und wo die Luftqualit\u00e4t gemessen wird, unterscheidet sich teils erheblich. In manchen Regionen wurden bislang nur wenig Daten \u00fcbermittelt. Sp\u00e4tere Gewichtungen k\u00f6nnen das Bild noch ver\u00e4ndern \u2013 nicht umsonst ver\u00f6ffentlicht die EEA ihren validierten Jahresbericht in der Regel erst eineinhalb Jahre sp\u00e4ter. Doch die aktuellen Messwerte zeigen schon jetzt mehr als deutlich, dass die Luft in vielen Regionen aktuell besonders gesundheitsgef\u00e4hrdend ist.<\/p>\n<p>Gerade im Winter ist Feinstaub eine besondere Gefahr. Das kalte Wetter sorgt nicht nur daf\u00fcr, dass mehr geheizt wird, sondern auch, dass sich der giftige Nebel l\u00e4nger am Boden h\u00e4lt als zu anderen Jahreszeiten. Eine gef\u00e4hrliche Mischung.<\/p>\n<p>Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt f\u00fcr Feinstaub der Gr\u00f6\u00dfe PM2,5 seit Langem einen Grenzwert von zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel \u2013 von diesem Wert sind viele Regionen in Europa weit entfernt. Selbst der wesentlich laxere EU-Grenzwert von 25 Mikrogramm wird in etlichen St\u00e4dten noch nicht eingehalten. In der SPIEGEL-Auswertung f\u00fcr 2020 lagen laut gemeldeten Werten mehr als 480 Stationen \u00fcber dem WHO-Richtwert. Ein klares Zeichen, dass die Luftqualit\u00e4t immer noch schlecht ist.<\/p>\n<p><strong><em>(Behalten Sie den \u00dcberblick: Jeden Werktag gegen 17 Uhr beantworten SPIEGEL-Autoren die wichtigsten Fragen des Tages im Newsletter \u00bbDie Lage am Abend\u00ab \u2013 hintergr\u00fcndig, kompakt, kostenlos. <\/em><\/strong><strong><em>Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail<\/em><\/strong><strong><em>.<\/em><\/strong>)<\/p>\n<p>Dass besonders hohe Werte dabei oft aus Polen stammen, ist kein Zufall: Millionen Haushalte heizen hier immer noch mit Holz und billiger Kohle. In nicht wenigen Wohnungen kommen bisweilen auch Haushaltsabf\u00e4lle und Plastikm\u00fcll dazu. So landet giftiger Rauch oft mehr oder weniger ungefiltert in der Luft. Auch in anderen Regionen wie Italiens industriellem Norden ist die Luftqualit\u00e4t oft schlecht. Doch in wohl kaum einer anderen Region sind es die Einwohner selbst, die mit alten \u00d6fen und Herden ihre Umgebung so negativ beeinflussen wie in S\u00fcdpolen.<\/p>\n<h3>Wissenschaftler f\u00fcrchten zus\u00e4tzliches Risiko in der Coronakrise<\/h3>\n<p>In den vergangenen Wochen zeigte das Fernsehen immer wieder, was das im Alltag vieler Menschen bedeutet: Krakau scheint derzeit regelm\u00e4\u00dfig im grauwei\u00dfen Smog zu versinken. Am Tag, an dem die Regierung ihren Frischluftappell ver\u00f6ffentlichte, geh\u00f6rte Krakau laut dem nicht amtlichen Ranking des Schweizer Unternehmens IQ Air zu den zehn St\u00e4dten mit der st\u00e4rksten Luftverschmutzung weltweit. Ein Einzelwert \u2013 der dennoch gut ins Bild passt, das viele Polen von der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt ihres Landes haben.<\/p>\n<p>Die sogenannten PM2,5-Partikel sind vor allem auch deshalb ein Gesundheitsrisiko, weil sie so klein sind. Mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer sind sie etwa 20 bis 40 mal so klein wie ein menschliches Haar. Durch diese Gr\u00f6\u00dfe gelangen sie leicht in den K\u00f6rper, wo sie insbesondere die Lunge sch\u00e4digen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend der Corona-Pandemie, zeigen erste Untersuchungen aus den USA, kann das lebensgef\u00e4hrlich sein: \u00bbIn Regionen mit schlechter Luftqualit\u00e4t werden mehr Sars-CoV-2-Infizierte ins Krankenhaus kommen und mehr werden sterben\u00ab, prognostizierte bereits im vergangenen Jahr die Leiterin einer Harvard-Studie.<\/p>\n<p>Die zweite Welle der Corona-Pandemie trifft Polen derzeit hart. Mehr als 30.000 Menschen sind gestorben, in vielen Krankenh\u00e4usern fehlen die \u00c4rzte, die in den vergangenen Jahren ausgewandert sind. Vielerorts arbeitet das Personal seit Wochen am Limit.<\/p>\n<p>Dabei ist Polen nicht das einzige europ\u00e4ische Land, in dem derzeit eine besondere Gefahr in der Luft liegt. Auch in Bulgarien und auf dem Balkan sorgen alteKohle\u00f6fen und ungefilterte Kamine daf\u00fcr, dass jeden Winter besonders viel Feinstaub in die Umwelt gelangt.<\/p>\n<h3><strong>Sehen Sie hier, wie sich die gemessene Feinstaubbelastung im Lauf eines Jahres ver\u00e4ndert:<\/strong><\/h3>\n<p>EU-Sch\u00e4tzungen zufolge starben in Polen in der j\u00fcngeren Vergangenheit j\u00e4hrlich etwa 45.000 Menschen vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung \u2013 mehr als bislang durch die Corona-Pandemie. In anderen L\u00e4ndern ist es \u00e4hnlich. Ein gro\u00dfer Teil davon ist laut der EEA auf Feinstaub zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dass die Luft in kaum anderen EU-Land schmutziger ist, liegt zu einem gro\u00dfen Teil an der Kohle-Obsession Polens. Dreiviertel des Stroms wurde 2019 noch mit dem fossilen Brennstoff produziert, dreimal mehr als in Deutschland und so viel wie nirgendwo sonst in der EU.<\/p>\n<p>Auf europ\u00e4ischer Ebene verz\u00f6gert die Regierung seit Jahren sch\u00e4rfere Regeln, erst 2049 soll das letzte Kohlebergwerk schlie\u00dfen. Die Folgen dieser Umweltpolitik sind im Alltag zu sp\u00fcren. \u00bbWir k\u00f6nnen die giftige Luft oft schmecken\u00ab, klagt etwa die Umweltaktivistin Magdalena Kozlowska aus Krakau. \u00bbSie schmeckt bitter und trocken.\u00ab<\/p>\n<p>Der S\u00fcden des Landes ist das historische Zentrum des polnischen Kohleabbaus. Wer dort lebt, raucht theoretisch mehrere Tausend Zigaretten pro Jahr \u2013 allein durch das Einatmen der Luft. \u00bbIch hatte schon lange vor Corona einen Luftfilter in meiner Wohnung und eine Mund-Nasen-Bedeckung in der Tasche\u00ab, berichtet die 33-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst gibt es Versuche, die Luftqualit\u00e4t zu verbessern. Als erste polnische Stadt verbot Krakau vor eineinhalb Jahren Holz- und Kohleheizungen vollst\u00e4ndig. Ma\u00dfgeblich vorangetrieben wurde der Wechsel von der Krakauer Gruppe Alarm Smogowy, einem breiten B\u00fcndnis, dem auch Magdalena Kozlowska angeh\u00f6rt. Die Initiative ist inzwischen auch in anderen St\u00e4dten aktiv, landesweit gibt es mittlerweile 39 lokale Ableger.<\/p>\n<p>Nach einer mehrj\u00e4hrigen \u00dcbergangszeit mit Modernisierungspr\u00e4mien drohen bei Verst\u00f6\u00dfen jetzt Bu\u00dfgelder. Ob aus den Schornsteinen immer noch Rauch kommt, wird von der Stadt seitdem auch mit Drohnen \u00fcberwacht. Auch die Stimmung in der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung hat sich in den vergangenen Jahren ge\u00e4ndert. Der Ausstieg aus der Kohle ist inzwischen mehrheitsf\u00e4hig, in Umfragen sprechen sich viele Polen heute f\u00fcr strengere Gesetze und einen schnelleren Ausstieg aus.<\/p>\n<h3><strong>Abseits der Gro\u00dfstadt ist die Luft weiter voll Ru\u00df<\/strong><\/h3>\n<p>Doch im Umland von Krakau wird trotz aller Reformen bislang meist unver\u00e4ndert weiter geheizt. Weht der Wind ung\u00fcnstig, liegt der Kohlegeruch aus den Vororten weiter in der Luft. In vielen Kleinst\u00e4dten fehle es an Druck, die alten \u00d6fen endg\u00fcltig abzuschalten, klagt Magdalena Kozlowska. Viele Politiker schauten weg. Die Kohle S\u00fcdpolens schafft Arbeitspl\u00e4tze und versorgt den Rest des Landes mit Energie. Nicht zuletzt deshalb gilt sie als nationales Symbol, das hier noch oft trotzig verteidigt wird.<\/p>\n<p>Kurz vor dem zweiten Shutdown fuhren die Aktivisten von Alarm Smogowy unter dem Motto \u00bbSeht, was ihr atmet\u00ab durch D\u00f6rfer und Kleinst\u00e4dte der Umgebung von Krakau. Im Gep\u00e4ck hatten sie einen Anh\u00e4nger mit einer zwei Meter gro\u00dfen wei\u00dfen Lunge. Es dauerte nicht lang, da war sie schwarz.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Europakarte mit den ausgewerteten Feinstaubmesswerten f\u00fcr den aktuellen Winter Foto:\u2002DER SPIEGEL \/ EEA Eigentlich sollte die Ank\u00fcndigung von Adam Niedzielski ein Geschenk sein. 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