{"id":5097,"date":"2021-01-10T06:39:54","date_gmt":"2021-01-10T03:39:54","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/kapitol-angriff-und-white-privilege-wie-eine-erwachsene-pippi-langstrumpf\/"},"modified":"2021-01-10T06:39:54","modified_gmt":"2021-01-10T03:39:54","slug":"kapitol-angriff-und-white-privilege-wie-eine-erwachsene-pippi-langstrumpf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/kapitol-angriff-und-white-privilege-wie-eine-erwachsene-pippi-langstrumpf\/","title":{"rendered":"Kapitol-Angriff und White Privilege: Wie eine erwachsene Pippi Langstrumpf"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/73a62135-0e69-4f8a-9cab-919f75c4a6d1_w948_r1.77_fpx39.99_fpy50.jpg\" title=\"Mann vorm Kapitol: Ein Gros der Wei\u00dfen\u00a0macht sich\u00a0die Welt,\u00a0wie es ihnen gef\u00e4llt?\" alt=\"Mann vorm Kapitol: Ein Gros der Wei\u00dfen\u00a0macht sich\u00a0die Welt,\u00a0wie es ihnen gef\u00e4llt?\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Mann vorm Kapitol: Ein Gros der Wei\u00dfen macht sich die Welt, wie es ihnen gef\u00e4llt?<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Michael Reynolds \/ EPA-EFE \/ Shutterstock  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Stellen Sie sich vor, Sie k\u00f6nnten alles tun, was Sie wollen \u2013 und das, ohne Acht auf andere zu geben oder Konsequenzen f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Okay, vielleicht w\u00fcrden Sie ab und zu ein blaues Auge riskieren. Mehr aber nicht. Diese unbegrenzten M\u00f6glichkeiten der eigenen Entfaltung w\u00fcrden Sie sehr mutig leben lassen. So wie eine erwachsene Pippi Langstrumpf.  <\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnten also etwa in einen Laden spazieren, sich am Sortiment bedienen und wieder gehen \u2013 ohne zu bezahlen. Denn f\u00fcr den Ladendetektiv sind Sie quasi unsichtbar. Sie k\u00f6nnten aber auch ein Parlament st\u00fcrmen, Dokumente mitgehen lassen und dabei noch in Kameras winken, sich dann in ihr Auto \u2013 nat\u00fcrlich ohne F\u00fchrerschein in der Tasche \u2013 setzen und gem\u00fctlich heimfahren.  <\/p>\n<p>Falls Sie wei\u00df sind, so behaupten es viele rassismuskritische Analysen, sind diese Szenarien keine Gedankenspiele. Sie beschreiben demnach die Realit\u00e4t vieler Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind. Ein Gros der Wei\u00dfen macht sich die Welt, wie es ihnen gef\u00e4llt. So simpel ist diese Debatte dann doch nicht \u2013 aber von vorn:<\/p>\n<p>Der Sturm auf das Kapitol in Washington DC vor wenigen Tagen hat in den USA erneut eine Auseinandersetzung mit <em>White Privilege<\/em>, also wei\u00dfen Privilegien, ausgel\u00f6st. Auf sozialen und in klassischen Medien wird emotional debattiert, ob sich wei\u00dfe Menschen einfach mehr leisten k\u00f6nnen, ob wei\u00dfe Menschen also einen vielseitigen Extrarabatt genie\u00dfen. Die privilegienkritische Denkschule hat darauf eine eindeutige Antwort: Ja. <\/p>\n<p>Eine besonders gute Illustration von wei\u00dfen Privilegien lieferte w\u00e4hrend der Erst\u00fcrmung des Kapitol-Geb\u00e4udes die wei\u00dfe Texanerin Jenny Cudd: Sie streamte live \u00fcber Facebook ein Video, in dem sie offen zugab, dass sie zusammen mit ihren Mitstreitern die T\u00fcr zum B\u00fcro von Nancy Pelosi, der demokratischen Mehrheitsf\u00fchrerin im US-Kongress, eingetreten habe. Einer von Cudds Freunden habe den Hammer gestohlen, mit dem Pelosi die Parlamentssitzungen leitet. <\/p>\n<p>Jenny Cudd lacht im Video, streckt den Mittelfinger aus, freut sich kindisch, sieht sich im Recht und f\u00fcrchtet anscheinend keine Strafen. Immerhin steht der noch amtierende US-Pr\u00e4sident auf ihrer Seite. <\/p>\n<p>Einige antirassistische Aktivisten interpretierten die Aussagen Cudds wie folgt: Als wei\u00dfe Person \u2013 hier in Form einer wei\u00dfen Frau, die sich eine Trump-Fahne umgeworfen hat \u2013 besitzt man eine <em>Carte Blanche<\/em>, also eine unbegrenzte Vollmacht, zu tun und zu lassen, was man will.  <\/p>\n<p>Donald Trump selbst ist die Personifizierung von wei\u00dfen Privilegien: Ein unqualifizierter, trampelnder, skandalbelasteter alter wei\u00dfer Mann, der es trotz allem ins h\u00f6chste Amt seines Landes geschafft hat. Dutzende Anh\u00e4nger seiner Theorie der wei\u00dfen \u00dcberlegenheit waren am vergangenen Mittwoch sogar noch stolz auf ihr <em>White Privilege<\/em> und lie\u00dfen selbstbewusst die eigenen Handykameras bei ihrem Putschversuch laufen. <\/p>\n<p>Oft ist diese historisch gewachsene und manchmal subtile Machtausstattung wei\u00dfen Menschen aber unbewusst. Sich \u00fcber die eigene Positionierung in der Gesellschaft keine Gedanken machen zu m\u00fcssen, ist an sich schon ein Privileg. Und genau diese Akkumulation von Sonderrechten auf der einen und die strukturelle Diskriminierung von nichtwei\u00dfen Minderheiten auf der anderen Seite befeuert Konflikte und macht Gleichberechtigung quasi unm\u00f6glich \u2013  also die Grundlage f\u00fcr Demokratie.  <\/p>\n<p>User auf Twitter und Instagram haben nach dem Sturm auf das Kapitol zwei Bilder nebeneinander gestellt: <\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Das eine Bild zeigt Dutzende Soldaten der Nationalgarde, die sich kurz vor einer angek\u00fcndigten Black-Lives-Matter-Demonstration im Juni 2020 schwer bewaffnet auf den Stufen des Lincoln Memorials in Reichweite des Kapitols aufstellten. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Das andere Bild vom vergangenen Mittwoch zeigt ein paar militante wei\u00dfe M\u00e4nner, wie sie eine Mauer hochklettern, um sp\u00e4ter Fenster des Parlamentsgeb\u00e4udes in Washington einzuschmei\u00dfen und in den B\u00fcros der Abgeordneten Chaos zu stiften.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Botschaft des Vergleichs: Als wei\u00dfe Person ist man frei, niemand stellt sich einem in den Weg, den Staat und weite Teile der Mehrheitsgesellschaft wei\u00df man an seiner Seite. Als nichtwei\u00dfe Person, insbesondere wenn man Schwarz ist, werden prophylaktisch gegen einen alle Gesch\u00fctze und die ganze H\u00e4rte des staatlichen Gewaltmonopols aufgefahren. Und genau dieses Ungleichgewicht endet f\u00fcr viele von Rassismus betroffene Menschen t\u00f6dlich und l\u00e4sst gleichzeitig Wei\u00dfe gew\u00e4hren. <\/p>\n<p>Dieser institutionalisierte Doppelstandard existiert auch in Deutschland. Bei den Bildern aus Washington f\u00fchlten sich viele Menschen hierzulande an den rechtsextremen Mob auf den Stufen des Reichstages in Berlin Ende August 2020 erinnert. Gr\u00f6lende M\u00e4nner mit Reichsflaggen marschierten bei einer Corona-Demonstration in Berlin bis vor den Eingang des Parlaments. Muslimisch gelesene Individuen, Schwarze Menschen oder allgemein Nichtwei\u00dfe w\u00fcrden erst gar nicht in \u00e4hnlichen Kontexten so weit kommen, so lautet die Beobachtung von Menschen mit rassistischer Diskriminierungserfahrung. <\/p>\n<p>Selbst wenn die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist, greift <em>White Privilege<\/em>: Wei\u00dfe Terroristen werden auch hierzulande oft reflexhaft als \u00bbverwirrte Einzelt\u00e4ter\u00ab betitelt, eine grunds\u00e4tzliche Gefahr f\u00fcr das friedliche Zusammenleben kann demnach nur von Minderheiten ausgehen.  <\/p>\n<h3>Hautfarbe ist nicht das einzige ausschlaggebende Merkmal<\/h3>\n<p>Die Beispiele m\u00fcssen aber nicht so drastisch sein. <em>White Privilege<\/em> kann unauff\u00e4llig den Alltag strukturieren und subtil Gesellschaften formen: Wei\u00dfe Menschen wurden und werden \u2013 \u00fcber die USA hinaus \u2013 zum Beispiel vor Gericht systematisch bevorzugt. Mehrere Studien belegen, dass wei\u00dfen Menschen in westlichen Justizsystemen mehr Glauben geschenkt wird, sie werden milder bestraft, \u00f6fters als andere bei Verst\u00f6\u00dfen lediglich verwarnt \u2013 wenn sie \u00fcberhaupt vor Gericht landen. <\/p>\n<p>Denn die vorgeschaltete Strafverfolgung durch die Sicherheitsbeh\u00f6rden ist ebenfalls so strukturiert, dass sie wei\u00dfe Menschen bevorzugt. Polizisten kontrollieren \u00bbnordafrikanisch aussehende M\u00e4nner\u00ab x-mal, bevor sie eine wei\u00dfe Frau in ihren \u00bbRoutinekontrollen\u00ab ber\u00fccksichtigen. Darauf sind viele Polizeibeh\u00f6rden konditioniert worden. Wei\u00dfe Frauen \u2013 egal ob ihnen das bewusst ist oder nicht \u2013 k\u00f6nnen diese L\u00fccke ausnutzen. <\/p>\n<p>Der Ladendetektiv ist darauf trainiert, dem Schwarzen Kunden zwischen den Regalreihen zu folgen, w\u00e4hrend der wei\u00dfe Kunde gratis shoppen geht. So addieren sich wei\u00dfe Privilegien zur systematischen Bevorzugung der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerungsmehrheit. Das bedeutet nicht, dass Wei\u00dfe absolute Immunit\u00e4t genie\u00dfen. Es bedeutet aber, dass wei\u00dfe Menschen, wenn sie wollen oder nicht, von diesen Verh\u00e4ltnissen profitieren.  <\/p>\n<p>Auf den zweiten Blick spricht gegen diese These die Tatsache, dass wenige Tage nach dem versuchten Putsch einige aus dem Trump-Mob doch Konsequenzen sp\u00fcren: Mehrere namentlich identifizierte <em>White Supremacists<\/em> wurden von ihren Arbeitgebern entlassen, anderen droht nun ein FBI-Ermittlungsverfahren.<\/p>\n<p>Ist es dann nicht \u00fcbertrieben, sie als omnipotente Subjekte darzustellen?<\/p>\n<p>Nun, der Sturm auf das Kapitol geschah mit Ansage und niemand hat die M\u00e4nner daran gehindert. Und dann: Diese gesellschaftlichen und strafrechtlichen Sanktionen k\u00f6nnten auch als direkte Folge der <em>White-Privilege<\/em>-Kritik gelesen werden. Die \u00d6ffentlichkeit und Minderheiten in den USA \u2013 und vermehrt auch in Deutschland \u2013 schauen nicht mehr tatenlos zu, wenn wei\u00dfe Menschen ihre Privilegien missbrauchen, um Gesetze zu brechen, andere in Gefahr zu bringen und sich dabei noch feiern. <\/p>\n<p>Hautfarbe ist allerdings nicht das alleinige ausschlaggebende Merkmal. Sie ist auch nicht per se der Grund, warum eine Person bevorzugt oder benachteiligt wird. <em>White Privilege<\/em> ist kein Naturgesetz, es ist ein historisch gewachsenes, von Menschen gemachtes soziales Konstrukt. Es summiert sich mit anderen Aspekten zu Rahmenbedingungen, in denen einzelne Individuen und Gruppen handeln oder in ihrem Handeln eingeschr\u00e4nkt werden. <\/p>\n<p>Bei Ausschreitungen wie sie vor den Parlamenten in Washington oder Berlin stattfanden, spielt beispielsweise eine \u00fcberbordende M\u00e4nnlichkeit auch eine wichtige Rolle. Anarchistische Antifaschisten, die mehrheitlich auch wei\u00df sein k\u00f6nnten, w\u00fcrden mit Ansage wohl auch ganz anders von den Sicherheitsbeh\u00f6rden empfangen werden. Es gibt viele politische Faktoren, die man bei solchen einschneidenden Ereignissen genau wie im unspektakul\u00e4ren Alltag mitdenken muss. <\/p>\n<p><em>White Privilege <\/em>ist und bleibt aber ein m\u00e4chtiger Wirkungsfaktor, der die Welt seit Jahrhunderten stabil beherrscht.  <\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Mann vorm Kapitol: Ein Gros der Wei\u00dfen macht sich die Welt, wie es ihnen gef\u00e4llt? 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