{"id":4844,"date":"2020-12-29T23:37:06","date_gmt":"2020-12-29T20:37:06","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/schulen-in-der-coronakrise-das-marchen-vom-pandemie-paradies\/"},"modified":"2020-12-29T23:37:06","modified_gmt":"2020-12-29T20:37:06","slug":"schulen-in-der-coronakrise-das-marchen-vom-pandemie-paradies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/schulen-in-der-coronakrise-das-marchen-vom-pandemie-paradies\/","title":{"rendered":"Schulen in der Coronakrise: Das M\u00e4rchen vom Pandemie-Paradies"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/cebb0f02-0867-41c4-a9f6-626b72757a38_w948_r1.77_fpx22_fpy46.jpg\" title=\"Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler einer Stadtteilschule in Hamburg (Archivbild)\" alt=\"Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler einer Stadtteilschule in Hamburg (Archivbild)\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler einer Stadtteilschule in Hamburg (Archivbild)<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Daniel Bockwoldt \/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00dcber Schulpolitik l\u00e4sst sich pr\u00e4chtig streiten. Da ist es umso bemerkenswerter, wenn die Kultusministerinnen und -minister \u00fcber alle Parteigrenzen hinweg wochen- und monatelang dieselbe Botschaft verk\u00fcnden: Infektionen an Schulen? Nein, die seien h\u00f6chst unwahrscheinlich, der Pr\u00e4senzunterricht deshalb auf gar keinen Fall einzustellen.<\/p>\n<p>\u00bbPr\u00e4senzunterricht ist durch nichts zu ersetzen\u00ab, formuliert das beispielsweise Susanne Eisenmann, CDU-Ministerin in Baden-W\u00fcrttemberg. Dass es Empfehlungen des Robert Koch-Instituts f\u00fcr kleinere Lerngruppen schon ab niedrigen Inzidenzwerten gibt, dass die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina am 8. Dezember angesichts steigender Infektionszahlen f\u00fcr eine Aufhebung der Schulpflicht pl\u00e4dierte? Die Ministerinnen und Minister ficht das nicht an.<\/p>\n<p>Die Leopoldina scheine mit manchen Empfehlungen \u00bbnicht ganz auf der H\u00f6he der Zeit zu sein\u00ab, b\u00fcrstete Eisenmann die eindeutigen Ratschl\u00e4ge aus der Wissenschaft ab. Und legte, kurz nach den Weihnachtsfeiertagen, noch einen drauf: Sie gehe mit Blick auf den 11. Januar davon aus, \u00bbdass wir Kitas und Grundschulen in jedem Fall wieder in Pr\u00e4senz \u00f6ffnen und auch Klasse 5, 6 und 7 sowie die Abschlussklassen im Blick haben \u2013 unabh\u00e4ngig von den Inzidenzzahlen.\u00ab<\/p>\n<h3>\u00bbSchulen sind nicht die Hotspots\u00ab<\/h3>\n<p>Aus der Kultusministerkonferenz erhob sich kein Widerspruch gegen diese Missachtung der Wissenschaft \u2013 was nicht weiter verwundert, da sich viele von Eisenmanns Kolleginnen und Kollegen zuvor ebenfalls schon eindeutig positioniert hatten, was die Virenausbreitung in Schulen angeht.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>\u00bbSowohl bei Lehrkr\u00e4ften als auch bei Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gibt es keinerlei Anzeichen daf\u00fcr, dass Schulen in dieser Situation Infektionstreiber sind.\u00ab (Karin Prien, CDU, Schleswig-Holstein, am 15. November 2020)<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>\u00bbEs ist nicht logisch und auch nicht empirisch belegt, dass sich infizierte Kinder und Jugendliche vor allem in der Schule infizieren.\u00ab (Ties Rabe, SPD, Hamburg, am 19. November 2020)<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>\u00bbWir haben \u00dcbertragung in Schule, aber die Schulen sind nicht die Hotspots und nicht die Treiber der Pandemie.\u00ab (Stefanie Hubig, SPD, Rheinland-Pfalz und zugleich Pr\u00e4sidentin der Kultusministerkonferenz, am 8. Dezember 2020)<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>\u00bbSchulen sind keine Infektionsherde, das haben das Robert Koch-Institut und andere Wissenschaftler wiederholt festgestellt.\u00ab (Yvonne Gebauer, FDP, Nordrhein-Westfalen, am 18. Dezember 2020)<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Haben sie das wirklich? Zweifel sind mittlerweile angebracht. Denn dass Schulen sichere Orte sind, wie es etwa Hamburgs Schulsenator Ties Rabe immer wieder verk\u00fcndet hatte, stellt sogar seine eigene Beh\u00f6rde infrage. Und dass Kinder und Jugendliche sich vor allem zu Hause oder bei Freunden anstecken, scheint zumindest in einem Fall dramatisch widerlegt zu sein.<\/p>\n<p>Rabe hatte seine Aussage zur Sicherheit des Pr\u00e4senzunterrichts vor allem auf Daten gest\u00fctzt, die seine Schulbeh\u00f6rde im November vorstellte. Wissenschaftlich publiziert sind sie noch nicht.<\/p>\n<p>Bei der Pressekonferenz hie\u00df es, dass sich Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in der Hansestadt zwar auch beim Schulbesuch anstecken, dass dort die Gefahr aber offensichtlich viel geringer sei als anderswo. Die Beh\u00f6rde legte Zahlen zu den Infektionen vor: 78 Prozent der Sch\u00fcler h\u00e4tten sich eine nachgewiesene Corona-Infektion au\u00dferhalb der Lehranstalten zugezogen. Auff\u00e4llig sei auch, dass sich j\u00fcngere Sch\u00fcler unter zw\u00f6lf Jahren nur halb so h\u00e4ufig infizieren wie \u00e4ltere. F\u00fcr die Untersuchung hatte die Schulbeh\u00f6rde die Umst\u00e4nde von 372 Erkrankungen ausgewertet.<\/p>\n<h3>Problematische Einsch\u00e4tzung des Senators<\/h3>\n<p>Inzwischen ist eine Genomanaylse des Virus vom Heinrich-Pette-Institut (HPI) und des Uniklinikums Eppendorf bekannt geworden, zu der Rabe bislang schwieg. Sie zeichnet einen Ausbruch an der Heinrich-Hertz-Schule mit mehr als drei Dutzend Infizierten nach und kommt zu einem Ergebnis, das im Widerspruch zu Rabes bisherigen Aussagen steht: Demnach kann der Ausbruch an der Hamburger Lehranstalt \u00fcberwiegend auf eine einzige Person zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon k\u00f6nnte Rabes Einsch\u00e4tzung schon damals problematisch gewesen sein. Und erst recht in der aktuellen Lage mit einem hohen Infektionsgeschehen. <\/p>\n<p>Dabei scheint manches der Interpretation von vielen Kultusministerien recht zu geben. Studien zur Rolle der Lehranstalten und ihrer Besucher kamen im Verlauf der Pandemie zu unterschiedlichen, teils widerspr\u00fcchlichen Aussagen. In einem \u00bbNature\u00ab-Artikel aus dem Oktober hie\u00df es, dass Schulen wahrscheinlich keine Hotspots seien und gerade kleinere Kinder das Virus wohl nicht verbreiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Der Artikel zitiert den Epidemiologen Walter Haas vom Robert Koch-Institut. Noch w\u00fcrde Covid-19 unter Kindern global gesehen weniger oft auftreten als bei Erwachsenen. \u00bbSie folgen eher dem Infektionsgeschehen, statt es anzutreiben.\u00ab Der Text verweist auf Studien aus S\u00fcdkorea, Europa und Australien. Demnach k\u00f6nnten Schulen ge\u00f6ffnet bleiben \u2013 wenn das Infektionsgeschehen drum herum niedrig sei.<\/p>\n<h3>Kinder werden seltener getestet<\/h3>\n<p>Aber nicht nur in Hamburg sind die Zeiten niedriger Fallzahlen schon lange vorbei. Die von Rabe im November pr\u00e4sentierten Werte stammten aus dem Zeitraum zwischen den Sommer- und den Herbstferien, also vom 4. August bis zum 4. Oktober 2020. Am 4. August lag der Inzidenzwert, der die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner angibt, an der Elbe bei 6,5. Anfang Oktober waren es 29 F\u00e4lle. Aktuell liegt der Wert aber bei 139 Neuinfektionen, die Grenze von 50 pro 100.000 Einwohner wurde am 19. Oktober \u00fcberschritten.<\/p>\n<p>In dieser Situation l\u00e4sst sich ohnehin nur schwer sagen, wo und wie sich die Menschen anstecken und welche Rolle die Schulen bis zum Beginn der vorgezogenen Ferien in Hamburg spielten. Aber manche Experten sind sich sicher, dass Sch\u00fcler genauso wie Erwachsene das Infektionsgeschehen widerspiegeln, nur macht sich das nicht bemerkbar. Denn weil Kinder h\u00e4ufiger symptomfrei bleiben und das Virus unbemerkt \u00fcberstehen, werden sie seltener getestet.<\/p>\n<p>Schauen Wissenschaftler genauer hin, ergibt sich ein anderes Bild. Ein Team von Forschern mehrerer Universit\u00e4ten in \u00d6sterreich hatte beispielsweise Massentests an Schulen durchgef\u00fchrt. Das Ergebnis: Sars-CoV-2 bef\u00e4llt Sch\u00fcler wie Lehrer gleicherma\u00dfen. Es stammt aus dem Sp\u00e4tsommer, aber es wurde weiter getestet, um ein valides Bild der Corona-Lage an den Schulen zu erhalten und die Dunkelziffer zu beleuchten. Erste Ergebnisse legten nahe, dass die Zahl der Infizierten an den Schulen deutlich zunahm wie \u00fcberall anders auch (mehr dazu lesen Sie hier).<\/p>\n<h3>Virus macht um Schulen keinen Bogen<\/h3>\n<p>Ein \u00e4hnliches Bild ergibt sich in Gro\u00dfbritannien. Hier liegt laut Daten der nationalen Statistikbeh\u00f6rde  ONS (Office for National Statistics) der Anteil an Schulkindern bei den positiven Corona-Tests besonders hoch. Den h\u00f6chsten Zuwachs verzeichnen im Dezember Kinder an Sekundarschulen also meist ab einem Alter von zw\u00f6lf Jahren aufw\u00e4rts. Der Virologe Christian Drosten teilte auf Twitter mit, dass man die Qualit\u00e4t der britischen Daten nur bewundern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Allerdings bleibt unklar, ob sich die Kinder in den Schulen angesteckt haben oder woanders. Die Daten zeigen aber, dass das Virus um Lehranstalten keinen Bogen macht. Corona wird in die Schulen hineingetragen und gelangt auch wieder heraus. Kinder in die Schule zu schicken, stellt aus epidemiologischer Sicht derzeit ein Risiko dar \u2013 selbst wenn nur manche Schulen betroffen sein sollten.<\/p>\n<p>Dass manchmal eine einzige Person ausreicht, um das Virus an viele andere zu \u00fcbertragen, hat sich nicht nur an der Hamburger Schule gezeigt. In Kanada stiegen die Zahlen der Neuinfektionen an den Schulen im Oktober massiv. Dort waren teils mehr Kinder betroffen als in den Firmen oder in Pflegeberufen. In der Provinz Quebec waren vor allem die Schulen die Treiber der Pandemie, sagte der Mikrobiologe Karl Weiss einer Zeitung.<\/p>\n<h3>Nur falsch kommuniziert?<\/h3>\n<p>Den Vorwurf der gezielten Vertuschung von Studienergebnissen weist eine Sprecherin der Hamburger Schulbeh\u00f6rde auf SPIEGEL-Anfrage zur\u00fcck. Schon bisher sei man beim Corona-Ausbruch an der Heinrich-Hertz-Schule davon ausgegangen, \u00bbdass sich bis zu 34 der \u00fcber 40 infizierten Schulbeteiligten in der Schule infiziert haben\u00ab.<\/p>\n<p>Diese Zahl sei auch in die bisherigen Ver\u00f6ffentlichungen eingegangen, unter anderem in die Pressekonferenz von Schulsenator Rabe Mitte November. Zu ber\u00fccksichtigen sei au\u00dferdem, \u00bbdass die Untersuchungen nach wie vor nicht abgeschlossen sind\u00ab, exakte Aussagen zu den Infektionsketten seien daher noch gar nicht m\u00f6glich, so die Sprecherin. Das Heinrich-Plett-Institut und das Uniklinikum Eppendorf planten, \u00bbzu gegebener Zeit\u00ab eine wissenschaftliche Publikation zum Ausbruchsgeschehen an Hamburger Schulen zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>In einem Interview mit dem NDR erkl\u00e4rte Ties Rabe, die Ergebnisse der Forscherinnen und Forscher seien im Prinzip l\u00e4ngst bekannt gewesen. Der SPD-Politiker r\u00e4umte ein, dass es im Nachhinein besser gewesen w\u00e4re, die Ergebnisse sofort zu ver\u00f6ffentlichen. Und er deutete an, an der bisherigen Einsch\u00e4tzung des Pr\u00e4senzunterrichts festzuhalten: An den meisten Schulen gebe es keine Corona-Ausbr\u00fcche.<\/p>\n<p>Damit liegt er dann wieder ganz auf KMK-Linie. Am kommenden Montag wollen die Ministerinnen und Minister beraten, wie es in den Schulen weitergehen kann \u2013 auch im Hinblick auf m\u00f6gliche Beschl\u00fcsse von Kanzlerin Angela Merkel und den L\u00e4nderchefs einen Tag sp\u00e4ter. \u00bbIn der KMK sind alle daf\u00fcr, dass die Schulen m\u00f6glichst lange offengehalten werden k\u00f6nnen\u00ab, stellte dazu Britta Ernst schon einmal fest. Die SPD-Ministerin aus Brandenburg wird 2021 als Pr\u00e4sidentin die KMK f\u00fchren.<\/p>\n<p>Und deutet, ganz zaghaft, eine neue \u00bbGesamtabw\u00e4gung\u00ab an: Auch die Schulen m\u00fcssten einen Beitrag zur Reduzierung der Kontakte leisten.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler einer Stadtteilschule in Hamburg (Archivbild) Foto:\u2002Daniel Bockwoldt \/ dpa \u00dcber Schulpolitik l\u00e4sst sich pr\u00e4chtig streiten. 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