{"id":4810,"date":"2020-12-28T10:08:02","date_gmt":"2020-12-28T07:08:02","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-verlagert-die-industrie-ihre-produktion-zuruck-nach-deutschland\/"},"modified":"2020-12-28T10:08:02","modified_gmt":"2020-12-28T07:08:02","slug":"corona-verlagert-die-industrie-ihre-produktion-zuruck-nach-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-verlagert-die-industrie-ihre-produktion-zuruck-nach-deutschland\/","title":{"rendered":"Corona: Verlagert die Industrie ihre Produktion zur\u00fcck nach Deutschland?"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/8ad263af-0001-0004-0000-000001178530_w948_r1.77_fpx35.77_fpy49.98.jpg\" title=\"Tablettenproduktion (Archivbild): Pl\u00f6tzlich wurden Wirkstoffe knapp\" alt=\"Tablettenproduktion (Archivbild): Pl\u00f6tzlich wurden Wirkstoffe knapp\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Tablettenproduktion (Archivbild): Pl\u00f6tzlich wurden Wirkstoffe knapp<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Frank Rumpenhorst\/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Als wegen Corona pl\u00f6tzlich jeder Desinfektionsmittel wollte, bekam Thomas B\u00fcttner das zu sp\u00fcren. Er ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Firma Gemini PharmChem, die in Mannheim Wirkstoffe f\u00fcr die Chemotherapie herstellt. Durch den Desinfektionsboom mangelte es dort pl\u00f6tzlich an bestimmten Alkoholen. \u00bbIch bin jetzt knapp 40 Jahre im Berufsleben\u00ab, sagt B\u00fcttner. \u00bbEs war das erste Mal, dass man mich nur noch in Raten beliefert hat.\u00ab<\/p>\n<p>Eine Erfahrung, die nicht nur B\u00fcttner machte. Zu Beginn der Pandemie litten viele Pharmaunternehmen unter Liefereinschr\u00e4nkungen in China und Indien, von wo mehr als 80 Prozent der g\u00e4ngigen Wirkstoffe stammen. Auch in anderen Branchen wurden Lieferketten durch die Pandemie arg strapaziert oder rissen gar. Corona brachte deshalb auch eine Diskussion \u00fcber die Frage, ob Teile der hoch globalisierten Industrieproduktion zur\u00fcck nach Deutschland verlagert werden sollten.<\/p>\n<p>Zum Jahresende bekommt diese Debatte neue Nahrung: In Gro\u00dfbritannien kam es wegen einer neuen Corona-Variante und dem bevorstehenden Brexit zu Lieferengp\u00e4ssen, Superm\u00e4rkte rationierten ihre Waren. Und in der gesamten EU zeichnet sich ein Mangel an Corona-Impfstoffen ab. Dieser wurde durch eine chaotische Bestellpolitik verursacht, aber auch durch mangelnde Produktionskapazit\u00e4ten. Der deutsche Impfstoffhersteller Biontech baut derzeit mit Hochdruck an einer neuen Fabrik in Marburg.<\/p>\n<p>\u00bbIch halte es f\u00fcr rich\u00adtig, dass man f\u00fcr be\u00adstimmte Pro\u00addukte auch hei\u00admi\u00adsche Pro\u00adduk\u00adtion braucht, um sich nicht kom\u00adplett von Lie\u00adfe\u00adrun\u00adgen aus aller Welt ab\u00adh\u00e4n\u00adgig zu ma\u00adchen\u00ab, hatte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm bereits im April dem \u00bbHandelsblatt\u00ab gesagt. Dort prophezeite auch der \u00d6konom Bert R\u00fcrup, die Produktionsengp\u00e4sse w\u00fcrden \u00bbein Um\u00adden\u00adken in den hoch ar\u00adbeits\u00adtei\u00adlig or\u00adga\u00adni\u00adsier\u00adten Bran\u00adchen be\u00adwir\u00adken; Teile von Wert\u00adsch\u00f6p\u00adfungs\u00adket\u00adten d\u00fcrf\u00adten re\u00adna\u00adtio\u00adna\u00adli\u00adsiert wer\u00adden\u00ab.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten Corona-Welle schienen manche Unternehmen denn auch gleich N\u00e4gel mit K\u00f6pfen zu machen: Unterw\u00e4sche- oder Matratzenfabrikanten sattelten auf die Produktion von Atemschutzmasken um, weil die vor allem in China produzierte Ware in Deutschland knapp wurde. Doch wird es auch einen breiteren Trend zur Renationalisierung geben?<\/p>\n<p>Die Meinungen dazu gehen auseinander und h\u00e4ngen auch davon ab, wie sehr Unternehmen selbst in den Weltmarkt eingebunden sind. \u00bbIn der Diskussion \u00fcber eine R\u00fcckverlagerung von Produktion rudern inzwischen alle ein St\u00fcck zur\u00fcck\u00ab, sagt etwa Han Steutel, Pr\u00e4sident des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller, in dem viele Global Player der Branche organisiert sind. \u00bbDenn einmal gef\u00e4llte Investitionsentscheidungen kann man nicht mehr zur\u00fcckdrehen. Das wird auch die Politik einsehen.\u00ab<\/p>\n<p>Der eher mittelst\u00e4ndisch orientierte Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie pl\u00e4diert dagegen daf\u00fcr, wieder verst\u00e4rkt in Europa zu produzieren. \u00bbWenn ein Anbieter aufgrund technischer Schwierigkeiten dann nicht liefern kann, sind andere Unternehmen vorhanden, die einspringen k\u00f6nnen.\u00ab Das sei derzeit besonders durch die Konzentration auf wenige Anbieter in Asien \u00bbimmer seltener der Fall\u00ab.<\/p>\n<p>Pharmaunternehmer B\u00fcttner glaubt, dass die Diskussion nur aufgeschoben ist. \u00bbSolange wir nach einem Impfstoff suchen, hat niemand Zeit f\u00fcr das Thema. Aber im ersten oder zweiten Quartal wird es wieder auf die Tagesordnung kommen, um Engp\u00e4sse und Abh\u00e4ngigkeiten zu vermeiden.\u00ab<\/p>\n<h3>\u00bbAha-Erlebnisse und Schockmomente\u00ab<\/h3>\n<p>Die Bundesregierung will allerdings erkennbar den Eindruck vermeiden, der langj\u00e4hrige Exportweltmeister schotte sich nun ab. \u00bbDie Antwort auf die Pandemie kann mit Sicherheit nicht sein, alle internationalen Lieferketten jetzt zu renationalisieren\u00ab, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). \u00bbDann w\u00fcrden alle einen sehr hohen Preis zahlen.\u00ab Dieter Kempf, Pr\u00e4sident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) warnte ebenfalls vor Renationalisierung: \u00bbDas w\u00e4re schlecht f\u00fcr uns als Ex\u00adport\u00adna\u00adtion.\u00ab<\/p>\n<p>Auf Nachfrage ist beim BDI jedoch zu erfahren, dass die Pandemie viele Unternehmen zum Nachdenken gebracht habe. Das gelte besonders f\u00fcr die in der Automobilbranche verbreitete Just-in-time-Produktion, bei der Teile erst dann geliefert werden, wenn sie ben\u00f6tigt werden. \u00bbDa gab es besonders im Februar und M\u00e4rz schon einige Aha-Erlebnisse und Schockmomente\u00ab, sagt ein Vertreter des Verbands. Die langfristigen Folgen f\u00fcr Au\u00dfenhandel und Investitionen lie\u00dfen sich noch nicht vorhersagen, aber: \u00bbBei vielen Unternehmen wird es auf mehr Lagerhaltung, mehr Bezugsquellen und regionale Diversifizierung hinauslaufen.\u00ab<\/p>\n<p>Die wenigsten Firmen werden also ihre gesamte Produktion nach Hause holen. Doch viele versuchen, ihre Abh\u00e4ngigkeiten von einzelnen Lieferanten in der Ferne zu reduzieren. Bei einer DIHK-Umfrage unter deutschen Unternehmen im Ausland gaben im Juli 38 Prozent an, sie suchten vermehrt neue Lieferanten. Davon sahen sich 63 Prozent nach lo\u00adkalen Zu\u00adlie\u00adfe\u00adrern am jeweiligen Standort um. Regionalisierung kann in diesem Fall auch bedeuten, dass deutsche Unternehmen mit Produktion in China verst\u00e4rkt mit \u00f6rtlichen Zulieferern arbeiten.<\/p>\n<p>Vor einer generellen R\u00fcckkehr zu \u00bbMade in Germany\u00ab warnen \u00d6konomen hingegen auch wegen der starken Verflechtung mit dem Rest der Welt. \u00bbIn Deutschland h\u00e4tten eine Rena\u00adtionalisierung und das Zur\u00fcckholen der Produktion enorme negative Folgen auf die Wirtschaftskraft\u00ab, schreiben die Ifo-Forscherinnen Lisandra Flach und Marina Steininger. Nach ihren Berechnungen w\u00e4re zwar die Auswirkung der Corona-Pandemie \u00bbin einer deglobalisierten Welt etwas ge\u00adringer\u00ab gewesen. \u00bbGleichzeitig w\u00fcrde jedoch das deutsche Brut\u00adtoinlandsprodukt durch die Deglobalisierung und den Covid-19-Schock auf ein Niveau von 1996 zur\u00fcckge\u00adworfen werden.\u00ab<\/p>\n<h3>Darf&#039;s ein bisschen teurer sein?<\/h3>\n<p>Nicht immer aber sind die Kosten entscheidend \u2013 das zeigt ein Blick ins traditionell protektionistischere Frankreich. Dort bef\u00fcrworteten bei einer Umfrage des Instituts Odoxa 89 Prozent der Befragten eine R\u00fcckverlagerung von Industrieproduktion auch dann, wenn dies die Preise f\u00fcr Konsumenten erh\u00f6hen sollte. Die Stimmung passt zur Ank\u00fcndigung von Pr\u00e4sident Emmanuel Macron, die wirtschaftliche Un\u00adab\u00adh\u00e4n\u00adgig\u00adkeit des Landes zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland ist der Preis nicht alles \u2013 zumindest wenn es um Medikamente und Schutzmaterialien geht. Bei einer Forsa-Umfrage f\u00fcr die Robert-Bosch-Stiftung sprachen sich 92 Prozent daf\u00fcr aus, solche Medizinprodukte verst\u00e4rkt in Deutschland und Europa zu produzieren \u2013 auch wenn die Preise dadurch steigen sollten.<\/p>\n<p>Leichter R\u00fcckenwind f\u00fcr solch einen Kurs kommt aus Br\u00fcssel. Laut der k\u00fcrzlich vorgestellten Arzneimittelstrategie der EU-Kommission soll Europa seine Abh\u00e4ngigkeiten im Gesundheitsbereich reduzieren \u2013 und zwar \u00bbm\u00f6glicherweise durch die Diversifizierung der Produktions- und Lieferketten, die Sicherstellung von Vorr\u00e4ten an strategisch wichtigen G\u00fctern und die F\u00f6rderung der Produktion und Investitionen in Europa\u00ab.<\/p>\n<p>Ginge es nach Unternehmern wie Thomas B\u00fcttner k\u00f6nnte dieses Bekenntnis ruhig noch beherzter ausfallen. Bisher sei der Preis f\u00fcr sehr billige Medikamente, \u00bbdass wir irgendwann in Krisensituationen keine haben\u00ab, sagt der Gemini-PharmChem-Manager. Dabei k\u00f6nne der Staat die heimische Forschung und Produktion wichtiger Arzneien durchaus gezielt f\u00f6rdern \u2013 so wie er es jetzt bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffes getan hat. \u00bbDas hat mir gezeigt: Wenn es der politische Wille hergibt, geht eine ganze Menge.\u00ab<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Tablettenproduktion (Archivbild): Pl\u00f6tzlich wurden Wirkstoffe knapp Foto:\u2002Frank Rumpenhorst\/ dpa Als wegen Corona pl\u00f6tzlich jeder Desinfektionsmittel wollte, bekam Thomas B\u00fcttner das zu sp\u00fcren. 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