{"id":475,"date":"2020-06-15T01:07:48","date_gmt":"2020-06-14T22:07:48","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belgien-koloniale-grauel-im-kongo-leopolds-geist-wird-zur-heimsuchung\/"},"modified":"2020-06-15T01:07:48","modified_gmt":"2020-06-14T22:07:48","slug":"belgien-koloniale-grauel-im-kongo-leopolds-geist-wird-zur-heimsuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belgien-koloniale-grauel-im-kongo-leopolds-geist-wird-zur-heimsuchung\/","title":{"rendered":"Belgien: Koloniale Gr\u00e4uel im Kongo &#8211; Leopolds Geist wird zur Heimsuchung"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/fad6fe39-be99-4571-85c8-b3bfbd9621be_w948_r1.77_fpx34_fpy35.jpg\" title=\"Beschmierte Leopold-B\u00fcste im Park des Afrikamuseums in Tervuren: Schmerzhafter Hohn\" alt=\"Beschmierte Leopold-B\u00fcste im Park des Afrikamuseums in Tervuren: Schmerzhafter Hohn\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Beschmierte Leopold-B\u00fcste im Park des Afrikamuseums in Tervuren: Schmerzhafter Hohn<\/p>\n<p>STEPHANIE LECOCQ\/EPA-EFE\/Shutterstock<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Steine des Ansto\u00dfes stehen etwas versteckt am Wegesrand im Br\u00fcsseler Jubelpark. Abseits der Hauptachse des Parks, der f\u00fcr seinen m\u00e4chtigen Triumphbogen bekannt ist, erhebt sich eine Hommage an ein finsteres Kapitel der belgischen Geschichte: das Denkmal f\u00fcr die ersten Pioniere des Kongo, besser bekannt als &quot;Kongo-Monument&quot;.<\/p>\n<p>Auf einem Relief f\u00fchren Soldaten und Missionare eine Gruppe Afrikaner auf einen b\u00e4rtigen Wei\u00dfen zu, der mit huldvoller Geste eine Schwarze empf\u00e4ngt, nat\u00fcrlich barbusig und mit drei Kleinkindern im Arm. Der B\u00e4rtige soll wahrscheinlich K\u00f6nig Leopold II. darstellen. Dem belgischen Monarchen wird auch der Satz \u00fcber dem Relief zugeschrieben: &quot;Ich habe das Werk im Kongo im Interesse der Zivilisation und f\u00fcr das Wohl Belgiens unternommen.&quot;<\/p>\n<p>Es ist ein Satz, der Afrikanern heute wie schmerzhafter Hohn vorkommen muss. Von 1885 bis 1908 lie\u00df Leopold II. den Freistaat Kongo, seinen pers\u00f6nlichen Besitz, grausam auspl\u00fcndern. Wie viele Afrikaner dabei ermordet wurden und wie viele Krankheiten zum Opfer fielen, wird nie genau feststellbar sein. Die Sch\u00e4tzungen reichen von drei bis 15 Millionen, rund zehn Millionen gelten gemeinhin als plausibel.<\/p>\n<p>Von alldem erf\u00e4hrt der Betrachter des Denkmals im Jubelpark nichts. Keine Tafel, die das Monument historisch einordnet. Kein Wort \u00fcber die vielen Toten, die Gefolterten, die Verst\u00fcmmelten. Daf\u00fcr stehen jetzt drei andere Worte auf dem Denkmal, aufgespr\u00fcht in schwarzer Farbe: &quot;Black Lives Matter&quot;.<\/p>\n<h3>Bis heute keine Entschuldigung<\/h3>\n<p>Jahrzehntelang hat Belgien seine koloniale Vergangenheit verdr\u00e4ngt, so gut es eben ging. Ein Symbol daf\u00fcr war bis vor Kurzem das prunkvolle Afrikamuseum, das Leopold als eine Art Propagandaschau im Br\u00fcsseler Vorort Tervuren bauen lie\u00df &#8211; inklusive kongolesischer D\u00f6rfer. Viele Kongolesen, die dort lebten und von den Belgiern in einer Art Freilichtmuseum (andere sagen &quot;Menschenzoo&quot;) bestaunt wurden, starben bei einer Grippewelle.<\/p>\n<p>Erst Ende 2018 er\u00f6ffnete das Museum seine neu komplett gestaltete Ausstellung \u2013 um sein &quot;rassistisches und pro-kolonialistisches Image abzusch\u00fctteln&quot;, wie Museumschef Guido Gryseels gegen\u00fcber der &quot;New York Times&quot; freim\u00fctig einr\u00e4umte. Statt um koloniale Herrlichkeit geht es nun um eine kritische Auseinandersetzung mit der belgischen Herrschaft im Kongo und um die Natur- und Kultursch\u00e4tze im Herzen Afrikas. Die vielen Statuen, die heute als rassistisch und absto\u00dfend angesehen werden, stehen im Keller.<\/p>\n<p>Doch einen nationalen Sinneswandel hat die Renovierung des Museums nicht angesto\u00dfen. Als eine Expertengruppe der Vereinten Nationen nur wenige Wochen sp\u00e4ter dem belgischen Staat empfahl, sich endlich f\u00fcr die Gr\u00e4uel im Kongo zu entschuldigen, geschah nichts. Ein Mitglied der vierk\u00f6pfigen Uno-Kommission beklagte eine &quot;Mauer des Schweigens&quot;. Sie steht bis heute: Weder die belgische Regierung noch das K\u00f6nigshaus haben sich jemals f\u00fcr die Verbrechen im Kongo entschuldigt, geschweige denn Wiedergutmachung geleistet.<\/p>\n<h3>&quot;Allt\u00e4gliche und systematische anti-arabische Stimmung&quot;<\/h3>\n<p>Jetzt sorgt ausgerechnet der Tod des Schwarzen George Floyd in den fernen USA daf\u00fcr, dass die Debatte mit Wucht nach Belgien zur\u00fcckkehrt. Vergangenes Wochenende demonstrierten rund 10.000 Menschen in Br\u00fcssel gegen Rassismus. Kurz darauf wurde das Reiterstandbild Leopolds nahe des belgischen K\u00f6nigspalasts mit Farbe beschmiert, seine H\u00e4nde waren danach blutrot.<\/p>\n<p>Den Demonstranten geht es l\u00e4ngst nicht nur um den Umgang Belgiens mit seiner Geschichte. Rassismus, auch seitens der Polizei, ist in dem Land bis heute ein Thema. Aus Vierteln mit hohem Migranten-Anteil gibt es immer wieder Berichte \u00fcber schikan\u00f6ses, teils brutales Vorgehen der Polizei. Vor allem Belgier mit marokkanischem Hintergrund, schreibt die &quot;Brussels Times&quot;, bek\u00e4men ein &quot;allt\u00e4gliche und systematische anti-arabische Stimmung&quot; zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Mitunter kommt es auch zu Todesf\u00e4llen. Im April starb Adil, ein 19-j\u00e4hriger mit marokkanischen Wurzeln, als er einer Kontrolle zu entwischen versuchte und auf dem Motorroller mit einem Polizeiauto zusammenstie\u00df. Im Jahr zuvor kam der 17-j\u00e4hrige Mehdi Bouta auf \u00e4hnliche Art ums Leben. 2018 starb ein zweij\u00e4hriges Kind durch eine Polizeikugel, als die Beamten ein von Irakern gefahrenes Auto verfolgten und das Feuer er\u00f6ffneten.<\/p>\n<h3>Wird Leopold aus dem Stadtbild getilgt?<\/h3>\n<p>Die Wut entl\u00e4dt sich nun an den steinernen Zeugnissen der belgischen Vergangenheit. Auf einem Marktplatz in Antwerpen etwa wurde eine Leopold-Statue angez\u00fcndet und zwecks Restauration entfernt. Ob sie jemals wieder aufgestellt wird, ist nicht sicher. Inzwischen fordern mehrere Online-Petitionen den Abbau aller Bildnisse des K\u00f6nigs, allein bei change.org kamen bisher fast 80.000 Unterschriften zusammen. Die Br\u00fcsseler Verwaltung hat eine Debatte \u00fcber die Zukunft der Statuen angek\u00fcndigt. Die Universit\u00e4ten in Leuven und Mons sind schon weiter: Sie haben Bildnisse des Monarchen kurzerhand verschwinden lassen.<\/p>\n<p>Anderswo wird das schwieriger. Br\u00fcssel und andere belgische St\u00e4dte sind voll von Erinnerungen an die Kolonialzeit. Kein Wunder, hinter dem Bauboom, infolgedessen unter anderem der Jugendstil Victor Hortas zu voller Bl\u00fcte kam, steckte das Geld, das Leopold II. und seine Schergen vor allem mit dem Abbau von Naturkautschuk im Kongo machten, dem Rohstoff f\u00fcr Gummireifen.<\/p>\n<p>&quot;In Belgien war Leopold ein konstitutioneller Monarch mit begrenzten Kompetenzen, im Kongo ein absolutistischer F\u00fcrst&quot;, schreibt David Van Reybrouck in seinem Standardwerk &quot;Kongo \u2013 eine Geschichte&quot;. Vom fernen Br\u00fcssel aus setzte der K\u00f6nig ein &quot;Blutbad von unglaublichem Ausma\u00df&quot; in Gang, hei\u00dft es, Folge seiner &quot;perfiden, raubgierigen Ausbeutungspolitik&quot;. Wer die teils absurd hohen Kautschuk-Erntequoten nicht erf\u00fcllte, wurde mit der Chicotte maltr\u00e4tiert, einer Peitsche aus Nilpferdhaut, die tiefe Wunden riss &#8211; oder gleich erschossen.<\/p>\n<h3>Abgehackte H\u00e4nde als W\u00e4hrung f\u00fcr Kautschuk<\/h3>\n<p>Die heimischen Paramilit\u00e4rs wurden von den Belgiern angehalten, f\u00fcr jede verschossene Kugel die Hand des toten Opfers vorzulegen. Am Ende waren abgehackte H\u00e4nde eine Art W\u00e4hrung f\u00fcr Kautschuk. Zwischen D\u00f6rfern soll es sogar Kriege um H\u00e4nde gegeben haben, da die Erntequoten nicht erf\u00fcllbar waren. &quot;Idiotisch&quot; sei das, soll Leopold gez\u00fcrnt haben. &quot;Ich w\u00fcrde alles andere von ihnen abschneiden, aber nicht die H\u00e4nde. Das ist das einzige, was ich im Kongo brauche.&quot;<\/p>\n<p>Erst als immer mehr Berichte \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten \u00f6ffentlich wurden und die internationale Emp\u00f6rung wuchs, annektierte die belgische Regierung 1908 den &quot;Freistaat Kongo&quot; und verwandelte das Land in die Kolonie Belgisch Kongo. Die schlimmsten Grausamkeiten fanden ein Ende, und die Geschichtsschreibung war erst einmal gn\u00e4dig mit Leopold: Er ging vor allem als gro\u00dfer Baumeister in die Annalen ein. Die Wirren des Ersten Weltkriegs \u00fcberdeckten schon bald die dunklen Seiten seiner 44 Jahre langen Herrschaft.<\/p>\n<p>Kritik von au\u00dfen h\u00f6rt man in Belgien auch heute nicht gern, schon gar nicht von den Deutschen, die das Land im Ersten Weltkrieg verw\u00fcstet und im Zweiten Weltkrieg komplett besetzt hatten. Doch eine gemeinsame Idee f\u00fcr den Umgang mit der Vergangenheit gibt es in dem traditionell zersplitterten Land nicht. W\u00e4hrend die einen alle Leopold-Statuen aus der \u00d6ffentlichkeit verbannen wollen, hat etwa der Stadtrat in Ostende &#8211; auch so eine Stadt, die Leopold viele Prachtbauten verdankt &#8211; den Umgang mit der dortigen Leopold-Statue sogar im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Das Denkmal, so die Idee, soll bleiben, aber mit Informationen erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<h3>&quot;Es entsteht eine landesweite Bewegung&quot;<\/h3>\n<p>Auch der Br\u00fcsseler Arbeitskreis Geschichte h\u00e4lt offenbar nichts davon, Denkm\u00e4ler zu entfernen. Die Kolonialzeit sei nur eines von vielen Kapiteln der belgischen Geschichte, schreibt der Verein \u00fcber das Kongo-Denkmal im Jubelpark. Nur sei es heute allzu modisch, &quot;Vergebung oder Bu\u00dfe f\u00fcr vergangene Ereignisse zu verlangen, f\u00fcr die heutige Generationen in keiner Weise verantwortlich sind.&quot;<\/p>\n<p>Selbst in der belgischen K\u00f6nigsfamilie hat Leopold seine Verteidiger. &quot;Sie sollten bedenken, was er f\u00fcr Belgien getan hat&quot;, sagte Prinz Laurent, das skandalumwitterte enfant terrible des K\u00f6nigshauses, im Interview mit der Nachrichtenagentur Belga \u00fcber seinen Gro\u00dfonkel Leopold II. &quot;Er war nie im Kongo. Ich sehe also \u00fcberhaupt nicht, wie er die Menschen dort h\u00e4tte leiden lassen k\u00f6nnen.&quot;<\/p>\n<p>Die Aktivistin Marie-Fid\u00e8le Dusingize, die hinter der Aktion gegen das Leopold-Bildnis in Mons steckt, verlangt dagegen, die Vergangenheit endlich aufzuarbeiten. &quot;Es ist eine landesweite Bewegung, die da entsteht und die Gerechtigkeit f\u00fcr die afrikanischst\u00e4mmigen B\u00fcrger fordert&quot;, sagte Dusingize im belgischen Rundfunk. Es gehe nicht darum, die Geschichte vergessen zu machen, sondern an sie zu erinnern.<\/p>\n<p>Dass ein Vergessen nicht m\u00f6glich ist, auch daf\u00fcr findet man ein Symbol im Afrikamuseum von Tervuren. Dort sind die Statuen und Inschriften zur Verherrlichung der Kolonialzeit teils in die W\u00e4nde eingelassen. Herausmei\u00dfeln, sagte Museumsdirektor Gryseels, komme nicht infrage. Die W\u00e4nde stehen unter Denkmalschutz.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Beschmierte Leopold-B\u00fcste im Park des Afrikamuseums in Tervuren: Schmerzhafter Hohn STEPHANIE LECOCQ\/EPA-EFE\/Shutterstock Die Steine des Ansto\u00dfes stehen etwas versteckt am Wegesrand im Br\u00fcsseler Jubelpark. 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