{"id":4740,"date":"2020-12-25T01:39:49","date_gmt":"2020-12-24T22:39:49","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/heiligabend-2020-so-schlimm-war-das-jahr-auch-wieder-nicht\/"},"modified":"2020-12-25T01:39:49","modified_gmt":"2020-12-24T22:39:49","slug":"heiligabend-2020-so-schlimm-war-das-jahr-auch-wieder-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/heiligabend-2020-so-schlimm-war-das-jahr-auch-wieder-nicht\/","title":{"rendered":"Heiligabend 2020: So schlimm war das Jahr auch wieder nicht"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/6d8724d3-c55a-403f-b1b5-894d48c7864d_w948_r1.77_fpx48_fpy50.jpg\" title=\"Bitte l\u00e4cheln: Geht doch \u2013 auch 2020\" alt=\"Bitte l\u00e4cheln: Geht doch \u2013 auch 2020\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Bitte l\u00e4cheln: Geht doch \u2013 auch 2020<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Johner Images \/ Johner RF \/ Getty Images  <\/figcaption><\/figure>\n<p>2020 wird stets das Corona-Jahr bleiben. Das Jahr, in dem sich das Virus weltweit ausbreitete, Millionen Menschen sich infizierten und viele Tausend starben. Das Jahr, in dem es \u2013 je nach Land \u2013 gleich mehrere Shutdowns gab, die Menschen zu Hause blieben und sich drau\u00dfen nur mit Maske begegneten.<\/p>\n<p>2020 war auch das Jahr, in dem die Temperaturen weltweit erneut stiegen \u2013 nur teilweise gingen die CO2-Emissionen wegen der Corona-Beschr\u00e4nkungen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und 2020 war nicht zuletzt das Jahr, in dem Rechtspopulisten wie Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Viktor Orb\u00e1n oft den Ton angaben \u2013 Trump sogar noch Wochen \u00fcber seine Abwahl hinaus. Es war das Jahr, in dem Autokraten wie Xi Jinping, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdo\u011fan ihre Macht unverbl\u00fcmt zur Schau stellten. Selten standen die westlichen Demokratien in j\u00fcngster Zeit so unter Druck wie 2020.<\/p>\n<p>Und dennoch: Auch dieses zu Ende gehende Jahr hatte seine sch\u00f6nen Seiten. Viele Menschen sind an der Krise gewachsen. Viele k\u00f6nnen \u2013 zumindest im R\u00fcckblick \u2013 sagen: Es gab auch Gutes. Dinge, die Mut machen. Wendungen, die man nicht erwartet hatte.<\/p>\n<p>Erinnerung an zehn gl\u00fcckliche Momente 2020:<\/p>\n<h3>Aus der Not ein Happening gemacht<\/h3>\n<p>Mit seinem Pferdeschwanz strahlte der deutsche Diplomat Walter Lindner in den 30 Jahren seiner Karriere schon immer ein wenig Jesus-Flair aus. Im Fr\u00fchjahr, auf dem H\u00f6hepunkt der ersten Corona-Welle, wurde der 63-J\u00e4hrige dann tats\u00e4chlich wie ein Messias gefeiert. Lindner, seit 2019 Botschafter in Indien, organisierte binnen weniger Wochen eine R\u00fcckholaktion f\u00fcr mehrere Tausend Deutsche. In den sozialen Medien postete Lindner, wo sich die Gestrandeten einfinden sollten.<\/p>\n<p>Mit Bussen lie\u00df er die Urlauber aus allen Landesteilen in die Hauptstadt bringen. Weil alle Hotels geschlossen waren, \u00f6ffnete Lindner kurzerhand den Garten seiner Residenz. Hier campierten die Deutschen, darunter viele Hippies, bis zu ihrem R\u00fcckflug. Sie brachten ihre Bongo-Trommeln mit, schlugen ihre Matten auf den Rasen und organisierten ein kollektives Yoga-Training. Als Lindner auf die Terrasse der Residenz trat, spendeten die G\u00e4ste Standing Ovations. \u00bbEs war bewegend zu sehen, wie Menschen, die sonst mit dem Staat eher wenig zu tun haben, uns Diplomaten dankbar f\u00fcr die Hilfe waren\u00ab, erinnert sich der Botschafter. <em>Christoph Schult<\/em><\/p>\n<h3>Und pl\u00f6tzlich gab es einen Impfstoff<\/h3>\n<p>HIV, Borreliose, Malaria \u2013 gegen manche Erreger und Krankheiten gibt es auch nach Jahrzehnten der Forschung keine Impfung. Beim neuen Coronavirus ist das anders: Nicht mal ein Jahr, nachdem die ersten F\u00e4lle der mysteri\u00f6sen Lungenkrankheit in China bekannt wurden, erwies sich ein in Deutschland entwickelter Impfstoff als sicher und wirksam: Der Impfstoff der Mainzer Firma Biontech \u2013 gemeinsam mit dem US-Unternehmen Pfizer in einer gro\u00dfen Phase-III-Studie erprobt \u2013 sch\u00fctzt demnach verl\u00e4sslich vor einer Covid-19-Erkrankung. Anfang Dezember erteilte Gro\u00dfbritannien als erster Staat der Erde eine Notfallzulassung, kurz vor Weihnachten wurde der Impfstoff in der Europ\u00e4ischen Union regul\u00e4r zugelassen. Und: Mehrere Hersteller und ihre Impfstoffe haben Phase-III-Pr\u00fcfungen inzwischen mit guten Ergebnissen abgeschlossen.<\/p>\n<p>Warum gelang die Entwicklung so schnell? Unter anderem, weil mit dem Sars-I-Virus ein dem neuen Erreger genetisch sehr \u00e4hnliches Virus schon l\u00e4nger bekannt ist. Ansatzpunkte f\u00fcr eine m\u00f6gliche Impfung lie\u00dfen sich dadurch schnell finden. Zudem nutzten die Hersteller keine abgeschw\u00e4chten Viren f\u00fcr ihre Impfstoffe, die aufwendig im Labor herangez\u00fcchtet werden m\u00fcssen, sondern einen genetischen Code f\u00fcr charakteristische Virusproteine. Das sparte Zeit. Hinzu kam eine Priorisierung der Projekte.<\/p>\n<p>Der mRNA-Impfstoff von Biontech\/Pfizer ist der erste seiner Klasse, der je auf den Markt kam. Auch das US-Unternehmen Moderna setzt auf die Technologie. AstraZeneca und die Uni Oxford haben einen Vektor-Impfstoff entwickelt. Im n\u00e4chsten Jahr wird sich zeigen, wie lange der durch diese und weitere Mittel erzeugte Schutz vor Covid-19 bestehen bleibt \u2013 und ob auch Infektionen verhindert werden. <em>Julia Merlot<\/em><\/p>\n<h3>Triumph \u00fcber Populismus und Corona<\/h3>\n<p>In einer Welt, in der die gr\u00f6\u00dften und m\u00e4chtigsten Staaten von Populisten und Autokraten regiert werden \u2013 keiner j\u00fcnger als 65, flogen einer Frau aus einem kleinen Land fernab im S\u00fcdpazifik die Herzen zu. Jacinda Ardern, 40, gelang es nicht nur, ihr Amt als Ministerpr\u00e4sidentin von Neuseeland zu verteidigen \u2013 sie gewann sogar eine satte absolute Mehrheit.<\/p>\n<p>Schon vor ihrem Triumph im Oktober hatte sie eine gro\u00dfe Fangemeinde jenseits ihrer Heimat, die sie f\u00fcr ihre empathischen und entschiedenen Auftritte nach dem Massaker von Christchurch 2019 bewunderten. Daheim aber sahen Arderns Landsleute auch, dass sie M\u00fche hatte, ihre politischen Versprechen zu halten. Im Kampf gegen Covid-19 bewies sie jedoch F\u00fchrungsst\u00e4rke und dr\u00e4ngte das Virus so weit zur\u00fcck, dass die Neuseel\u00e4nder schon lange wieder feiern, im Land verreisen und zum Rugby gehen k\u00f6nnen. Am Wahltag bedankten sie sich daf\u00fcr. <em>Dietmar Pieper<\/em><\/p>\n<h3>Das schaffen nur die H\u00e4rtesten<\/h3>\n<p>Mit 15 Jahren fing Chris Nikic mit dem Fahrradfahren an, doch es war z\u00e4h, er kam zuerst keinen Meter weit. Der Amerikaner hat das Downsyndrom. Eine Folge: Er verf\u00fcgt nur \u00fcber eine geringe Muskelspannung \u2013 und einen Fahrradlenker zu halten, das fiel ihm damals ziemlich schwer. Immer wieder st\u00fcrzte er. Doch Nikic gab nicht auf, er wollte unbedingt Fahrrad fahren, auch um Anschluss bei seinen Mitmenschen zu finden.<\/p>\n<p>Der Sport und ein Ziel sollten ihm dabei helfen. Er \u00fcbte weiter, ein halbes Jahr sp\u00e4ter schaffte Nikic es, 30 Meter weit zu fahren. Was f\u00fcr viele von einer Stra\u00dfenlaterne bis zur n\u00e4chsten ist, war f\u00fcr den jungen Amerikaner der Beweis, dass er in seinem Leben alles erreichen kann.<\/p>\n<p>Chris Nikic ist heute 21, und in diesem Jahr hat er es als erster Mensch mit Downsyndrom geschafft, eine der h\u00e4rtesten Sportdistanzen der Welt zu bezwingen: Bei einem Ironman in Florida \u2013 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen \u2013 kam Nikic nach 16:46:09 Stunden ins Ziel.<\/p>\n<p>Ganz am Ziel ist Chris Nikic aber noch nicht. Auf einem Whiteboard im Haus der Nikic-Familie hat er weitere Lebensaufgaben notiert: Er m\u00f6chte in einem eigenen Haus wohnen, ein Auto fahren und eine Frau finden, die ihn liebt. <em>Jan G\u00f6bel<\/em><\/p>\n<h3>Einen Nerv getroffen \u2013 Freizeitbild statt Businessfoto<\/h3>\n<p>Die Arbeitswelt hat sich in diesem Jahr rasant ver\u00e4ndert. Und Lauren Griffiths, 39, hat daf\u00fcr gesorgt, dass man das auch sieht. Fast 900.000 Likes hat sie auf LinkedIn bekommen, weil sie ihr Businessfoto durch ein Freizeitbild ersetzt hat. Mehr als 30.000 Menschen schrieben einen Kommentar, viele versprachen, ihr nachzueifern.<\/p>\n<p>Griffiths, die zuvor noch nie einen Beitrag auf LinkedIn gepostet hatte, schien einen Nerv getroffen zu haben. Sie wurde in Talkshows wie \u00bbGood Morning America\u00ab eingeladen, auch dem SPIEGEL gab sie ein Interview, das vielfach diskutiert wurde: Wof\u00fcr sind gl\u00e4nzende Profilbilder eigentlich gut? Warum zeigen wir uns nicht so, wie wir wirklich sind? Auch wenn das in Zeiten einer Pandemie nun mal f\u00fcr viele M\u00fctter und V\u00e4ter bedeutet: zerzaust, verschwitzt, mit nassen Haaren und Jogginghose? Und warum schlie\u00dfen so viele Menschen noch immer vom Aussehen aufs K\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Griffiths hat weltweit eine Debatte \u00fcber Authentizit\u00e4t und Vorurteile am Arbeitsplatz angesto\u00dfen. Auf LinkedIn und auf einem eigenen Blog will sie sich nun \u00f6fter zu diesem Thema \u00e4u\u00dfern. Ihr aktuelles Thema: Niemand sollte sich f\u00fcr Tr\u00e4nen am Arbeitsplatz sch\u00e4men. <em>Verena T\u00f6pper<\/em><\/p>\n<h3>Das Comeback der Disco-Queens<\/h3>\n<p>2020 war nicht nur das Jahr der geschlossenen Klubs, sondern auch das der neu er\u00f6ffneten Tanzfl\u00e4chen: zwischen Geschirrbergen, Altpapierh\u00fcgeln und Legostolperfallen. Das Jahr, in dem die Figur der Disco-Queen nicht in den heiligen Hallen des ehemaligen New Yorker Nachtklubs \u00bbStudio 54\u00ab wiedergeboren wurde, sondern mithilfe altersschwacher Computerlautsprecher im Homeoffice.<\/p>\n<p>Gleich im M\u00e4rz, die Klubs hatten gerade erst zugemacht, brachte Dua Lipa ihr Album \u00bbFuture Nostalgia\u00ab raus. \u00bbMit dieser Platte\u00ab, sagte die Londoner Pops\u00e4ngerin dem SPIEGEL, \u00bbwollte ich die Menschen f\u00fcr einen Moment von dem ablenken, was in der Welt da drau\u00dfen passiert.\u00ab Lipa tat das mit einem Sound, in dem Abba und Prince sich wissend zunickten und der an heftiges Achtzigerjahre-Dance-Workout, siehe \u00bbFlashdance\u00ab, denken lie\u00df.<\/p>\n<p>In die Reihe der 2020er-Disco-Queens gesellte sich ein paar Monate sp\u00e4ter die Amerikanerin Lady Gaga, die mit den Neunzigern kuschelte, im Sommer die Engl\u00e4nderin Jessie Ware, die sich in unterk\u00fchltem Funk wohlf\u00fchlte, und im Herbst die Irin R\u00f3is\u00edn Murphy, die den Zeiten mit Zeilen wie \u00bbI&#039;ll make my own happy ending\u00ab trotzte.<\/p>\n<p>Doch eine durfte nicht fehlen. Sie lie\u00df am l\u00e4ngsten auf sich warten. Kylie kam im November. Und wie musste das Anti-Corona-Blues-Album von Kylie Minogue naturgem\u00e4\u00df hei\u00dfen? Genau, \u00bbDisco\u00ab.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach Tanz, Schwei\u00df und Rausch zu lauter Musik l\u00e4sst sich ohne Klubs, in denen Menschen sich nah kommen, kaum bedienen. Es sei denn, man versucht es mit einer Musik, die grell ist, die kompromisslos zum Tanz auffordert und damit irgendwie utopisch wirkt in diesen Zeiten. Einer Musik, die dabei auch nostalgisch, also gewisserma\u00dfen heimelig daherkommt. Einer Musik wie Disco. <em>Jurek Skrobala<\/em><\/p>\n<h3>\u00bbDie Krise ist eine Chance f\u00fcr uns\u00ab<\/h3>\n<p>Juliane Willing, 31, und Eva Neugebauer, 31, haben seit Beginn der Coronakrise so viele Kunden wie nie zuvor. Die beiden haben vor f\u00fcnf Jahren den Online-Hofladen \u00bbFrischepost\u00ab gegr\u00fcndet, bis Anfang des Jahres belieferten sie Kunden in Hamburg mit Lebensmitteln aus landwirtschaftlichen Betrieben \u2013 und jetzt auch in Berlin, M\u00fcnchen und im Rhein-Main-Gebiet.<\/p>\n<p>Dabei sah es f\u00fcr die Firma zun\u00e4chst alles andere als gut aus: \u00bbMitte M\u00e4rz haben wir von einem auf den anderen Tag so gut wie alle Firmenkunden verloren \u2013 und damit 70 Prozent unseres Umsatzes\u00ab, sagt Juliane Willing. Den beiden war deshalb klar: Sie m\u00fcssen mehr Privatkunden gewinnen. Und das ist ihnen gelungen. Vor allem Milch, K\u00e4se, Eier und frisches Gem\u00fcse sind bei ihren Kunden beliebt, aber auch Bier, Wein, Nudeln, Mehl \u2013 all die Dinge, f\u00fcr die viele Menschen nun nicht mehr in den Supermarkt gehen wollen.<\/p>\n<p>Teilweise mussten sogar alle aus dem B\u00fcro beim Packen und Ausliefern helfen. \u00bbAuch wenn wir uns nat\u00fcrlich andere Umst\u00e4nde gew\u00fcnscht h\u00e4tten: Die Krise ist durchaus eine Chance f\u00fcr uns. Wir gehen davon aus, dass nun viele Endkunden ihren Konsum \u00fcberdenken und sich auch langfristig f\u00fcr uns entscheiden.\u00ab <em>Verena T\u00f6pper<\/em><\/p>\n<h3>Golden schimmerte der Stolperstein<\/h3>\n<p>\u00bbSo einen Stolperstein, den h\u00e4tte ich auch gern!\u00ab, sagte Kurt Teil, als wir uns im Sommer 2018 vor seiner Haust\u00fcr in Hamburg-Eppendorf voneinander verabschiedeten. Dort hatte der j\u00fcdische Bankierssohn gewohnt, bevor er vor den Nationalsozialisten nach Amerika fliehen musste.<\/p>\n<p>Anfang 1945 war Kurt Teil zur\u00fcckgekehrt, hatte als GI deutsche St\u00e4dte bombardiert, nach Kriegsende als Nazij\u00e4ger f\u00fcr die US-Armee gearbeitet.<\/p>\n<p>Kurt Teil hatte sich auf unseren Zeitzeugenaufruf hin gemeldet: Ich schrieb die Geschichte dieses mutigen, humorvollen Mannes auf. Begleitete ihn in seine alte Wohnung. Schloss ihn fest in mein Herz.<\/p>\n<p>2020, im verflixten Corona-Jahr, war es so weit: Kurt Teil bekam endlich seinen Stolperstein. Ein Traum wurde wahr f\u00fcr ihn, per Flixbus und Flugzeug reiste der hochbetagte Mann aus S\u00fcddeutschland nach Hamburg. Gemeinsam bestaunten wir die kleine Messingplatte auf dem Gehweg, golden schimmerte der Stolperstein in der Herbstsonne. Der 97-J\u00e4hrige strahlte. Und ich mit ihm. <em>Katja Iken<\/em><\/p>\n<h3>Die sch\u00f6nste Umarmung des Jahres<\/h3>\n<p>\u00bbMeine Mutter, 81, wohnt 15 Minuten zu Fu\u00df von mir entfernt, wir sehen uns regelm\u00e4\u00dfig \u2013 auch in diesem Corona-Jahr. Getroffen haben wir uns in den vergangenen Monaten allerdings immer mit Abstand und meistens im Freien. F\u00fcr mich ist der Gedanke unertr\u00e4glich, ich k\u00f6nnte infiziert sein und sie anstecken. Wir begegneten uns also oft, und doch nie so richtig. Denn ich habe meine Mutter seit M\u00e4rz nicht ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es daher eine gute Nachricht, dass \u00d6sterreich k\u00fcrzlich Antigen-Schnelltests f\u00fcr alle anbot. Meine sieben Jahre alten Buben, mein Mann und ich hatten unseren Termin vor zehn Tagen. Wir alle waren negativ, ich hatte auch nichts anderes erwartet. Gefreut habe ich mich dennoch. Denn das Ergebnis bescherte mir das wohl sch\u00f6nste Geschenk: eine Umarmung mit meiner Mutter \u2013 es war die w\u00e4rmste in diesem ganzen Jahr.<\/p>\n<p>Zusammen mit den Zwillingen ging ich noch am Nachmittag bei ihr vorbei, in der Tasche ein Fl\u00e4schchen Punschessenz und eine T\u00fcte Maroni. Irgendwann standen wir beisammen und ich sagte: \u203aMama, du wei\u00dft schon, dass ich dich jetzt mal kr\u00e4ftig dr\u00fccken muss?\u2039 Also dr\u00fcckten wir uns, vielleicht 30 Sekunden lang, gef\u00fchlt f\u00fcnf Minuten. Es war wundervoll, fast schon wie Weihnachten, ein Moment nur f\u00fcr uns.\u00ab <em>Veronika Weiher, 45, aus Klosterneuburg bei <\/em><em>Wien<\/em><em>, aufgezeichnet von Julia Stanek<\/em><\/p>\n<h3>Der Late-Night-Direktor<\/h3>\n<p>Die Schule leer, die Kinder alle zu Hause: Bj\u00f6rn Lengwenus, Schulleiter aus Hamburg, vermisste im ersten Shutdown seine rund 1600 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Deshalb entwickelte er ein ungew\u00f6hnliches Format, um Kontakt zu ihnen zu halten: eine Late-Night-Show auf YouTube. Am Montag, dem 23. M\u00e4rz 2020, ging er um 22 Uhr das erste Mal auf Sendung. \u00bbNach einer Woche im Shutdown war klar, dass der digitale Unterricht gut funktioniert\u00ab, erz\u00e4hlte er sp\u00e4ter dem SPIEGEL. \u00bbAber das, was das Herz der Schule ausmacht, das fehlte: das Gef\u00fchl, eine gro\u00dfe Gemeinschaft zu sein.\u00ab<\/p>\n<p>Genau diese Gemeinschaft wollte Lengwenus w\u00e4hrend der Schulschlie\u00dfungen im Fr\u00fchjahr virtuell herstellen \u2013 mit einem \u00bbdigitalen Pausenhof\u00ab, wie er sagt. \u00c0 la Harald Schmidt setzte er sich dazu an einen Schreibtisch in einem auf die Schnelle zusammengezimmerten Fernsehstudio und legte los, wurde vom Schulleiter zum Moderator, sprach seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler an, erz\u00e4hlte, wie es ihm im Shutdown geht, hatte Einspieler parat, auch von Kollegen. Mit seinen rund 15-min\u00fctigen Clips schuf Lengwenus W\u00e4rme und N\u00e4he \u2013 \u00fcbers Netz. Beides kam an.<\/p>\n<p>Die Show erhielt einige Zehntausend Klicks. Nach und nach schickten immer mehr Sch\u00fcler Videos f\u00fcr die Sendung ein. \u00bbDas hat uns echt stark gemacht\u00ab, sagt Lengwenus. 28 Mal ging der Schulleiter im Fr\u00fchjahr auf Sendung. F\u00fcr seinen Einsatz bekam er im November den Social Design Award von SPIEGEL Wissen. <em>Silke Fokken<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Bitte l\u00e4cheln: Geht doch \u2013 auch 2020 Foto:\u2002Johner Images \/ Johner RF \/ Getty Images 2020 wird stets das Corona-Jahr bleiben. 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