{"id":4643,"date":"2020-12-20T19:50:07","date_gmt":"2020-12-20T16:50:07","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-mutationen-das-virus-hat-sich-an-den-menschen-angepasst\/"},"modified":"2020-12-20T19:50:07","modified_gmt":"2020-12-20T16:50:07","slug":"corona-mutationen-das-virus-hat-sich-an-den-menschen-angepasst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-mutationen-das-virus-hat-sich-an-den-menschen-angepasst\/","title":{"rendered":"Corona-Mutationen: \u00bbDas Virus hat sich an den Menschen angepasst\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/f1e036cb-f355-4c3f-b1b8-f49b931a77a1_w948_r1.77_fpx46.83_fpy54.96.jpg\" title=\"Grafische Darstellung der Oberfl\u00e4chenproteine des Sars-CoV-2-Erregers\" alt=\"Grafische Darstellung der Oberfl\u00e4chenproteine des Sars-CoV-2-Erregers\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Grafische Darstellung der Oberfl\u00e4chenproteine des Sars-CoV-2-Erregers<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Radoslav Zilinsky \/ Getty Images  <\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wir erreichen Sie am Sonntag am Schreibtisch. Treibt Sie die Sorge um die neue Variante des Sars-Cov-2-Erregers zur Wochenendarbeit?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Ja, ich finde diese neue Variante wirklich bemerkenswert. Diese und eine weitere Variante sind in Gro\u00dfbritannien und in S\u00fcdafrika bekannt geworden und weisen viele Mutationen in relevanten Teilen des Genoms auf. Deswegen m\u00fcssen wir dringend verstehen, wie sie sich ausbreiteten und wie es dazu gekommen ist.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ist die aus S\u00fcdafrika gemeldete Mutation des Erregers dieselbe wie die in Gro\u00dfbritannien aufgetretene?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Nein, das sind unterschiedliche Varianten. Sie haben keinen gemeinsamen Ursprung. Aber sie weisen gewisse \u00c4hnlichkeiten auf. Das l\u00e4sst uns glauben, dass sich das Virus in beiden F\u00e4llen tats\u00e4chlich an den Menschen angepasst hat.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Dass sich Viren im Laufe der Zeit ver\u00e4ndern, ist nicht \u00fcberraschend. Auch von Sars-CoV-2 haben Sie in Ihren Datenbanken schon viele Varianten. Wie viel Sorgen m\u00fcssen wir uns wegen der aktuellen Mutationen machen?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong>  Dass diese Viren mutieren, ist in der Tat v\u00f6llig normal. In den vergangenen Monaten habe ich viel Zeit mit der Erkl\u00e4rung verbracht, dass man sich \u00fcber die meisten dieser Mutationen keine Sorgen machen muss. Jetzt liegt die Sache aber etwas anders.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Inwiefern?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Wir sehen wirklich viele Mutationen in dem relevanten Oberfl\u00e4chenprotein des Virus. Das ist au\u00dfergew\u00f6hnlich. Und es ist gleich zweimal passiert, dass sich diese Varianten relativ schnell ausgebreitet haben. Wie sehr das tats\u00e4chlich mit dem Virus zu tun hat, und welche Rolle epidemiologische Faktoren wie Superspreading-Ereignisse dabei spielen, ist nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt. Aber die Hypothese, dass sich diese Variante schneller als bisher ausbreitet, erscheint mir sehr naheliegend.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Die britische Regierung dr\u00fcckt es drastischer aus. Gesundheitsminister Hancock warnt, die neue Variante sei \u00bbau\u00dfer Kontrolle\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Ich denke, es gibt in der Tat Grund zur Sorge. Aber man muss auch betonen, dass wir \u00fcber wenige harte Fakten verf\u00fcgen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Premierminister Johnson scheint sie zu haben. Er sagt, der Erreger sei 70 Prozent leichter \u00fcbertragbar als bisher. Hat er sich die Zahl nur ausgedacht?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Diese Angaben basieren auf epidemiologischen Modellen. Dabei wird analysiert, wie schnell die neue Variante die bisherigen verdr\u00e4ngt. Die Aussagen sind also im Grundsatz belastbar. Ob der Ausbreitungsvorteil tats\u00e4chlich bei 70 Prozent liegt, wird man sehen. Es k\u00f6nnten auch 30 oder 40 Prozent sein. Auf jeden Fall sieht es im Moment so aus, als verbreitete sich diese Variante substanziell besser als die bisherigen.<\/p>\n<h3>Wird der Erreger weniger t\u00f6dlich? \u00bbDavon ist nicht auszugehen\u00ab<\/h3>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wird der neue Typ von Sars-CoV-2 zum Normalfall in der Pandemie? In London war die Variante zuletzt wohl schon f\u00fcr 60 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Es kann durchaus passieren, dass eine Variante des Virus alle anderen verdr\u00e4ngt. Wir haben das im Fr\u00fchjahr schon einmal beobachtet.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Die aktuellen Mutationen betreffen das sogenannte Spike-Protein des Erregers. Die Impfstoffe von Biontech\/Pfizer und Moderna wollen das Immunsystem aber mit der Struktur genau dieses Proteins auf den Erreger trainieren. Werden diese Impfstoffe nun wirkungslos?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Davon ist erst einmal nicht auszugehen. Das Spike-Protein ist ein gro\u00dfes Protein, wo das Immunsystem an vielen verschiedenen Stellen angreifen kann. Es ist nicht zu erwarten, dass einzelne Mutationen die Erkennung komplett verhindern. Aber das ist schon etwas, das man beobachten muss.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Die Impfstoffe k\u00f6nnten also perspektivisch doch weniger wirksam werden?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Es kann schon sein, dass das Immunsystem von Geimpften neuere Varianten des Virus irgendwann einmal nicht mehr ganz so gut erkennt. Das muss genau untersucht werden. Aber in den kommenden zwei, drei Jahren erwarte ich nicht, dass sich die Eigenschaften des Virus sehr stark \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Was wei\u00df man \u00fcber die Schwere der Krankheitsverl\u00e4ufe bei der neuen Virenvariante? Wird der Erreger vielleicht weniger t\u00f6dlich?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Davon ist nicht auszugehen. Ich glaube zwar nicht, dass es schon detaillierte Informationen gibt. Aber generell haben wir es bei dem Erreger in der Vergangenheit noch nicht erlebt, dass neue Varianten zu weniger schweren Krankheitsverl\u00e4ufen gef\u00fchrt haben. Es gab nur einen einzigen Fall. Aber dieser Typ des Virus ist schon l\u00e4ngst ausgestorben.<\/p>\n<h3>Zu wenige Genomdaten aus Deutschland<\/h3>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Was halten Sie von der Theorie, dass die neue Virenvariante auch f\u00fcr den zuletzt rapiden Anstieg der Fallzahlen in Deutschland verantwortlich ist?<\/p>\n<p><strong>Neher: <\/strong>So viel ich wei\u00df, gibt es in Deutschland bisher noch keinen direkten Nachweis dieser Variante. Vermutlich h\u00e4tten wir sie aber ohnehin bisher nicht entdecken k\u00f6nnen. Meine Forschungsgruppe analysiert die Ausbreitung des Virus anhand von Genomen aus der ganzen Welt und die letzten verf\u00fcgbaren Daten aus Deutschland stammen von Ende November. Zu diesem Zeitpunkt war die neue Variante auch in Gro\u00dfbritannien noch sehr selten. Wir k\u00f6nnen also nicht genau sagen, was in Deutschland gerade so zirkuliert. Dass die neuen Varianten irgendwo schon da sind, davon kann man ausgehen. Ob das aber nur Einzelf\u00e4lle sind, oder ob es schon ein gro\u00dffl\u00e4chiges Auftreten gibt, wissen wir aktuell nicht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Das internationale Forschungsprojekt Nextstrain, an dem Ihr Team beteiligt ist, erh\u00e4lt den Gro\u00dfteil seiner Genomdaten aus Gro\u00dfbritannien und Skandinavien. Wird es Zeit, dass Sie auch mehr aus Deutschland bekommen?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Man h\u00e4tte die genetische Zusammensetzung der Virenpopulation von Anfang an besser \u00fcberwachen m\u00fcssen. Wir haben aus Deutschland bisher vergleichsweise wenig Sequenzen erhalten. In Gro\u00dfbritannien gibt es ein gro\u00dfes Konsortium, das solche Daten generiert und ver\u00f6ffentlicht. In Deutschland machen das zwar einige Labors wie etwa in Berlin, D\u00fcsseldorf, oder Saarbr\u00fccken, aber nicht in dieser Frequenz und Zeitn\u00e4he.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> L\u00e4nder wie die Niederlande oder Belgien haben inzwischen alle Flugverbindungen mit Gro\u00dfbritannien ausgesetzt, um die Ausbreitung der Mutation zu stoppen. Bringt das etwas?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Ich gehe davon aus, dass die neue Variante schon vielerorts zu finden ist. Aber gerade wenn sie noch sehr selten vorkommt, kann man Zeit gewinnen, indem man weitere Eintr\u00e4ge verhindert.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sollte Deutschland die Flugverbindungen also auch stoppen?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Es macht aktuell durchaus Sinn, die Einreise aus Gro\u00dfbritannien einzuschr\u00e4nken. Die Regierung dort wendet im eigenen Land ja eine \u00e4hnliche Strategie an. Regionen, in denen die neue Variante h\u00e4ufiger ist, werden mehr oder weniger abgekapselt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Unsere Regeln zum Abstand und zur Frage, ab welcher L\u00e4nge ein Kontakt mit einem Sars-CoV-2-Infizierten problematisch ist, basieren auf der bisherigen Variante des Erregers. Brauchen wir wegen der Mutation jetzt neue, strengere Regeln?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> Das wird sich erst noch zeigen. Aber es ist offensichtlich, dass die Regeln im Moment noch nicht ausreichen, um die Ausbreitung einzud\u00e4mmen. Wenn sich diese Variante nun schneller verbreitet, muss man noch mehr Kontakte verhindern.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wenn sich das Virus jetzt noch schneller ausbreitet, wie sinnvoll sind dann eigentlich Strategien, die auf eine komplette Ausl\u00f6schung des Erregers setzten, wie etwa in China oder Australien?<\/p>\n<p><strong>Neher:<\/strong> F\u00fcr Europa ist dieser Zug wohl abgefahren. Wir sollten uns aber vor Augen f\u00fchren, dass eine effiziente Impfung die \u00dcbertragung des Virus stark eind\u00e4mmen kann und zur Verf\u00fcgung steht. Deswegen haben eine Unterdr\u00fcckung der Virusausbreitung und eine Reduktion der Fallzahl jetzt eine sehr, sehr hohe Dividende. Weil wir das Licht am Ende des Tunnels sehen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Grafische Darstellung der Oberfl\u00e4chenproteine des Sars-CoV-2-Erregers Foto:\u2002Radoslav Zilinsky \/ Getty Images SPIEGEL: Wir erreichen Sie am Sonntag am Schreibtisch. 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