{"id":461,"date":"2020-06-14T07:13:11","date_gmt":"2020-06-14T04:13:11","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/covid-19-folgeschaden-uberlebt-heist-nicht-uberstanden\/"},"modified":"2020-06-14T07:13:11","modified_gmt":"2020-06-14T04:13:11","slug":"covid-19-folgeschaden-uberlebt-heist-nicht-uberstanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/covid-19-folgeschaden-uberlebt-heist-nicht-uberstanden\/","title":{"rendered":"Covid-19-Folgesch\u00e4den: \u00dcberlebt hei\u00dft nicht \u00fcberstanden"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/f2342fc2-f39d-421c-bc54-a653fd5342b5_w948_r1.77_fpx62.23_fpy55.jpg\" title=\"Patientin Vera Bretung* in Heiligendamm: &quot;Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?&quot;\" alt=\"Patientin Vera Bretung* in Heiligendamm: &quot;Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Patientin Vera Bretung* in Heiligendamm: &quot;Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?&quot;<\/p>\n<p> Lisa Duhm\/ DER SPIEGEL <\/figcaption><\/figure>\n<p>Am Rande des Klinikgel\u00e4ndes liegt eine Pforte, die nur ausgew\u00e4hlte Personen passieren d\u00fcrfen. Sie ist all jenen vorbehalten, die nicht all zu lange laufen k\u00f6nnen, denen das Atmen schwerf\u00e4llt, die schlecht Luft bekommen. Die Sonne scheint durch die rauschenden Linden des Klinikparks, der Weg f\u00fchrt vorbei an einem kleinen Teich und manik\u00fcrten Rasenfl\u00e4chen. Mit einer Chipkarte l\u00e4sst sich das Tor \u00f6ffnen, es ist der k\u00fcrzeste Weg zum Strand. Alle Covid-19-Patienten d\u00fcrfen diese Pforte nutzen, jeder zus\u00e4tzliche Schritt ist f\u00fcr viele von ihnen noch immer einer zu viel.<\/p>\n<p>In der Median-Klinik in Heiligendamm treffen seit Wochen immer mehr Menschen ein, die eine Infektion mit dem Coronavirus \u00fcberstanden haben. Viele f\u00fchlen sich als &quot;\u00dcberlebende&quot;.<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte in der Reha-Einrichtung sind spezialisiert auf Lungenkrankheiten, man kennt sich hier aus mit schwierigen F\u00e4llen. Und doch ist die Situation eine neue. Denn die meisten der Corona-Patienten, die nun hier therapiert werden, standen bis vor wenigen Wochen mitten im Leben. Dann erkrankten sie an Covid-19 und dachten, sie m\u00fcssten sterben, auf einer Intensivstation, angeschlossen an ein Beatmungsger\u00e4t. Nun sitzen sie in der Sonne im Park, nehmen an Therapiesitzungen teil. Und gehen durch die Pforte zum Strand.<\/p>\n<p>J\u00f6rdis Frommhold &#8211; raspelkurzes, schwarzes Haar, direkter Blick &#8211; ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Genesung der Corona-Patienten. Die 38-J\u00e4hrige durchschreitet in Ledermokassins und Arztkittel die Eingangshalle der Klinik, gerade noch hat sie einen Vortrag gehalten, jetzt muss sie zu ihrem n\u00e4chsten Termin. Die Chef\u00e4rztin spricht schnell, sie hat es eilig. Am Dienstag nach Ostern nahm Frommhold den ersten Covid-\u00dcberlebenden in ihrer Klinik auf. Seitdem steht ihr Handy kaum noch still.<\/p>\n<p>Die Nachfragen kommen von allen Seiten: Gesundheits\u00e4mter erkundigen sich nach Behandlungspl\u00e4nen mit dem gr\u00f6\u00dften Erfolg. \u00c4rzte wollen wissen, was sie ihren Patienten empfehlen sollten. Erkrankte hoffen auf einen freien Platz in der Klinik.<\/p>\n<p>Frommhold ist ungewollt zu einer Expertin f\u00fcr &quot;Post-Corona-Patienten&quot; geworden, wie sie ihre Klientel nennt. Doch allzu oft kann auch Frommhold keine definitive Antwort auf diese Fragen geben.<\/p>\n<p>Neulich erst habe ihr eine Patientin bei einer Visite von Kribbeln und Taubheitsgef\u00fchlen im Bein berichtet. Ob das auch wegen Corona sei? &quot;Ich hatte keine zufriedenstellende Antwort f\u00fcr sie&quot;, gibt Frommhold zu. Dann h\u00e4tten ihr zwei weitere Patienten von eben jenem Symptom erz\u00e4hlt. &quot;Wir beobachten das jetzt.&quot;<\/p>\n<p>Mediziner beginnen erst langsam zu verstehen, welche Sch\u00e4den eine schwere Corona-Infektion langfristig im K\u00f6rper anrichtet. Es mehren sich Berichte \u00fcber ungew\u00f6hnliche Nachwirkungen &#8211; neurologische St\u00f6rungen und eine Sch\u00e4digung des Herzens etwa scheinen in Verbindung mit der Erkrankung zu stehen.<\/p>\n<p>&quot;Wir wissen bisher noch sehr wenig \u00fcber das Virus&quot;, sagt Frommhold. Die Folgen einer schweren Infektion sind noch immer schwer abzusehen. Nur eines scheint klar: \u00dcberlebt hei\u00dft nicht \u00fcberstanden. Genesen ist nicht gesund.<\/p>\n<p>Eine von Frommholds Patientinnen ist Vera Bretung*. Bevor die 54-J\u00e4hrige an Covid-19 erkrankte, war sie alles andere als eine Risikopatientin. Mehrmals in der Woche trieb sie Sport, hatte keine Vorerkrankungen. Jetzt stellt die \u00dcberwindung jeder Treppe f\u00fcr Bretung einen Marathon dar. Ihr Atem rasselt dann, der Brustkorb bebt vor Anstrengung. &quot;Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?&quot;, sagt sie. Sieben Wochen lang musste Bretung auf der Intensivstation beatmet werden. An einigen Tagen konnten die \u00c4rzte ihrem Mann und den beiden Kindern nicht versprechen, dass sie \u00fcberleben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bretung ist von der Infektion schwer gezeichnet: Dort, wo der Beatmungsschlauch in ihre Luftr\u00f6hre f\u00fchrte, klebt ein Pflaster. Die Wunde muss noch heilen. Vom langen Liegen hat Bretung Druckstellen im Gesicht. Nachts schl\u00e4ft sie schlecht, hat Angst, dass die Albtr\u00e4ume von der Intensivstation zur\u00fcckkommen. Manchmal wird ihr pl\u00f6tzlich schwindelig. Ihre H\u00e4nde zittern oft so stark, dass sie keinen Stift greifen kann.<\/p>\n<p>Auch das Ehepaar Kandziora, beide 68, ist in der Klinik in Heiligendamm in Behandlung. Die Kandzioras steckten sich auf einer Kreuzfahrt in die Karibik an. Gemeinsam kamen sie ins Krankenhaus, dann wurde Marianne Kandziora auf die Intensivstation verlegt. &quot;Das war die H\u00f6lle&quot;, sagt Konrad Kandziora. Beide \u00fcberlebten, doch die Folgen der Erkrankung sp\u00fcrt das Ehepaar auch nach f\u00fcnf Wochen Reha-Aufenthalt.<\/p>\n<p>In der Rehaklinik riet ihnen eine Therapeutin in der ersten Sitzung, m\u00f6glichst viel spazieren zu gehen. Die Kandzioras sind ehrgeizig, sie schafften drei Kilometer. &quot;Das dauerte ewig, weil wir uns auf jede Bank setzen mussten, an der wir vorbeikamen, um eine Pause zu machen&quot;, sagt Konrad Kandziora. Das Sportprogramm von vorher, so sagen sie, schaffen sie auch jetzt, nach Wochen in der Klinik, nicht wieder.<\/p>\n<p>Auch im Leben von Jens R\u00fcckert* ist seit der Corona-Infektion nichts mehr wie es war. Jeder Atemzug ist f\u00fcr den 41-J\u00e4hrigen noch immer mit Schmerzen verbunden, schon dreimal musste sein Reha-Aufenthalt verl\u00e4ngert werden. Das einst geliebte Ju-Jutsu-Training mit seinem kleinen Sohn? Undenkbar. R\u00fcckert hat jetzt einen Antrag auf Schwerbehinderung gestellt.<\/p>\n<p>Doch das ist f\u00fcr ihn nicht das Schlimmste. &quot;Ich habe meinen Vati an Corona verloren&quot;, erz\u00e4hlt R\u00fcckert. Der Vater steckte sich wohl beim Pflegedienst an, noch immer f\u00e4llt es dem Sohn schwer, \u00fcber den Verlust zu sprechen. W\u00e4hrend R\u00fcckert selbst mit Atemnot im Bett lag, verschlechterte sich der Zustand des 81-J\u00e4hrigen dramatisch. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamts begleitete R\u00fcckert in Vollschutz zum Fenster der Intensivstation, so konnte er seinem Vater ein letztes Mal zuwinken.<\/p>\n<p>&quot;Wirklich verabschieden konnte ich mich nicht&quot;, sagt R\u00fcckert. Die Erlebnisse der vergangenen Wochen haben bei ihm eine Depression ausgel\u00f6st, auch deswegen ist er nun in Behandlung.<\/p>\n<p>Bevor Chef\u00e4rztin J\u00f6rdis Frommhold an die Rehaklinik nach Heiligendamm kam, leitete sie eine Notfallambulanz. Sie habe sich gefragt, wie das werden solle, sagt sie, und sich ein wenig vor Langeweile gef\u00fcrchtet. Leben retten unter Zeitdruck da, hustende Reha-Patienten hier. Dann kam Corona. Frommhold l\u00e4chelt kurz und sch\u00fcttelt den Kopf, als wundere sie sich selbst \u00fcber die eigene Naivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch Michael Pfeifer sieht bei seiner t\u00e4glichen Arbeit im Hochrisikogebiet, dass dieses Virus anders ist. Pfeifer ist Leiter der Pneumologie am Universit\u00e4tsklinikum Regensburg, er versorgt mit seinem Team rund 30 Intensivpatienten mit schwerem Corona-Verlauf. &quot;Die Behandelten leiden deutlich l\u00e4nger an Symptomen als bei vergleichbaren Lungenentz\u00fcndungen&quot;, erkl\u00e4rt Pfeifer.<\/p>\n<p>Die Unsicherheit \u00fcber das richtige Vorgehen sei das Schlimmste. Eine Standardtherapie gibt es nicht. T\u00e4glich \u00fcberpr\u00fcft Pfeifer, welche neuen Publikationen zu dem Thema erschienen sind. Gerade erst ver\u00f6ffentlichten Kollegen von der Universit\u00e4t Witten-Herdecke eine Studie zu Obduktionsergebnissen von verstorbenen Corona-Patienten &#8211; sie hatten festgestellt, dass Covid-19 die Lungenbl\u00e4schen offenbar anders sch\u00e4digt als etwa ein Influenzavirus. &quot;Vielleicht stellen wir in einem halben Jahr fest, dass wir anders h\u00e4tten behandeln m\u00fcssen oder k\u00f6nnen&quot;, sagt Pfeifer.<\/p>\n<p>In der Klinik in Heiligendamm findet die Atemtherapie an diesem Freitag im Mai drau\u00dfen statt. Der Alltag der Patienten ist straff organisiert, sieben bis acht Therapieeinheiten absolvieren R\u00fcckert, das Ehepaar Kandziora und die anderen Corona-\u00dcberlebenden jeden Tag.<\/p>\n<p>Auf einer Wiese hinter dem Klinikgeb\u00e4ude stellt sich die Gruppe in Trainingskleidung auf, es ist so warm, dass sie sich f\u00fcr den Halbschatten entscheiden. Alles f\u00fchlt sich ein bisschen nach Urlaub an, der Geruch von Sonnencreme liegt in der Luft.<\/p>\n<p>Der Therapeut ruft der Gruppe Anweisungen zu. Einige von ihnen, so wie Vera Bretung, mussten das Atmen nach Wochen im k\u00fcnstlichen Koma erst wieder lernen. Manche, wie Jens R\u00fcckert, haben mit psychischen Folgen zu k\u00e4mpfen. F\u00fcr keinen von ihnen gibt es derzeit eine gesicherte Prognose, ob und wann er wieder vollst\u00e4ndig gesunden wird. Trotzdem beginnt in Heiligendamm f\u00fcr sie alle der Weg zur\u00fcck ins Leben. Von vorn ruft der Therapeut: &quot;Und jetzt alle mal tief durchatmen!&quot;<\/p>\n<p><em>*Name ge\u00e4ndert<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Patientin Vera Bretung* in Heiligendamm: &quot;Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?&quot; Lisa Duhm\/ DER SPIEGEL Am Rande des Klinikgel\u00e4ndes liegt eine Pforte, die nur ausgew\u00e4hlte Personen passieren<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-461","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=461"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=461"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=461"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=461"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}