{"id":4609,"date":"2020-12-19T03:58:24","date_gmt":"2020-12-19T00:58:24","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-hochrangige-wissenschaftler-fordern-richtwert-von-maximal-zehn-neuinfektionen-fur-europa\/"},"modified":"2020-12-19T03:58:24","modified_gmt":"2020-12-19T00:58:24","slug":"corona-hochrangige-wissenschaftler-fordern-richtwert-von-maximal-zehn-neuinfektionen-fur-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-hochrangige-wissenschaftler-fordern-richtwert-von-maximal-zehn-neuinfektionen-fur-europa\/","title":{"rendered":"Corona: Hochrangige Wissenschaftler fordern Richtwert von maximal zehn Neuinfektionen f\u00fcr Europa"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/80688584-8ca0-4411-a90c-752470bddf14_w948_r1.77_fpx53_fpy76.jpg\" title=\"Stephansplatz in Wien: Eine Kerze f\u00fcr jeden Covid-19-Toten\" alt=\"Stephansplatz in Wien: Eine Kerze f\u00fcr jeden Covid-19-Toten\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Stephansplatz in Wien: Eine Kerze f\u00fcr jeden Covid-19-Toten<\/p>\n<p>  Foto:\u2002ROLAND SCHLAGER \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00bbEs ist wie bei einem gigantischen Fu\u00dfballspiel\u00ab, sagt Viola Priesemann. Die Physikerin vom Max-Planck-Institut f\u00fcr Dynamik und Selbstorganisation ist darauf spezialisiert, Ausbreitungsprozesse \u2013 etwa die von Krankheitserregern \u2013 zu simulieren. Schon seit Monaten verfolgt sie den Weg, den sich das Coronavirus rund um die Welt bahnt. \u00bbJedes Mal, wenn die Virus-Mannschaft ein Tor schie\u00dft, bekommt sie bis zu drei neue Spieler\u00ab, sagt Priesemann. Die Abwehr der anderen Mannschaft ger\u00e4t dadurch in Unterzahl, die Viren-Mannschaft schie\u00dft ein Tor nach dem anderen, die Zahl ihrer Spieler w\u00e4chst und w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Genau das hat Deutschland in den vergangenen Monaten erlebt. Die Tore stehen f\u00fcr jeden Menschen, den das Coronavirus neu befallen hat. Jeden, der eine Infektionskette in Gang gesetzt und damit unbeabsichtigt neue Viren-Spieler auf den Platz geschickt hat.<\/p>\n<h3>Aktueller Spielstand: mehr als 33.000 Neuinfektionen<\/h3>\n<p>Die Abwehr Deutschlands bilden Gesundheits\u00e4mter, Labors und die AHA-L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, L\u00fcften). Denn konsequente Kontaktnachverfolgung, umfangreiche Tests und das Verhalten jedes Einzelne kann Infektionen verhindern. In der Spielsituation hie\u00dfe das: Wird ein Angriff abgewehrt, muss ein Viren-Spieler vom Platz, seine Mannschaft schrumpft.<\/p>\n<p>Doch wenn die Viren-Mannschaft w\u00e4chst und w\u00e4chst, kann die Abwehr kaum mehr etwas ausrichten. Der Spielstand zur Halbzeit in Deutschland: mehr als 33.000 gemeldete Neuinfektionen an nur an einem Tag. In vielen L\u00e4ndern Europas sieht es nicht viel besser aus.<\/p>\n<p>Renommierte Forscherinnen und Forscher aus Europa fordern deshalb in einer von Priesemann initiierten gemeinsamen Stellungnahme im Fachblatt \u00bbLancet\u00ab, die Fallzahlen in ganz Europa drastisch zu senken. Unterschrieben haben mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler \u2013 darunter das Who-is-who der deutschen Corona-Experten:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Christian Drosten von der Berliner Charit\u00e9, Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts f\u00fcr Medizinische Virologie an der Uniklinik Frankfurt, Melanie Brinkmann sowie Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Infektionsforschung in Braunschweig.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Und besonders beachtlich, weil er sich in der Coronakrise bisher nicht mit Positionspapieren hervorgetan hat: Lothar Wieler, der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI).<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Forscher schlagen einen <strong>Richtwert von maximal zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner und Tag<\/strong> vor \u2013 und zwar f\u00fcr ganz Europa. F\u00fcr Deutschland w\u00e4ren das maximal etwa 830 Neuinfektionen pro Tag. So niedrige Fallzahlen hatte es hierzulande zuletzt im Sommer gegeben. Ab August hatten sich wieder mehr Menschen in Deutschland infiziert. Zun\u00e4chst begann das Wachstum schleichend, sp\u00e4testens ab Oktober stiegen die Fallzahlen rasant. Aktuell ist die Zahl der bekannten Infektionen so hoch wie noch nie.<\/p>\n<p>\u00bbWir haben wirklich nach m\u00f6glichen Vorteilen von hohen Infektionszahlen gesucht\u00ab, versichert Priesemann w\u00e4hrend einer Pressekonferenz des Science Media Center am Freitag. \u00bbAber wir haben keinen einzigen gefunden.\u00ab Es sei ein Irrglaube, hohe Infektionszahlen erlaubten mehr Freiheiten. Das Gegenteil sei der Fall.<\/p>\n<p>Ein Blick in L\u00e4nder wie China, Australien, Neuseeland und Taiwan zeigt: Wo alle Infektionen konsequent nachverfolgt, Infektionsketten unterbrochen konnten und verhindert werden konnte, dass sich das Virus im gro\u00dfen Stil ausbreitet, erholte sich die Wirtschaft schneller, weniger Menschen erkrankten oder starben. Das \u00f6ffentliche Leben l\u00e4uft vielerorts nahezu uneingeschr\u00e4nkt weiter. \u00bbNull Covid\u00ab, so l\u00e4sst sich der Weg zusammenfassen, den diese L\u00e4nder gew\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p>Deutschland und viele andere westliche L\u00e4nder haben dagegen versucht, sich mit dem Virus zu arrangieren. Viele hangeln sich nun an der Kapazit\u00e4tsgrenze der Krankenh\u00e4user entlang, mit wiederkehrenden regionalen oder landesweiten Shutdowns, wenn es gar zu brenzlig wird.<\/p>\n<p>Niedrige Infektionszahlen haben laut dem Positionspapier dagegen mehrere Vorteile:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p><strong>Leben retten<\/strong>: Wenn sich weniger Menschen infizieren, erkranken weniger Menschen oder sterben. Bisher ist es keinem Land gelungen, Risikogruppen zu sch\u00fctzen, wenn sich das Virus erst ausgebreitet hatte.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Leichtere Kontrolle<\/strong>: Sind die Fallzahlen niedrig, kommen begrenzte Kapazit\u00e4ten nicht so schnell an ihre Grenzen. Das konsequente Testen, Nachverfolgen und Isolieren von Verdachtsf\u00e4llen sowie die Einhaltung der AHA-L (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, L\u00fcften) k\u00f6nnen reichen, um einen erneuten Anstieg der Fallzahlen zu verhindern.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Bessere Planbarkeit<\/strong>: Bleiben die Fallzahlen stabil, braucht es keine \u00fcberhasteten zus\u00e4tzlichen Beschr\u00e4nkungen. Die Planungssicherheit n\u00fctzt der Wirtschaft.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00bbNiedrige Fallzahlen haben nur Vorteile\u00ab, sagt Priesemann. \u00bbDas ist wissenschaftlicher Konsens in der Virologie, Epidemiologie, Wirtschaft und Soziologie.\u00ab Anders gesagt: Was der Gesundheit n\u00fctzt, n\u00fctzt auch der Wirtschaft. Tats\u00e4chlich geh\u00f6ren l\u00e4ngst nicht nur Virologen und Epidemiologen zu den Unterzeichnern des Positionspapiers, sondern auch bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie Clemens Fuest, Pr\u00e4sident des Ifo-Instituts.<\/p>\n<h3>Wie der Versuch, Milch k\u00f6cheln zu lassen<\/h3>\n<p>Die Mahnung aus der Wissenschaft ist nicht die erste Forderung nach einer gesamteurop\u00e4ischen Strategie. Devi Sridhar hatte schon im Sommer im Interview mit dem SPIEGEL dazu gedr\u00e4ngt. Sie ist Professorin f\u00fcr globale \u00f6ffentliche Gesundheit an der University of Edinburgh und ber\u00e4t Schottland in Pandemiefragen. Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung sagt sie: \u00bbDer Versuch, das Virus auf einem akzeptablen niedrigen Niveau k\u00f6cheln zu lassen, ist das Rezept f\u00fcr eine Katastrophe, weil es Regierungen angesichts der Infektiosit\u00e4t und der Hospitalisationsrate von Sars-CoV-2 in immer neue Lockdowns zwingt.\u00ab Das sei wie der Versuch, Milch k\u00f6cheln zu lassen.<\/p>\n<p>Sridhar pl\u00e4diert daf\u00fcr, die Infektionszahlen komplett auf null zu senken. \u00bbDie L\u00e4nder m\u00fcssen sich entscheiden, ob sie mit dem Virus und den Einschr\u00e4nkungen des t\u00e4glichen Lebens leben wollen. Oder ob sie es eliminieren wollen, wie L\u00e4nder in Ostasien und dem Pazifik, und wieder zum allt\u00e4glichen Leben zur\u00fcckkehren, mit eingeschr\u00e4nkter internationaler Mobilit\u00e4t.\u00ab<\/p>\n<p>Bisher hatten europ\u00e4ische L\u00e4nder immer wieder den Weg des Shutdowns gew\u00e4hlt, um die Infektionskurve zu dr\u00fccken, allerdings nie gleichzeitig. Dadurch konnte das Virus immer wieder eingeschleppt werden. \u00bbAngesichts offener Grenzen kann kein Land allein die Infektionszahlen niedrig halten, daher ist ein gemeinsames Ziel und abgestimmtes Handeln essenziell\u00ab, hei\u00dft es im aktuellen Positionspapier.<\/p>\n<p>Die Zahlen m\u00fcssten also in ganz Europa deutlich runter, denn auch Impfstoffe werden die Situation in absehbarer Zeit nicht sp\u00fcrbar verbessern. Nur wie? Die unbequeme Wahrheit ist: Niemand kann genau sagen, wo sich die Menschen anstecken. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Die meisten nachweisbaren Ausbr\u00fcche treten zwar in Familien auf, doch die sind denkbar leicht aufzudecken, schlie\u00dflich wohnen die Betroffenen zusammen. Ob dagegen Gesch\u00e4fte, Bus oder Bahn die Treiber der Pandemie sind, kann niemand genau sagen. Wer wei\u00df schon, wer im Bus neben einem hustet oder an der Supermarktkasse niest?<\/p>\n<p>Statt differenziert Bereiche zu schlie\u00dfen, in denen das Infektionsrisiko besonders hoch ist, bleibt deshalb nur der Rundumschlag eines Lockdowns. Dass die Fallzahlen dann auch im Winter sinken, hat beispielsweise Irland gezeigt.<\/p>\n<h3>\u00bbWir haben im Herbst die Chance verpasst, die Zahlen wieder zu dr\u00fccken\u00ab<\/h3>\n<p>Auch in anderen L\u00e4ndern konnte der Reproduktionsfaktor durch Shutdowns in den Herbst- und Wintermonaten nach einer Anlaufzeit auf 0,7 gedr\u00fcckt werden. Ab diesem Wert halbiere sich die Zahl der Neuinfektion pro Woche in etwa, sagt Priesemann. Die Wissenschaftler halten es deshalb f\u00fcr realistisch, dass Europa schon im Fr\u00fchjahr den angepeilten Richtwert von weniger als zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner erreichen k\u00f6nnte. In Regionen mit einer Inzidenz von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner reichten wenige Wochen, sobald der R-Wert erst auf 0,7 gesunken ist.<\/p>\n<p>\u00bbWir haben im Herbst die Chance verpasst, die Zahlen wieder zu dr\u00fccken\u00ab, sagt Priesemann. Das sei ein Fehler gewesen. \u00bbWir haben gehofft, der Shutdown light w\u00fcrde ausreichen, um die Fallzahlen deutlich zu senken. Doch das ist nicht gelungen.\u00ab Die Zahl der schwer Erkrankten und Todesf\u00e4lle ist sogar konsequent gestiegen. \u00bbDa hat der Shutdown light fast nichts gebracht\u00ab, so Priesemann. Sp\u00e4testens als Ende November klar geworden sei, dass die Ma\u00dfnahmen kaum Wirkung zeigen, h\u00e4tte gegengesteuert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wie die Infektionswelle die Politik \u00fcberrollte, zeigt die Diskussion \u00fcber Grenzen bei der Zahl der Neuinfektionen von Mitte Oktober. Allersp\u00e4testens bei 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tage sollte entschlossen gehandelt werden, einigte man sich damals. Doch immer mehr Regionen rissen die Marke, drastische Einschr\u00e4nkungen gab es vielerorts trotzdem nicht.<\/p>\n<p>Dann sickerte ein Entwurf der Bundesregierung durch: Es sollten schon Ende November h\u00e4rtere Beschr\u00e4nkungen beschlossen werden. Die L\u00e4nderchefs reagierten br\u00fcskiert, die realit\u00e4tsferne Idee, Kinder sollten sich nur noch mit einem Spielkameraden treffen d\u00fcrfen, dominierte die Diskussion. Am Ende kam der Shutdown light.<\/p>\n<p>Doch anders als beim ersten Shutdown verhallten die Mahnungen offenbar. Waren die Fallzahlen im Fr\u00fchjahr schon vor dem Shutdown gesunken, weil die Menschen offenbar von sich aus Kontakte massiv eingeschr\u00e4nkt hatten, steigen sie aktuell weiter an. Die Sieben-Tage-Inzidenz f\u00fcr ganz Deutschland liegt inzwischen bei 185, in einigen Regionen sogar bei mehr als 600.<\/p>\n<p>Kritiker wie der Vorstandsvorsitzende der Kassen\u00e4rztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen bezweifeln trotzdem, der erneute Shutdown k\u00f6nne die Fallzahlen nachhaltig senken. Entscheidend sei der Schutz der Risikogruppen. Ein Shutdown sei keine langfristige Strategie.<\/p>\n<p>\u00bbDas hat auch niemand behauptet\u00ab, sagt Priesemann. \u00bbNat\u00fcrlich m\u00fcssen wir Risikogruppen sch\u00fctzen, doch daf\u00fcr m\u00fcssen wir die Fallzahlen erst mal deutlich unter 50 senken.\u00ab Bisher ist das in jedem Land gelungen, das einen Shutdown beschlossen hatte. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass es ausgerechnet jetzt anders sein sollte. Sind die Fallzahlen erst auf niedrigem Niveau, seien deutlich sp\u00fcrbare Lockerungen m\u00f6glich, Gesch\u00e4fte k\u00f6nnten \u00f6ffnen, Kinder wieder in die Schule. Lokale Ausbr\u00fcche m\u00fcssten rigoros einged\u00e4mmt werden mit Reisebeschr\u00e4nkungen, gezielten Tests und m\u00f6glicherweise regionalen Lockdowns. \u00bbWir m\u00fcssen die niedrigen Fallzahlen diesmal verteidigen\u00ab, mahnt Priesemann. Ansonsten verspiele man den Erfolg.<\/p>\n<p><em>Mitarbeit: Veronika Hackenbroch<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Stephansplatz in Wien: Eine Kerze f\u00fcr jeden Covid-19-Toten Foto:\u2002ROLAND SCHLAGER \/ AFP \u00bbEs ist wie bei einem gigantischen Fu\u00dfballspiel\u00ab, sagt Viola Priesemann. 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