{"id":4605,"date":"2020-12-18T23:47:38","date_gmt":"2020-12-18T20:47:38","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-sachsen-wenn-der-platz-fur-die-toten-knapp-wird\/"},"modified":"2020-12-18T23:47:38","modified_gmt":"2020-12-18T20:47:38","slug":"corona-in-sachsen-wenn-der-platz-fur-die-toten-knapp-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-sachsen-wenn-der-platz-fur-die-toten-knapp-wird\/","title":{"rendered":"Corona in Sachsen: Wenn der Platz f\u00fcr die Toten knapp wird"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/93313a40-f86b-4393-8c2b-711bc52b7ae8_w948_r1.77_fpx39.32_fpy44.97.jpg\" title=\"Krematorium in G\u00f6rlitz: \u00bbWer Corona nur f\u00fcr eine Grippe h\u00e4lt, der soll hier mal eine Woche arbeiten\u00ab\" alt=\"Krematorium in G\u00f6rlitz: \u00bbWer Corona nur f\u00fcr eine Grippe h\u00e4lt, der soll hier mal eine Woche arbeiten\u00ab\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Krematorium in G\u00f6rlitz: \u00bbWer Corona nur f\u00fcr eine Grippe h\u00e4lt, der soll hier mal eine Woche arbeiten\u00ab<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Sven D\u00f6ring \/ DER SPIEGEL  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Ein\u00e4scherer hastet aus dem B\u00fcro des Krematoriums in den Vorraum. In der Ecke steht ein Sarg, daneben ein Wagen, mit dem man die S\u00e4rge aus den Leichenwagen hebt. Er dr\u00fcckt der Bestatterin das Telefon in die Hand. Die h\u00e4lt es sich ans Ohr, dann runzelt sie die Stirn und schnauft. \u00bbF\u00fcr sowas habe ich nun wirklich keine Zeit\u00ab, sagt sie, \u00bbTsch\u00fcss.\u00ab Sie nickt in die Runde, \u00f6ffnet die Stahlt\u00fcr. \u00bbIch muss weiter.\u00ab Das Telefon klingelt wieder. Der Ein\u00e4scherer sch\u00fcttelt den Kopf, brummt. \u00bbIch schalte es gleich aus.\u00ab <\/p>\n<p>Die Mitarbeiter des Krematoriums in G\u00f6rlitz schieben Extraschichten, sagt die Leiterin Evelin M\u00fchle. \u00bbVon sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends arbeiten wir hier, sonst w\u00fcrden sich die S\u00e4rge stapeln.\u00ab Derzeit seien alle K\u00fchlr\u00e4ume besetzt, in der Ecke stehen sechs weitere S\u00e4rge. Auf einem Holzsarg steht in schwarzen Gro\u00dfbuchstaben \u00bbCOVID 19\u00ab. Nur einer von sechs? M\u00fchle sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbEs sind viele Corona-F\u00e4lle. Es ist dramatisch.\u00ab Im November w\u00fcrden sie normalerweise um die 130 Verstorbene ein\u00e4schern. Dieses Jahr seien es etwa 100 mehr gewesen. \u00bbUnd Mitte Dezember lagen wir auch schon wieder bei \u00fcber 200 Ein\u00e4scherungen.\u00ab<\/p>\n<h3>Die Krematorien arbeiten im Akkord<\/h3>\n<p>Vielleicht m\u00fcsse sie bald einen weiteren K\u00fchlraum herrichten, sagt M\u00fchle. Die Verstorbenen, die hier lagern, seien ja schon eine Weile tot. \u00bbAber jetzt infizieren sich ja so viele wie nie. Die kommen dann im Januar zu uns. Wenn ich daran denke, wird mir angst und bange.\u00ab T\u00e4glich k\u00e4men mehr, als M\u00fchle und ihr Team im Regelbetrieb ein\u00e4schern k\u00f6nnten. Gestern aber h\u00e4tten ihre M\u00e4nner gut was geschafft, 18 S\u00e4rge verbrannt, nur 13 neue seien dazugekommen. \u00bbWir sind wirklich froh, wenn wir mal an einem Tag mehr schaffen als kommen\u00ab, sagt sie. \u00bbDas ist ein Wettlauf mit den Toten. Wer Corona nur f\u00fcr eine Grippe h\u00e4lt, der soll hier mal eine Woche arbeiten.\u00ab<\/p>\n<p>In kaum einer Region sterben derzeit, auf die Bev\u00f6lkerungszahl hochgerechnet, so viele Menschen an Corona wie im Landkreis G\u00f6rlitz. In den vergangenen sieben Tagen haben sich mehr als 662 Menschen mit Corona infiziert. Nur in Zwickau und Bautzen, beide ebenfalls in Sachsen, waren es noch mehr. Die Intensivstationen laufen \u00fcber, es gibt nicht mehr genug Beatmungsger\u00e4te und Pflegekr\u00e4fte, Patienten m\u00fcssen verlegt werden. Nun wird selbst der Platz f\u00fcr die Gestorbenen knapp. Krankenh\u00e4user m\u00fcssen die K\u00fchlhallen erweitern, die Krematorien arbeiten im Akkord. Die Region wei\u00df kaum noch, wohin mit den ganzen Toten.<\/p>\n<p>Der Ein\u00e4scherer steht hinter dem Sarg auf dem Wagen vor dem Ofen, legt einen Hebel um, dr\u00fcckt dann einen roten Knopf. Eine Klappe hebt sich, Flammen lodern in dem Loch. Der Sarg f\u00e4hrt hinein, die Klappe geht zu. Vier weitere S\u00e4rge liegen aufgereiht auf dem Boden. Der Mann geht an ihnen vorbei in den Nebenraum und zieht den n\u00e4chsten Sarg heran. \u00bbHeute sind wir vier im Vorsprung\u00ab, sagt er. In einer Stunde wird der Mensch im ersten Sarg zu Asche verbrannt sein. Dann wird der Ein\u00e4scherer wieder den Knopf dr\u00fccken.<\/p>\n<h3>Sonderschichten im Standesamt<\/h3>\n<p>Vor allem \u00fcber die Stadt Zittau im \u00f6stlichsten Osten von Sachsen, direkt an der Grenze zu Polen und Tschechien, ist in den letzten Tagen viel berichtet worden. Dem \u00c4rztlichen Direktor des dortigen Klinikums, Mathias Mengel, rutschte in einer Videoschalte vor rund 100 Zuh\u00f6rern das Wort \u00bbTriage\u00ab \u00fcber die Lippen. Zwar korrigierte die Pressesprecherin die Aussage am n\u00e4chsten Tag. Die \u00c4rzte h\u00e4tten noch nicht entscheiden m\u00fcssen, welchen Patienten sie an die Beatmungsger\u00e4te anschlie\u00dfen \u2013 und vor allem \u2013 welche nicht. Aber man k\u00f6nne sich nicht mehr selbst um alle Patienten k\u00fcmmern und m\u00fcsse manche in andere Kliniken bringen. Und da m\u00fcsse man eben \u00fcberlegen, wer den anstrengenden Transport verkraften k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Die Lage ist ernst. So ernst, dass die Mitarbeiter des Standesamtes in Zittau nun sogar an Weihnachten arbeiten m\u00fcssen \u2013 um Sterbeurkunden auszustellen. Das st\u00e4dtische Krematorium hatte sie darum gebeten. Ohne Sterbeurkunde darf man die Toten nicht ein\u00e4schern. Und bis nach Weihnachten kann man die Toten nicht mehr lagern.<\/p>\n<p>Die Leiterin Petra Wie\u00dfner ist 63 Jahre alt und hat schon ihre Lehre im Standesamt Zwittau gemacht. \u00bbAber das, was wir gerade durchmachen \u2013 eine solche Haverie an Toten, habe ich in 44 Jahren nicht erlebt\u00ab, sagt sie. Sie m\u00fcssten nun \u00dcberstunden machen, um das alles zu bew\u00e4ltigen. Um zw\u00f6lf Uhr den Stift niederlegen \u2013 das gehe nun nicht mehr. An Heiligabend werde sie f\u00fcr drei Stunden ins B\u00fcro kommen, am 2. Weihnachtstag eine Kollegin. \u00bbWir w\u00fcrden auch gern Weihnachten feiern, aber dann w\u00fcrde uns das Krematorium \u00fcberlaufen.\u00ab  <\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen falle sie h\u00e4ufiger abends v\u00f6llig geschafft ins Bett. Neulich sogar habe sie ein Gedicht geschrieben, um das ganze Drama zu verarbeiten. \u00bbMan kann das nicht komplett von sich fernhalten. Vor allem, wenn ich da jemanden liegen habe, der in den F\u00fcnfzigerjahren geboren ist \u2013 der ist ja so alt wie ich.\u00ab <\/p>\n<h3>Jedes Blatt ist ein Todesfall<\/h3>\n<p>Um halb zwei am Freitagmittag ist die schwere Holzt\u00fcr des Standesamtes abgeschlossen. Eine Mitarbeiterin \u00f6ffnet, nur noch an ihrem Platz brennt die Schreibtischlampe. In der Ecke stehen Ficus-B\u00e4ume in T\u00f6pfen, daneben Vasen mit wei\u00dfen und rosafarbenen Rosen, auf den Schreibtischen Ablagef\u00e4cher, ein paar B\u00fccher und Mappen, alles fein und s\u00e4uberlich. Keine Aktenberge, keine hektische Betriebsamkeit. Woran man denn nun merke, dass derzeit so viele Menschen sterben? Die Mitarbeiterin zeigt auf den Schreibtisch neben sich, darauf liegt ein dicker Leitz-Ordner, der Deckel hakt kaum noch ein. Jedes Blatt darin steckt in einer Klarsichth\u00fclle. Jedes Blatt ist ein Todesfall.<\/p>\n<p>Statt unter dem Sargdeckel liegen die Toten hier unter einem Pappdeckel. Die Mitarbeiterin \u00f6ffnet einen Schrank voll mit Ordnern. Sie zeigt auf einen aus dem Jahr 2017 mit der Aufschrift: \u00bbAugust, September, Oktober\u00ab. \u00bbNormalerweise brauchen wir nur einen Ordner f\u00fcr zwei, manchmal sogar drei Monate.\u00ab In den Ordner vom Dezember passt schon am 18. Tag kaum noch ein Blatt Papier.<\/p>\n<p>Es gibt nicht viele, die in Zittau aktuell mit Journalisten \u00fcber das Sterben sprechen m\u00f6chten. Die Pressesprecherin der Klinik blockt alle Anfragen ab. Auch das st\u00e4dtische Krematorium \u00e4u\u00dfert sich nicht. Der Stadtsprecher sagt, kurzfristig sei das nicht m\u00f6glich. Vor Ort sch\u00fctteln die Mitarbeiter den Kopf. Sie d\u00fcrften mit der Presse nicht sprechen.<\/p>\n<p>Auch manche Bestatter sagen, ihr Chef habe es ihnen verboten. Einen trifft man an, als er gerade aus der T\u00fcr kommt, einen Stapel Akten unter den Arm geklemmt. Ob er kurz Zeit habe? Er sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbZeit habe ich gerade gar keine\u00ab, sagt der Mann und klopft auf die Akten. \u00bbVier weitere Tote. Ich muss zum Standesamt, danach zum Krematorium.\u00ab Er erz\u00e4hlt, dass es ganz sch\u00f6n viel sei gerade. Aber dass man da nun halt durch m\u00fcsse. Man habe ja keine andere Wahl. Er lasse das nicht zu sehr an sich ran. Er versuche es zumindest. Schon klopft er wieder auf die Akten. \u00bbAber jetzt muss ich wirklich weiter.\u00ab<\/p>\n<p>Im Standesamt ist das Licht im B\u00fcro von Leiterin Wie\u00dfner aus. Der Schreibtisch ist wie der ihrer Kollegen aufger\u00e4umt, ein Adventskranz steht in der Ecke. Vor der Tastatur liegt ein Stapel Papiere \u2013 so, als h\u00e4tte sie ihn sich schon einmal zurechtgelegt. Es sind weitere Todesf\u00e4lle. Mit ihnen wird sie die Woche am Montag beginnen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Krematorium in G\u00f6rlitz: \u00bbWer Corona nur f\u00fcr eine Grippe h\u00e4lt, der soll hier mal eine Woche arbeiten\u00ab Foto:\u2002Sven D\u00f6ring \/ DER SPIEGEL Der Ein\u00e4scherer hastet aus dem B\u00fcro<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4606,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4605","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4605","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4605"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4605\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4605"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}