{"id":460,"date":"2020-06-14T06:08:42","date_gmt":"2020-06-14T03:08:42","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/person-of-color-und-polizist-mein-leben-passt-in-keine-schublade\/"},"modified":"2020-06-14T06:08:42","modified_gmt":"2020-06-14T03:08:42","slug":"person-of-color-und-polizist-mein-leben-passt-in-keine-schublade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/person-of-color-und-polizist-mein-leben-passt-in-keine-schublade\/","title":{"rendered":"Person of Color und Polizist: Mein Leben passt in keine Schublade"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/1b93b7f4-213a-40fa-a302-49e30ed9c020_w948_r1.77_fpx42.94_fpy50.jpg\" title=\"Polizisten kontrollieren einen Schwarzen als mutma\u00dflichen Drogendealer\" alt=\"Polizisten kontrollieren einen Schwarzen als mutma\u00dflichen Drogendealer\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Polizisten kontrollieren einen Schwarzen als mutma\u00dflichen Drogendealer<\/p>\n<p> Paul Zinken\/ dpa <\/figcaption><\/figure>\n<p>Wer bin ich eigentlich? Diese Frage hat mich erstaunlicherweise erst sehr sp\u00e4t besch\u00e4ftigt. Erstaunlicherweise deshalb, weil ich fr\u00fch lernen musste, dass mich die Welt als anders wahrnimmt. Greifen und benennen konnte ich das allerdings erst etwa im Alter von 20 Jahren. Aber lassen Sie mich mit der Zeit davor beginnen.<\/p>\n<p>Ich bin geb\u00fcrtiger Berliner \u2013 eine entscheidende Information, wird man doch h\u00e4ufiger gefragt, wo man eigentlich herkommt. Ich verorte eine solche Nachfrage \u00fcbrigens nicht reflexartig im Rassismus. Die Motivation dahinter findet sich meines Erachtens und Erlebens im Spektrum von unbedarftem, aber aufrichtigem Interesse bis gezielter, streits\u00fcchtiger Ausgrenzung.<\/p>\n<p>1978 erblickte ich also als zweitj\u00fcngstes Kind von insgesamt f\u00fcnf das Licht der Welt. Meine Mutter ist ebenfalls Berlinerin, mein Vater stammte aus dem Sudan. Ich bin in einer afrikanisch-arabisch-deutschen, multireligi\u00f6sen Welt gro\u00df geworden. Unterschiedliche Hautfarben nahm ich gar nicht wahr, wir geh\u00f6rten halt einfach zusammen.<\/p>\n<p>Erst im Schulalltag hat man mir (unbewusst) vermittelt, dass ich anders bin: Ich wurde zum kleinen schokoladenfarbenen Lockenkopf. Zu diesem Zeitpunkt entschied meine Mutter, mich umzubenennen, mir lieber einen deutschen Vor- und Nachnamen zu geben, meine Identit\u00e4t anzupassen. Wer in Deutschland bei all den verbreiteten Vorurteilen Erfolg haben wolle, br\u00e4uchte so einen.<\/p>\n<p>Aber ein Name \u00e4ndert eben nicht die Hautfarbe. Also musste ich weitere ab-, ausgrenzende und letztlich rassistische Erfahrungen machen.<\/p>\n<h3><strong>Der l\u00e4sst bestimmt was mitgehen<\/strong><\/h3>\n<p>Manch aufmerksamer Nachbar meinte, mich besonders gut im Blick behalten zu m\u00fcssen. Mancher ging wie selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass ich doch bestimmt Integrations- und Sprachprobleme haben m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Ich war derjenige, der in Kaufh\u00e4usern doch sicherlich was einsteckt, der anderen den Arbeitsplatz wegnimmt, bei dem es fragw\u00fcrdig ist, wie er sich dies oder das leisten kann, der nur im h\u00f6heren Dienst der Polizei Berlin ist, weil er aussieht, wie er eben aussieht, bis hin zu dem, der als N. in diesem Land nichts zu suchen hat.<\/p>\n<p>Und ja, auch <em>ethnical profiling<\/em> durch Polizisten geh\u00f6rt zu meinen Erfahrungen. Ein guter Freund von mir, mit dem ich dienstlich in einem anderen Bundesland war und der mich dort bei der Besichtigung einer Altstadt begleitet hatte \u2013 wir waren in zivil \u2013, hat es auf den Punkt gebracht: Er war entsetzt.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte nie geglaubt, dass <em>ethnical profiling<\/em> so offensichtlich ist. Er \u2013 hellh\u00e4utig, mitteleurop\u00e4ischer Ph\u00e4notypus \u2013 war praktisch unsichtbar, beobachtet wurde lediglich ich. Schublade auf, Cablitz rein, Schublade zu. All das ist nur ein wirklich kleiner und subjektiver Ausschnitt des gesamtgesellschaftlichen Problems, der zudem Welten von dem entfernt ist, was Generationen vor mir erleiden mussten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich habe ich in meinem Leben aber deutlich mehr positive Erfahrungen gemacht. Ich habe mit so vielen Menschen zu tun, die mir offen, unvoreingenommen begegnen, f\u00fcr die Hautfarbe kein Unterscheidungsmerkmal, sondern nur eine Facette unserer aller Vielfalt ist. Es gibt eben nicht nur Schwarz und Wei\u00df. Deshalb bin ich pers\u00f6nlich der Auffassung, wir sollten unsere Wahrnehmungen immer hinterfragen und sie reflektieren, in Relation setzen, ohne sie zu relativieren.<\/p>\n<h3>Eine unfassbare und bizarre Erfahrung<\/h3>\n<p>Mit all diesen Erfahrungen stand mein vielleicht naiver, aber meines Erachtens idealistischer Entschluss fest: Ich wollte Menschen helfen, sie sch\u00fctzen. Ich wollte Hass bek\u00e4mpfen. Ich wollte den mir m\u00f6glichen Beitrag leisten, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Ich wollte das verteidigen, wof\u00fcr unsere demokratische Gesellschaft eigentlich steht \u2013 die unantastbare W\u00fcrde aller Menschen.<\/p>\n<p>Mit Anfang 20 begann ich deshalb das Studium zum Polizeikommissar, wurde Uniformtr\u00e4ger und musste feststellen, dass meine Identit\u00e4t erneut auf die Probe gestellt wurde. Das galt polizeiintern, aber auch im Umgang mit all den Menschen in Berlin.<\/p>\n<p>Besonders auff\u00e4llig war das bei Versammlungen. Ich war sicherlich bei mehr als 100 Demonstrationen als Polizist im Einsatz, in der gesamten denkbaren thematischen und politischen Bandbreite. Wo es f\u00fcr mein Gegen\u00fcber opportun war, hat die Uniform meine Identit\u00e4t gel\u00f6scht, meine Hautfarbe weggewischt, meine Diskriminierungserfahrungen aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Ich wurde mit einem Mal Rassist, Nazi, willenloses Machtwerkzeug des faschistischen Repressionsapparats. Eine unfassbare und bizarre Erfahrung. Alles, wof\u00fcr ich stand und stehe, wurde in Abrede gestellt. Schublade auf, Cablitz rein, Schublade zu.<\/p>\n<p>Wenn jedoch die Hautfarbe dem Vorurteil gelegen kam, wurde genau darauf abgestellt. Meine Entscheidungen seien vorhersehbar, ich w\u00fcrde sie halt zugunsten meiner &quot;Landsleute&quot; treffen. Man wolle lieber mit einem &quot;deutschen&quot; Polizisten sprechen. Es wurde der hellh\u00e4utige Kollege angesprochen, auch wenn dieser darauf verwies, dass ich der Verantwortliche sei. Diese Art der Diskriminierung kannte ich ja schon.<\/p>\n<p>In der Polizei hatte ich erst einmal mit mir selbst zu k\u00e4mpfen. Ich dachte, ich m\u00fcsste meine Identit\u00e4t hintanstellen, um Vorbehalte aufzubrechen, besser zu passen \u2013 manche nennen das Assimilierungsdruck. Ich bin mit dem Begriff vorsichtig, da es aufgrund der negativen Alltagserfahrungen schwer zu differenzieren ist, was faktischer oder nur angenommener Druck ist.<\/p>\n<p>Anf\u00e4nglich machte ich Sp\u00e4\u00dfe \u00fcber mich selbst, bis ich realisierte, dass dies eine Verleugnung meiner eigenen Identit\u00e4t ist und ich andere dadurch eventuell sogar dazu animiere, rassistische Witze \u00fcber mich zu rei\u00dfen.<\/p>\n<h3><strong>Auch bei der Polizei gibt es Rassismus<\/strong><\/h3>\n<p>Aber wie steht es um tats\u00e4chliche Vorbehalte, Vorurteile, Ablehnung zum Beispiel aufgrund der Hautfarbe oder gar Rassismus unter Polizisten? Alles das gibt es auch in der Polizei Berlin. Das zu leugnen, w\u00e4re naiv, dumm oder verlogen. Ich war mit allen vier Auspr\u00e4gungen konfrontiert, habe sie aber direkt in Angriff genommen.<\/p>\n<p>Wichtig ist doch, dass man das Verhalten reflektiert, die Person sachlich konfrontiert, ihr die (eigenen) Grenzen verdeutlicht und bei allen zu ziehenden Konsequenzen trotzdem versucht, Vorbehalte aufzubrechen.<\/p>\n<p>In den fast 19 Jahren bei der Polizei Berlin waren es allerdings nur einige, wenige F\u00e4lle. Ich will damit nichts relativieren. Gerade an uns als Polizistinnen und Polizisten ist ein hoher ethisch-moralischer, (grund-)rechtskonformer Ma\u00dfstab anzusetzen. Ich will aber von Ausgrenzung und Diskriminierung in der Gesellschaft \u2013 damit auch in der Polizei \u2013 ein realistisches Bild zeichnen und die M\u00f6glichkeit schaffen, es einzuordnen.<\/p>\n<p>Ist es nicht auch das, worum es grunds\u00e4tzlich gehen sollte? Die Ber\u00fccksichtigung unterschiedlicher Perspektiven, das \u00dcbereinanderlegen verschiedener Informationen, das Zusammensetzen von Fakten zu einem Mosaik, das die Realit\u00e4t abbildet. Erst auf dieser Grundlage kann man doch ein Problem identifizieren, es benennen und schlie\u00dflich in Angriff nehmen. Pauschalisieren, Verallgemeinern, von Einzelnen auf eine Gesamtheit schlie\u00dfen \u2013 all das bildet doch gerade den N\u00e4hrboden f\u00fcr Vorbehalte, Vorurteile, Diskriminierung und Rassismus.<\/p>\n<h3><strong>Vorurteile sind menschlich \u2013 und immer falsch<\/strong><\/h3>\n<p>H\u00f6rt auf, in Schubladen zu denken &#8211; egal, wof\u00fcr ihr eintretet. Ich bin mir bewusst, dass Vorurteile menschlich sind. Sie machen den Alltag leichter, die Welt vermeintlich verst\u00e4ndlicher. Trotzdem sind sie immer falsch. Die Welt ist komplex, sie ist wunderbar und grausam, sie ist bunt und eint\u00f6nig, sie ist vielf\u00e4ltig und kompliziert. Und ja, sie ist schwer in ihrer G\u00e4nze zu erfassen.<\/p>\n<p>Denn es gibt nun mal nicht den Schwarzen, den Wei\u00dfen, den Uniformierten, wir sind alle Individuen, einzigartig. Ich bin froh, dass wir ein Rechtssystem haben, das diesem Gedanken Rechnung tr\u00e4gt. Ich bin froh, dass wir die Chance und die M\u00f6glichkeit haben, unsere Vielfalt gemeinsam zu leben. Wir m\u00fcssen sie nur gemeinsam nutzen.<\/p>\n<p>Diskriminierung und Rassismus sind ein gesamtgesellschaftliches Problem. Nur unser aller, dauerhafter Zusammenhalt kann dem ein Ende setzen. Es scheint so einfach, verlangt von uns allen kleine Schritte aufeinander zu, Offenheit, die Akzeptanz der und des anderen. Nicht nur heute, nicht nur punktuell.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen so lange aufeinander zugehen, bis wir das Ziel erreicht haben: eine Gemeinschaft, in der wir alle einzigartig sein k\u00f6nnen und doch gleich sind.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Polizisten kontrollieren einen Schwarzen als mutma\u00dflichen Drogendealer Paul Zinken\/ dpa Wer bin ich eigentlich? Diese Frage hat mich erstaunlicherweise erst sehr sp\u00e4t besch\u00e4ftigt. 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