{"id":4597,"date":"2020-12-18T15:18:41","date_gmt":"2020-12-18T12:18:41","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-der-schweiz-warum-das-virus-dort-so-wutet\/"},"modified":"2020-12-18T15:18:41","modified_gmt":"2020-12-18T12:18:41","slug":"corona-in-der-schweiz-warum-das-virus-dort-so-wutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-der-schweiz-warum-das-virus-dort-so-wutet\/","title":{"rendered":"Corona in der Schweiz: Warum das Virus dort so w\u00fctet"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4357ee14-4a76-483a-ae7c-f99c75a2c4aa_w948_r1.77_fpx61.49_fpy50.jpg\" title=\"Ski-Tourismus in der Schweiz, trotz Corona: Lenkt die Regierung um?\" alt=\"Ski-Tourismus in der Schweiz, trotz Corona: Lenkt die Regierung um?\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Ski-Tourismus in der Schweiz, trotz Corona: Lenkt die Regierung um?<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Manuel Geisser \/ imago images  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die vergangenen Tage und Wochen waren f\u00fcr die Schweiz die h\u00e4rtesten des Jahres. Das liegt nicht nur daran, dass zuletzt jede Woche etwa 500 Menschen am Coronavirus starben. Das, was die Schweiz gerade am meisten ersch\u00fcttert, ist der Verlust von Sicherheit. Der Verlust ihres Selbstverst\u00e4ndnisses.<\/p>\n<p>Schweizerinnen und Schweizer haben sich so sehr daran gew\u00f6hnt, nirgends auf der Welt mehr Sicherheit und Stabilit\u00e4t vorzufinden als im eigenen Land, dass viele immer noch nicht glauben k\u00f6nnen, was vor ihren Augen geschieht. Krankenh\u00e4user berichten davon, Krebspatienten nicht mehr operieren zu k\u00f6nnen. Auf vielen Intensivstationen ist jedes Bett belegt. <\/p>\n<p>Die Zahl der Infektionen steigt derweil immer weiter an, obwohl alle davon ausgegangen waren, dass sie im Dezember endlich sinken w\u00fcrde. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner \u00fcber sieben Tage gerechnet lag zuletzt bei 348. Zum Vergleich: In Deutschland betr\u00e4gt sie derzeit 185.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Zahlen ist es besonders ersch\u00fctternd, die Medienkonferenzen des Bundesrates in Bern anzuschauen. Gesundheitsminister Alain Berset, in dessen Verantwortung die Pandemiebek\u00e4mpfung fallen w\u00fcrde, nutzt diese Konferenzen vor allem, um Erstaunen zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Erst war es das Erstaunen dar\u00fcber, dass die zweite Welle in der Schweiz so fr\u00fch und heftig begann \u2013 inzwischen ist Berset \u00fcberrascht, dass die vergleichsweise sanften Ma\u00dfnahmen, zu denen sich Bund und Kantone schlie\u00dflich aufraffen konnten, nicht den gew\u00fcnschten Effekt hatten. <\/p>\n<p>Doch harte Ma\u00dfnahmen f\u00fcr alle Kantone, vielleicht sogar ein landesweiter Lockdown, wie ihn Deutschland gerade beschlossen hat, wollte die Regierung in Bern bisher partout nicht verh\u00e4ngen. Restaurants, Skigebiete, Bordelle, Spa\u00dfb\u00e4der und gro\u00dfe Kaufh\u00e4user sind fast \u00fcberall ge\u00f6ffnet. Der Bundesrat, die siebenk\u00f6pfige Schweizer Regierung, tut sich sehr schwer \u2013 man k\u00f6nnte auch sagen: Er traut sich nicht.<\/p>\n<h3>Der Schweizer Weg des Laissez-faire ist gescheitert<\/h3>\n<p>Am heutigen Freitagnachmittag will die Schweizer Regierung zwar weitere, erstmals h\u00e4rtere Ma\u00dfnahmen verk\u00fcnden. Und erstmals stellen sich wohl auch die Kantonsregierungen nicht quer, anders als in den vergangenen Wochen, als man sich \u00fcber m\u00f6gliche Anordnungen aus Bern lautstark emp\u00f6rte \u2013 mittlerweile fordern etliche Kantone sogar harte Ma\u00dfnahmen vom Bund, obwohl sie selbst l\u00e4ngst welche h\u00e4tten verh\u00e4ngen k\u00f6nnen. Das zeigt, dass der bisherige Weg des Laissez-faire gescheitert ist. Und dass auch der Bundesrat wei\u00df, dass er nun handeln muss.<\/p>\n<p>Doch das, was bisher aus Regierungskreisen \u00fcber die f\u00fcr heute erwarteten strengeren Ma\u00dfnahmen zu h\u00f6ren ist, geht dennoch nicht in Richtung eines harten Lockdowns: Die Gesch\u00e4fte werden vermutlich weiter f\u00fcr das Weihnachtsgesch\u00e4ft ge\u00f6ffnet bleiben, wahrscheinlich ist nur eine Schlie\u00dfung der Restaurants und Museen. <\/p>\n<p>Was f\u00fcr au\u00dfenstehende Betrachter, aber auch viele Schweizer Experten aus Medizin und Forschung schwer verst\u00e4ndlich ist, l\u00e4sst sich mit Blick auf das politische System des Landes erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Schweiz ist auf Konsens angelegt. Politische Macht ist auf viele Schultern verteilt. Die sieben Bundesr\u00e4te geh\u00f6ren allen gro\u00dfen Parteien an, sie entscheiden als Kollektiv. Zwei Bundesr\u00e4te sind von der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP) entsandt worden, deren Vertreter zum Teil offen zu Corona-Verst\u00f6\u00dfen aufrufen.<\/p>\n<h3>Starke regionale Unterschiede bei der Infektionsbek\u00e4mpfung<\/h3>\n<p>Zudem genie\u00dfen die 26 Kantone gro\u00dfe Autonomie \u2013 noch gr\u00f6\u00dfere als deutsche Bundesl\u00e4nder. In der Infektionsbek\u00e4mpfung hat das zu starken, regionalen Unterschieden gef\u00fchrt: Maskenpflicht, Sperrstunde und andere Regeln, die hie und da erlassen wurden, galten vielleicht ein paar Kilometer weiter schon nicht mehr. <\/p>\n<p>In guten Zeiten bringt dieser F\u00f6deralismus sehr solide Lokalpolitik hervor. Das Coronavirus jedoch funktioniert nach anderen Regeln. Es sprang munter von einem Kanton zum n\u00e4chsten. Die, die sich gerade noch r\u00fchmten, niedrige Fallzahlen zu haben und deshalb ihren Einwohnerinnen und Einwohnern strahlend verk\u00fcndeten, dass die \u00bbdringenden Empfehlungen\u00ab aus Bern bei ihnen keine G\u00fcltigkeit h\u00e4tten, wurden schnell zum n\u00e4chsten Hotspot.<\/p>\n<p>Ein weiterer Schwachpunkt der Schweizer Politik ist der gro\u00dfe Einfluss von Unternehmen, Banken und Wirtschaftsverb\u00e4nden auf die Entscheidungsfindung. Erst am Mittwoch haben sich Parlamentarier von SVP, FDP und Christdemokraten mit einem offenen Brief an den Bundesrat gewandt. Ihre Botschaft: kein Lockdown, um keinen Preis. <\/p>\n<h3>Skigebiete bis auf Weiteres offen<\/h3>\n<p>In dem kleinen, reichen Land ist man so daran gew\u00f6hnt, im Zweifel auf \u00bbdie Wirtschaft\u00ab zu h\u00f6ren, dass in den Konferenzen der Berner Politiker nicht selten genau die S\u00e4tze fallen, die man gerade erst von Parteien mit starken, eigenen Interessen geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Beispiel Skifahren: W\u00e4hrend sich viele Nachbarl\u00e4nder darauf verst\u00e4ndigt haben, den Pistenspa\u00df in diesem Jahr ausfallen zu lassen, l\u00e4sst die Schweiz die Skigebiete bis auf Weiteres offen. Zudem wurde den Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rern am Montag bei der Medienkonferenz des Bundesrates ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt, dass man ja, wenn man so den Berg heruntersaust, komplett an der frischen Luft sei, obendrein meterweit von anderen Menschen entfernt. <\/p>\n<p>Ein Argument, das man wortgleich auch von Bergbahnen und Tourismusverb\u00e4nden kennt. Dass man sich sehr wohl in den Gondeln oder beim Warten auf die Gondel anstecken kann, wird ebenso ausgeblendet wie die naheliegende \u00dcberlegung, dass die Spit\u00e4ler im Moment keine Kapazit\u00e4ten haben, um Skiunf\u00e4lle zu behandeln \u2013 und dass es auch darum geht, dass Menschen m\u00f6glichst bei sich zu Hause bleiben und nicht durch das ganze Land oder durch halb Europa fahren, um Ski zu fahren.<\/p>\n<p>Die Schweiz hat, auch dank der direkten Demokratie, viel \u00dcbung darin, unterschiedliche Interessen miteinander auszuhandeln. Oft sind es langwierige Prozesse, bei denen alle Beteiligten geh\u00f6rt werden \u2013 am Schluss steht ein ausgewogener Kompromiss, mit dem alle leben k\u00f6nnen. <\/p>\n<h3>Es br\u00e4uchte eine starke Regierung, die entscheidet<\/h3>\n<p>Das funktioniert dann gut, wenn gen\u00fcgend Zeit vorhanden ist. In einer Krise, die schnelles und flexibles Handeln verlangt, ist dieses Prinzip eher hinderlich. Es br\u00e4uchte stattdessen eine starke Regierung, die entscheidet. Das Kuriose dabei ist, dass der Schweizer Bundesrat \u2013 anders als die deutsche Bundesregierung \u2013 aufgrund des Epidemiengesetzes sogar die Kompetenz h\u00e4tte, landesweite Ma\u00dfnahmen anzuordnen.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr hat der Bundesrat genau das getan: Er rief die sogenannte au\u00dferordentliche Lage aus und erlie\u00df Regeln f\u00fcr das ganze Land. Doch als er die Ma\u00dfnahmen im Juni weitgehend aufhob, scheint er sich geschworen zu haben, seine Macht nie wieder auf diese, f\u00fcr die Schweiz untypische Weise zu gebrauchen. Anders l\u00e4sst sich kaum erkl\u00e4ren, dass er mehr oder weniger zuschaute, obwohl die Fallzahlen im November pro Kopf zeitweise doppelt so hoch waren wie in den USA.<\/p>\n<p>Wie dramatisch die Situation ist, wurde am Dienstag bei einer Konferenz der Spit\u00e4ler aus dem Kanton Z\u00fcrich deutlich. Die leitenden \u00c4rzte und Pfleger berichteten von chronisch \u00fcberlasteten Stationen, lasen Briefe von Patienten vor, die im Moment auf lebenswichtige Operationen warten m\u00fcssen und appellierten, nicht \u00bbaus R\u00fccksichtnahme zu sterben\u00ab.<\/p>\n<p>Denn auch das ist im Moment Schweizer Realit\u00e4t: Patientinnen und Patienten mit starken Covid-Symptomen, Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall trauen sich nicht, einen Notarzt zu rufen, weil sie das medizinische System nicht noch weiter belasten wollen.<\/p>\n<p>\u00bbFordern Sie einen Lockdown?\u00ab, fragten die Journalisten am Dienstag immer wieder, den \u00c4rztinnen und \u00c4rzten gelang es nur mit M\u00fche, diplomatisch zu antworten. \u00bbEs ist nicht an uns, dem Bundesrat Vorschriften zu machen\u00ab. <\/p>\n<p>Das klingt zunehmend verzweifelt. Selbst Patrick Mathys, der die Krisenbew\u00e4ltigung des Bundesamtes f\u00fcr Gesundheit leitet, sagte in dieser Woche, es stehe zu bef\u00fcrchten, dass sich die Schweiz \u00bbweiter negativ von den Nachbarl\u00e4ndern absetzt\u00ab.<\/p>\n<p>Doch mittlerweile fordern selbst jene Politiker, die sich vor einer Woche noch gegen Ma\u00dfnahmen stellten, selbst einen Shutdown.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Ski-Tourismus in der Schweiz, trotz Corona: Lenkt die Regierung um? 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