{"id":4572,"date":"2020-12-17T11:17:45","date_gmt":"2020-12-17T08:17:45","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/tunesien-zehn-jahre-arabische-revolution\/"},"modified":"2020-12-17T11:17:45","modified_gmt":"2020-12-17T08:17:45","slug":"tunesien-zehn-jahre-arabische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/tunesien-zehn-jahre-arabische-revolution\/","title":{"rendered":"Tunesien: Zehn Jahre Arabische Revolution"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/986082fc-02b3-4c2a-98bc-4a2932ae59c6_w948_r1.77_fpx33_fpy84.jpg\" title=\"Das tunesische Volk erk\u00e4mpfte sich im Januar 2011 die Demokratie\" alt=\"Das tunesische Volk erk\u00e4mpfte sich im Januar 2011 die Demokratie\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Das tunesische Volk erk\u00e4mpfte sich im Januar 2011 die Demokratie<\/p>\n<p>  Foto:\u2002ZOUBEIR SOUISSI\/ REUTERS  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Seit Monaten dominiert die Coronakrise das Berufsleben von Jean Castex. In diese Vorweihnachtswoche ist Frankreichs Premierminister nun mit einem vergleichsweise einfachen Termin gestartet: In Paris empfing er Hichem Mechichi, seinen tunesischen Amtskollegen.<\/p>\n<p>Neben der richtigen Strategie im Umgang mit der Pandemie und der Mittelmeermigration d\u00fcrften die beiden Ministerpr\u00e4sidenten wohl auch \u00fcber den Arabischen Fr\u00fchling gesprochen haben, der am 17. Dezember 2010, also genau vor zehn Jahren, in der tunesischen Kleinstadt Sidi Bouzeid ausgebrochen war.<\/p>\n<p>Was genau an jenem Wintertag in Sidi Bouzid passiert ist, dar\u00fcber gibt mittlerweile unz\u00e4hlige Versionen. Keine ist vermutlich vollst\u00e4ndig. Die Geschichte, in deren Mittelpunkt ein armer Stra\u00dfenh\u00e4ndler namens Mohamed Bouazizi steht, und die sich im kollektiven Ged\u00e4chtnis der arabischen Welt eingebrannt hat, geht so: Eine Streife des \u00f6rtlichen Ordnungsamtes konfiszierte die Ware und die Waage des Stra\u00dfenh\u00e4ndlers ohne Lizenz. Bouazizi protestierte.<\/p>\n<h3>Eine Ohrfeige mit Folgen<\/h3>\n<p>Es kam zu einem Streit \u2013 und einer Ohrfeige. Eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes soll den damals 26 Jahre alten Mann auf offener Stra\u00dfe geschlagen haben. Aus Protest gegen die Willk\u00fcr im Staat von Langzeitmachthaber Zine el-Abidine Ben Ali setzte sich Bouazizi daraufhin selbst in Brand. Er erlag seinen Verletzungen im Januar 2011, dem Jahr des \u00bbArabischen Fr\u00fchlings\u00ab.<\/p>\n<p>Gef\u00fchlt sind diese zehn Jahre eine Ewigkeit her: Die Deutschen diskutierten damals \u00fcber die gef\u00e4lschte Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie nahmen Abschied von Loriot und Knut, dem Berliner Eisb\u00e4ren, sie trauerten um Amy Winehouse und Steve Jobs. Die FDP begr\u00fc\u00dfte Philipp R\u00f6sler als neuen Parteichef, die Welt mit dem S\u00fcdsudan ein neues Land. Und die Tunesierinnen und Tunesier erk\u00e4mpften sich die Demokratie.<\/p>\n<p>Der tragische Tod von Bouazizi war ein Fanal. Die M\u00e4nner und Frauen in Tunesien hatten genug von ihrem Leben unter Diktator Ben Ali und dessen Frau Leila Trabelsi, Spitzname: \u00bbLeila Gin\u00ab. Die gelernte Friseurin hatte eine Vorliebe f\u00fcr extravagante Partys, ihr Clan pl\u00fcnderte das Land.<\/p>\n<p>Im Westen st\u00f6rte das lange niemanden. Als Nicolas Sarkozy mit seiner Frau Carla Bruni das tunesische Diktatorenehepaar im April 2008 besuchte, zitierte der damalige franz\u00f6sische Pr\u00e4sident bei einem Staatsbankett den Romancier Gustave Flaubert: \u00bbIn Tunesien ist das Klima so s\u00fc\u00df, dass man dort das Sterben vergisst.\u00ab <\/p>\n<p>Drei Monate sp\u00e4ter, im Juni 2008, kabelte der damalige US-Botschafter Robert F. Godec eine ganz andere Lageeinsch\u00e4tzung aus Tunis nach Washington: \u00bbDie Trabelsis ziehen die gr\u00f6\u00dfte Wut der Tunesier auf sich\u00ab, schrieb er. Die Familie f\u00fchre sich auf wie die Mafia, hie\u00df es einem der geheimen Berichte, die von der Enth\u00fcllungsplattform WikiLeaks ver\u00f6ffentlicht wurden.<\/p>\n<p>Im Januar 2011 war damit Schluss. Nach wochenlangen Protesten musste Diktator Ben Ali vor seinem Volk fl\u00fcchten. Er ging nach Saudi-Arabien ins Exil \u2013 und Millionen M\u00e4nner und Frauen folgten damals in Nordafrika und dem Nahen Osten dem tunesischen Vorbild.<\/p>\n<p>Sie gingen auf die Stra\u00dfen, in Libyen, \u00c4gypten, Syrien und selbst im Jemen. Junge Revolution\u00e4re forderten \u00bbBrot, Freiheit, W\u00fcrde\u00ab. In zwei weiteren L\u00e4ndern st\u00fcrzten sie ihre alten Autokraten noch im gleichen Jahr:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Im Februar 2011 dankte \u00c4gyptens Ra\u00efs <strong>Hosni Mubarak<\/strong>nach jahrzehntelanger Herrschaft ab,<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>und die Libyer jagten ihren Despoten <strong>Muammar al-Gaddafi<\/strong> im Oktober 2011zu Tode<em>.<\/em><\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Doch nur in Tunesien haben die Demokraten den Kampf um Macht und Freiheit wirklich gewonnen. In \u00c4gypten herrscht heute eine Milit\u00e4rjunta. In Syrien, in Libyen und im Jemen toben internationale B\u00fcrgerkriege, Millionen M\u00e4nner, Frauen und Kinder sind gefl\u00fcchtet oder wurden vertrieben.<\/p>\n<p>\u00bbDie Zivilgesellschaften in der arabischen Welt schauen deshalb mit einigem Neid auf Tunesien\u00ab, sagt Isabelle Werenfels, Senior Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). \u00bbDie Freiheiten sind dort im regionalen Vergleich enorm. Journalisten etwa k\u00f6nnen weitestgehend frei arbeiten, zahlreiche moderat islamistische Frauen sitzen im Parlament und Homosexuelle werden in Talkshows eingeladen.\u00ab<\/p>\n<p>Das Fundament f\u00fcr die liberale tunesische Gesellschaft hat Habib Bourguiba mit erzwungen, der Tunesien nach der Unabh\u00e4ngigkeit von Frankreich ab 1956 regierte. In den fr\u00fchen Sechzigerjahren sagte er der \u00bbNew York Times\u00ab, damit sich sein Land wirtschaftlich weiterentwickle, m\u00fcssten \u00bbTunesiens Frauen aufh\u00f6ren, schneller Kinder zu produzieren, als wir versorgen k\u00f6nnen.\u00ab Bourguiba, so Expertin Werenfels, war ein Entwicklungsdiktator mit Visionen, ein Mann, wie ihn der Westen sch\u00e4tzte.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union protegiert aber auch das neue, 2011 aus der Diktatur entstandene Tunesien. Das Land gilt als Vorzeigeprojekt. Gr\u00fcnde gibt es viele:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Die Tunesierinnen und Tunesier haben sich 2011 erst die Demokratie erk\u00e4mpft,<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>2013 wendete dann das \u00bbQuartett f\u00fcr den nationalen Dialog\u00ab einen drohenden B\u00fcrgerkrieg ab,<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>wof\u00fcr die Dialoggruppe 2015 den Friedensnobelpreis erhalten hat.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Eine neue Verfassung hat sich das tunesische Volk auch gegeben,<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>und seit 2018 regiert in Tunis eine Frau als B\u00fcrgermeisterin \u2013 die erste in einer arabischen Hauptstadt \u00fcberhaupt.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Lohn aus Br\u00fcssel: Gro\u00dfz\u00fcgige finanzielle Unterst\u00fctzung. Zu Beginn wurde \u00bbsehr viel Geld unkoordiniert und unkonditioniert nach Tunesien \u00fcberwiesen\u00ab, sagt Expertin Werenfels. \u00bbMittlerweile sprechen sich die EU-Mitgliedsl\u00e4nder aber etwas besser untereinander ab und stellen teils verbindliche Zielvorgaben beim Verteilen der Gelder auf.\u00ab<\/p>\n<h3>Moderate Islamisten und gewaltbereite Dschihadisten<\/h3>\n<p>Ganz verschwunden ist das Ancien R\u00e9gime aber noch nicht in Tunesien. \u00bbEs gibt alte Netzwerke von Gesch\u00e4ftsleuten und ein entfernter Verwandter, der Schwiegervater eines Schwagers von Ex-Diktator Ben Ali, ist nach wie vor recht einflussreich im Land\u00ab, sagt Daniel Gerlach, Chefredakteur der Fachzeitschrift \u00bbZenith\u00ab und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Nahost-Thinktanks Candid Foundation. \u00bbEinige Mitglieder des Clans haben Abbitte geleistet und sogar Entsch\u00e4digung bezahlt. An eine Restauration der Macht dieser Familie glaubt allerdings niemand mehr\u00ab, so Gerlach weiter.<\/p>\n<p>Mit der Revolution m\u00e4chtig geworden sind die Islamisten, vor allem die Ennahda-Partei, einem nationalen Ableger der Muslimbruderschaft. Der religi\u00f6se M\u00e4nnerbund wurde 1928 vom Prediger Hassan al-Banna in \u00c4gypten gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die Muslimbruderschaft betreibt Suppenk\u00fcchen, Koranschulen und glaubt an eine Parole: \u00bbDer Islam ist die L\u00f6sung\u00ab. Die Gruppe ist jedoch mehr als eine muslimische Heilsarmee. Sie strebt nach politischer Macht, propagiert die Scharia als Rechtsform.<\/p>\n<p>Heute ist die Muslimbruderschaft eine der m\u00e4chtigsten politischen Bewegungen der arabischen Welt. Die pal\u00e4stinensische Terrororganisation Hamas ist aus ihr hervorgegangen, im Jemen, in Syrien und vielen weiteren L\u00e4ndern der Region hat sie Ableger. In Tunesien ist die Ennahda-Partei mit ihren verschiedenen Fl\u00fcgeln fest im gesellschaftlichen Mainstream verankert.<\/p>\n<p>\u00bbDie Ennahda-Partei war seit 2011 Mitglied verschiedener Regierungskoalitionen\u00ab, sagt Gerlach. \u00bbIhr geh\u00f6ren recht vern\u00fcnftige Personen an und solche, die nach alter Muslimbruder-Manier immer noch davon ausgehen, dass man sich mit demokratischen Wahlen die Macht einverleiben kann, um sie danach nie wieder herzugeben. Es gibt dort Modernisierer und solche, die die besten Jahre ihres Lebens in den Gef\u00e4ngnissen Ben Alis verbracht haben und politisch in dieser Zeit verharren.\u00ab<\/p>\n<p>Es gibt in Tunesien aber auch Salafisten, die von den Sicherheitsbeh\u00f6rden beobachtet werden. \u00bbUnd es gibt eine kleine, aber sehr gewaltbereite und gewaltt\u00e4tige Abteilung tunesischer Dschihadisten\u00ab, sagt Gerlach. \u00bbBeim sogenannten \u203aIslamischen Staat\u2039 waren die Tunesier eine der gr\u00f6\u00dften Landsmannschaften.\u00ab<\/p>\n<p>Diese M\u00e4nner wieder in die Gesellschaft zu integrieren, ist eine Herkulesaufgabe. Und doch: Fast zehn Jahre nach dem Sturz von Machthaber Ben Ali sind die Tunesierinnen und Tunesier ihren arabischen Nachbarn auf dem Weg zur Demokratie weit enteilt. Sie haben sich friedlich ein Leben in Freiheit und W\u00fcrde erk\u00e4mpft \u2013 ohne Diktator, mit weniger Korruption oder Polizeiwillk\u00fcr.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Das tunesische Volk erk\u00e4mpfte sich im Januar 2011 die Demokratie Foto:\u2002ZOUBEIR SOUISSI\/ REUTERS Seit Monaten dominiert die Coronakrise das Berufsleben von Jean Castex. 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