{"id":454,"date":"2020-06-13T22:04:55","date_gmt":"2020-06-13T19:04:55","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polizeigewalt-in-grosbritannien-neue-erkenntnisse-zum-tod-von-mark-duggan\/"},"modified":"2020-06-13T22:04:55","modified_gmt":"2020-06-13T19:04:55","slug":"polizeigewalt-in-grosbritannien-neue-erkenntnisse-zum-tod-von-mark-duggan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polizeigewalt-in-grosbritannien-neue-erkenntnisse-zum-tod-von-mark-duggan\/","title":{"rendered":"Polizeigewalt in Gro\u00dfbritannien: Neue Erkenntnisse zum Tod von Mark Duggan"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/795f2ef4-c611-4493-a85f-22b05397a335_w948_r1.77_fpx43_fpy36.jpg\" title=\"Ein undatiertes Portr\u00e4t von Mark Duggan, der im August 2011 durch eine Polizeikugel starb\" alt=\"Ein undatiertes Portr\u00e4t von Mark Duggan, der im August 2011 durch eine Polizeikugel starb\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Ein undatiertes Portr\u00e4t von Mark Duggan, der im August 2011 durch eine Polizeikugel starb<\/p>\n<p>REX FEATURES\/ action press<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Kurz vor seinem Tod tippt Mark Duggan eine Nachricht in sein Blackberry: &quot;The feds are following me&quot;, schreibt er, &quot;die Polizei verfolgt mich&quot;.<\/p>\n<p>Es ist der 4. August 2011, ein fr\u00fcher Sommerabend in London. Duggan, damals ein Mann von 29 Jahren, besorgt sich an diesem Tag eine Waffe im Norden der Stadt, danach besteigt er ein Taxi in Richtung seiner Wohnung im Stadtteil Tottenham. Die Waffe steckt er in eine schwarze Socke und transportiert sie verdeckt in einem Schuhkarton.<\/p>\n<p>Unklar ist, ob Duggan wei\u00df, dass er seit L\u00e4ngerem unter Beobachtung der &quot;Operation Trident&quot; steht, einer umstrittenen Polizeieinheit, die auf Waffenkriminalit\u00e4t in der schwarzen Londoner Community spezialisiert ist. Dass ihm die Beamten an jenem Tag folgen, merkt er jedenfalls.<\/p>\n<p>Es sind insgesamt elf Polizisten in drei Zivilwagen, sie bringen das Minicab mit einem &quot;hard stop&quot; zum Stehen. Wenig sp\u00e4ter ist Duggan, Vater von drei Kindern, tot. Zwischen dem Anhalten des Wagens und den t\u00f6dlichen Sch\u00fcssen vergehen f\u00fcnf Sekunden.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Sekunden, in denen Duggan aus der Hintert\u00fcr des Taxis steigt und sich ein erster Schuss durch seinen rechten Arm bohrt. Danach ein zweiter, der t\u00f6dliche, in seine Brust, beide abgefeuert von einem Polizisten, von dem bis heute kein Name, nur ein Code bekannt ist, V53.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Sekunden, in deren Folge Zehntausende Menschen in ganz London gegen Polizeigewalt durch die Stra\u00dfen ziehen, die London Riots werden die gr\u00f6\u00dften Proteste, die Gro\u00dfbritannien in den vergangenen Jahrzehnten erlebte. F\u00fcnf Menschen sterben dabei, 3000 Protestierende werden verhaftet. &quot;Fuck the police&quot;, rufen sie.<\/p>\n<p>Die Umst\u00e4nde dieser f\u00fcnf Sekunden sind auch neun Jahre sp\u00e4ter nicht restlos gekl\u00e4rt. Die Frage, ob Mark Duggan in Notwehr get\u00f6tet wurde, muss aufgrund von Recherchen des Investigativteams Forensic Architecture, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegen, neu gestellt werden.<\/p>\n<p>Angesichts des gewaltsamen Todes von George Floyd und des Ausnahmezustands in den USA entfalten die Ergebnisse eine besondere Wucht. Der Fall Duggan spielt in der &quot;Black Lives Matter&quot;-Bewegung in Gro\u00dfbritannien eine gro\u00dfe Rolle. Mark Duggan war, wie Floyd, schwarz.<\/p>\n<h3>Waren die Sch\u00fcsse tats\u00e4chlich Notwehr?<\/h3>\n<p>Der Polizist, V53, gab sp\u00e4ter zu Protokoll, er dachte, Duggan habe, als er aus dem Taxi gestiegen sei, eine Waffe in der rechten Hand gehalten und diese in seine Richtung bewegt. Er habe das Feuer aus Angst um sein Leben er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde am Tatort zwar die fragliche Waffe gefunden, sie steckte noch in der schwarzen Socke und war nicht geladen; allerdings sieben Meter entfernt von der Stelle, an der Duggan starb, hinter einem Zaun im Gras. Es fanden sich darauf keinerlei Spuren von Duggans DNA, kein Blut, keine Fingerabdr\u00fccke. Au\u00dferdem konnte sich keiner der befragten Beamten erinnern, dass Duggan die Waffe etwa geworfen oder irgendeine Art von Wurfbewegung gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p><em>Wie gelangte Mark Duggans Waffe ins Gras?<\/em><\/p>\n<p>Die Frage ist zentral, um zu kl\u00e4ren, ob die Sch\u00fcsse auf Duggan tats\u00e4chlich Notwehr waren, ob er also bewaffnet aus dem Taxi stieg.<\/p>\n<p>Die Aufsichtsbeh\u00f6rde der britischen Polizei fand auf die Frage keine endg\u00fcltige Antwort, dennoch entschied mit acht zu zwei Stimmen im Jahr 2014 eine Jury: Die Sch\u00fcsse auf Mark Duggan waren rechtm\u00e4\u00dfig. Mark Duggans Familie, Anw\u00e4lte und Aktivisten zweifeln an der offiziellen Version. Im Abschlussbericht der Independent Police Complaints Commission IPCC aus dem Jahr 2015 steht dennoch, keiner der Scotland-Yard-Beamten m\u00fcsse wegen des Falls Mark Duggan Konsequenzen f\u00fcrchten.<\/p>\n<p><strong>Die Rechercheure von Forensic Architecture (FA) kommen nun zu einem anderen Schluss.<\/strong> FA besuchte den Tatort, sichtete Hunderte \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Dokumente, darunter Zeugenaussagen, Zeichnungen, Fotos, Videos und Expertenberichte. Die Recherchen zeigen: Die Schlussfolgerungen der Untersuchungsberichte, die allesamt den schie\u00dfenden Beamten entlasten, weisen erhebliche M\u00e4ngel auf.<\/p>\n<p>Keiner der Berichte zog auch nur in Betracht, dass einer oder mehrere Polizisten die Waffe erst nach Duggans Tod auf der entsprechenden Stelle im Gras deponierten &#8211; um sich selbst zu entlasten.<\/p>\n<p><em>Wie gelangte Mark Duggans Waffe ins Gras?<\/em><\/p>\n<p><strong>Es gibt drei M\u00f6glichkeiten: <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Duggan hat die Waffe vor den Sch\u00fcssen aus dem Auto geworfen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Er warf sie w\u00e4hrend der Schie\u00dferei \u00fcber den Zaun.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Oder aber: Sie wurde hinterher von Beamten hinter den Zaun gelegt.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Forensic-Architecture-Video zeigt ausf\u00fchrlich, wie die Rechercheure vorgingen und welche Schl\u00fcsse sie ziehen. Hier zusammengefasst die wichtigsten Ergebnisse:<\/p>\n<p><strong>Hat Mark Duggan seine Waffe weggeworfen, w\u00e4hrend er beschossen wurde?<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Laut dem Bericht des IPCC von 2015 ist dies das &quot;wahrscheinlichste&quot; Szenario. FA befragte Biomechaniker, die zu dem Schluss kommen: Mark Duggan h\u00e4tte, um die 1.050 Gramm schwere Waffe sieben Meter weit zu werfen, eine ausladende Armbewegung t\u00e4tigen m\u00fcssen. M\u00f6glich ist es zwar, dass alle vier Polizisten, in deren Blickfeld Duggan war, den Wurf \u00fcbersehen haben. Jedoch ist es extrem unwahrscheinlich.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>\n<p>Der schie\u00dfende Polizist V53 stand drei bis f\u00fcnf Meter von Duggan entfernt, selbst er gab zu Protokoll, er habe Duggan die ganze Zeit mit seinen Augen fixiert, jedoch keinen Wurf beobachtet: &quot;Es w\u00fcrde verdammt viel aufkl\u00e4ren, wenn ich sagen k\u00f6nnte: &#039;Ja, ich sah das Gesch\u00fctz durch die Luft fliegen, und es landete wo auch immer&#039;, aber ich habe es nicht gesehen&quot;, sagte V53 der Untersuchungskommission.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Biomechanische und gerichtsmedizinische Experten kamen zu dem Schluss, Mark Duggan w\u00e4re k\u00f6rperlich &#8211; und gegeben die Schmerzen durch den ersten Schuss &#8211; gar nicht mehr in der Lage gewesen, die Waffe sieben Meter weit \u00fcber einen Zaun zu werfen.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>K\u00f6nnte Duggan die Waffe vor dem Schusswechsel unbemerkt weggeworfen haben?<\/strong><\/p>\n<p>Eher nein. Forensic Architecture lie\u00df die Szene biomechanisch und forensisch untersuchen und baute den Tatort mit Virtual Reality nach, das Ergebnis: Wie oben bereits beschrieben, ist es auch in dem Fall sehr unwahrscheinlich, dass keiner der Polizisten den Wurf oder das Wurfgeschoss beobachtete. Auch durchs Fenster kann Duggan die Waffe nicht geworfen haben, denn dieses war fast ganz geschlossen. Der Taxifahrer gab zu Protokoll, Duggan sei, sobald der Wagen zum Stehen gekommen sei, ausgestiegen. Wahrscheinlich, um zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<p><strong>Haben ein oder mehrere Polizisten Duggans Waffe nach der Erschie\u00dfung im Gras deponiert?<\/strong><\/p>\n<p>Der IPCC-Bericht schlie\u00dft diese M\u00f6glichkeit als &quot;unwahrscheinlich&quot; aus und verweist auf Videos, die Zeugen kurz nach dem Schusswechsel von der Situation aufnahmen. H\u00e4tte ein Polizist die Waffe aus dem Taxi geholt, h\u00e4tte man es auf den Videos nachvollziehen k\u00f6nnen, so die Kommission.<\/p>\n<p>Forensic Architecture identifizierte allerdings mehrere &quot;blind spots&quot;, Zeitabschnitte, in denen die Beamten nicht in Sichtweite der Zeugenkameras waren. Oder Bereiche um den Tatort, die durch die Kameras zu bestimmten Zeitpunkten nicht eingefangen wurden. In diesen Momenten h\u00e4tten mehrere der anwesenden Polizisten die Waffe vom R\u00fccksitz des Taxis holen und an der entsprechenden Stelle im Gras platzieren k\u00f6nnen. Beweise, dass die Beamten dies tats\u00e4chlich taten, kann FA aber nicht liefern.<\/p>\n<p>Laut der Menschenrechtsorganisation Equality and Human Rights Commission werden nichtwei\u00dfe Menschen in London dreimal h\u00e4ufiger von der Polizei durchsucht und verurteilt.<\/p>\n<p>Damals, 2014, als die Jury den Polizisten V53 freisprach, stellte sich Mark Duggans Tante, Carole, mit erhobener Faust vor die Kameras. &quot;Er wurde exekutiert&quot;, rief sie, und dann: &quot;Keine Gerechtigkeit, kein Frieden.&quot;<\/p>\n<p>Vergangene Woche, nach der Ver\u00f6ffentlichung von Forensic Architecture, gab die britische Polizeiaufsicht ein Statement heraus. Man erw\u00e4ge, so die Beh\u00f6rde, die Ermittlungen im Fall Mark Duggan wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Ein undatiertes Portr\u00e4t von Mark Duggan, der im August 2011 durch eine Polizeikugel starb REX FEATURES\/ action press Kurz vor seinem Tod tippt Mark Duggan eine Nachricht in<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-454","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/454","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=454"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/454\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}