{"id":447,"date":"2020-06-13T11:55:44","date_gmt":"2020-06-13T08:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/covid-19-in-indien-wo-abstand-luxus-ist\/"},"modified":"2020-06-13T11:55:44","modified_gmt":"2020-06-13T08:55:44","slug":"covid-19-in-indien-wo-abstand-luxus-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/covid-19-in-indien-wo-abstand-luxus-ist\/","title":{"rendered":"Covid-19 in Indien: Wo Abstand Luxus ist"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/bb9f1ab8-413d-4a1e-a5da-f06de260a713_w948_r1.77_fpx33.33_fpy49.99.jpg\" title=\"Andrang vor einer privaten Klinik in Bangalore, wo Menschen nach Ayurveda-Produkten anstehen\" alt=\"Andrang vor einer privaten Klinik in Bangalore, wo Menschen nach Ayurveda-Produkten anstehen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Andrang vor einer privaten Klinik in Bangalore, wo Menschen nach Ayurveda-Produkten anstehen<\/p>\n<p> MANJUNATH KIRAN\/ AFP <\/figcaption><\/figure>\n<p>&quot;Indiens Gesundheitssystem war schon vor der Pandemie \u00fcberlastet. Jetzt kollabiert es&quot;, sagt Kunal Purohit aus Mumbai am Telefon. Er habe es selbst mitangesehen.<\/p>\n<p>Drei Tage lang habe sein Onkel \u00fcber Husten geklagt. Am vierten Tag kam starke Atemnot hinzu. Die Familie rief den Covid-19-Notruf der Stadt &#8211; niemand nahm ab. Ein privates Krankenhaus nach dem anderen wies sie ab. Es seien keine freien Betten verf\u00fcgbar, keine Krankenwagen. Die Familie besitzt kein Auto. Ein Nachbar erkl\u00e4rte sich schlie\u00dflich bereit, den Onkel in ein Krankenhaus zu fahren.<\/p>\n<p>Die Fahrt dauerte lediglich 20 Minuten, aber f\u00fcr den Erkrankten war der Weg zu weit. Purohits Onkel starb unterwegs im Auto. Er wurde 59 Jahre alt. Sein Covid-19-Test, der erst am Tag darauf zur\u00fcckkam, war positiv.<\/p>\n<h3>Erst sechs Stunden sp\u00e4ter wird der Tote abtransportiert<\/h3>\n<p>Die Familie lebt zu siebt unter einem Dach, wie es in Indien h\u00e4ufig der Fall ist. Wenige Tage nach dem Onkel verstarb auch die 86-j\u00e4hrige Mutter. Purohit wei\u00df nicht, woran. Der Familie war es nicht gelungen, sie testen zu lassen. Zwei weitere Familienmitglieder sind an Covid-19 erkrankt. Purohit sagt, er erz\u00e4hle das, weil er \u00fcberzeugt sei<strong>: <\/strong>&quot;Das ist es, was uns jetzt bevorsteht.&quot;<\/p>\n<p>Mehr als 280.000 Inder haben sich bislang offiziell mit dem Coronavirus infiziert.Damit liegt Indien auf Platz vier der am meist betroffenen L\u00e4nder. Auch wenn die Zahlen gemessen an der Gesamtbev\u00f6lkerungszahl gering ausfallen und es bislang wenig Tote gibt, sind viele Beobachter besorgt. Denn die Zahl der F\u00e4lle verdoppelt sich alle 15 Tage.<\/p>\n<p>Laut einer Modellrechnung der University of Michigan k\u00f6nnte es im besten Fall am 1. Juli 558.000 Infizierte im Land geben; im schlechtesten 1,9 Millionen. Die Epidemiologin Bhramar Mukherjee, die die Forschergruppe leitet, glaubt nicht, dass die Zahlen vor Ende Juli sinken werden. &quot;Die n\u00e4chsten zwei Monate werden schwierig&quot;, sagt sie.<\/p>\n<p>Denn Indien plant, den Lockdown trotz ansteigender Infektionszahlen weiter zu lockern. Seit dieser Woche d\u00fcrfen Tempel, Moscheen, Einkaufszentren und Restaurants wieder \u00f6ffnen, wenn auch mit Einschr\u00e4nkungen. Die Stra\u00dfen, die wochenlang ungew\u00f6hnlich verwaist dalagen, f\u00fcllen sich langsam aber sicher wieder mit Menschen und Verkehr. Es gibt seit Kurzem wieder Flug- und Zugverbindungen im Land.<\/p>\n<h3>Die Zahl der Armen wird zum ersten Mal wieder steigen<\/h3>\n<p>Vor allem die Metropolen Delhi, Mumbai, Chennai und Ahmedabad sind von Corona betroffen. Ein Video aus einem Krankenhaus in Mumbai zeigt Patienten, die auf Kartons auf dem Boden schlafen. Am Dienstag verk\u00fcndete die Regierung der Stadt, man erwarte, dass die derzeit fast 29.000 F\u00e4lle bis Ende Juli auf 550.000 steigen k\u00f6nnten. Dann w\u00fcrden 80.000 Betten ben\u00f6tigt. Vorhanden seien jedoch nur knapp 20.000.  <\/p>\n<p>Schon jetzt fehlt es zudem mancherorts an \u00c4rzten und Krankenhauspersonal. Weil etwa nicht genug Pfleger anwesend waren, um die Leiche von Purohits Onkel in den Leichensack zu heben, mussten der Nachbar und ein Cousin mitanpacken. Erst sechs Stunden sp\u00e4ter wurde ein Krankenwagen frei, um den Toten abzutransportieren.<\/p>\n<p>Dabei nahm Indien die Krankheit von Anfang an ernst. Anders als zum Beispiel sein brasilianischer Kollege Bolsonaro erkannte Premier Narendra Modi die Gefahr, die von dem neuen Coronavirus ausging. Als der Premier am 24. M\u00e4rz seinen B\u00fcrgern den Lockdown verk\u00fcndete, beschwor er sein Volk regelrecht dazu, nicht aus dem Haus zu gehen.<\/p>\n<p>Damals gab es gerade mal 500 F\u00e4lle im Land und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) pries Indien f\u00fcr sein schnelles Handeln. Zweieinhalb Monate sp\u00e4ter schlug der Premier andere T\u00f6ne an. Das Virus werde &quot;auf lange Sicht Teil unseres Lebens werden&quot;, sagte Modi, als er erste Lockerungen ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>Sein Kurswechsel kommt nicht von ungef\u00e4hr. Die indische Wirtschaft k\u00f6nnte 2020 zum ersten Mal seit 40 Jahren schrumpfen. Mehr als 140 Millionen Menschen haben ihre Arbeit verloren. Hunderttausende Wanderarbeiter sind zu Fu\u00df nach Hause gelaufen, weil sie in den St\u00e4dten kein Einkommen mehr fanden und die Regierung den Lockdown schlecht geplant hatte. Die Zahl derer, die in extremer Armut leben, k\u00f6nnte zum ersten Mal wieder steigen statt sinken.<\/p>\n<p>Dem Land fehlt schlicht die Kraft, um den Lockdown weiter durchzuhalten. Hinzu kommt: Die Ausgangssperre hatte nicht den gew\u00fcnschten Effekt. Anders als in Europa ist es in vielen Regionen Indiens nicht gelungen, die Infektionskurve &quot;abzuflachen&quot;. Vor allem in den gro\u00dfen St\u00e4dten hat sich die Epidemie zwar langsamer verbreitet als vorher, aber die Zahl der Neuinfektionen sank nicht, im Gegenteil. Mit der paradoxen Folge, dass die R\u00fcckkehr an ihren Arbeitsplatz f\u00fcr die B\u00fcrger Mumbais und Delhis nach dem Lockdown gef\u00e4hrlicher ist als vorher.<\/p>\n<p>Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr ist die Art und Weise, wie indische St\u00e4dte aufgebaut sind, glaubt die Epidemiologin Mukherjee: &quot;Die hohe Bev\u00f6lkerungsdichte, mehrere Bewohner in einem Haushalt, Slums, das Teilen sanit\u00e4rer Anlagen, all diese Probleme haben Europa und die USA nicht.&quot; In Mumbai zum Beispiel leben mehr als 18 Millionen Menschen &#8211; rund 40 Prozent von ihnen in Slums. Abstand ist hier ein Luxus, der nicht existiert.<\/p>\n<h3>&quot;Wer Geld hat und die richtigen Leute kennt, muss wenig bef\u00fcrchten&quot;<\/h3>\n<p>Fast jede indische Regierung der vergangenen Jahrzehnte hat versprochen, mehr in die Gesundheit zu investieren, passiert ist wenig. Indien ist heute die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt, aber es gibt lediglich rund 1,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts f\u00fcr Gesundheitskosten aus. In Indien kommen laut Weltbank im Schnitt tausend Einwohner auf 0,7 Krankenhausbetten. In China sind es 3,8, in Brasilien 2,2. Ein gro\u00dfer Teil dieser Betten geh\u00f6ren zudem zu privaten Krankenh\u00e4usern. Die Folge ist, dass in der Krise die sowieso bereits gro\u00dfe Ungleichheit zwischen den Starken und Schwachen noch deutlicher zutage tritt.<\/p>\n<p>Purohits Tweet \u00fcber das, was seinem Onkel zugesto\u00dfen ist, wurde viele Tausende Male geteilt. Ein paar Tage danach meldete sich ein hochrangiger Politiker bei ihm. Der Mann machte ein paar Anrufe und pl\u00f6tzlich ging alles ganz schnell. Die Familie wurde auf das Virus getestet, der infizierte Cousin ins Krankenhaus eingeliefert. Purohit sagt: &quot;Wer Geld hat und die richtigen Leute kennt, muss wenig bef\u00fcrchten. Alle anderen sind auf sich allein gestellt.&quot;  <\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Andrang vor einer privaten Klinik in Bangalore, wo Menschen nach Ayurveda-Produkten anstehen MANJUNATH KIRAN\/ AFP &quot;Indiens Gesundheitssystem war schon vor der Pandemie \u00fcberlastet. 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